Werkstattbuch Landwirtschaft

Amelie und Franziska Wetzlar, Milchschafhof Pimpinelle in Quappendorf

Werkstattbuch Landwirtschaft

Zur Stammherde gehören heute 60 Schafe. Während Amelie ein Lamm aus dem Melkbereich hebt, in den es sich an der Seite der Mutter eingeschummelt hat, …

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… arbeitet Franziska in der Käserei. Sie setzt der Schafmilch Naturlab vom Lamm zu, ein Enzym zum Dicklegen der Milch. Fotos: Uli Seifert-Stühr

Unsere Schafe stehen fast das ganze Jahr auf der Weide

Amelie und Franziska Wetzlar, Milchschafhof Pimpinelle in Quappendorf

Aufgeschrieben von Tina Veihelmann

Am Anfang stand unsere Leidenschaft für Schafe und für Lebensmittel, und der Wunsch, zusammen zu leben und zu arbeiten. Und dann hatten wir die Idee, einen Milchschafhof mit Käserei zu gründen. Wir wohnten in einem Dorf, etwa zwölf Kilometer entfernt und haben unsere sozialen Netzwerke hier. Deshalb stellten wir uns vor, hier im Oderbruch einen Betrieb aufzubauen. Wir suchten also nach einem Anfang. Melken kann man schnell lernen. Aber um einen ganzen Betrieb auf die Beine zu stellen, muss man gut strukturieren und planen können, – und auch wissen, wie man Anträge schreibt. Wir fingen also an zu recherchieren, in Betriebe zu gehen, das Käsen auszuprobieren. Schafzucht ist eine Nische. Und Milchschafzucht ist eine Nische in der Nische, im Oderbruch erst recht. Das heißt, wir mussten selbst Wege finden, um das, was wir jetzt tun, zu entwickeln. 2010 kauften wir unseren Hof in Quappendorf mit 2,5 Hektar Land, – vorwiegend Auenwälder, kein Weideland.
Um so einen Betrieb zu gründen, braucht man am Anfang nicht zuletzt einiges Geld. Denn zunächst erwirtschaftet man noch nicht viel, aber alles muss neu eingerichtet werden und verursacht Kosten. Für 80 000 Euro haben wir zum Beispiel ein Nebengebäude saniert, das heute die Käserei ist. Darüber hinaus mussten wir Maschinen, einen Traktor, einen Melkstand, eine Melkanlage und vieles mehr anschaffen. Dazu haben wir LEADER-Mittel bekommen, das sind europäische Fördermittel für Wirtschaftsaufbau im ländlichen Raum.
Die ersten Jahre sind eine Durststrecke. Wenn die Begeisterung fehlt, hält man nicht durch. Wir haben durchgehalten und betreiben heute schon seit sieben Jahren unseren Milchschafhof mit Hofkäserei. Mittlerweile läuft es rund. Inzwischen haben wir eine Stammherde von 60 Schafen, die fast das ganze Jahr über Tag und Nacht auf der Weide stehen. Im Frühjahr sind es mit den Lämmern doppelt so viel. Aus der Milch stellen wir verschiedene Sorten Käse in Bioqualität her – vom Frischkäse über reifen Hartkäse bis hin zu Quark und Joghurt.
Uns ist wichtig, dass wir alle Teile des Schafs verwerten, deshalb verarbeiten wir auch das Fleisch unserer Tiere und machen Salami, Grillwurst, Bratwurst und Räucherschinken. Wenn wir schlachten, werden die Felle gegerbt. Selbst die Wolle nutzen wir, obwohl sich damit gerade mal der Scherpreis amortisiert. Ein bisschen Wolle verkaufen wir hier, den Rest liefern wir an eine Firma in Görlitz, die Decken herstellt. In Frankfurt/Oder gibt es eine Behindertenwerkstatt, die webt: die Gronenfelder Werkstätten. Der Ertrag aus der Wolle ist deshalb so gering, weil in Neuseeland riesige Flächen mit Schafen bewirtschaftet werden, und die Importwolle ist billiger. Dazu kommt, dass es hier kaum mehr wollverarbeitende Industrie gibt, – die Wolle muss ja gewaschen und aufbereitet werden. Man muss aber auch sagen: Unsere Schafe sind nicht im eigent­lichen Sinne Wollschafe. Ihre Wolle eignet sich für Decken und Teppiche, aber für Pullover oder Schals wäre sie nicht fein genug.
Unser Hauptgeschäft aber sind Schafsmilchprodukte: Eine der Besonderheiten an unserem Konzept ist, dass wir die Milch nicht standardisieren. Im Frühjahr gibt es viel Milch, und sie hat einen niedrigen Fettgehalt. Diese Milch eignet sich besonders für Schnittkäse. Im Herbst hat die Milch dagegen einen hohen Fett- und Eiweißgehalt, aus ihr kann man gut Weichkäse, Joghurt und Frischkäse machen. Ein Frischkäse schmeckt bei uns im Frühjahr eher leicht und fein, im Herbst ist er gehaltvoller und kräftiger. Wenn wir den Fettgehalt einstellen würden, bräuchten wir eine Zentrifuge. Aber das ginge auf Kosten der Qualität der Milch, denn die Fettstruktur wird verändert.
Unsere Produkte sind speziell und eignen sich deshalb kaum für Biosupermärkte. Unsere Käse sind handwerklich gemachte Rohmilchkäse, die immer anders ausfallen. Für Biosupermärkte eignen sich besser wiedererkennbare Käse­sorten, die die Leute immer wieder aus dem Regal nehmen können. Unsere Käse muss man probieren lassen, erklären wie der Käse hergestellt wird und wie der Preis von gut drei Euro pro 100 Gramm zustande kommt. Denn die Preise, die die Konsumenten aus den Biosupermärkten kennen, decken in einem handwerklichen Betrieb die Produktionskosten nicht.
Dazu kommt: Um im Biosupermarkt zu verkaufen, bräuchten wir Fertigverpackungen. Auf diesen wiederum müssten wir die Nährwertzusammensetzung ausweisen, und das ist ein schwieriges und teures Prozedere. Vor allem, weil bei unserer Milch je nach Jahreszeit der Fettgehalt schwankt. Das heißt die Nährwertkennzeichnung würde sich monatlich ändern, und wir müssten immer andere Etiketten drucken. Aus diesem Grund liefern wir nur losen Käse.
Unseren Vertrieb bewältigen wir selbst. Wir beliefern Bioläden im Umkreis von 50 Kilometern und einen Käsehandel in Berlin, der seinerseits auf Märkten und in Markthallen verkauft. Auf eigene Faust kleine Bioläden in Berlin zu beliefern, schaffen wir nicht. Einen Teil unserer Produkte verkaufen wir direkt in unserem Hofladen.
Jedes Jahr Anfang Februar beginnt die Lammzeit. In dieser Zeit haben wir keine Milchprodukte mehr. Weil wir „muttergebundene Lämmeraufzucht“ praktizieren, bleiben die Lämmer während der ersten sechs Wochen bei den Muttern. Anfang März fangen wir an, sie mit zu melken und teilen uns bis Anfang April die Milch mit den Lämmern. Anschließend werden die Lämmer von den Muttertieren getrennt, und bis Mitte Oktober melken wir voll. Im Frühjahr fangen wir mit 80 Litern am Tag an. Im Herbst haben wir nur noch etwa 20 Liter Ertrag. Wenn der Ertrag auf zehn Liter zurückgegangen ist, stellen wir nur noch etwas Joghurt her, und dann hören wir auf. Danach stehen die Schafe „trocken“, weil sie dann bereits wieder tragend sind. Bis Weihnachten produzieren wir keinen Käse mehr, verkaufen aber noch Lagerbestände.
Im Herbst, wenn wir etwas mehr Zeit haben, bieten wir Käsekurse an. Der Trend geht dahin, dass Menschen wissen wollen, woraus Lebensmittel bestehen und wie sie hergestellt werden. Wir bieten auch Hofführungen an, bei denen wir zeigen, wie wir die Schafe halten, wie wir melken und den Käse produzieren. Was wir immer wieder lustig finden: Die Leute glauben, dass man unheimlich früh aufstehen muss, um zu melken. Aber das stimmt nicht. Wichtig ist nur, dass zwischen den Melkzeiten zwölf Stunden liegen. Schafe sind Gewohnheitstiere, und bei einem regelmäßigen Rhythmus erzielt man die höchsten Milchmengen. Man kann um zehn Uhr morgens melken, wenn man will, aber dann muss man eben um zehn Uhr abends noch mal melken. Wir melken um sieben Uhr, und brauchen dazu am Tag zwei Stunden.
Eigentlich geht die Schafzucht zurück, weil es ein körperlich sehr anstrengender Beruf ist, und die Gewinnspannen äußerst gering sind. Seit Jahren ist zum Beispiel neuseeländisches Lammfleisch um die Hälfte günstiger als einheimisches. Als Milchschäferei sind wir ohnehin Exoten. Aber wir haben das Glück, dass es eine steigende Nachfrage nach handwerklich hergestellten und regionalen Lebensmitteln gibt. Ein weiterer – aber geringerer – Faktor ist, dass immer mehr Menschen gegen Kuhmilch Allergien entwickeln. Obwohl der Berufsstand der Schäfer ernsthafte Schwierigkeiten hat, geht es bei uns leicht bergauf. Hätten wir eine Fleischherde, könnten wir mit 60 Tieren nicht überleben.
Probleme haben wir damit, Weideflächen zu bekommen. Als wir den Hof kauften, hatte man uns zugesichert, dass in absehbarer Zeit 30 Hektar frei würden, die wir dazu erwerben könnten. Leider sind in den sieben Jahren, in denen wir hier wirtschaften, die Bodenpreise jährlich gestiegen. Die Vorbesitzer boten uns das Land, das zum Hof gehört, nicht an. Danach bemühten wir uns bei jedem, Flächen zu bekommen. Wir versuchten bei meistbietenden Verkäufen mit Großgrundbesitzern zu konkurrieren. Leider mussten wir einsehen, dass die Preispolitik für Agrarland so ist, dass das für Betriebe wie unserem nicht sinnvoll ist.
Während all der Zeit hatten wir es geschafft, rund zehn Hektar Pachtland zu bekommen, deren Qualität als Weideland relativ schlecht ist. Wir haben, um es so zu sagen, abgekriegt, was zur ackerbaulichen Nutzung sonst niemand haben wollte. Für einen Betrieb unserer Größe ist das zu wenig. Da die Situation aber nicht zu ändern war, überlegten wir, was wir tun könnten. Den einzigen Weg sahen wir darin, unsere Wirtschaftsweise anzupassen. Wir haben unsere Schafrasse umgestellt. Das Ostfriesische Milchschaf, mit dem wir angefangen hatten, kann zwar hohe Erträge bringen, allerdings benötigt es dazu viel Futter in hoher Qualität. Für arme Weideflächen eignet es sich nicht. Wir suchten deshalb eine Rasse, die mit kargen Weiden auskommt und dennoch eine Leistung bringt, mit der wir wirtschaften können. Fündig wurden wir bei den Krainer Steinschafen. Das ist eine seltene Rasse, die auf der Roten Liste steht: ein hochalpines Schaf, ursprünglich in Slowenien beheimatet, das magere Weiden gewöhnt ist. Es ist ein Milchschaf und wird in Slowenien als das Milchschaf schlechthin gehalten. In Deutschland dagegen wurde es in den letzten 20 Jahren überwiegend als Landschaf gehalten. Wir züchten Krainer Steinschafe als Milchschafe und das lohnt sich, denn sie geben eine sehr gehaltvolle Milch.
Die zweite Anpassung war, dass wir unsere Weiden in besonderer Weise pflegen. Wir verbessern die Weidequalität, indem wir nachsäen und Mist aufbringen.
Nichtsdestoweniger ist die Flächenproblematik für uns weiter existenziell. Sie bedeutet, dass wir nicht wachsen können. Weil wir so wenige Flächen haben, können wir kein Heu machen, sondern müssen im Winter Futter zukaufen. Mit jedem Auslaufen der Pachtverträge bangen wir um deren Verlängerung. Und darum, ob wir die Pachtpreise weiterhin bezahlen können. Als wir im Jahr 2011 anfingen, haben wir pro Hektar Land knapp 100 Euro im Jahr bezahlt. Jetzt sind wir bei 300 Euro pro Hektar.
Die Lage ist ziemlich absurd. Der Bedarf der Stadt Berlin an regionalen Produkten, die auf gesunde und nachhaltige Weise hergestellt werden, ist höher als die Kapazitäten der Biolandwirte in Brandenburg, denn die anteilige Fläche für Bioproduktion ist mit etwas mehr als zehn Prozent zu gering. Brandenburg könnte mehr Bio. Aber der Boden müsste verfügbar sein. Wir haben viele jüngere Kollegen, die gern anfangen wollen. Aber sie stehen vor demselben Problem wie wir.
Wenn eine Wende in der Landwirtschaft möglich werden soll, müsste sich die Bodenpolitik ändern. Im Moment läuft es so: Wer viel hat, bekommt viel Flächen­förderung. Und diese kann er investieren, um mehr Flächen zu­zukaufen. Landwirtschaftsflächen werden höchstbietend verkauft. Die BVVG als Treuhand-Nachfolgegesellschaft hat diese Politik vorangetrieben und damit das Marktgebaren auch von anderen Landbesitzern beeinflusst. Hier in Quappen­orf haben in den letzten Jahren auch Privatleute höchstbietend verkauft. Die Folge ist, dass nur noch hochkapitalisierte Käufer zum Zug kommen und der Druck steigt, aus den Böden das Höchstmögliche herauszuholen.
Ich glaube aber, es gibt langsam ein Umdenken. Bei der BVVG gab es im letzten Jahr nach Protesten wegen höchstbietender Verkäufe einen Verkaufsstopp.
Um nachhaltige Landwirtschaft möglich zu machen, bedürfte es auch einer anderen Agrarförderpolitik. Statt der Flächensubvention, brauchen wir eine Förderung, die deutlich nach Anbaumethode und Betriebsform differenziert. Wer ökologisch oder auch nur extensiv wirtschaftet, sollte eine höhere Flächenprämie bekommen als jemand, der 1 000 Hektar mit ein oder zwei Arbeitskräften bewirtschaftet. In der Biolandwirtschaft gibt es Platz für viele verschiedene Marktsegmente. Große Landwirte, die auf Bio umstellen, bedienen ein ganz anderes Segment als wir. 2020 steht wieder eine Agrarreform an. Die Forderung, die Agrarförderung zu differenzieren, wird schon seit Längerem immer lauter. Der Unmut wird größer. Die jährliche Demo zur Grünen Woche in Berlin gegen die Agrarindustrie, für bäuerliche Betriebe und eine ökologischere Landwirtschaft „Wir haben es satt!“ hatte in diesem Jahr doppelt so viele Teilnehmer wie letztes Jahr. Allerdings glaube ich eher nicht, dass sich die Agrar­förderpolitik schon 2020 ändert.
Aber auch bei den Konsumenten wäre ein Umdenken nötig. Bei vielen hat sich die Überzeugung durchgesetzt: Bio sei gesünder und nachhaltiger. Um möglichst umfassend Bioprodukte kaufen zu können, versuchen sie möglichst billige Bioprodukte zu finden, freuen sich darüber, dass auch die Discounter inzwischen Bio anbieten – und drücken damit die Preise. Wenn sich die Leute aber damit auseinandersetzen würden, wie ökologische Lebensmittel produziert werden, würden sie verstehen, dass diese nicht so billig sein können. Der Grund ist, dass sie ein Mehr an menschlicher oder mechanischer Arbeitskraft erfordern – ob es da um unseren Käse geht oder darum, ein Feld ohne Glyphosat zu bestellen. Wenn Bio auffällig günstig ist, ist es entweder nicht wirklich bio oder es wird irgendwo Lohndumping betrieben.
Zu einer besseren Landwirtschaft gehört in unseren Augen auch, in der Landwirtschaft zu guten Bedingungen wieder mehr Menschen zu beschäftigen. In den Dörfern hier gibt es immer weniger Bewohner, denen die Landwirtschaft Arbeit gibt. Auf diese Weise stirbt das Leben in den Dörfern. Es ist ärger­lich, wenn die Europäische Union dann Geld für „Dorfkümmerer“ ausgibt, um den Mangel zu kompensieren und soziales Leben zu stimulieren. Würde man den Menschen stattdessen eine Existenzgrundlage geben, bräuchte man keine Dorfkümmerer.
Alles in allem leben und wirtschaften wir gern hier im Oderbruch. Die Landschaft ist leider über weite Strecken durch die Art der Landwirtschaft geprägt, die hier betrieben wird. Das ist nicht wirklich schön, eher monoton und traurig. Obwohl es natürlich schöne Ecken gibt. Aber das wäre für uns kein Grund stattdessen in Bayern oder im Badischen Raum Schafe halten zu wollen, wo zum Teil kleine bäuerliche Strukturen erhalten geblieben und das Landschaftsbild entsprechend kleinteiliger ist. Für uns spielt auch das soziale Leben in einer Landschaft eine Rolle. Brandenburg hat in seiner Geschichte mehr Brüche erlebt als Baden-Württemberg. Es hat tiefgreifende soziale Veränderungen gegeben, immer kamen und gingen Leute. Nicht zuletzt sind in den letzten Jahrzehnten eine ganze Menge Menschen ins Oderbruch gezogen, die – wie wir auch – etwas ausprobieren wollen. Es gibt eine Menge interessanter Leute hier, wir haben einen tollen Freundeskreis.

 

 

Aus: Landwirtschaft - Berichte zum Thema Landwirtschaft im Oderbruch mit Beiträgen u.a. von K. Anders, L. Fischer, A. Undisz, T. Veihelmann und G. Weichardt sowie mit Fotografien von Stefan Schick und Ulrich Seifert-Stühr. Werkstattbuch 3, Aufland Verlag 2018