Vom Fischer und seinem Begehr

Marianne Beise

Es war einmal, eine Eiszeit kam übers Land, umklammerte es lange Zeit und als sie dessen überdrüssig ward, ließ sie das Land wieder frei. Zurück blieben zu Berge geschobnes Geröll, und ein Fluss schlängelte sich und bildete vor den Bergen, die ihn von Ost und Westen bedrängten, den großen See.

Die so zurück gelassene Erde hatte Raum für alles mögliche Gewächs und Getier, auch für einen Fischer, der eine Angel in den See stippte. Er hatte alles, was er zum Leben brauchte, eine kleine Fischerhütte dicht am See und Fische zum Essen und wenn er Stiefel oder Seife brauchte, gab er Fische dafür her. Alle Tage ging er an den See und er angelte und er angelte und angelte.

So saß er auch einmal mit seiner Angel und sah immer in das klare Wasser hinein, und so saß er nun und saß.

Da ging die Angel auf den Grund tief hinunter und als er sie herauf holte, da holte er einen großen Hecht heraus. Da sagte der Hecht zu ihm: „Hör mal Fischer, ich bitte Dich, lass mich leben, ich bin gar kein richtiger Hecht, ich bin der verkleidete Wassergeist Viadrus. Was hilfts Dir, wenn Du mich tot machst? Ich würde Dir doch nicht recht schmecken; setz mich wieder ins Wasser und lass mich schwimmen!“  „Nun“, sagte der Mann, „Du brauchst nicht so viele Worte zu machen; einen Hecht, der sprechen kann, werde ich doch wohl schwimmen lassen.“ Damit setzte er ihn in das klare Wasser, da ging der Hecht auf den Grund und ließ einen langen Streifen Blut hinter sich. Da stand der Fischer auf und ging nach Haus in seine kleine Hütte.

Er setzte sich an den Tisch und hatte Hunger. Er dachte: „ich fing einen Hecht, der sagte,, er wäre  der verkleidete Wassergeist Viadrus, da hab ich ihn wieder schwimmen lassen, jetzt habe ich nicht mal zu Essen. Warum habe ich mir denn nichts gewünscht? Was zu Essen hätte ich mir wünschen können, anderes auch. Ein sprechender Hecht kann sicher größere Wünsche erfülln. Und wie leb ich denn hier in der kleinen dunklen feuchten Hütte, ich hätte mir ein Häuschen wünschen können. Ich geh noch mal dahin und rufe ihn. Ich sage ihm, ich wollt ein kleines Häuschen haben, er tut das gewiss.“ So dachte der Fischer und ward doch seines Entschlusses wegen zögerlich. „Ach, was soll ich da noch mal hin gehen? Oder doch? Ich hatte ihn gefangen und habe ihn wieder schwimmen lassen, er tut das gewiss. Ich gehe gleich hin. So hin und her gezogen von Begehren ging er hin an den See.

Als er dorthin kam, war der See ganz grün und gar nicht mehr so klar. So stellte er sich hin und sagte:

                        „Hecht Du, Hecht Du Timpe Te

                        Hecht Du, Hecht in Deinem See

                        In meinem Kopf ist ein Begehr

                        schaff es her!“

Da kam der Hecht angeschwommen und sagte: „Na, was willst Du denn?“ „Ach“ sagte der Fischer, „ich hab Dich doch gefangen gehabt; nun habe ich mir gedacht, ich hätte mir was wünschen sollen. Ich mag nicht mehr in meiner Hütte hausen, ich will gern in einem kleinen Häuschen wohnen.“ „Geh nur hin“, sagte der Hecht, „Du hast es schon.“

Da ging der Fischer hin und was er sah, war nicht das Fischerhüttchen, an seiner Stelle stand ein kleines Häuschen. Er setzte sich davor auf eine Bank. Er ging hinein und in dem Häuschen war ein kleiner Vorplatz und eine kleine, allerliebste Stube und Kammer, wo sein Bett stand, und Küche und Speisekammer, alles aufs beste mit Gerätschaften versehn, aufs schönste aufgestellt, Zinnzeug und Messing, was dazu gehört. Dahinter war auch noch ein kleiner Hof mit Hühnern und Enten und ein kleiner Garten mit Grünzeug und Obst. „Ja“ sagte der Fischer, so soll es sein, nun will ich recht vergnüglich leben. Er aß und ging zu Bett. Jetzt war er Hausherr.

So ging das wohl nun acht oder vierzehn Tage; da war der Hausherr unzufrieden mit sich selbst. „Was ist das schon, ein Häuschen klein und eng, ein Garten winzig bloß, ich will eine Stadt. Der Hecht hätte mir wohl auch eine Stadt schenken können. Ich möchte wohl Herr über eine Stadt sein. Ich gehe hin zum Hecht, er soll mir eine Stadt schenken.“ So dachte der Hausherr und ward seines Entschlusses wegen zögerlich. „Ach, was soll ich da noch mal hingehen? Mir geht’s doch gut. Ich mag nicht gleich wiederkommen, den Hecht könnte das verdrießen. Oder doch nicht? Er kann das recht gut und er tut das auch gern.“ So ging er denn hin.

Als er an den See ankam, war das Wasser ganz violett und dunkelblau und grau und dick und gar nicht mehr so grün und gelb; doch war es noch still. Da stellte er sich nun hin und sagte:

                        Hecht Du, Hecht Du Timpe Te,

                        Hecht Du, Hecht in Deinem See

                        In meinem Kopf ist ein Begehr.

                        Schaff es her!“

„Na, was willst Du denn?“ fragte der Hecht. „Ja“, sagte der Hausherr zögernd noch, „möchte Herr über eine Stadt sein.“

„Geh nur hin, sie liegt vor Dir, von hier bis zu den Hügeln rauf im Westen, das ist Deine Stadt.“

Da ging der Mann hin und dachte, das ist ja großartig, die Häuser, die Straßen, der Brunnen am Markt. Da waren so viele Bürger, die traten vor ihre Türen und Läden und winkten ihm zu. Inmitten der Stadt fand ein Markttreiben statt. Die Stände waren so voll guter Ware, voll irdenem Zeug wie Krüge und Teller und Schmuck und voll kunstvollem Stoff, als ob sie brechen wollten. Kühe und Pferde waren zu sehn und Kutschwagen fuhren – alles zum Besten; auch war da ein herrlicher Park, wohl eine halbe Meile lang; da waren Rebhühner und Pfauen darin und alles, was man sich nur immer wünschen mochte. „Ist das nun nicht schön“ dachte der Stadthalter. „So soll es auch bleiben, nun will ich auch zufrieden sein.“ Darauf ging er zu Bett.

Am anderen Morgen wachte er auf,  es war eben Tag geworden, und er sah von seinem Bett aus durch das Fenster die Stadt, den großen Hechtsee und die fernen Hügel hinter dem Fluss. „Ach“, dachte der Stadthalter „So eine weite Fläche nur Wasser, nur Nichts, könnte meine Stadt nicht mit saftigen Wiesen und fettem Acker umgeben sein, anstatt mit diesem Nichts; ich könnte doch Bauern ansiedeln aus fernem Land, die könnten säen und ernten und meine Stadt mit allem Essbarem versorgen und mit Bier. Das wäre mal was.“ So dachte er nun und sprang in seine neuen Stadthaltersachen mit Stiefeln, Kette und Hut und stiefelte den Weg zum See entlang. Auf diesem Weg wurde er zögerlich: „Vielleicht ist das nicht recht; der See gehört dem Hecht; er wird das wohl nicht tun, es kann ihm nicht gefalln.“ Die Schritte wurden klein. Er sah zurück auf seine Stadt. „Ich denk, ich sag dem Hecht, es sind die Bürger, die die Bauern brauchen, zu Essen ist nur Fisch, da muss noch Wurst dazu und Brot und Butter. Und er schritt kräftig zu.

Und als er an den See kam, da war der See ganz schwarzgrau, und das Wasser quoll so von unten herauf und stank auch ganz faul. Da stellte er sich hin und sagte:

                        „Hecht Du, Hecht Du Timpe Te,

                        Hecht Du, Hecht in Deinem See,

                        in meinem Kopf ist ein Begehr,

                        schaff es her.“

„Na, was willst Du denn?“ sagte der Hecht. „Nun“, sagte der Stadthalter, „ich will, dass aus dem vielen Wasser fruchtbares Land wird, das meine Bürger ernährt. Ich will sozusagen eine Kolonie erringen ohne Krieg.“ „Und das hast Du gut überlegt?“ fragte der Hecht. Da schlich das schlechte Gewissen heran, doch der Stadthalter spürte es schon und er trat einfach drauf. „Ja, ich habe das gut überlegt. Saftige Wiesen möcht ich und fette Äcker, nicht diesen Sumpf!“

„Geh nur hin“ sagte der Hecht und zog sich zurück in den Fluss. Da ging er hin und das Oderbruch dehnte sich vor ihm aus. Was für ein Land, da war er Landesherr. Deiche waren da, Wiesen und Feld. Da ließ er Bauern kommen von überall her. Die Saat ging auf und neue Früchte wuchsen. Da gabs Fabriken für die Zuckerrüben, für Tabak auch. Und in der Stadt entstand ein Scheunenviertel, ein Tabakladen bot Zigarren an. Schafe grasten auf den Deichen und in den Wiesen Milchvieh braun und bunt gefleckt. Nach Jahren harten Ringens mit dem Land gab es von allem einen Überfluss. Da tat es Not, sich Handelswege zu erkunden. Der Landesherr ließ Boten in das Umland ziehen. Wie konnte nun die Ernte so zu Reichtum werden, zu Goldtalern und Silberlingen, für die man alles auf der Welt bekam. „Ich brauche Straßen, die ins Land gehen zu den großen Städten. Ich brauche Brücken, die den Fluss passieren. Gespanne sollen fahren drauf mit Ackerwagen. Ich brauche diese neue Eisenbahn, überall hin sollen Schienen in das Land gehn. Stahlrösser sollen fahren drauf mit vielen Wagen.“ So dachte er und stellte es sich vor. Das Oderbruch belieferte die großen Städte. Und zu ihm flossen Gold und aller Reichtum. Er war ein reicher, reicher, reicher Landesherr. So dachte er und dachte an den Hecht.

Der Weg war weiter als zuvor. Er musste hin zum Fluss. „Hej, Knecht, spann an!“ Dann raste er davon vom Traum getrieben. Und als die Räder schwerer wurden durch die Last der Kutsche, die nasse Erde, die dran kleben blieb und drehten langsamer den Kreis, wurde der reiche, reiche, reiche Landherr zögerlich. Es schämte ihn, dass er dem Hecht den See genommen hatte, vielleicht war das nicht recht. Die Kutsche stockte und ruckte sich nicht vor mehr und zurück. Der Weg war aufgeweicht. „Doch! Ich brauch Straßen! Straßen!“ Indess kam er zu Fuß die letzten Meter. Da war der Fluss noch ganz schwarz und dick und fing an, so von unter herauf zu schäumen, dass er Blasen warf, und es ging so ein Wirbelwind über den Fluss hin, dass er sich nur so drehte. Und den reichen, reichen, reichen Landesherren ergriff ein Grauen. Da stand er nun und sagte:

                        „Hecht Du, Hecht Du Timpe Tuss,

                        Hecht Du, Hecht in Deinem Fluss

                        in meinem Kopf ist ein Begehr,

                        schaff es her.“

„Na, was willst Du denn?“ sagte der Hecht. „Hecht“ sagte er, „Die Wege sind so schlecht. Ich brauche Straßen, die ins Land gehen zu den großen Städten. Ich brauche Brücken, die den Fluss passieren. Gespanne sollen fahren drauf mit Ackerwagen. Ich brauche diese neue Eisenbahn, überall hin sollen Schienen in das Land gehn. Stahlrösser sollen fahren drauf mit vielen Wagen.“

„Fahr nur hin“ sagte der Hecht, „so ist es schon.“ Da wandte der reiche, reiche, reiche Landesherr dem Fluss den Rücken zu und vor ihm stand die Kutsche auf der neuen Straße. Die Straße fügte sich ganz fest mit schönem Pflaster auf altem Weg und sie verlief von ferne kommend von der Stadt ans Ufer hin zu dem Brückenpfeiler. Sie teilte sich die Überfahrt der Brücke recht mit den Gleisen, die die Züge trugen. Das war ein Spass, das rollte und verkehrte und transportierte, dröhnte, röhrte. Er war es zufrieden. „Das hat er gut gemacht, der Hecht, ich bins zufrieden.“ dachte er und er war ein Minister. Er nahm die Eisenbahn für seine Rückfahrt, einen Wagen erster Klasse und er streckte seine müden Beine, daran schmutzige Stiefel waren, auf das Polster vor ihm aus. Mit Jubelsturm empfingen ihn die Bürger und die Bauern, Kaufleute, Bänker, die anderen Stadthalter und die  Landesherren. Jedermann und alle Ware erreichten jetzt das Land hinter den Bergen im Westen wie im Osten, dem Fluss wurde ein Hafen eingebaut. Gespanne, Dampfrösser mit Vieh- und Güterwagen und Dampfer fuhren nun in alle Welt. Die Waren gingen nun in alle Welt und es floss Gold und Silber wieder her. Und weil er alles so perfekt organisierte, führte er Zölle ein und Steuern. Ein jedes Stück floss ihm zur Hälfte zu, seins warn die Straßen und die Eisenbahnen und die Gesetze warn von ihm. Und er regierte und regierte und regierte.

Und er schlief gut und fest und während dess schlich sich ein böser Traum in seinen Kopf. Er träumte wohl, er wäre Präsident von allem Land von hier bis hinter alle Berge. So träumte er und wurde wach mit diesem Traum. Da sprang er zornig von der Bettstatt auf und er rief zornig aus: „Das ist mein Reich.“ Da stürzte hin zum Fluss. Er stürmte auf die Brücke und brüllte nach dem Hecht.

Da strich so ein Wind über das Land, und die Wolken flogen, und es wurde so düster, wie gegen Abend zu; die Blätter wehten von den Bäumen, und das Wasser ging hoch und brauste so, als ob es kochte, und platschte an das Ufer, und in der Ferne, da sah er die Schiffe, die gaben Notschüsse ab und tanzten und sprangen auf den Wogen. Da wurde ihm ganz bange zumute, ihm war ganz flau, er zitterte und bebte, und die Knie und Waden schlotterten ihm. Doch der Himmel war in der Mitte noch so ein bisschen blau. Und er stand so überm Wasser und der Hecht so tief da unten. Drum fasste er Mut und sagte:

                        „Hecht Du, Hecht Du Timpe Tuss,

                        Hecht Du, Hecht in Deinem Fluss,

                        in meinem Kopf ist ein Begehr,

                        Schaff es her.“

„Na, was willst Du denn?“ sagte der Hecht. „Ich will“ schrie er, „ich will, dass Du mir alles gibst für einen Krieg. Ich will das Land erobern, dass im Westen liegt hinter den Bergen fern und das im Osten. Ich will, Kasernen will ich, Panzer, schnelle Straßen, Soldaten, Kompanien, Divisionen, Tarnkappenbomber, alles will ich haben. Und mach das schnell!“ Der Hecht schwamm fort, Meilen entfernt, dass ein ganz großer Abstand zwischen ihnen war. Mit seiner Schwanzflosse schlug er aufs Wasser einund seine Antwort trug er Wind davon. Dann ward es still.

Und dieser Stille folgte ein Tumult. Ein Mannschaftswagen preschte vor. Soldaten salutierten: „Zu Befehl, Herr Präsident, in welche Richtung!“ Da was es Krieg. Kein Stein blieb auf dem andern, kein Wald blieb unversehrt, der Fluss war rot von Blut. Was blieb da noch an Pflanzen und Getier. Es währte Wochen, Winterzeiten, Jahre. Dann hatte er die Macht. Er war ein Präsident. So weit das Auge reichte und noch weiter war alles untertan und alles war sein Reich. Darinnen ließ er alles größer, höher und verzierter bauen, mit Gold und Glitzerstein, Titan und Diamanten. Was brauchte er Zuckerfabriken, Plattenbauten, die Kleinbahn und die Panzerstraße, die die Stadt durchzog. Flugs auf den Schutthaufen Geschichte flogs. Für Häuser kamen Wolkenkratzer an die Stelle, für den Regierungssitz ein neues Schloss. Hierher lud er sich die Minister, Landherrn. Die Mäuler blieben ihnen offen stehen. Er konnte sich ergötzen an den Gaffern. In seinem Hochmut ließ er laut verkünden, er müsste Herrscher über alles sein. „So? Über alles?“ staunten die Minister, „Über die Welt? die Wälder? Auch dem Mond befehlen, ob er sich rund zeigt oder sich versteckt? Und was ist mit dem Wassergeist Viadrus?“ Da wurd der Präsident fuchsteufelsböse. Dem Heer voran marschierte es zum Hecht.

Draußen aber ging der Sturm und brauste, dass er kaum auf den Füßen stehen konnte. Die Häuser und die Bäume wurden umgeweht, und die Berge im Osten und Westen bebten, und die Felsstücke rollten in den Fluss und der Himmel war ganz pechschwarz, und es donnerte und blitzte, und der Fluss ging in so hohen schwarzen Wogen wie Kirchtürme und Berge, und oben hatten sie alle eine weiße Schaumkrone. Da schrie er, und er konnte sein eigenes Wort nicht hören:

                        „Hecht Du, Hecht Du Timpe Tuss,

                        Hecht Du, Hecht in meinem Fluss,

                        in meinem Kopf ist ein Begehr,

                        komm schon her!“

„Na, was willst Du denn?“ sagte der Hecht. „Ich will, ich befehle Dir, komm her! In meinem Schloss sollst Du in einem goldnen Becken schwimmen und wenn ich immer Lust hab, sollst Du zu Diensten sein.“

„Dann geh nur hin, es ist Zeit.“

Und er Hecht tauchte hinab zum Grund, der Fluss fror zu und es kam eine Eiszeit über das Land, umklammerte es lange Zeit. Als sie dessen überdrüssig ward, ließ sie es wieder frei. Die so zurück gelassne Erde hatte Raum für alles mögliche Gewächs und Getier.

Ein Fischer war nicht dabei.

 

März 2014