Pressespiegel 2012

MOZ – 02.11.2012 – 07:45 Uhr

MOZ – 02.11.2012

Anne Busch, Marie Gronau (v. l.), Dozent Kenneth Anders, Michelle Manicke (2. v. r.) und Helen Baudach (r.) diskutieren im WAT-Unterricht über die Vermarktung des Oderbruchs. © Andreas Karpe-Gora

Das Oderbruch als Unterrichtsfach

Wriezen (cs) Mit seiner "Landschaft im Koffer" ist Kenneth Anders derzeit Dauergast im Johanniter-Gymnasium Wriezen. Dort spricht er mit Schülern über die Zukunft der Region, ihre Wahrnehmung und der eigenen Rolle in ihrer Heimat.

Sirup, Zucker, Saft, Eier, Hafer, Milch - in Kenneth Anders Koffer finden sich viele regionale Spezialitäten. Vieles was die Schüler der 10. Klasse auf dem eigenen Frühstückstisch wiederfinden. Schnell entspinnt sich eine Debatte über das Spannungsverhältnis von globalem Markt und regionalen Versorgungskreisläufen. Und welchen Platz das Oderbruch bei den jungen Leuten einnimmt. Wie wird die Region als Wirtschaftsraum betrachtet? Und welche Position nehmen die jungen Leute ein? Viele interessante Ideen haben die Schüler der 10. Klasse im WAT-Unterricht zusammengetragen. So wünschen sich einige, dass regionale Produkte in den Supermärkten besser als solche gekennzeichnet werden. Andere wiederum sind skeptisch, ob überall wo Bio draufsteht auch Bio drin ist und plädieren für regionale Produkte. Wieder andere sind kritisch, ob sich die Region bei der Übermacht des globalen Angebots überhaupt mit einem Alleinstellungsmerkmal wird durchsetzen können.

Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation und Lehrer in spe freut sich über das rege Interesse an den aufgeworfenen Fragen. Kritische Reflexion der Schüler, sie zum Nachdenken anregen, inwiefern sie die Region beeinflussen und das Oderbruch sie in ihrem Dasein prägt. Während die Zehntklässler landschaftspolitische Bildung als fächerübergreifendes Thema nur in WAT und Kunst behandeln, wird das Oderbruch in der neunten Klasse in zahlreichen Fächern thematisiert. Er sei dankbar für die Anregung gewesen, so Schulleiter Michael Tiedje, die Landschaft mehr in den Unterricht einzubeziehen. Der Titel des Projektes "Tauziehen im Oderbruch" ist dabei im doppeldeutigen Sinne zu verstehen. Kenneth Anders charakterisiert die Landschaft als unter Spannung stehend, das heißt, unterschiedliche Kräfte und Interessen verursachen die Entwicklung einer Region. Dieses Spannungsverhältnis ließe sich gut auf die einzelnen Fächer übertragen. Ob eine Gedichtinterpretation in Deutsch oder das Thema Staat und Religion in Politik - die Schüler sollten ein eigenes Gespür entwickeln.

Während die Landschaftskunde bereits bei Grundschülern gut ankam und sogar als preiswürdig erachtet wurde, steht mit den Gymnasiasten nun eine ältere Zielgruppe im Mittelpunkt. Kenneth Anders und seine Projektmitarbeiter Anne Kulozik und Lars Fischer haben dabei die Unterrichtsinhalte mit den Lehrkräften abgestimmt. "Hier wird nicht ein immer gleiches Programm abgespult, sondern viel Zeit und Engagement investiert, um ein auf unsere Schüler abgestimmtes Unterrichtsangebot zu machen", lobt Michael Tiedje. Wie sich das Projekt entwickelt, das bestätigt Kenneth Anders, hänge maßgeblich auch von den Schülern ab. Sie beeinflussen mit ihren Meinungen, Ansichten und Ideen den Fortgang des Unterrichts. Der Projektverlauf wird daher ständig dokumentiert, unter anderen in einem eigenen Blog. Seit den Herbstferien und voraussichtlich bis zu den Weihnachtsferien taucht das Oderbruch immer wieder in den Lehrplänen auf. Ob das Projekt anschließend weitergeht und auch in anderen weiterführenden Schulen angeboten wird, ist bisher offen. Nicht nur wegen der Finanzierung, denn bisher wird das Engagement der drei Landschaftskommunikatoren über einen Verein abgesichert. "Außerdem braucht das Projekt Offenheit von beiden Seiten, sprich wir brauchen Schulen, die den Mut zur Veränderung haben", sagt Kenneth Anders.

Wie das Thema Landschaft im Bildungsalltag etabliert werden kann, darüber informiert der Workshop "focus on landscape" am Sonnabend von 9.30 bis 16.30 Uhr im Theater am Rand in Zollbrücke.

 


 

Bauernzeitung 9 – Junges Land – 40. Woche 2012 – Oktober 2012

Bauernzeitung 9 – Junges Land – 40. Woche 2012

Bauernzeitung 9 – Junges Land – 40. Woche 2012

Einige Ergebnisse der studentischen Befragung wurden von den künftigen Wissenschaftlern in Szene gesetzt, hier allgemeines Gezerre an der Landschaft.
Foto © Heike Mildner

Der fremde Blick

Eberswalder Studenten befragten Menschen im Oderbruch zu ihren Problemen und Perspektiven. Eindrücklich hielten sie ihnen den Spiegel vor und machten deutlich, wo der berühmte Hase im Pfeffer liegt.

Von Heike Mildner

Aufgeschlossene Menschen finden es interessant, wenn ein Fremder kommt, sich in ihrer Wohnung umschaut und ehrlich sagt, was er sieht. Der fremde Blick nimmt wenig Rücksicht auf unsere Gewohnheiten und birgt die Chance, unser Eingerichtet sein in Gegebenheiten neu zu hinterfragen.

Eine Septemberwoche lang waren 19 Studenten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde mit fünf Betreuern im Oderbruch unterwegs, sahen sich um, stellten Fragen, diskutierten über die Antworten und bereiteten eine Präsentation vor. Aber keine mit hübschen Kreisdiagrammen und Prozentzahlen, die möglicherweise den einen oder anderen Wissenschaftler interessiert hätte, sondern eine öffentliche Präsentation auf der Bühne eines Theaters, des Theaters am Rand in Zollbrücke. Einigen der Studenten sei erst im Theater so richtig bewusst geworden, dass sie am Abend selbst auf der Bühne stehen würden, erzählt Lars Fischer von der Akademie für Landschaftskommunikation, die die Studenten im Rahmen einer Sommerschule ins Oderbruch holte.

Am Sonnabend angekommen, ins Thema eingeführt und in Gruppen aufgeteilt, befragten sie an den zwei Folgetagen Verwaltungsfachleute, Landwirte, Naturschützer, Künstler und andere Oderbrücher zu ihrem Verhältnis zur Landschaft, in der sie leben. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage, ob das Oderbruch – zu DDR–Zeiten zerfallend in die Kreise Seelow und Freienwalde und heute neben anderen Regionen zum Landkreis Märkisch–Oderland gehörend – sich als zusammenhängender Handlungsraum begreift, ob die Oderbrücher sich als zusammengehörig wahrnehmen. Die Ergebnisse sollten – so weit die Vorgabe der Organisatoren – im Rahmen einer Probe des Oderbruchorchesters dargestellt werden.

Lars Fischer und Dr. Kenneth Anders beschäftigen sich seit knapp zehn Jahren mit dem Oderbruch im Speziellen und mit der Landschaftskommunikation im Allgemeinen. Mit Landschaftskommunikation meinen sie „die Verständigung über den Raum, den wir be – wohnen und nutzen“. Sie sei unerlässliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Region. Um die Kommunikation über die Landschaft anzuregen, wenden die beiden Kulturwissenschaftler Darstellungsmethoden wie diesen Abend im Theater am Rand an. Ergebnisse solcher Projekte werden wenn möglich publiziert und – wenn sie sich auf das Oderbruch beziehen – auf der Website www.oderbruchpavillon.de zugänglich gemacht (weitere Projekte finden sich unter www.landschaftskommunikation.de).

Zur Präsentation der Eberswalder Studenten ist das Theater am Rand gut besucht. Auch der Landrat von Märkisch–Oderland, Gernot Schmidt, und Landtagsabgeordnete Jutta Lieske sind gekommen. Ludwig Krause, pensionierter Stadt– und Verkehrsplaner aus Berlin, hat eine großformatige Landkarte des Oderbruchs gefertigt, in der zwar Siedlungen, Straßen und andere Landmarken erkennbar sind, aber noch nichts bezeichnet ist. Die erste Runde geht ans Publikum: Die Gäste sollen Elemente, Dinge, Orte nennen, die für sie das Oderbruch ausmachen. Die Antworten werden für eine „mentale“ Oderbruchkarte protokolliert. Ob dieser Punkt als Erster des Abends gut gewählt ist, bleibt fraglich. Oderbrücher sind stur – ist später zu erfahren – und hätten wohl erst ein bisschen vorgewärmt werden müssen.

Dann geht es mit dem ersten Probenversuch des Oderbruchorchesters weiter, der mangels Dirigenten ungewollt in Kakofonie mündet. Nun wird ein Orchesteroberhaupt gesucht und – „für eine Probe mach ich’s“ – gefunden. Er sortiert die Stimmen, Vertreter von Ortschaften und verschiedener Interessengruppen. Jede einzelne klingt gut und unterhaltsam. Auf Volksliedermotive werden Texte gesungen, die die Befindlichkeiten der Einzelnen auf den Punkt bringen. Der Zusammenklang mündet mangels Abstimmung abermals  im Argen. Die dritte Probe lässt im Lied „Eine Stunde Oderbruch“ zumindest die Vision eines gemeinsamen Ganzen aufblitzen. Dazwischen zitieren die angehenden Landschaftsentwickler Franziska Resch und Johannes Hassler zu Gitarrenklängen von „Matze“ Kühn aus den Antworten der Oderbrücher. Anonymität der Zitierten und die fremden Stimmen sorgen für besseres Zuhören, denn vorzeitigem „Dichtmachen“ – „was der denkt, weiß man doch“ – wird der Boden entzogen. Die Spannbreite reicht von „Eine Landschaft, auf die ich nicht verzichten möchte“ bis zu „Die Flexiblen gehen, das Mittelmaß bleibt“.

Am Ende begegnen die Oderbrücher, denen so auf productive Weise der Spiegel vorgehalten wird, dem fremden Blick der Studenten mit Applaus. Auf dessen Dokumentation, die von der Akademie für Landschaftskommunikation in Aussicht gestellt wurde, darf man ebenso gespannt sein wie auf deren Diskussion in der Öffentlichkeit.

 


 

MOZ – Bad Freienwalde, 21.09. 2012

MOZ - Bad Freienwalde, 21.09. 2012

Widerstreitende Interessen: Landwirtschaft, Tourismus, Naturschutz, Kunst – alle ziehen am Oderbruch, bis es fällt.
Foto © MOZ

Oderbrüchern Spiegel vorgehalten

Von Jens Sell

Zollbrücke (MOZ) Das Oderbruch als Handlungsraum heißt der Untersuchungsgegenstand einer Gruppe Studierender in ihrer Sommerschule. Am Mittwochabend präsentieren sie das Fazit im Theater am Rand: Der gemeinsame Handlungsraum ist ein unerreichter Wunsch.

110 Bewohner des Oderbruchs haben sie befragt: Ist das Oderbruch ein Handlungsraum? Ist das Verhältnis der Landesregierung zum Oderbruch ausgewogen? Was müsste sich ändern? Viele der Antworten projizieren die Studierenden bereits vor der Vorstellung an die Leinwand im Theater am Rand. Auf den Bänken sitzen Dutzende Oderbrücher und lassen sich den Spiegel vorhalten. Sie kommentieren meist zustimmend viele der Aussagen, die ihnen während der Performance von den Studierenden vorgespielt werden.

Das Spielen und die Theaterbühne nehmen sie dabei wörtlich. Der Oderbruchpavillon, das Büro für Landschaftskommunikation von Kenneth Anders und Lars Fischer, das die Sommerschule dieser Studentengruppe der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde veranstaltete, hat mit ihnen die Ergebnisse ihrer Forschung szenisch aufbereitet.

Es beginnt mit einer Orchesterprobe: Alle Gemeinden des Oderbruchs sind mit Instrumenten zur ersten Probe eingerückt. Jeder spielt sein Instrument unbeeindruckt vom Nachbarn. In dieses musikalische Chaos hinein ertönt der Ruf nach einem Dirigenten, den schließlich Lars Fischer spielt. Musiktherapeutin Gudrun Anders gibt am Keyboard den Kammerton vor, und schon regt sich Widerspruch: "Die wird doch vom Land bezahlt, nach deren Pfeife tanz' ich nicht."

Seit 2003 arbeitet der Oderbruchpavillon an der "Gesamtwahrnehmung des Raumes", sagte Kenneth Andres zur Begrüßung. Das Schlüsselthema der Sommerschulen sei die Frage: Ist das Oderbruch ein Raum, auf den sich die Menschen in ihren Handlungen beziehen, nehmen sich die Menschen dort als zusammengehörig wahr?

Die Studenten haben Antworten zusammengetragen und spielen sie in ihrem Orchester. Da will der leistungsfähige Landwirt die Auftrittskleidung sponsern. Er spricht einen harten, auswärtigen Dialekt und trifft auf Ablehnung. Da streitet man um das Logo: die Odernixe oder, ganz absurd, der Biber? Viele der im Oderbruch gängigen und widerstreitenden Argumente und Standpunkte kommen aus dem Orchester: "Sie sind doch bloß zugezogen", heißt es und: "Nur wer hier Eigentum hat, darf mitbestimmen."

Bei der Auswahl des Dirigenten für das Oderbruchorchester soll es einer sein, der durchgreifen kann, zuhören müsse er, Sprachrohr solle er ein, einer, der Geld in die Region bringt, am besten Friedrich der Große. "Der hat alles für uns in die Hand genommen." "Aber einer von uns muss es sein." Als eine sagt: "Ich bin nicht von hier, und wenn man nicht von hier ist, wird man hier nicht akzeptiert", ruft einer im Publikum: "Genau so ist es!"

Die Studierenden haben nicht an Kreativität gespart, um ihr Theaterstück auch unterhaltsam zu gestalten. Da singen die Touristiker ihre Klagelieder: "Tourismus ist ein hartes Brot, wir leiden alle große Not und stehen gerade kurz vorm Tod" und schicken den Stoßseufzer gen Himmel: "Ach Oderbruch, du schönes Land, werde doch bald weltbekannt." Und schließlich haben sie fast jeder Kommune ein Lied auf den Leib geschrieben. Da hört man "Von Bad Freienwalde kommen wir, wir sind ein wenig was Besseres als ihr" oder "Groß Neuendorf ist unser Pfund, hier gibt es manchen guten Grund, uns zu besuchen, und Pflaumenkuchen" und "Wir Kinder von Golzow, wir arbeiten viel, so habt ihr zu essen, das ist unser Ziel". Symbolisch zeigen die Studenten, was mit dem Oderbruch passiert, wenn jeder seine Interessen rücksichtslos durchzieht – zwischen den Stricken sinkt es zu Boden.

Lars Fischer moderiert abschließend eine Talkrunde zwischen der Ortsvorsteherin Heidemarie Kiehl (Güstebieser Loose), Keramikerin Susann Persiel (Altwriezen) und Landrat Gernot Schmidt (SPD). Auch dort erscheint das Oderbruch nicht als homogener Handlungsraum. "Der Landkreis arbeitet aufgabenorientiert, das provoziert oft Konflikte aus der Regionalität heraus, weil eben der berlinnahe Raum andere Schwerpunkte und Interessen hat als das Oderbruch", sagt Gernot Schmidt. Heidemarie Kiehls Sorge ist, dass die knappen Finanzen eine kommunale Selbstverwaltung in den Bruchdörfern abschnüren: "Wir schaffen kaum die Pflichtaufgaben, für hochfliegende Pläne und Träume reicht es nicht." Die beargwöhnten starken Firmen machten viele Feste und Aktivitäten erst mit ihrem Sponsoring möglich. Eine politische Instanz für das Oderbruch, so bilanzierte Moderator Lars Fischer, gibt es nicht, aber Mitsprachemöglichkeiten, um die Region betreffende Entscheidungen zu beeinflussen, gebe es.

 


 

MOZ – Bad Freienwalde, 22.07. 2012

Puzzle zur Landschaft überzeugt Jury

Von Steffen Göttmann

Bad Freienwalde (MOZ) Anne Kulozik und Kenneth Anders von der Akademie für Landschaftskommunikation sind für ihr Projekt der Landschaftsbildung für Grundschulen mit dem Sonderpreis beim Bundeswettbewerb "Mixed-up - Kultur macht Schule" ausgezeichnet worden.

Die freudige Nachricht ging jetzt beim Büro für Landschaftskommunikation in Schiffmühle ein. Das Bundesfamilienministerium und die Bundesvereinigung für kulturelle Bildung hatten den Wettbewerb ausgelobt. Die Preisverleihung wird im September in Potsdam sein. Immerhin ist das Projekt eines von bundesweit sechs, die ausgezeichnet wurden. "Der Preis zeigt uns, dass wir auf der richtigen Spur sind", sagt Anne Kulozik. Hauptkooperationspartner ist die Insel-Grundschule in Neuenhagen. Mit der Akademie für Landschaftskommunikation hat sie eine Unterrichtseinheit für Landschaftskunde entwickelt, die sie gemeinsam mit Anders in den Grundschulen Altreetz, Neutrebbin und Neuenhagen testete. Doch eine kontinuierliche Zusammenarbeit erreichte das Team nur mit der Insel-Grundschule.

Als Landschaft haben sich die Initiatoren das Oderbruch ausgesucht, das im Osten durch die Oder und im Westen durch die Höhe klar abgegrenzt ist. Mit ihrem Landschaftskoffer und ihrem Landschaftspuzzle zogen sie durch die Schulen. Die einzelnen Teile des Puzzles stellen schematisch das Oderbruch dar - Himmel, die Strom-Oder, Felder, Wälder und Gräben. Der Landschaftskoffer enthält Materialien - Sand, Perlen, ein Tau, um ein Modell des Oderbruchs zu bauen oder Fläschchen, um Proben von Wasser aus den Gräben zu nehmen.

"Die Kinder sollen lernen, die Landschaft zu lesen, sie in ihrer Komplexität wahrzunehmen und sich mit ihr zu identifizieren", sagt Anne Kulozik. Anhand des Modells erkennen sie, wie der Fluss die Landschaft verändert und welche Folgen die Trockenlegung hatte. Warum Kolonistendörfer lang gestreckt sind und warum die Dörfer früher anders aussahen. Sie lernen die Funktion von Deichen und Gräben kennen und erfahren etwas über das Hochwasser. "Die Kinder lernen, vernetzt zu denken", sagt sie.

Anne Kulozik kommt aus Selm (Nordrhein-Westfalen). Die 28-Jährige hat in Osnabrück einen Abschluss als Diplomingenieurin für Landschaftsentwicklung absolviert. Nach ihrem Studium begann sie ein ähnliches Vorhaben auf den Shetland-Inseln. Dort kam ihr die Idee mit dem Landschaftspuzzle. Nun sei es ihr gelungen, den Inhalt auf Deutschland zu übertragen.

Derzeit weiten Kulozik und Anders die Landschaftsbildung auf weiterführende Schulen aus. Als Partner konnten sie das Johanniter-Gymnasium in Wriezen und die Oderbruch-Oberschule Neutrebbin gewinnen. Der Unterrichtsstoff wird dem Alter der Schüler angepasst.

Anne Kulozik kann von den Projekten noch nicht leben. Der Erfolg und das Interesse an ihrem Bildungsprojekt seitens der Schulen veranlasste sie jedoch, ihren Job an der Universität Osnabrück aufzugeben und nach Bad Freienwalde zu ziehen. Sie wolle die Landschaftsbildung systematisieren, sodass sie sich auf andere Landschaften projizieren lässt. Anne Kulozik hat ein klares Ziel vor Augen: "Ich möchte mich damit selbstständig machen."

 


 

MOZ – Bad Freienwalde, 02.07. 2012

MOZ – Bad Freienwalde, 02.07. 2012

So breit ist die Palette: Kenneth Anders in Wulkow.
Foto © gunter pröhl

Alt werden auf dem Lande

Von Doris Steinkraus

Wulkow (MOZ) Alle reden über den demografischen Wandel. Ist er ein Fluch oder auch eine Chance? Der Öko-Speicherverein hat am Freitagabend eine Veranstaltungsreihe begonnen. Zum Auftakt stellte Kenneth Anders vom Oderbruchpavillon viele Fragen und Thesen in den Raum.

Es ist schwülwarm und schon spät am Abend, der Referent verfährt sich, braucht das akademische Viertel. Die Gäste im Speicher werden aber schnell entschädigt. Kenneth Anders, der Kulturwissenschaftler, Soziologe und Philosoph, hält keinen trockenen Vortrag. Er erzählt von dem, was er macht, was sich hinter dem groß klingenden Wort Landschaftskommunikation verbirgt. „Ich rede mit den Menschen im Oderbruch, mit den Leuten von nebenan, mit Landwirten, Förstern, Kommunalpolitikern.“ Zuhören und Schlüsse daraus ziehen, darauf laufe vieles hinaus.

Es ärgere ihn, dass beim Thema Demografie sofort der negative Aspekt kommt. Die Jugend würde wegziehen, man könne ohnehin nichts tun, heiße es sofort. Anders wehrt sich seit Jahren gegen diesen Pessimismus. Es sei nun mal gegeben, „dass wir Deutschen uns nicht mehr vermehren“, sagt er schmunzelnd. Und es sei natürlich illusorisch, dass man neue Infrastruktur auf dem Lande schaffe werde, um erst mal wieder Leite zu locken. Er erinnert an Preußens Glanzzeit, wo eben im Oderbruch Schulen geschaffen wurden, um Kolonisten zu gewinnen. Aber das, was da ist, müsse bleiben. „Schulen brauchen Vertrauensschutz“, steht für ihn fest. Das ist seine Forderung an die Politik. Vieles andere müsse durch die Menschen vor Ort selbst in die Hand genommen werden.

Dazu seien auch andere Sichtweisen nötig - keinen neuen, sondern ein Besinnen auf Bewährtes. Er nennt das Beispiel Schule. Seit Jahren wirbt er - auch mit seinen Landschaftskoffern, mit denen er Schülern Heimat in den Unterricht bringt - für mehr landschaftskundliche und landschaftspolitische Bildung. Von Verantwortlichen höre er oft, dass man sich die Mühe sparen könne, weil die Kinder ja eh wegziehen. Das übertrage sich auf die Lehrer und sei für ihn ein völlig falscher Ansatz, denn gerade im Heranwachsen werde oft der Grundstein für spätere Entscheidungen gelegt. „Provinz ist etwas für Spätzünder“, glaubt Anders. Er lehnt auch die Vision der Angleichung von Stadt und Land und die Verklärung der ländlichen Idylle ab. Genau um die Unterschiede gehe es doch. „Wir haben vielfach verlernt, sie zu erkennen und deutlich zu artikulieren“, sagt Anders. Er erlebe selbst die Wirkung der Landschaft auf Menschen. Viele würden lange Zeit eine große Jugendlichkeit ausstrahlen. Hinzu käme für ihn das Miteinander verschiedener Generationen. In Ballungsgebieten würden sich meist nur Gleichaltrige treffen. Auf dem Lande sei dies gar nicht möglich. Hier treffe Jugend, Erfahrung und Weisheit aufeinander. Das mache für ihn das Leben auf dem Lande besonders interessant und das sei auch eine der Chancen.

 


 

MOZ – Bad Freienwalde, 21.05. 2012

MOZ – Bad Freienwalde, 21.05. 2012


© MOZ

"Oderbruch fehlt der Kapitän"

Von Steffen Göttmann

Bad Freienwalde (MOZ) Das Oderbruch ist weder eine Planungsregion, noch bildet es eine Verwaltungseinheit. Kenneth Anders, der mit Lars Fischer das Büro für Landschaftskommunikation in Schiffmühle betreibt, regt dazu an, über eine gemeinsame Steuerungsebene nachzudenken.

"Das Oderbruch als Handlungsraum" ist der Schwerpunkt, mit dem sich das Büro in diesem Jahr auseinandersetzt. Kenneth Anders, Jahrgang 1969, ist freischaffender Kulturwissenschaftler, Autor und Musiker. In der Region hat er sich als Oderbruch-Visionär einen Namen gemacht. Nicht alle jedoch verstehen und mögen ihn. Dennoch setzt er seinen Weg unbeirrt fort, sieht sich als Vordenker, der Anregungen gibt und zur Diskussion auffordert.

Genauso verhält es sich mit seinem neuen Thema. "Wir wollen niemandem vor den Kopf stoßen, niemanden übergehen, sondern eine Diskussion in Gang bringen, dass der Raum spezifisch ist und eine gemeinsame Struktur braucht", erklärt Anders. Dabei beruft er sich auf die Forschung und eigene Beobachtungen. So habe Andreas Röhring vom Leibniz-Institut für Raumentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner den hohe kulturgeschichtlichen Wert des Oderbruchs und die prägnante Landschaft hervorgehoben und dabei festgestellt, dass eine gemeinsame Steuerungseinheit fehle. Darüber hinaus konstatierte er, dass das Oderbruch keine Planungsregion sei, sondern in mehrere Kommunen zerfalle. Dabei seien die Grenzen klar definiert und auf jeder Karte sofort erkennbar. Anders stellt sich ein Gebiet vor, dass etwa dem des Gewässer- und Deichverbandes Oderbruch (Gedo) entspricht.

Die zweite Anregung gab Anders der Bürgeriniative, die gegen die Kohlendioxid-Verpressung ist und sich dagegen verwahre, als "Bauchladen-Protest-Bewegung" des Oderbruchs zu agieren. Mitglieder der Bewegung seien angesprochen worden, ob sie auch gegen Windkraft oder gegen Biogasanlagen ihre Stimme erheben würden. Offensichtlich suchten die Menschen nach Vorreitern, die sich für das Oderbruch einsetzen. Als Indiz für das Zusammengehörigkeitsgefühl bewertet Anders auch die Rückkehr von Hohensaaten nach Märkisch-Oderland.

"Wir wollen das Oderbruch weder aus dem Landkreis Märkisch-Oderland ausgliedern, noch eine große Gemeindestrukturreform anschieben", unterstreicht Kenneth Anders. Vielleicht gebe es eine Möglichkeit, einen Landschaftspark zu bilden. Er habe Amtsdirektoren, Bürgermeister und Kommunalpolitiker angeschrieben und sie zu ihrer Meinung gefragt, sagt Kenneth Anders. Auch Landrat Gernot Schmidt (SPD) sei in den Diskussionsprozess eingebunden.

Anders schwebt eine Art Markenzeichen vor, das wie eine Klammer wirkt. So wie die Schorfheide für Waldwirtschaft und Tourismus steht. Das Oderbruch sei dagegen stark landwirtschaftlich geprägt. Tourismus, Kunst und Handwerk kommen eher kleinteiliger daher. "Damit nicht jeder alleine vor sich hin dümpelt, sollte man den Raum näher fassen", sagt Anders. "Dinge funktionieren am besten, wenn regionale Planungsgemeinschaften und Landkreise übereinanderliegen", ist der Landschaftskommunikator überzeugt.
Auch die Sommerschule mit Prof. Ute Steinhardt und Studenten des Fachbereichs Landschaftsnutzung und Naturschutz der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE) im September werde sich mit diesem Thema in Wilhelmsaue beschäftigen. "Wir werden mit einem Experten eine Panoramakarte vom Oderbruch erstellen", erklärt Anders. Die Studenten werden Menschen und Körperschaften in der Region bitten, vier bis fünf Dinge zu nennen, die sie als typisch für das Oderbruch halten. Für die einen werde es vielleicht die Alte Oder sein, für die anderen die Deiche und für wieder andere eine prägnante Allee. Die gesammelten Elemente werden in die Karte eingezeichnet. Museumsleiter Reinhard Schmook habe bereits eine Liste mit 40 Punkten zusammengestellt, die eine gute Grundlage bilden. Die Ergebnisse der Sommerschule werden dann bei einer Präsentation im Theater am Rand in Zollbrücke vorgestellt.

 


 

OYA - anders denken. anders leben - 12/2012

OYA - anders denken. anders leben - 12/2012

© Oderbruchpavillon

Als wär's eine Insel

Wie Kunst mit dem Boden das Oderbruch als sensibles Ökotop ­erfahrbar macht.

Von Sabrina Schulz

Am östlichen Rand der Bundesrepublik steht mitten auf dem Gras­acker ein Campingstuhl. Daneben liegt ein Gipfelbuch. ­»Soviel Himmel braucht guten Boden als Träger« hat jemand ­hin­eingeschrieben. Ein anderer Eintrag lautet: »Erst ein Grasacker, am Ende ein vielfältiger Ort mit Gipfel.« Dabei ist man geneigt, den 2,60 Meter über dem Meeresspiegel liegenden »Gipfel« erst einmal zu übersehen. Bei näherer Betrachtung gewinnt die platte Wiese jedoch an Profil. Eine Senke erstreckt sich quer über die Fläche bis zur Stillen Oder. Wer einen Blick in alte Landkarten wirft, dem gibt sie sich als trockengefallener Flussarm zu erkennen.
Diese »ganz stille Oder« verweist auf das Ungezähmte, Eigenwillige in der unscheinbaren Produktionsfläche - ein Gruß aus alter Zeit, bevor die Kunst der Wasserbauingenieure in markanten Strichen das heutige Bild des Oderbruchs zeichnete. Die einst amphibische Landschaft aus Feuchtwiesen, Bruchwald und wild verzweigten Fließgewässern ist heute von Deichen umschlossen. Der Wasserstand in den Gräben wird von Schöpfwerken reguliert. Die typische Polderlandschaft war das Vorzeigeprojekt des preußischen Landesausbaus. Mitte des 18. Jahrhunderts will der Alte Fritz Land und Leute gewinnen. Andernorts legen die angeworbenen Siedler Flächenbrände. Auf Hochmoorböden wächst ohne eine Handvoll Asche nur Wollgras. An der Nordsee ringt man den Gezeiten ihre Sedimentfracht ab. Eingedeicht wird die junge Marsch oft erst nach Jahrzehnten. Im Oderbruch hingegen ist der fruchtbare Auelehm längst da. Man muss nur das Wasser aus der Fläche bekommen. Das gelingt 1753 mit dem Kanaldurchstich bei Güstebiese (heute Gozdowice). Das ingenieurtechnische Großprojekt verlegt den Hauptabfluss der Oder an den Ostrand des Bruchs und schließt die Deichlinie. Was an Drängewasser durch den Untergrund in den Polder drückt, wird in Entwässerungsgräben abgeführt. Das Kolonistenland liegt trocken.

Hinter dem Deich
Knapp 250 Jahre später ist das Wasser fast wieder drin. Andauernder Starkregen in Tschechien und Polen löst im Sommer 1997 das Oderhochwasser aus. Tagelang blickt Deutschland auf das Oderbruch und hält vor dem Fernseher den Atem an. Die Gedanken kreisen um 1947, als bei einem Deichbruch 20?000 Menschen hier ihr Hab und Gut verloren. Dann sackt die Böschung des Deichs bei Hohenwutzen. Die Evakuierung der Bevölkerung wird angeordnet, die Bundeswehr zur Verstärkung gerufen. Freiwillige Helfer füllen 8 Millionen Sandsäcke. Soldaten riskieren ihr Leben, um die Schadstellen abzudichten. Das glückliche Schlusskapitel der Deichverteidigung geht als »Wunder von Hohenwutzen« in die Geschichte ein. Anfang August kommt die Entwarnung: Der Pegel sinkt. Die Medien widmen sich dem Unfalltod von Lady Di. Vorschläge, die Deiche zu öffnen und dem Fluss die Aue zurückzugeben, sorgen nur noch lokal für Schlagzeilen. Der Traum von der amphibischen Landschaft lässt die Bewohner des Oderbruchs nachts nicht mehr schlafen. Lässt sich mit Sparzwang und Naturschutzauflagen rechtfertigen, was sonst in Diktaturen und Kriegen geschieht: die Vertreibung von mehreren tausend Menschen? Erst als die Landesregierung sich zum Erhalt des Oderbruchs bekennt und die Deiche erhöht, sinkt der Angstpegel. Doch der Wasserstand sorgt für Bluthochdruck im Halbjahrestakt. Im Sommer 2010 wieder Starkregen, im Winter 2011 ein Eisstau. Das Wasser leckt an der Deichkrone, die Evakuierungspläne liegen auf dem Tisch. Die neuen Deiche aber halten stand.
Und doch lässt sich das Wasser nicht einfach vor den Deich verbannen. Starke Niederschläge, schlecht gepflegte Gräben und Fließgewässer, eine Mittelkürzung für den Schöpfwerkbetrieb oder ein fleißiger Biber - das System ist empfindlich, schnell sind die Senken gefüllt. Wasserflächen glitzern auf den Feldern. Wer aus der Luft einen Blick darauf werfen kann, erkennt in dem Muster das alte Gewässernetz. Am Boden blicken die Landwirte auf vernichtete Ernten. Diese Landschaft ist schwer zu berechnen.
Minutenböden sagt man, wenn zwischen »zu nass« und »zu trocken« nur wenig Spielraum für die Bewirtschaftung bleibt. Dennoch sind die meisten Flächen so ertragreich, dass im Oderbruch die intensive Nutzung dominiert. Auf gigantisch großen Schlägen wachsen Energiepflanzen, früher auch Gen-Mais. Der Grünlandanteil ist verschwindend gering. In den Siebzigern war auch Joachim Quast noch stolz auf jede Wiese, die durch Entwässerung zum Acker wurde. Inzwischen sieht der Hydrologe vieles anders. In seinem Traum von der Landschaft verschwimmen Polder und Aue ineinander. Ein Konzept für die Umsetzung legte er schon in den 1990er Jahren vor. Während die einen das Oderbruch um jeden Preis entwässern, die anderen es dagegen lieber fluten wollen, verweist es auf eine dritte Option: das Wasser als Verbündeten zu sehen. Es macht die Landschaft attraktiv und lebendig, kann den Deich durch Gegendruck von der Binnenseite stabilisieren und lässt sich im Extremfall dorthin lenken, wo es am wenigsten Schaden anrichtet. Aber für ein solches Bündnis müsste man kompromissbereit sein und ein wenig Land wieder feucht werden lassen. Man müsste die Ignoranz überwinden und Heizungen nur noch unter dem Dach installieren. Stattdessen kriecht mit der Feuchtigkeit eine lähmende Angst in die Häuser.

Kommunikation mit der Landschaft
Aber in dieser Landschaft ist viel Platz, auch für mutige Experimente. Der Campingstuhl mit Gipfelbuch ist nur der Gipfel der Expedition auf den Acker. Auf dem Weg dorthin hat jemand die Grasnarbe abgetragen, kleine Erdwälle säumen die Stelle wie entzündete Wundränder. Nichts hindert den Blick, den nackten Boden abzutasten. Die Hände möchten folgen, die weiche Haut der Erde berühren. Und doch zögert man. Vielleicht ist der Boden empfindlich, so ungeschützt? Auch andernorts warten tiefgründige Begegnungen. Stufen führen hinab in die Erde, lassen staunen über Schichtung und Körnung und über die Gräser - wie sehr sie sich doch an den verschiedenen Standorten unterscheiden. Eine weißgekleidete Frau mit Hut hat einige in ein Herbarium geklebt. Ist sie Lehrerin, Künstlerin, Forscherin? Ein Klangforscher hat Geräusche aus dem Untergrund geborgen. Kann man das Gras wachsen hören? Wohl kaum, aber man kann Verse lesen, auf einen alten Pflug geschrieben:

»Wer sich an die Scholle bindet,
kann nichts ins Feld führen,
nur seine Existenz,
er macht sich abhängig
von Boden, Humus und Wasser,
von Wind und Wetter;
von Jahreszeiten und Widrigkeiten;
eine Übung in Demut,
die bauernschlau macht.«

Der Autor und zugleich Initiator des sogenannten Landschaftspleinairs im Juli 2011 ist Kenneth Anders. Zusammen mit Lars Fischer gestaltet er den Oderbruchpavillon. Der lädt zwar auf Entdeckungsreise in die Landschaft ein, ist selbst aber kaum darin zu finden. Dabei sollte es durchaus einen konkreten Ort für die Begegnungsstätte mit dem Oderbruch geben, doch konnte sich der Oderbruchpavillon bisher nur auf seiner Internetseite dauerhaft einrichten - in einer Landschaft, in der erst seit kurzem Hoffnung auf eine Breitbandversorgung besteht.
Aus der Not haben Anders und Fischer eine Tugend ­gemacht. Die Internetseite dokumentiert Bausteine für die Regio­nalentwick­lung, Zeitungsartikel, Informationen und Kolumnen. Wer weiß, wogegen man mit dieser Sammlung einmal gewappnet ist? Dazu kommen raumgreifende Aktionen, mit denen der Pavillon der Verbannung in virtuelle Welten trotzt. Und zur Kommunikation über Landschaft verführt. Sei es mit dem Pleinair zum Thema »Grund und Boden«, mit einem Theaterstück, einem Themenabend oder einem Schulprojekt. Manchmal auch mit einer Provokation. Nicht selten wird bereits die Einladung zum Gespräch als solche missverstanden. Über so vieles spricht man nicht. Wer sich nicht ­daran hält, rührt an sorgsam ausbalancierte Machtverhältnisse. Ein ­aktuelles Beispiel liefert der letzte Themenabend. Es geht um Hochwasserschutz, auch Joachim Quast ist unter den Referenten. Er gibt das Stichwort: Überlaufstrecken, also das kontrollierte Einleiten von Wasser in Teilgebiete des Oderbruchs. Vielleicht sollte man darüber nachdenken. Vielleicht ließe sich so im Extremfall Schlimmstes verhindern. Die medienwirksame Stellungnahme des Landrats folgt prompt. Von Horrorszenarien ist da zu lesen und davon, dass Deichverteidigung keine Spaßveranstaltung sei.
Ähnlich schnell verhärten die Fronten beim Thema Boden. Da gibt es die Idee, probeweise CO2 unter das Oderbruch zu pressen. Eine Genehmigung steht noch aus, der Vermittlungsausschuss tagt. Medien, Bürgerinitiativen, Politik und Experten - alle beziehen ihre Posten. Wer nach den Informationen hinter der Rhetorik fragt oder den Interessen, hat bald Feinde in allen Lagern. Wie soll man aufeinander zugehen in vermintem Gelände? Auch ein Blick auf die oberirdischen Verteilungskämpfe wirft diese Frage auf. Mit der Privatisierung ehemals volkseigener Flächen nach der Wende hätte der Staat viel Gutes bewirken können. Doch vergeben wird das Land nach Höchstgebot. Welchen Beitrag der neue Eigentümer für die Vielfalt der ländlichen Räume leistet, wie verantwortungsbewusst er auf seinem Boden wirtschaftet - alles Nebensache. Noch sind nicht alle Flächen verkauft, nicht alle Pachtverträge geschlossen. Doch dass das Land begehrt ist, spricht sich herum, auch unter denen, die dar­auf vor allem Renditen ernten wollen. Wer weiß, wenn man über das Bodenproblem nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert? Unter solchen Bedingungen ist die Kommunikation über Landschaft kein gemütliches Hobby, sondern ein hartes Geschäft. Zu verdienen ist oft nicht einmal Dank. Und doch gibt es die großen Erfolgsmomente. Etwa, wenn ein alteingesessener Agrarbetrieb seinen Grasacker zur Verfügung stellt, damit Künstler darin Mikrofone versenken, um dem Boden zu lauschen.

Sabrina Schulz (30), Kulturwissenschaftlerin M.A., fühlt sich an den Schnittstellen am wohlsten. Hier widmet sie sich schreibend, beratend, ­forschend und vermittelnd den Aufgaben und Projekten, die einem Nachhaltigkeitswandel zuträglich scheinen. www.zeilenbrecher.de

Spuren zur grünen Insel im Nordosten:
www.oderbruchpavillon.de, www.landschaftskommunikation.de

www.oya-online.de...Als waer's eine Insel

 


 

MOZ – Bad Freienwalde, 29.02. 2012

MOZ – Bad Freienwalde, 29.02. 2012

Volles Haus: Der Moderator des Diskussionsabends im Theater am Rand in Zollbrücke, Kenneth Anders, hatte große Mühe, alle Bürgernachfragen aus dem Publikum zuzulassen, so viele waren es.
Foto © Sören Tetzlaff

"Kaum Chance zur Mitgestaltung"

 

Zollbrücke (MOZ) Mit einer überwältigenden Besucherzahl ging der Diskussionsabend zum Thema Windkraft, zu dem Landrat Gernot Schmidt (SPD) und Amtsdirektor Karsten Birkholz am Montag geladen hatten, über die Bühne. Der Zuschauerraum im Theater am Rand in Zollbrücke war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wer erst kurz vor Veranstaltungsbeginn kam, hatte Mühe noch einen Platz zu finden. Neben Gemeindevertretern, engagierten Bürgern - zugezogenen wie einheimischen - mischten sich Gäste aus Gemeinden, die bereits Windkraftanlagen haben.

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Bürger, anscheinend lange auf eine Veranstaltung wie diese gewartet haben, um im direkten Gespräch und aus erster Hand Informationen zu den geplanten Windkraftanlagen zu erhalten. So eignete sich das Forum, um auf der einen Seite den Sorgen und Ängsten der Bewohner des Oderbruchs und anderer betroffener Gemeinden - so zum Beispiel im Bezug auf mögliche Folgen wie den Bau einer Hochspannungsleitung - Ausdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite konnten die drei Herren auf dem Podium ihre Positionen deutlich machen. Zu Beginn der Veranstaltung fasste Moderator Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation in einem kurzen Referat die Eckpunkte der bevorstehenden Energiewende zusammen. Dazu gehörten zum einen die extreme Abhängigkeit von Energie und zum anderen die hohe Geschwindigkeit, mit der sie umgesetzt werden soll. "Das Tempo verhindert Anpassungsprozesse. Und das Landschaftsbild ist das Einzige, was wir alle teilen", so Anders. Zudem thematisierte er die Rolle des Staates, der die Energiewende eingeleitet hat und dabei mit unbedingtem Willenvorangehen will. Auch die in diesem Zusammenhang "schwache Position der ländlichen Räume" führte er an. "Der Strukturwandel ist unvermeidlich, doch wie können wir ihn gestalten", fragte Kenneth Anders und regte einen Dialog mit den Gemeindevertretern an. "Obwohl die Teilhabe an der bevorstehenden Transformation schwierig für die Kommunen ist", räumte er ein.

Das betonten auch der Direktor des Amtes Barnim-Oderbruch, Karsten Birkholz, und Landrat Gernot Schmidt in ihren Redebeiträgen mehrfach. "Wir müssen die Eignungsgebiete festlegen, um Wildwuchs zu verhindern", machte der SPD-Politiker und Mitglied der Regionalversammlung deutlich. Karsten Birkholz übte darüber hinaus an dem Verfahren, über das Rüdiger Rietzel, Leiter der Regionalen Planungsgemeinschaft Oderland-Spree, ausführlich berichtete und die rechtlichen Rahmenbedingungen darlegte, Kritik. "Es ist veraltet und nicht mehr zeitgemäß", sagte Birkholz. "Der Gesetzgeber reagiert nur, aber agiert nicht." Darüber hinaus gebe es nur begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten für die Kommunen. Sie hätten zwar die Planungshoheit, müssten sich aber an höherrangigem Recht orientieren. "Die Energiewirtschaft ist auch übergemeindlich von Belang", entgegnete Rüdiger Rietzel. Denn die ländlichen Räume müssten die Ballungsräume mitversorgen. Deshalb gehe die Energieversorgung auch über den konkreten Bedarf hinaus. "Die Bundespolitik schafft die Rahmenbedingungen und setzt uns unter Zugzwang", kommentierte der Landrat seinen Vorredner.