Leute stehen nicht im Rechenbuch
Über den Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh

Kenneth Anders, 31.05.2016

"Unterleuten" ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ostdeutscher Ländlichkeit in der Gegenwart. Gewählt hat die Autorin einen fiktiven Ort in der Prignitz, allerdings lässt die Verwendung anderer Ortsnamen, etwa des real existierenden (uckermärkischen) „Groß Väter“ und des eher nach Niederlausitz klingenden „Plausig“ auf den Anspruch schließen, einen exemplarischen Blick auf die gesamte Brandenburgische Szenerie zu werfen. Im Brennspiegel der Auseinandersetzung um ein Windeignungsgebiet fächert sie Biografien und Konflikte auf, zeichnet Perspektiven nach und lässt schließlich das ganze Geschehen in einem Beinahe-Totschlag, einem beziehungsreichen Unfall und einem pfiffigen Selbstmord enden.

Die Spannung der Geschichte verdankt sich ihrer lokalen Verdichtung: In Unterleuten sind alle von allen abhängig, keiner entgeht den Banden der Dorfgemeinschaft. Somit sind zwar alle der ambivalenten Gestaltungsmacht des Landwirts Gombrowski ausgesetzt, aber auch die Schwachen haben Einfluss auf das Gefüge – sei es, dass sie den Ausschank im Dorfkrug verweigern oder dass sie Flächen besitzen, auf die es bei den Investorenplänen auf einmal ankommt. Die persönliche Interdependenz ist eines der wichtigsten Merkmale des Dorfes – und sie erklärt die Landflucht vieler Menschen. Ihr zu entkommen ist eine einfache Form der Freiheit.

Die Perspektiven, die Juli Zeh dabei aufbaut, sind mit äußerster Anstrengung aufgeladen. Was die Protagnonisten in diesem Roman vor sich hin denken, geht weit über eine latente Alltagshaltung hinaus, es sind bis ins Kleinste ausgefeilte Sinngebilde voller Enttäuschung, Hass, Ohnmacht und falschen Hoffnungen. Der Autorin bleibt es vorbehalten, den Überblick zu wahren. Hier und dort verteilt sie Sympathien – etwa für den Bürgermeister Arne Seidel und dessen Nachbarin Kathrin. Bei einigen Figuren hat sie sich ihre Abneigung offenbar von der Seele geschrieben. Dass der – sicher viel Wahres in sich tragende - Vogelschützer Gerhard Fließ geradezu als Vollidiot gezeichnet wird, ist etwas schade, es geht dann doch nach einigen hundert Seiten zu Lasten des Lesevergnügens.

Wie dem auch sei, das dörfliche Beziehungsgefüge aus Schuld, Schulden und Abhängigkeiten dient der literarischen Spannung ungemein, wenn man sich auch fragt, ob unter solchen Bedingungen überhaupt auch gelassene, moralisch unkomplizierte Haltungen gedeihen könnten. Wäre das nicht möglich, das Land hätte in den letzten tausend Jahren eigentlich nur Verrückte hervorbringen können. Ein einziges Mal und ganz am Rande wird in dem Buch die ausgeprägte Selbstversorgungspraxis der Unterleutener erwähnt, sie erscheint eher als eine Art von Borniertheit und der Staatsferne, nicht als eine Form des kulturellen Selbsterhalts. Für Kooperation und Freundschaft bleibt in der Geschichte keine Luft und schon gar nicht für das Lachen, mit dem man sich auf dem Land immer wieder wirksam aus vermeintlich unentrinnbaren Situationen befreit. Übrigens baut Juli Zeh alle diese Argumente in die Gedanken ihrer Protagonisten ein, so stellt auch Bürgermeister Seidel irgendwann fest, die Wessis hätten keinen Humor. Dass die Figuren des Stücks ihren eigenen Roman gegen Einwände immunisieren, ist eine verblüffende Technik.

Entscheidend ist jedoch die Frage, welche Gegenwart eigentlich in der dörflichen Szenerie abgebildet wird. Das Dorf als interdependentes Sozialsystem löst sich derzeit in Schwindel erregendem Tempo auf. Gesellschaftlichkeit findet heute auf dem Land – wenn überhaupt - in zunehmendem Maße in größeren regionalen Zusammenhängen statt, auf der lokalen Ebene verliert sie täglich an Bindekraft. Diese Prozesse nimmt der Roman nicht zur Kenntnis, im Gegenteil es wird sogar behauptet, man läse in Unterleuten keine Zeitung. Das mag zwar sein, es ist aber nicht typisch. Die Lokalzeitung ist in den ländlichen Regionen der Mark Brandenburg sogar nach wie vor ziemlich wichtig - und wenn es die kostenlosen „Wurstblätter“ sind.

Insofern hat Juli Zeh viele treffende Charakterstudien wie in einem Prisma entfaltet, aber der Gewinn den sie durch ihre literarische Verdichtung erzielt, hat einen Preis: Ihr Gesellschaftsroman bekommt etwas Säuerliches. Im Kontext des Demografiediskurses – und in eben jenem Kontext ist diese Betrachtung erfolgt – wird der Roman somit zu einer Bestätigung der Abkehr vom Ländlichen überhaupt. Nicht nur drei Frauen verlassen zum Ende des Romans das Dorf Unterleuten. Man hat auch als Leser das Gefühl, nun genug in den Geschichten dieser Leute herumgewühlt zu haben.

„Leute stehn nicht im Rechenbuch“ hatte Johannes Bobrowski einst geschrieben. „Wer es nicht glauben möchte, erfährt es - bei Leuten. Muß bloß aufstehn und hingehn und, am besten, bleiben.“ Ob Juli Zeh in ihrem Unterleuten geblieben, weiß ich nicht. Aber ihr durchaus anspruchsvolles Buch trägt Züge eines unbarmherzigen Rechenbuchs.