Aufhören und Weitermachen

Über meine letzte Kolumne im Oderbruchpavillon

Kenneth Anders, 16.04.2019

Viele Menschen müssen am Beginn ihres Berufslebens dazulernen. Mir ging es ebenso. Vor etwa 20 Jahren hatte ich meinen ersten Job in einem Forschungsprojekt und sollte mein Arbeitspaket gleich zum Auftakt vor einer größeren Kollegenschaft vorstellen. Mein neuer  Vorgesetzter wies mich kurz ein, dann sagte er: Das machen Sie natürlich in PowerPoint!

Ich kannte PowerPoint nicht. In den Fächern, die ich an der Universität belegt hatte, war dieses Programm ungebräuchlich gewesen. Man hielt seine Vorträge in Form einer freien Rede, für die man ein paar Notizen nutzte. Wie dem auch sei, jetzt wurde von mir erwartet, dass ich meine Thesen und Daten auf Folien zusammenstellte und dann anhand dieser Folien sprach. Ich hielt mich an diese Vorgabe und habe seither viele Vorträge mit Unterstützung von Folien gehalten. Es hat Vorteile: Durch die grafische Entfaltung der wichtigsten Aussagen kann man die Aufmerksamkeit und das Vorstellungsvermögen der Zuhörer fördern. Aber im Ganzen betrachtet überwiegen aus meiner Sicht die Nachteile. Denn die meisten Vortragenden, die ich seither gehört habe, lesen nur noch von ihren Folien ab. Dieser Verlust der freien Rede führt in die Langeweile und er scheint die Menge des Sagbaren drastisch einzuschränken. Was nicht auf eine Folie geschrieben werden kann, davon soll man nicht sprechen.

Bald kamen weitere Hilfsmittel hinzu, die bei Tagungen, Workshops und Konferenzen längst unentbehrliche Hilfsmittel geworden sind. Die Teilnehmer treffen sich an Flipcharts, notieren ihre Einwürfe auf bunten Zetteln und heften sie dann summarisch aneinander. Um Wechselwirkungen anzudeuten,  malt man mit dicken Filzstiften Pfeile auf das Papier. Am Ende wird von den so entstandenen Figuren ein Foto gemacht, das hinterher an die Teilnehmer verschickt werden kann. In World-Cafés und Design-Thinking-Formaten werden zudem Stoppuhren eingesetzt, dadurch kann man viele Themen in kurzer Zeit abarbeiten und die Diskutierenden immer wieder neu mischen. Außerdem übergeben die Organisatoren der Foren und Symposien die Verknüpfung des Gesagten zusehends an professionelle Moderatoren, die meist von den behandelten Themen nur eine leise Ahnung haben. Auch bei diesen Veranstaltungen wird der Bereich des Sagbaren in einer Weise eingeschränkt, die mir vor zwanzig Jahren noch fremd war.

Seit Jahren habe ich Schwierigkeiten mit der Sprache. Es ist, als liefe ich durch einen Wald und bliebe in einem Fort an etwas hängen. Wenn man aus dem Lauf heraus an etwas hängenbleibt, ist es, als reiße einen jemand zurück. Das ist lästig und verstörend. Die öffentlichen Sprachformen, an denen ich hängen bleibe, sind wie tote, unsichtbare Äste.

In diesen Tagen bleibe ich oft an Formen eines bekenntnishaften Sprechens hängen. Man drückt nicht aus, was man denkt, sondern man stellt unter Beweis, dass man eine vorbildliche Einstelllung hat, etwa zu den Geschlechterverhältnissen oder zur Migration. Es hat keinen Sinn, etwas dagegen zu sagen, weil die Diskursordnung so gebaut ist, dass man, wenn man den Trend zum bekenntnishaften Sprechen kritisiert, unter Beweis stellt, keine vorbildliche Einstellung zu haben. Dadurch disqualifiziert man sich selbst. Ich beobachte mich deshalb beim Sprechen stets selbst, denn weder will ich mich an die heute als vorbildlich geltenden Sprechweisen anbiedern, noch möchte ich eines reaktionären Sprachgebrauchs überführt werden. Als jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, kenne ich das Gefühl, das sich einstellt, wenn man sich selbst beim Sprechen beobachtet. Vielleicht bin ich deshalb allergisch dagegen.

Außerdem habe ich den Eindruck, dass der rücksichtslose und respektlose Jargon in den populistischen Bewegungen durch diese Sprache der guten Gesinnung befeuert wird. Je stärker und eifernder die moralische Kontrolle über die Sprache in dem einen Lager wird, umso mehr lässt man in dem anderen Lager alle Rücksichten fahren.

Gemessen an der zudringlichen Kulisse der  bekenntnishaften Sprache wird bei den „ganz normalen“ Diskursen, die uns mit verschiedenen Themen tagein, tagaus in Atem halten, kaum noch sichtbar, dass es auch in ihnen sehr mühsam geworden ist, die befreiende und erkenntnisfördernde Kraft der Sprache zu nutzen. Wir debattieren über die Landwirtschaft, die Bildung, das Gesundheitssystem oder den Klimawandel in einer Eile und Vehemenz, dass es geradezu als feige Spitzfindigkeit erscheint, auf die Sprache zu achten, in der diese Debatten geführt werden. In meinen Augen werden hier wissenschaftliche Hypothesen, gefühlte Korrelationen, politische Setzungen und rechtliche Umstände permanent vermischt. Aus der dadurch entstehenden Unübersichtlichkeit heraus entwickelt die Gesellschaft ein hysterisches Ordnungsbedürfnis, welches sie durch moralische Zuschreibungen befriedigt. Auf  diese Weise scheint die Lösung unserer vielen Probleme am Ende eine Frage der Gesinnung zu sein. Allein die Frage, ob denn dieses oder jenes Verhalten oder Gesetz oder eben dieses oder jenes Sprechen wirklich ein Problem löst, erscheint als verwerflich. In diesen Diskursen geht es mir richtig schlecht.

Vor etwa acht Jahren habe ich begonnen, Kolumnen zu schreiben. Der Diskurs, gegen den ich damals anschrieb, war jener über die ländlichen Regionen im Zeitalter ihres Bevölkerungsverlusts. Auch hier herrschte eine beispiellose Eile und die Selbstgefälligkeit, in der damals über die vielen deutschen Provinzen geurteilt wurde, machte mich rasend. Dagegen wollte ich eine Sprache finden. Die einzige Instanz, auf die ich mich dabei stützte, war die eigene Erfahrung. Diese versuchte ich zu beschreiben und daraus Positionen abzuleiten, mit denen ich im demografischen Diskus bestehen konnte.

Das hat auch funktioniert. Ich bin durch diese Texte in der Beschreibung und Analyse von Ländlichkeit zu einer Sprache gelangt, die mir heute von großem Nutzen ist. Es war wie eine Entfesselung, die reiche Früchte für meine berufliche Entwicklung getragen hat. Deshalb bin ich dankbar dafür, diese Gelegenheit gehabt zu haben und dankbar bin ich auch allen, die diese Texte gelesen und darauf reagiert haben.

Aber seit einiger Zeit stelle ich fest, dass diese Sprache, in der nur die Instanz der eigenen Erfahrung gilt, ihre Grenzen hat. Nur selten haben andere Autoren von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, etwas für diese Kolumnen-Rubrik im Oderbruchpavillon zu schreiben. So redet man immer mehr mit sich selbst. Das ist gefährlich. Man vergreift sich im Ton, dann klingt man gespreizt oder selbstgerecht. Und da der gesellschaftliche Grat zwischen dem bekenntnishaften und dem populistischen Sprechen immer schmaler wird, werden auch Fehltritte wahrscheinlicher. Ich gerate also vom Weg ab und betrete vielleicht kurzzeitig eines der beiden Lager (weil ich mich ja gegen die eine oder andere Haltung wende), sodass manche Leser meine Sprache entweder als belehrend oder als borniert empfinden. Das Ergebnis ist dann nicht nur einfach ein schlechter Text, sondern auch ein persönliches Scheitern. Was man da sagt, ist den anderen unangenehm, denkt man. Und man muss damit fertig werden, dass es einem unversehens selbst unangenehm wird. Und deshalb werde ich in dieser Rubrik keine Kolumnen mehr schreiben.

Also Schweigen, einfach mal den Mund halten? So bin ich vielleicht nicht gebaut und es wäre angesichts der oben beschriebenen Entwicklungen wohl auch nicht der richtige Schluss. Es gibt da aber eine andere Erfahrung, die neben den PowerPoint-Vorträgen auch am Anfang meiner beruflichen Tätigkeit stand und auf die ich zum Schluss noch eingehen möchte.

Ich erinnere mich an eines meiner ersten Landschafts-Interviews. Es war ein Gespräch mit einem ehrenamtlichen Bürgermeister in der Niederlausitz. Der war ein guter, früher hätte man vielleicht gesagt: ein rechtschaffener Mann. Er war in dem Dorf aufgewachsen, für das er nun Verantwortung trug. Er hatte in der Braunkohle gearbeitet. Lange Zeit hatte er damit gerechnet, dass sein Dorf dem Tagebau weichen müsste, aber durch die Wende kam alles anders und seine Familie konnte bleiben. Der Bürgermeister kümmerte sich um viele Dinge und er war sehr aufgeschlossen für Fragen der Regionalentwicklung. Seine Erfahrungen und seine Erwartungen an die Zukunft des Dorfes standen stets in einem überzeugenden Zusammenhang: Die zwischenzeitliche Verwahrlosung der Häuser (als alle erwarteten, umgesiedelt zu werden), dann die radikale Änderung der Braunkohlepolitik und schließlich eine Gegenwart, die von kleinen subsistenzwirtschaftlichen Nutzungen im Dorf über die Sanierung der Häuser bis zu den zarten Hoffnungen auf eine neue Seenlandschaft reichte. Am Ende des Gesprächs stieg der Bürgermeister in einen alten Traktor, um eine ungenutzte Ecke am Dorfrand als Kartoffelacker zu bestellen. Zur Abfahrt winkte er mir zu. Wir hatten neunzig Minuten miteinander gesprochen, aber die Klarheit, die sich in diesem Gespräch erschloss, ist für mich bis heute spürbar.

Dieser Eindruck hat sich seither in meiner Arbeit in jedem Jahr erneuert. Ich bin immer wieder davon beeindruckt, dass die Sprache von Menschen, die in ihrem Engagement fußt, eine große Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit aufweist. Aus dem Tun heraus zu sprechen, zu beschreiben und erst dann zu urteilen, das hat eine große Kraft. Und diese Kraft wird noch einmal unendlich größer, wenn man mehrere dieser Menschen zu Wort kommen lässt und zwischen ihnen ein Gespräch organisiert. Dieses Gespräch gelingt nicht immer am besten in Form einer mündlichen Unterhaltung. Manchmal ist es besser, gut lesbare Texte aus den Interviews zu machen und sie in einem Buch zu veröffentlichen. Oder die sprachlichen Mitteilungen in Ausstellungen aufeinander zu beziehen oder sie in Theaterstücken zu verarbeiten. Je größer die Vielfalt der Perspektiven ist, umso reicher ist das entstehende Bild der Wirklichkeit.

Mir ist inzwischen unklar, wie man politische Diskurse über die Landwirtschaft führen kann, ohne die Landwirte einzuladen, an diesen Diskursen mitzuwirken. Oder wie man über das Bildungssystem reden kann, ohne mit jenen Menschen zu sprechen, die täglich Kinder und Jugendliche unterrichten. Oder wie man etwas am Gesundheitssystem verbessern will ohne mit denen zu reden, die in diesem System durch ihre tägliche Arbeit gebunden sind. Statt diese Experten und ihre Einsichten gezielt zu nutzen, indem man sie zur Sprache kommen lässt und von dieser Sprache ausgehend seine Vorstellungen vom Gegenstand entwickelt, überlässt man das Feld akademischen Wissenschaften und politischen Meinungen. Das führt meines Erachtens in eine moralische Scholastik. Ich meine, eine Demokratie ist gut beraten, zuerst jene zu fragen, die eine Praxis selbst und täglich verantworten. Diese Leute haben viel zu sagen. Sie brauchen dazu weder Folien noch Flipcharts, sie verzichten auf Bekenntnisse und auf unzulässige Vereinfachungen. Sie beschreiben – und beinahe unmerklich schälen sich aus ihren Beschreibungen auch Haltungen und Überzeugungen heraus. Aber es sind Überzeugungen, die die Komplexität der Welt nicht ablehnen, da sie durch die Liebe zur eigenen Arbeit getragen sind – und durch das Bedauern, wenn diese Arbeit misslingt.

Herauszufinden, was diese Menschen zu sagen zu haben und die eigene Sprache an ihnen zu orientieren und weiterzuentwickeln, das ist etwas Wunderschönes.