Die goldene Hirschkuh

Der Nix mit dem Kuchen und andere Sagen aus dem Oderbruch, herausgegeben von Joachim Winkler, Kinderbuchverlag Berlin 1986, Seite 36

Einst kam auf dem Oderdamm bei Kienitz eine goldene Hirschkuh angelaufen, die weithin glänzte.

Die Bauern und Fischer, die solch ein Tier noch nie gesehen hatten, staunten mächtig, rannten eilig hinterher und fingen die Hirschkuh in der Gegend von Neuendorf. Wie sie nun aber das kostbare Tier nach Kienitz zurückbringen wollten, sträubte es sich sehr und riß sich immer wieder los.

Da hatte einer die Idee, die Hirschkuh mit einem Strick zu binden, um sie dann gemeinsam nach Hause zu tragen. Dieser Rat leuchtete allen ein. Als man jedoch einen Strick suchte, hatte niemand einen bei sich. Man ratschlagte nun hin und her, wie man wohl am leichtesten zu einem Strick kommen könnte, und vergaß dabei, die Hirschkuh festzuhalten. Sie aber machte sich heimlich davon und wurde nicht mehr gesehen. Mißmutig kam die ganze Gesellschaft wieder in Kienitz an.

Der Dorfschulze aber, der sich kraft seines Amtes für den Klügsten im Dorfe hielt, sandte anderen Tages den Befehl mit dem Botenknüppel herum, daß sich die Gemeinde im Schulzenamt zu versammeln habe. Hier hielt er den Bauern und Fischern mit ihren Knechten eine lange Strafpredigt und daß sie das Glück des Dorfes verscherzt hätten, weil sie die goldene Hirschkuh laufengelassen hatten. Er befahl kurzerhand, daß vom heutigen Tage an alle Bauern und Fischer von Kienitz mit ihren Knechten stets einen Strick um den Leib zu tragen hätten, damit er ihnen bei Bedarf sogleich zur Hand wäre. Ein Strick und ein Käsebrot wären zwei Dinge, die jeder Kienitzer bei sich zu führen habe, denn damit würde er unangefochten durch die ganze Welt kommen.

Seit dieser Zeit hießen die Kienitzer im ganzen Oderbruch nur noch die "Strickbauern".