Werkstattbuch Landwirtschaft

Andreas Schmidt-Frielinghaus und John Alexander Franke,
Geschäftsführer der NOGA Agrar GmbH, Neubarnim

Werkstattbuch Landwirtschaft

Die Melker arbeiten nach strikten Hygienevorschriften, hier Mariano Schwark. Jede Kuh trägt einen Transponder. Die Milchleistung wird automatisch erfasst.

Werkstattbuch Landwirtschaft

Bei der Geburt eines Kalbes wird eine mechanische Geburtshilfe eingesetzt. Gisela Karg (Leiterin Milchviehanlage) und Andreas Schmidt-Frielinghaus (Geschäftsführer NOGA) sind Geburtshelfer

Fotos: Uli Seifert-Stühr

Landwirte und der ländliche Raum werden dem Kapital geopfert

Andreas Schmidt-Frielinghaus und John Alexander Franke,
Geschäftsführer der NOGA Agrar GmbH, Neubarnim

Aufgeschrieben von Kenneth Anders

Schmidt-Frielinghaus: Ich komme aus der Region Havel­berg. Mein Großvater hatte einen Landwirtschafs­betrieb, mein Vater war in der Molkereigenossenschaft. Ich selbst hatte noch mit der Fischerei geliebäugelt, was dann aber zum Glück nicht klappte. Denn so blieb ich nach der Lehre und dem Abitur der Landwirtschaft treu und das war im Hinblick auf die Umbrüche nach 1989 sicher besser für meinen Werdegang. Ich studierte also fünf Jahre an der Humboldt-Universität zu Berlin und war dann noch ein halbes Jahr in England, um die dortige Landwirtschaft kennen­zulernen. Als ich fertig war, befanden sich die meisten Betriebe in der Umstrukturierung und mein Professor empfahl mir, zu promovieren. Also stieg ich, zunächst nur zur Über­brückung, in eine Agrarberatung ein – und bin dort erst einmal hängen ge­blieben. Denn das war ja eine Zeit, als die Betriebe sich vollkommen neu ausrichten mussten und in der viel Controlling und Hilfe bei der Neuausrichtung gefragt war. Nach einer Weile machte ich mich selbstständig und arbeitete dann zehn Jahre als freiberuflicher Berater. In dieser langen Zeit war ich schon immer hier in der NOGA Agrar-GmbH als Berater tätig. Da hatte sich eine sehr enge Beziehung aufgebaut, sodass mir der scheidende Geschäftsführer schließlich anbot, seine Rolle zu übernehmen. Seit dem ersten Januar 2008 bin ich also Geschäftsführer der NOGA Agrar GmbH als auch der Agrar­gesellschaft Zelliner Loose und John Alexander Franke hat die Prokura inne.
Schmidt-Frielinghaus und Franke: Die NOGA trägt ihre Herkunft schon im Namen, das waren Produktionsgenossenschaften aus den Orten Neubarnim, Ortwig, Gieshof und Altbarnim, die einst in der LPG „Neue Heimat“ (Tier­produktion) zusammengeführt wurden und dann nach der Wende in eine
Agrar GmbH überführt wurden. In diesem Zuge entstand damals auch die Agrar­gesellschaft Zelliner Loose, die explizit für die Mutterkuhhaltung gegründet wurde und dafür circa 900 Hektar bewirtschaftet.
Die NOGA bewirtschaftet knapp 1 000 Hektar und hat derzeit 560 Milch­kühe am Standort Altbarnim. Vor zehn Jahren haben wir dort im Jahr circa 2,8 Millionen Liter Milch produziert, jetzt sind es ungefähr 5,5 Millionen – mit den gleichen Flächen und den gleichen Mitarbeitern. Am zweiten Standort, hier in Neubarnim, werden Jungrinder gehalten, sodass wir die Reproduktion selbst absichern und auch Tiere zum Weitermästen großziehen, die dann an die Agrargesellschaft Zelliner Loose gehen. Parallel hat die NOGA ihren eigenen Futtermittelanbau, circa 200 Hektar Silomaisanbau, 100 Hektar Roggen, circa 125 Hektar mehrjährig stehende Luzerne und circa 350 Hektar Weizen. Wir haben circa 120 Hektar Grünroggen mit der Zweitfrucht Mais kombiniert, der Grünroggen wird im Oktober gedrillt, dann normal geführt bis Ende
April/Anfang Mai, wo er dann gemäht und mit dem Häcksler geerntet wird und dann kommt binnen von vier, fünf Tagen der Mais hinein, sodass er als Zweitfrucht sehr schnell im Boden ist und wir ihn als Silomais sicher ernten können und zwei Ernten von dieser Fläche haben. Wir hatten früher auch Triticale, die haben wir aber herausgenommen. Auf 100 Hektar haben wir noch Gerste im Anbau, aber wir haben festgestellt, dass die Erlöse aus Getreide, egal welcher Art, immer weniger kostendeckend sind, obwohl wir in der Vermarktung sehr hart und mit langfristigen Verträgen arbeiten. Und wir meinen, diese Situation beim Marktgetreide wird sich weiter verschlechtern, sodass eine noch größere Intensivierung im Feldbau mit Maschineninvestitionen und Flächenausweitung keinen Erfolg haben kann. Momentan wird für A-Weizen 145 Euro je Tonne am Markt geboten – die Erzeugungskosten liegen bei 155 Euro die Tonne.
Wir hatten früher mal Zuckerrüben, in beiden Betrieben, da haben wir mal 38 Euro die Tonne bekommen. Das haben wir verworfen, denn heute sind wir bei 20 Euro und können die Zuckerrübe gar nicht mehr kostendeckend erzeugen. Denn die EU hat parallel zum Einbruch der Preise aufgrund der Quoten­abschaffung auch noch beschlossen, die Importlizenzen für Rohzucker zu erhöhen. Obwohl das Oderbruch ein Mutterland für die Zuckerrübe ist, brauchen wir hierüber nicht mehr nachzudenken – auch dank der Regierung, die ja nichts weiter wusste, als mit ihren Instrumentarien die Zuckerfabriken in der Region zu schließen. Raps ist die nächste Kultur, die uns Sorgen macht. Wir hatten bis zu 200 Hektar für die industrielle Verarbeitung angebaut, jetzt sind wir schon heruntergegangen auf 110 Hektar und werden ihn wohl komplett einstellen. Denn da wir in der Rapssaat keine Beize mehr einsetzen dürfen, müssen wir seit drei Jahren mit Insektiziden auf den Flächen gegensteuern.
Da verdienen dann aber nur die Hersteller dran, zumal die Mittel kaum Wirkung zeigen und die Erträge von 40 auf 25 Dezitonnen pro Hektar gefallen sind. Es fehlen, im Vergleich zu vorher, fast 100 000 Euro.
Unsere Alternative liegt im Wesentlichen in der Tierhaltung, sodass wir die Fläche einsetzen, um mehr Proteinfuttermittel selbst zu erzeugen, statt es einzukaufen. Futtergetreide und Körnermais produzieren wir schon länger komplett selbst für die Rinderfütterung. Soja kaufen wir schon lange nicht mehr zu, weil wir keine gentechnisch veränderten Futtermittel einsetzen. Gras­aussaaten haben es im Oderbruch sehr schwer, vor allem bei geringem Niederschlag. Luzerne ist aus unserer Sicht ein sehr interessantes Futtermittel. Viele scheuen es, weil es so schwer zu etablieren ist. Zum Beispiel darf man sie auf den Oderbruch­böden nicht bei nasser Witterung befahren. Und sie hat auch hohe Ansprüche an die Grundnährstoffe, zum Beispiel bei Kalium. Ist es aber einmal gelungen, sie zu etablieren, ist sie sehr robust. Das eigentliche Problem ist, dass sie sehr wenig Zucker, dafür aber viel Eiweiß enthält und dadurch in der Konservierung kompliziert ist. Hier mussten wir viele Erfahrungen sammeln und auch mal einen Rückschlag hinnehmen. Aber insgesamt machen wir damit gute Erfahrungen und sparen den Proteinfuttermittelzukauf. So steigern wir unsere Effizienz. Wir denken auch über Körnerleguminosen nach, um die Zukäufe für Rapsschrot zu reduzieren – Erbsen, vielleicht auch Lupine. Aber hier müssen wir uns erst mal ausprobieren. Auf jeden Fall wollen wir den Getreide­verkauf von unseren Flächen reduzieren. Durch die eigene Verwertung von Futtermitteln in der Tierproduktion kann feuchtes Erntegut über Feucht­konservierung gelagert werden und wir sparen dadurch sonst anfallende Transport- und Trocknungskosten.
Natürlich müssen Sie dann am Ende bei der Milch die Preise erzielen, um das Ganze zu finanzieren. Da schließt sich dann der Kreis. Wir sind aus der Milchkrise mit 80 Kuhplätzen mehr herausgegangen, als wir vorher hatten. Wir haben auch die Milchleistung deutlich steigern können. Die gut zwei Jahre sind uns dennoch sehr schwer gefallen. Es war eine sehr hohe nerv­liche Anspannung. Wenn das Milchgeld 60 000 bis 80 000 Euro jeden Monat unter dem liegt, was man in normalen Monaten bekommen hat, können Sie sich vorstellen, welches Loch sich da auftut. In dieser Zeit haben wir Investitionen unter­lassen und Vorräte aufgebraucht, aber dennoch die Löhne im Betrieb nicht ver­ändert. Wir haben auch die normale Produktion nicht beschnitten, im Gegenteil: Wenn eine Krise herrscht, muss man ein hohes Produktions­niveau halten, um, wenn die Krise zu Ende geht, die Preise mitzunehmen, die aus dem dann entstehenden Mangel resultieren. Das ist uns sehr gut gelungen. Aber wenn wir auf diese Zeit zurückschauen, sehen wir: In den zwei Jahren haben wir circa 800 000 Euro verloren und in den letzten acht Monaten vielleicht 250 000 Euro davon zurückerhalten. Wir hoffen natürlich, dass dieser Trend anhält, aber leider sind die Milchpreise schon wieder gefallen. Vielleicht stehen wir vor der nächsten Milchpreiskrise.
In erster Linie haben wir mit den alten Stallanlagen gearbeitet und sie weiterentwickelt, aber kaum etwas neu gebaut. Auch so konnten wir unsere Milchleistung steigern. Bei der letzten Milchkontrolle lagen wir bei 33,3 Liter
Melkdurchschnitt und circa 10 600 Liter pro Kuh Jahresleistung. Wie es in den nächsten Monaten weitergeht, hängt auch von der Entwicklung der Futter­bestände ab. Dennoch denke ich, dass wir die Milchleistung in den nächsten Jahren weiter steigern können, obwohl wir nur knapp sieben Kilo Kraftfutter je Kuh und Tag einsetzen, das ist viel weniger als in den meisten anderen Betrieben. All das hat dazu beigetragen, dass wir aus der Milchkrise relativ gut und ohne Liquiditätskredite herausgekommen sind. Aber die Zeit hat Spuren hinterlassen, zumal man als Leiter immer erhobenen Hauptes vorangehen muss und keine Schwäche zeigen darf. Das hat Kraft gekostet und wird zukünftiges Handeln dauerhaft beeinflussen.
Die gegenwärtige Entwicklung nimmt den kleinen Betrieben immer mehr Chancen, am Markt teilzunehmen. Sie werden an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gedrückt. Es werden auch die falschen Anreize gegeben. Würde man Aufgabeprämien und Kuhschlachtprämien zahlen, wäre dies eine Hilfe für Betriebe, einen Weg aus der Krise ohne existenzielle Vernichtung gezeigt zu bekommen. Der Staat zahlt aber lieber umfangreiche Exportförderung an Handel und Molkereien und wird nicht müde zu beschwören, wie sehr er den Bauern geholfen hat.
Wir sind die Maus, die Milchindustrie ist die Katze. Der Staat kauft Milchpulver auf und gibt vor, den Preis stabilisieren zu wollen – in Wirklichkeit verlängert man die Überproduktionsphase und hat dann, wenn der Milchpreis endlich steigt, ein Druckmittel, um die Preise niedrig zu halten. Andernfalls würde sich ja die Milchmenge verringern und die Molkereien müssten mehr zahlen. Ähnlich funktioniert es auch bei der Schweineintervention. Den Bürgern wird erzählt, man tue dies alles, um den Landwirten zu helfen. Ich meine aber, man tut es, um der Industrie dauerhaft niedrige Rohstoffe zu sichern, deren Export dann mit Steuergeldern bezuschusst wird. Wenn ich in die Zukunft sehe, meine ich, die Prämien werden auf null heruntergehen, die Rohstoffe aber billig bleiben bzw. noch billiger werden. Und der Staat sorgt gesteuert von Lobby­isten der aufkaufenden Hand dafür, dass Milch und Getreide billig bleiben – das ist auch der Sinn der Prämien, die ja eigentlich Preisausgleichs­zahlung heißen! Wir sollen Getreide exportieren, wir sollen Milch exportieren, also wird die Produktion angetrieben, um die Preise zu senken. Das ist der Sinn dieser Unter­stützungsmaßnahmen. Aber unser Produkt wird hier unter Auf­lagen, rechtlichen Bedingungen und Umweltstandards hergestellt, die in anderen Ländern gar nicht erfüllt werden müssen. Man hat fast den Eindruck, dass die hiesige Landwirtschaft bewusst in die Enge getrieben wird, damit man den anderen sagen kann: Ihr könnt euer Soja hierher exportieren oder euer Getreide, dafür können wir euch unsere Autos und Maschinen liefern. Wir konkurrieren mit Palmöl, das aus Farmen kommt, wo vorher der Regenwald abgeholzt wurde. Wie soll sich ordentlich produzierter Raps dagegen durchsetzen? All das gefährdet unsere Landwirtschaft existenziell.
Die Landpreise, die derzeit von der staatlichen Bodenkommission heraus­gegeben werden, liegen bei 17 000 Euro. Ich finde, es ist Zynismus, dass eine staatliche Institution ignoriert, dass man mit diesen Preisen gar nicht wirtschaften kann. Wenn man vernünftig ist, kann man höchstens 8 000 Euro für den Hektar ausgeben, und dann muss man ihn schon langfristig und mit niedrigen Zinsen finanzieren. Stattdessen orientiert man sich an Marktereignissen, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben. Man freut sich über die steigenden Einnahmen aus Grunderwerbssteuern, das ist ja für die wirtschaftlichen Kennzahlen schön, aber einen landwirtschaftlichen Betrieb kann man so nicht aufbauen. Man erzählt also den Menschen etwas anderes als das, was wirklich stattfindet. Oder es wird das Greening eingeführt und gesagt, dadurch könnten die Betriebe mit Erbsen ihre eigenen Proteine anbauen. Und plötzlich stellen die Lobbyisten fest, dass sie ja dann ihr Soja nicht mehr loswerden. Also hat man Pflanzenschutzmittel auf Greeningflächen verboten. Und, siehe da: der Konkurrent ist wieder weg.
Überall sind die Regeln verschieden. Die polnischen Landwirte dürfen gebeiztes Rapssaatgut verwenden. Die liegen doch auch in der EU. Oder, wir haben gerade einen 4 000 Quadratmeter fassenden Güllebehälter gebaut – es gibt aber Bundesländer, da können Erdbecken geschoben werden, obwohl sie sogar einen Grünen Umweltminister haben. Da fragt man sich, für wen hier Politik gemacht wird, wohl eher für die großen Schlachtkonzerne, die deutlich mehr Geld an die Landwirte zahlen müssten, wenn die Überschussregionen im Westen ihre Tierbestände abbauen würden.
Wir haben sehr viele Pachtverträge, viele Verpächter sind aus der Region, viele aber sind auch von anderswo, weil sich das Landeigentum über die Generationen streut. Wir machen regelmäßig Verpächtertreffen und geben den Leuten Informationen, damit sie sich nicht von unserer Realität zu weit entfernen und keine Erwartungen an Pachtpreise haben, die wir nicht erfüllen können. Damit machen wir sehr gute Erfahrungen. Die letzten Verpächtertreffen waren sehr erfolgreich. Man gewährt uns überwiegend auch langfristige Pachtverträge. Aber sicher ist natürlich nur, worum man sich fortwährend müht.
Wir haben in beiden Unternehmen zusammen 35 Mitarbeiter und sind in unseren Orten der stärkste Arbeitgeber. Unsere Mitarbeiter haben wir immer zuerst aus der Region gesucht. Aber viele sehen das nicht mehr als eine attraktive Tätigkeit an. Deshalb mussten wir aus der Not heraus auch polnische Kollegen anstellen. Sie werden aber genau so gut bezahlt, wie jene, die hier ansässig sind. Das machen wir gern, da ja die neuen Kollegen den anderen in nichts nachstehen. Wir würden auch Flüchtlinge anstellen und vernünftig bezahlen, wenn es sich ergibt. Aber über die Arbeitsämter ist es nicht leicht, gute Mitarbeiter zu finden. Wir haben viele junge Mitarbeiter und derzeit drei Lehrlinge in der Ausbildung, weil wir uns nicht darauf verlassen können, dass wir die Leute auf dem Arbeitsmarkt finden. Dabei müssen wir natürlich darauf achten, dass wir solche finden, die auch wollen und im Unternehmen bleiben. Aber die Defizite sind erst einmal groß – vor allem fehlt die Heran­führung an praktische Arbeit, das sind die meisten aus dem Elternhaus einfach nicht mehr gewöhnt.
Wir haben hier ausgesprochenen Minutenboden. Was du heute tun kannst, musst du auch heute tun, denn morgen geht es nicht mehr. Die Zeitfenster für die Bodenbearbeitung sind sehr klein, weshalb wir hohe Arbeitsspitzen haben. Das gleicht sich nur durch die Tierproduktion etwas aus. Alles in allem haben wir sehr verschossene, bei Gieshof zum Beispiel sehr sandige Böden mit einer geringen Wasserhaltekapazität, die wir mit organischem Dünger und geeigneten Fruchtfolgen zu verbessern suchen. Die schweren Böden bilden für den Weizen eigentlich eine gute Basis, erwärmen sich im kalten Frühjahr aber schlecht. Also braucht man dafür schon viel Fingerspitzengefühl. So manche Bodenbearbeitungsmaßnahme, die in anderen Regionen gut funktioniert, wäre hier katastrophal. Außerdem haben wir kaum noch richtige Winter, dann aber plötzliche Kahlfröste und ein kaltes Frühjahr mit einer anschließenden Frühjahrstrockenheit. Fast pünktlich zur Weizenernte erleben wir dann aber oft umfangreiche Regenfälle, die die Ernte sehr erschweren. Mais ist unterdessen ertragssicherer geworden, da er Regen in einer Phase bekommt, in der er früher gedarbt hat. Außerdem muss man die gefährdete Lage der ganzen Landschaft des Oderbruchs sehen: Wir haben hier Düngemittel im Wert von 250 000 Euro in der Einlagerung und Futtermittel in Millionenwerten – wenn der Deich bricht, haben wir ein hohes Risiko zu tragen. Wenn man sieht, wie sich der Biber in den Deich wühlt und die Wildschweine die Grasnarbe auf dem Deich zerstören, kann man zusehen, wie die Landschaft aufs Spiel gesetzt wird. Wie soll man da eine Zukunft planen? Wir liegen hier sieben Meter unter dem Normalpegel der Oder. Ob man sich da von einer Katastrophe erholen kann, ist fraglich. Zumindest wären es dann wohl nicht mehr die gleichen Besitzer.
Wir werden jedenfalls wieder stärker in die Bodenbearbeitung gehen, weil die Abhängigkeit von der Pflanzenschutzindustrie sehr gefährlich ist und das vernünftige Maß bereits an vielen Stellen überschritten ist. Auch hier nutzt uns die Tierproduktion, weil wir andere Fruchtfolgen ausprobieren können. Aus meiner Sicht ist es ein Irrglaube, dass die Landwirte ihre Effizienz von der Agrar­industrie kaufen können. Die konventionellen Bauern würden zum Beispiel ohne Glyphosat besser dastehen. Sie würden zwar weniger ernten, aber dafür hätten sie diese Kosten nicht. Es müsste dann aber der ganze Wirtschaftsraum ohne Glyphosat produzieren – also unser polnischer Kollege sollte nicht lachend an uns vorüberfahren können! Wir müssen derzeit auf dem Weltmarkt mit amerikanischen Bauern konkurrieren, die zwölf Liter Glyphosat auf den Hektar einsetzen. Aber das wird dem Bürger nicht gesagt, was er da isst, wenn er sich einen Hamburger kauft und ein Weizenbrötchen zwischen den Zähnen hat, das von einem so gespritzten Feld kommt. Wir setzen im Durchschnitt vielleicht 1,5 Liter auf den Hektar ein, beschränken uns an vielen Stellen auf Randbereiche, wenn die Fruchtfolgen in der Nachbarschaft nicht in Ordnung sind, oder wir machen auch mal ein Jahr gar nichts.
Dabei ist es immer das Gleiche: Man prügelt auf die Landwirte ein, aber man nennt gar nicht die wahren Profiteure. Wenn das Mittel nun verboten wird, kauft man sein Herbizid nicht mehr für 2,80 Euro, sondern muss sich ein Gräser­mittel für 38 Euro holen – fantastisch! In der Öffentlichkeit vermeidet man es auch, die Zwangslage darzustellen, in der sich jeder Landwirt befindet – auch die bio­logischen. Denn alle stehen den Nahrungsmittelmonopolen gegenüber. Ich habe im Studium gelernt: Fünf Prozent mehr Kartoffeln auf dem Markt machen 50 Prozent Preisverfall aus. Das gilt bis heute. Und es wird auch die biologischen Betriebe gefährden, je mehr Betriebe ihre Wirtschaftsweise umstellen. Wir müssen uns das Fleisch aus den Rippen schneiden, damit andere Exportüberschüsse erzielen können. Mir ist sehr wohl bewusst, dass die afrikanische Mutter, statt zu stillen, das europäische Milchpulver für ihr Baby in der Pfütze anrührt oder dass sich der afrikanische Bauer erhängt, weil er nicht von seiner Arbeit leben kann.
Man kann es drehen und wenden, wie man will, wir können nur darauf setzen, dass wir durch unser Fachwissen die einfachen Angebote der Industrie umschiffen können. Es wird aber immer schwieriger, zwischen guten und vermeintlich guten Ratschlägen zu unterschieden.

 

Aus: Landwirtschaft - Berichte zum Thema Landwirtschaft im Oderbruch mit Beiträgen u.a. von K. Anders, L. Fischer, A. Undisz, T. Veihelmann und G. Weichardt sowie mit Fotografien von Stefan Schick und Ulrich Seifert-Stühr. Werkstattbuch 3, Aufland Verlag 2018