Pressespiegel 2010

Märkische Oderzeitung (MOZ), Dienstag, 23. November 2010 / 21:09 Uhr / Red. Bad Freienwalde

Märkische Oderzeitung (MOZ), 23.11.2010

Interessierter Schulterblick: Klassenleiterin Birgit Werner (l.) möchte auch einen Blick auf das Puzzle vom Oderbruch erhaschen, das ihre Sechstklässler in der zweiten Stunde bemalt haben. Auffallend sind die vielen Vögel. Foto: moz

Kinder malen ihre Landschaft Oderbruch

Neuenhagen (moz) Als Pilotprojekt haben Kenneth Anders vom Oderbruch-Pavillon und Anne Kulozik von der Fachhochschule Osnabrück am Dienstag Sechstklässlern der Neuenhagener Grundschule die Landschaft des Oderbruchs nahegebracht.

Von Jens Sell

Als Kenneth Anders die Sechstklässler der Neuenhagener Grundschule am Ende der Doppelstunde fragte, ob sie die A-4-Blätter mit dem Puzzle-Grundriss zu Hause noch aus- und bemalen wollen, riefen alle begeistert: "Ja!" Klassenleiterin Birgit Werner machte gleich Nägel mit Köpfen: "Dann tragt es euch ins Hausaufgabenheft ein, bis Donnerstag sind die Landschaften zu malen." Kenneth Anders versprach, zur Auswertung dieser Blätter dann wieder in die Schule zu kommen.

Es geht bei diesen Blättern um mehr als das bloße Ausmalen. Ihre Erfahrungen mit der Landschaft des Oderbruchs sollen die Kinder mit hineinmalen und sie so mit Leben erfüllen.

Die Doppelstunde, die Kenneth Anders vom Oderbruch-Pavillon und Anne Kulozik, Studiengangskoordinatorin an der Fachhochschule Osnabrück, gestalteten, war Pilotprojekt für Unterrichtsmodule, die die Grundschulen künftig in eigener Regie in ihren Lehrplan einbauen können. Das Projekt basiert auf Anne Kuloziks Diplomarbeit. Sie hat sie zwar auf den Shetland-Inseln über die dortige Landschaft geschrieben, Grundlagen aber bei der gemeinsamen "Sommerschule" ihrer Fachhochschule und der Fachhochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Oderbruch gelegt.

Gestern Nachmittag stellten Kenneth Anders und Anne Kulozik den landschaftspolitischen Unterricht Grundschulleitern aus Neutrebbin, Altreetz und Neuenhagen sowie der Gymnasien Bad Freienwalde und Wriezen vor. "Umweltbildung ist sehr stark naturraumorientiert", erläutert Anders die Herangehensweise, "deshalb üben wir im Klassenraum die Interaktion zwischen Mensch und Natur, um die Kinder zu sensibilisieren."

Gestern ist das gut gelungen. Zunächst haben die Referenten allgemein Elemente der Natur mit den Kindern erarbeitet, dann, was die Spezifik des Oderbruchs ausmacht. Schließlich gaben sie den Kindern die Teile zweier halbquadratmetergroßer Puzzles mit stark schematischen Landschaftselementen des Bruchs: Die Oder und die Alte Oder, ein Graben, ein Feld, der Hang des Barnim und der Himmel. In Gruppenarbeit malten die Kinder die Teile aus und fügten ihnen hinzu, was sie aus dem Oderbruch kennen. Lewin malte einen Biber, andere malten Vögel, ein Flugzeug und einen Heißluftballon, Trecker und Schubprahme.

Am Ende der Doppelstunde sagte Julio: "Ich finde es gut, dass Sie sich so viel Mühe mit der Vorbereitung gegeben haben, um uns etwas über die Landschaft beizubringen." Auch Vanessa fand die Doppelstunde "richtig gut", und Nathalie sagte: "Das war interessant, so viel über die Landschaft zu erfahren." Klassenleiterin Birgit Werner gefiel, dass das Thema fächerübergreifend Wissen vermittelt hat: in Biologie, Geographie und Politischer Bildung.

 


 

Märkische Oderzeitung (MOZ), Sonnabend, 18. September 2010 / 08:58 Uhr / Red. Bad Freienwalde

Märkische Oderzeitung (MOZ), Sonnabend, 18. September 2010

Odernixe schürzt den Knoten

Die Menschen können den Oderfluten nur Paroli bieten, wenn sie über ihre Einzelinteressen hinweg einig handeln. So die Quintessenz einer Theateraufführung, mit der die Studenten der Sommerschule des Oderpavillons die Ergebnisse ihrer einwöchigen Studien präsentierten.

Von Jens Sell

Zollbrücke (moz) Ein Bild hoher Symbolkraft: Die Oderbrücher beim Tauziehen mit dem Landesumweltamt. Das Seil ist aufgespleißt: An vier Enden zerren die Hiesigen, der Landesmann auf der anderen. Doch die Oderbrücher streiten und ziehen nach und nach in unterschiedliche Richtungen. Am Ende kann das Land das Seil fahren lassen und sich davon machen. Die Oderbrücher ziehen nun im Kreis. Als sie aufgegeben haben, erscheint aus dem Dunkel die Odernixe und schürzt einen Knoten aus den divergierenden Interessen.

Teilweise mit Mitteln des antiken Theaters, teilweise mit denen der Moderne tragen die 25 Studenten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und der Hochschule Osnabrück mit ihren Lehrkräften und den Vertretern des Büros für Landschaftskommunikation die Ergebnisse ihrer einwöchigen Forschungen im Oderbruch im Theater am Rand vor. Die Zuschauerränge sind gut gefüllt, es gibt Szenenapplaus und heitere Aha-Erlebnisse im Publikum.

Der weiße Masken tragende Chor aller Teilnehmer skandiert in einem Sprechgesang die Klagen der Kolonisten, die, vom König ins Land gerufen, sich jetzt vom Land alleingelassen fühlen. Für einzelne Szenen lösen sich verschiedene Studenten, legen die Masken ab und spielen ihre Rollen. Marcel Schwichtenberg zum Beispiel, der mit Rucksack und sogar einem am Hosenboden befestigten breiten Holzschwanz einen Elbebiber mimt, der das Revier an der Oder ideal findet. Vor allem, als ihm der Oderbiber erzählt, wie hilflos die Gegenmaßnahmen der Menschen gegen ihre Ansiedlung sind.

Den bedenkenswerten und heiteren Theaterszenen liegen ernsthafte Recherchen zugrunde, die die Eberswalder und Osnabrücker Studenten im Bruch betrieben. Ihre Ergebnisse liegen auch schriftlich in Form einer Wasser-Zeitung für das Oderbruch vor – „Wasserstandsanzeiger“. Sie befragten viele Anwohner des Oderbruchs, nicht nur nach der Faktenlage, sondern auch nach ihrer Meinung, wie beispielsweise die Gewässerunterhaltung finanziert werden sollte. Da sagten zum Beispiel 52 Prozent, das müssten die Bewohner, Nutzer und Landeigentümer gemeinsam mit dem Staat tragen, aber 44 Prozent sehen die Verantwortung allein beim Staat.

Ansprechpartner für die Probleme im Bruch und ihre Lösung waren Landwirte, Fischer, der Gewässer- und Deichverband Oderbruch, Kommunalpolitiker und der Landrat, das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, die Bürgerinitiative rettet das Oderbruch, Naturschützer und Naturpädagogen. Sogar die nicht unbeträchtliche Bevölkerungsgruppe der Künstler im Oderbruch ist vertreten.

Mit ihrem Theaterspiel haben es die Studenten sehr gut verstanden, den Zuschauern die eigene Verantwortung für die Entwicklung vor Augen zu führen. Wenn zum Beispiel der Fischer in seinem Kahn Quappen, Wels, Hecht und Barsch anbietet und der Chor stur skandiert: „Wir wollen Pangasius, Pangasius!“ Oder der Fischer Angelkarten selbst im Preis immer weiter senkt, um die Konkurrenten zu unterbieten. Doch auch das leidige Problem der Fahrstreifen entlang der Gräben thematisierten sie.

Die Studenten selbst zogen auch wichtige Erkenntnisse aus dieser Woche. Inga Bellstedt von der Hochschule Osnabrück ist fast fertig mit ihrem Studium der Landschaftsentwicklung: „Ich stamme ursprünglich aus Bremen und kenne Hochwassersituationen, auch das Wasser auf den Feldern. Doch hier war es etwas anderes: Eine Woche lang einmal mit vielen verschiedenen betroffenen Menschen zu sprechen und zu verstehen, wie manche Meinungen und Standpunkte in der Landschaft entstehen.“

Die Quintessenz der Forschungen bringt auf der letzten Seite der Wasser-Zeitung die „Wasserstandsanzeige“. In zehn Punkten fasst sie die Ergebnisse zusammen. Zum Beispiel empfiehlt sie Nutzungsänderungen in feuchten Tieflagen, die derzeit mit hohem Aufwand entwässert werden. Und: Landwirte, Fischer, Touristiker, Eigentümer und Bewohner sollten ihre unterschiedlichen Interessen zumindest erst mal anerkennen. Das Oderbruch brauche Mut zu eigenen, intern abgestimmten Entwicklungswegen. Damit alle an einem Strick ziehen, dann aber alle in die gleiche Richtung.

 


 

Zeit online 2.6.2010 – 18:35 Uhr – www.zeit.deQuelle DIE ZEIT, 02.06.2010 Nr. 23

Oder-Hochwasser

Lehren aus der Flut

Von Christiane Grefe | Stefan Schmitt

An der Oder bestanden die neuen Deiche ihre erste Bewährungsprobe. Diese zeigt aber: Zukünftig müssen die Menschen dem Fluss wieder mehr Freiheit geben.

Zeit online 2.6.2010

Feuerwehrleute auf dem Deich in der Nähe der brandenburgischen Ortschaft Neuzelle (Oder-Spree) - © Jens Büttner/dpa

Der Riss: Die Deichläufer entdeckten ihn im Morgengrauen. 3,8 Kilometer hinter der Stelle, wo die Neiße in die Oder mündet, hatte sich die Grasdecke gelöst und einen 25 Meter langen Spalt geöffnet. Einen ganzen Tag lang war der lädierte Flutwall die Topmeldung in den Medien. Ein Symbol für die Sorge, das Hochwasser könnte in Brandenburg erneut ein Unglück verursachen wie 1997.

Die Helfer aber, die vor dem Feuerwehrhaus am Eingang des 350-Seelen-Örtchens Ratzdorf saßen, mutmaßten: »Die Journalisten wollen wohl gar nicht, dass nichts passiert.« Denn hatten nicht 30 Leute die prekäre Stelle schnellstens mit Kiefernzweigen und Sandsäcken geflickt? Die Schnittstelle sprang sofort ins Auge zwischen einem Abschnitt aufgeweichten veralteten Schutzwalls und dem neuen, sanierten Deich – und der stand vor Ratzdorf wie eine Eins. So sahen Feuerwehrleute wie Bewohner den Schrecken in der Morgenstunde als Beleg dafür, wie perfekt man diesmal für das Hochwasser gewappnet war.

Das erneute Oderhochwasser verlief glimpflich, man habe aus der Jahrhundertflut von vor 13 Jahren gelernt, sagen alle Helfer. Doch was sind die Lehren aus dieser neuen Bewährungsprobe? Wird Hochwasser, sobald alle maroden Schutzwälle ersetzt sind, kein Thema mehr sein?

Das Gegenteil ist richtig: An der Oder lässt sich alles studieren, was Gesellschaften beschäftigen wird, solange Menschen am Flussufer wohnen. Neue Superdeiche sind nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Miteinander von Mensch und Wasser, Nutzlandschaft und Natur.

Immerhin: Schon im Frühjahr 1998, wenige Monate nach dem Jahrhunderthochwasser, hatte man mit der Sanierung der Deiche begonnen. Endlich, denn bereits in den siebziger Jahren hatten Wasserbauingenieure der DDR den Zustand der Schutzwälle kritisiert. Doch erst nach den Schäden der Jahrhundertflut von 1997 floss das notwendige Geld. EU, Bund und Land stellten 220 Millionen Euro zur Verfügung.

Ute Petzel ist Bürgermeisterin der Gemeinde Neiße-Münde, zu der auch Ratzdorf gehört. Im Büro der Feuerwehr sieht man die zierliche Politikerin auf einem Foto mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Landesumweltminister Matthias Platzeck über Sandsäcke balancieren. »Wir hatten ja 1997 null Vorkehrungen getroffen«, erzählt Petzel.

Dabei gehört Ratzdorf zu einer der gefährdetsten Stellen. Am Mündungsweg, der parallel zur Oder verläuft, waren die Häuser kräftig unterspült. Trotzdem begann man hier erst sechs Jahre später damit, den Ort zu schützen. »Ja, einige haben sich quergestellt gegen den Deich«, sagt Petzel. Genaueres will auch sonst niemand in dem 350-Seelen-Ort erzählen. Wenn einer sein Land nicht verkaufen, der andere eine Zufahrt oder den freien Blick auf den Fluss behalten will, dann bedeutet das beim Deichbau zähe Verhandlungen um Kompromisse – in Ratzdorf wie anderswo.

Umso größer ist die Leistung, innerhalb von 13 Jahren 90 Prozent der Deiche erneuert zu haben. Den Unterschied kann man jetzt in der Neuzeller Niederung sehen: Der alte Deichabschnitt mit dem vielzitierten Riss, der sich bis kurz vor Eisenhüttenstadt erstreckt, ist ein einziger Flickenteppich mit vielen Sandsäcken. Der Pegel der reißenden Oder steht nur eine Handbreit unter der Krone. Die neuen Deiche hingegen sind bis zu 70 Zentimeter höher und mit einem 4-Zonen-Filter ausgestattet. Zur Wasserseite dichten Ton und Lehm den Deichkern ab, dann bilden Sand, Kies und Schotter eine Sickerlinie. Die Brandenburger haben seit 1997 in dieser Bauart 150 von 163 Kilometern Hauptdeich entlang der Oder saniert.

Im Nachbarland mussten insgesamt rund 1000 Kilometer Schutzwälle erneuert werden, und davon, dass einige alte gebrochen sind, haben die Deutschen flussabwärts profitiert. »Aber auch in Polen werden sie bald den Stand der Technik beim Deichbau haben«, sagt Winfried Lücking, Flussexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). »Sollen wir dann weitere Millionen dafür ausgeben, die deutschen Deiche immer höher zu bauen?« Ohnehin spricht noch ein Grund für größere Wassermengen in der Zukunft: Als mögliche Folge der Klimaerwärmung sind vermehrte Starkregen in den Sudeten, dem Quellgebirge der Oder, zu erwarten.

Der zweite Schritt muss daher sein, »dem Fluss mehr Raum zu geben«. Regelmäßig, wenn eine Flut abschwoll, erinnerten Politiker mit dieser Formulierung daran, dass ein Gewässer, das nicht ausweichen kann, in die Höhe schießen muss. Doch passiert ist bis heute wenig.

Wie mühsam es ist, einer Kulturlandschaft Überflutungsflächen abzutrotzen – auch das zeigt das Beispiel Ratzdorf. Gleich hinter dem Ort beginnt die Neuzeller Niederung. Dort soll mit rund 1500 Hektar der größte Polder in Mitteleuropa entstehen. Würde diese grüne Landschaft bei einem künftigen Hochwasser geflutet, dann ließe sich die Spitze einer Hochwasserwelle gezielt kappen. Doch obgleich in der Tiefebene kaum Menschen wohnen, sind die Planungen nach Auskunft des zuständigen Landesumweltamtes noch immer »in einer sehr frühen Phase«.

Ein Grund: Einige der 1500 Kleingärtner, die ihre Datschen in der Niederung haben, wehrten sich erfolgreich dagegen, dass sie Bohnen und Äpfel auf einer Ersatzfläche anbauen sollen. Wie anderswo tobt überdies der Kleinkrieg zwischen Naturschützern und Landwirten auch an der Polder-Front. Ackerbau wäre in der Überflutungsfläche verboten. Auf den Mais- oder Getreideanbau zu verzichten, noch dazu auf den besonders fruchtbaren Böden im Tal der Oder, das muss man Bauern in Zeiten steigender Nachfrage erst mal klarmachen.

Der Polder könnte indes nicht nur die Sicherheit der Menschen verbessern, er könnte auch die Existenz seltener Tier- und Pflanzenarten schützen, sagt der BUND-Experte Lücking. Die Artenvielfalt aus Schwarzerlen, Ulmen, Eisvögeln, Gänsesägern und seltenen Kröten, die in den wertvollen Feuchtgebieten leben, nennt Lücking »für Europa so wertvoll wie die Regenwälder in den Tropen«.

Auch Experten wie der Hydrologe Axel Bronstert von der Universität Potsdam sehen im Neuzeller Polder die Chance, den Pegel um »einige Dezimeter« zu senken. Für Frankfurt (Oder) und das gegenüberliegende Słubice in Polen könnten es die entscheidenden Zentimeter sein. Doch irgendwann ist auch jedes Auffangbecken voll.

Der dritte Schritt ist wohl der schwierigste: mit dem Wasser zu planen, nicht mehr immerfort dagegen. Das hieße zum Beispiel, dass man dem Fluss in ganzjährigen Feuchtgebieten für immer mehr Freiheit gibt. Längst diskutiert man in Fachkreisen auch über die Möglichkeit, dosiert Wasser durch den Deich zu lassen, um diesen zu entlasten. Vor Ort sorgen aber selbst die kleinsten Sieleinlässe, mit denen dosiert Flusswasser durch den Deich geleitet werden kann, für Streit. Es herrsche eine »Denkblockade«, sagt Kenneth Anders, der selbst im Oderbruch wohnt. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie schwer es hier ist, offen über den Umgang mit Hochwasserrisiken zu sprechen.

Zehn Jahre nach der Oderflut veröffentlichte der Kulturwissenschaftler zusammen mit Kollegen vier Szenarien über die Zukunft der größten Senke entlang des Flussverlaufs, die zum Teil mehrere Meter unterhalb des Wasserspiegels liegt. Diese »Odervision« führte zu wütenden Reaktionen.

Denn im Szenario »Katastrophe« hatten die Autoren ein verheerendes Hochwasser im Jahr 2046 durchgespielt, das den Deich am Oderbruch überspült und schließlich brechen lässt: »Angesichts der Schäden, der zukünftig zu erwartenden Krisensituationen und der Ankündigung der Versicherungen, Neubauten in hochwassergefährdeten Gebieten nicht zu finanzieren, wird ein totales Wiederbesiedlungsverbot beschlossen. Gegen den Widerstand vieler Bürger, aber mit Unterstützung der Naturschutzverbände wird das Niederoderbruch als erste River-Wilderness-Area (RWA) unter Naturschutz gestellt. Der Deich wird nicht wieder aufgebaut.«

Wer solch katastrophale Überschwemmungen auch langfristig verhindern will, darf eben nicht nur auf Dämme vertrauen.

 


 

Märkische Oderzeitung (MOZ), Sonnabend, 15. Mai 2010

Märkische Oderzeitung (MOZ), Sonnabend, 15. Mai 2010

Vielseitigkeit der Weidenprodukte: Lars Fischer stellt Korbflechterin Thea Müller vor.
Foto: MOZ/Steffen Gottmann

Vom Korb zum Designer-Produkt

Landschaftskommunikator Kenneth Anders aus Schiffmühle präsentiert Randthema zur Weide in Zollbrücke

Von Steffen Göttmann

Zollbrücke (MOZ) Die Weide ist der typische Baum des Oderbruchs. Vielen Menschen half sie beim Überleben. Doch wie sieht ihre Zukunft aus? Der Weide widmete Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation ein Randthema im Theater am Rand.

Stefanie Silbermann hat an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee Produkt-Design studiert. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit entwickelte sie eine Technik, wie flächige Weidengeflechte so verfonmt werden können, dass beispielsweise Sitzschalen für Stühle oder Obstschalen daraus entstehen können. Das Ziel der Studentin war, ökologische Produkte zu designen, indem sie einheimische Werkstoffe einsetzt und die Existenz regionaler Lieferanten sichert.

Als sie Kenneth Anders kennenlernte, faszinierte ihn ihre Weiden-Geschichte so sehr, dass er daraus ein Randthema erarbeitete, das jetzt im Theater am Rand über die Bühne ging. Dabei stellte Anders eine Kollage über die Weide mit wissenschaftlichen Vorträgen, kabarettistischen Einlagen und Musik zusammen und ließ Korbflechter zu Wort kommen. Auf der Bühne waren Formfragmente von Stefanie Silbermann und Korbexponate aus dem Museum der Korbflechterin Thea Müller aus Buschdorf zu sehen. Die Zuschauer erfuhren Wissenswertes mit hohem Unterhaltungswert.

Von 350 Weidenarten weltweit, gebe es 30 in Deutschland und acht im Oderbruch, erklärte Gerald Schrödl, bis 2004 Landschaftsplaner und Baumschutzgutachter in Bad Freienwalde, der seinen Wirkungsort nach Brodowin verlegt hat. Schrödl, der in das Randthema einführte, stellte die unterschiedlichen Weidenarten vor, die im Oderbruch vorkommen, wie Weiß- oder Salweide, sowie Knack-, Korb-, Mandelund Ohrweide. Die Weide habe den Vorteil, dass ihr Hochwasser keinen Schaden zufügt. Kopfweiden würden abgeschnitten, so dass darunter Vieh werden könne. Die abgeschnittenen Äste dienten als Flechtholz oder als Forkenstiele.

Eine ganz andere Veredelung des Holzes demonstrierte Martin Rätz, Instrumentenbauer und Komponist aus Altwriezen. Er spielte die Weidenpfeife und zeigte dem Publikum, wie sie geblasen wird. Die Konzertfähigkeit des etwas groben Instruments bewies Martin Rätz, indem er die Stimme von Gudrun Anders begleitete.

"500 einheimische Insektenarten sind auf Weiden angewiesen", referierte Toralf Schiwietz vom Landschaftspflegeverband Mittlere Oder. Darunter seien 132 Schmetterlings-, 78 Wildbienen- und mehr als 100 Käferarten. Die Weide wachse schnell und bilde dabei je nach Standort unterschiedliche Formen aus, die manchmal eher an ein Kunstwerk als an einen Baum erinnern.

"Eigentlich möchte man die Weide gar nicht nutzen, weil der Baum so schön ist", blies Prof. Ulrich Schwarz, Holztechniker der Hochschule Eberswalde, ins gleiche Honn. Allerdings sei Weidenholz langfaserig und daher ein schlechtes Holz. Es habe im Gegensatz zur Buche eine geringe Druckfestigkeit und sei nicht für Parkett geeignet. Allerdings sei das Holz sehr biegsam. Die Hochschule forscht daher, wie man technologisch Behältnisse aus Weide formen kann und nutzt die Diplomarbeit von Stefanie Silbenmann.

Die Korbflechterin Thea Müller aus Buschdorf hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Zu DDR-Zeiten habe die Herstellung von Konsumgütern im Vordergrund gestanden. Sie musste den Plan erfüllen und flocht sogar dem Zeitgeist entsprechend Behältnisse aus Kunststofffäden. "Heute steht das Handwerk im Vordergrund", erklärte sie.

Der Abend förderte Überraschendes zutage. Der Eberswalder Konzertveranstalter Udo Muszynski outete sich als gelernter Korbflechte, der 1981/82 das Handwerk in Thüringen erlernte. Neben wissenschaftlichen Vorträgen bot der Abend auch humorige Momente. Kenneth Anders und Jens-Uwe Bogadtke lieferten sich eine szenische Kontroverse über den Wert von Weiden.

 

<<< diplom:oder:bruch / Oderlix - Stefanie Silbermann, (2010)

 


 

Märkische Oderzeitung (MOZ), Dienstag, 13. April 2010

Märkische Oderzeitung (MOZ), Dienstag, 13. April 2010

Nachdenken über eine Region

Am Sonntag veranschaulichten Mitarbeiter des Projektes „Oderbruchpavillon" Probleme der Kommunikation zwischen Politik und Einheimischen.

Von Boris Kruse

Kunersdorf (MOZ) Kenneth Anders und Lars Fischer vom „Oderbruchpavillon" stellten am Sonntag in der Kunersdorfer Kirche ihre szenische Collage „Die schwere Kolonie" vor. Der Dreiakter veranschaulicht die verschiedenen Probleme des Oderbruchs. Zugleich wurde eine Ausstellung mit Schautafeln zu den Perspektiven der Landschaft gezeigt.

„Liebe Oderbrücher. Sagt man -brücher oder -brüchler?" Wir schreiben das Jahr 2022. Der Ministerpräsident von Berlin-Brandenburg bereitet eine Rede vor, mit der er den Siedlern des Oderbruchs zum 275. Jahrestag der Trockenlegung der Kulturlandschaft gratulieren will. Auch die große Flutkatastrophe jährt sich bereits zum 25. Mal. Aber der Landesvater scheitert schon daran, dass er nicht einmal weiß, wie er das gemeine Wahlvolk dort anreden soll.

Mit einem szenischen Vortrag veranschaulichten die beiden Kulturwissenschaftler Kenneth Anders und Lars Fischer, die seit Jahren mit ihrem Projekt "Oderbruchpavillon" Denk- und Planungsarbeit in Sachen Zukunft des Oderbruchs leisten, die ganze Dramatik der schwierigen Beziehung zwischen Regierung und Einheimischen. Denn auch die Sichtweise der Menschen vor Ort, das wird in der Darbietung deutlich, ist nicht frei von Ressentiments gegenüber „denen da oben".

Im Gespräch erklärt Anders die Idee zu der szenischen Collage: „Wir denken bei den einschneidenden Begebenheiten des 20. Jahrhunderts immer an Kriege. Aber das eigentlich Gravierende war die Aufkündigung der Wertschöpfungsbeziehung zwischen Stadt und Land." Das Oderbruch, so der Kulturwissenschaftler, habe mit dem Verlust seiner Rolle als Gemüsegarten Berlins seine ökonomische Relevanz eingebüßt. In der Folge führte das zu der tristen Binnenwahrnehmung, die Landschaft sei auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen der Landesväter ausgeliefert. Es überwiegt die Angst, das Oderbruch könnte mit dem Versiegen der Fördertöpfe schlicht absaufen.

„Die schwere Kolonie" will die Anwohner ermutigen, die Situation als Chance zu begreifen und das Oderbruch als aussichtsreichen Landstrich für Selbstversorger, Raumpioniere und nachhaltige Energiewirtschaft zu begreifen. Andererseits müsse aber auch die Verwaltung das Oderbruch schrittweise aus ihrer Vormundschaft entlassen, fordert Anders: „Das Land Brandenburg müsste jetzt eigentlich mit der Planung für ein langfristiges Rahmenkonzept starten."

Rund 45 Zuschauer ließen sich von den beiden Vordenkern mitnehmen auf die spekulative Reise ins Jahr 2022. Viele von ihnen informierten sich hinterher noch bei Kaffee und Kuchen anhand von Schautafeln, wie es weitergehen könnte mit ihrer Kolonie.

<<< Die schwere Kolonie: Das Oderbruch - Gemüsegarten Berlins und Paradies für Raumpioniere.
Collage aus einer Landschaft in Berlins naher Ferne

 


 

Märkische Oderzeitung (MOZ), Journal Sa/So, 20./21.Februar 2010

Märkische Oderzeitung (MOZ), Journal Sa/So, 20./21.Februar 2010

Eine Region in der Kiste

Mit Weidenkörben will eine junge Designerin Produkte des Oderbruchs präsentieren und gleichzeitig eine Brücke zu einem aussterbenden Kulturgut schlagen.

Von Anja Hamm

„Was wollen Sie denn hier machen?“ Als Stefanie Silbermann im März 2009 erstmals von Berlin ins Oderbruch fährt, weiß die junge Frau kaum etwas über den Landstrich im Osten Brandenburgs, in dem der Wasserstand der Oder seit Jahrhunderten den Rhythmus von Leben und Wirtschaften bestimmt. Gelesen hat sie über ihn in Büchern und der Zeitung, einiges gehört. Heute, nur ein knappes Jahr später, ist sie fest mit der Region vertäut. Das verbindende Tau ist, wenn auch kein wortwörtlich zu nehmendes, so ein symbolisches - und dennoch ein Geflecht: der Weidenkorb.

Aus dem traditionellen Kulturgut will die 29-jährige Designerin moderne Weidenkisten entwickeln, die, in verschiedenen Größen und Formen hergestellt, ein ganzes Kistensystem ergeben. Zu einer Art Logo könnten die hellen Kisten werden, zu einem repräsentativen Behälter für die Vielzahl an Waren und handgefertigten Produkten aus dem Oderbruch. „Mein Traum ist eine Oderbruchverpackung", sagt Stefanie Silbermann, die vor Kurzem ihr Produktdesign-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee abgeschlossen hat. Auch Möbel, etwa Regale, könnten aus Weidenholz entstehen.

„Regionale Produkte müssen neben den Waren aus Übersee an Präsenz gewinnen", sagt Silbermann auch aus persönlicher Überzeugung. Wenn sie von den liebevoll hergerichteten Gläschen mit süßen und herzhaften Köstlichkeiten erzählt, die sie bei den Landwirten im Oderbruch gesehen und probiert hat, wenn sie von der Vielfalt der Produkte berichtet, die sie auf ihren Reisen kennengelernt hat, formt sie die Gläschen mit ihren zierlichen Händen in die Luft, dreht ein imaginäres Deckelchen auf - ihre Geste zeugt von großer Vertrautheit.
Aber auch ein ökologischer Gedanke bestimmt ihr Designkonzept: „Wir müssen wegkommen von der Euro-Plastik bei der Präsentation", fordert die junge Frau. So werden Identifikation und Nachhaltigkeit zu den zwei tragenden Säulen.

In wenigen Sätzen ist das Konzept erläutert. Ganz klar, denkt der Zuhörer, Weide und Oderbruch gehören einfach untrennbar zusammen. Verborgen bleibt, dass dahinter eine mehrmonatige wissenschaftliche Recherche und ein spannendes Materialprüfungsverfahren stand. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit und unter dem die Arbeit überspannenden Begriff Regionalentwicklung hat Stefanie Silbermann all das in den zurückliegenden Monaten dokumentiert, in Bildern, in Worten und in Objekten.

„Regionalentwicklung ist für Designer kaum ein Thema", sagt Silbermann, die die Verwunderung der Oderbruchbewohner, als sie von ihrem Vorhaben erzählte, nachvollziehen kann. Es sei eher eines für Politiker und Institute. Die sähen die Probleme, beschrieben und methodisierten sie. Dann hapere es aber an der Umsetzung von Lösungsvorschlägen. „Eine Methode funktioniert nicht in allen Fällen." Als Designerin sieht sie genau da ihren Anknüpfungspunkt: „Designer wollen eingreifen. Wir gehen an einen Fall ran und suchen eine Lösung."

Im Oderbruch hat Stefanie Silbermann ihren „Fall" gefunden. Erfüllt von großer Neugier, beginnt sie sich an den Landstrich heranzutasten. Das Besondere: Als sie das erste Mal dorthin fährt, hat sie noch keinerlei Vorstellung davon, was die Regionalentwicklung fördern könnte. Zunächst nimmt sie am Tisch des Wriezener Bildhauers Axel Anklam Platz. Schnell vervielfacht sich die Zahl der Kontakte zu engagierten Bürgern, Künstlern, Landwirten und Handwerkern.

Wie leben die Menschen im Oderbruch? will Silbermann von ihnen erfahren. In jedem Gespräch sucht sie nach einem Hinweis für ihre Diplomarbeit. Doch findet sie weit mehr: Die Gespräche führen sie ein in ein Stück deutscher Regionalkultur und -geschichte, die die an der Grenze zur Schweiz aufgewachsene Silbermann zuvor nicht kannte. „Man hat gemerkt, wie hart es ist auf dem kargen Landstrich", sagt sie. Sie habe die Liebe der Bewohner zum Oderbruch gespürt. „Sie haben Ideale, und sie leben sie. Ich hatte großen Respekt davor."

Das Kienitzer Ehepaar Bartel ist es, das schließlich die Weide als Kulturgut des Oderbruchs ins Spiel bringt. Bei einer Rundfahrt erzählt Norbert Bartel, von Berufs wegen im Naturschutz tätig, der Studentin über die Vielfalt der Baumarten. Ein Besuch bei den letztverbliebenen ortsansässigen Korbflechtern gibt ihr schließlich den entscheidenden Anstoß. „Es ist eine traditionelle Arbeit mit landwirtschaftlichen Produkten", erklärt sie die für sie reizvolle Kombination des Handwerks.

Den traditionell manuell gefertigten Weidenkörben haftet in Silbermanns Augen jedoch ein „altertümlicher Charme" an. Neue Ästhetik durch neue Technologie, um den Weidenkorb aufzuwerten und zum zeitgemäßen Markenzeichen des Oderbruchs zu entwickeln - eine Idee, die vor Ort begeistert aufgenommen wird.

In Berlin macht sich die Studen­tin mit dem Werkstoff Weide vertraut. Zur Korbherstellung eignen sich die Äste der Stockweide. „Sie sind biegsamer, haben keine Astgabeln, deshalb sind sie besonders gut zum Flechten." Silbermann tüftelt an Möglichkeiten, das Weidengeflecht zu formen, und entscheidet sich für das sogenannte Formholzpressverfahren. Dabei werden üblicherweise dünne Holzscheiben verklebt und unter Hitze verbogen. „Das Gewebe des Weidengeflechtes ist aber viel flexibler als eine starre Fläche", erklärt die junge Frau. Mit ihren schmalen Fingern knüpft sie geschickt aus dünnen, geschälten Weidenästen ein solches Gewebe. Eine elektrisch beheizbare Presse aus Aluminium bringt es in die gewünschte Form. „Durch die Pressung erhält die Weide eine glänzende Oberfläche", erklärt Stefanie Silbermann den Unterschied zum herkömmlichen Erscheinungsbild des traditionellen Weidenkörbchens.

Ihre Experimente mit dem sehr leichten Material gehen jedoch viel weiter. Mit dem Modell eines Stuhles habe sie die Möglichkeiten aufzeigen wollen. „Das ist noch nicht der letzte Stand des Wissens", merkt sie an. Den soll nun ein For­schungsprojekt mit der Fachhochschule Eberswalde unter ihrer Lei­tung abstecken. Gemeinsam mit Holztechnikern will sie die Frage beantworten, ob ihre Vorstellungen realistisch sind. Auf zwei bis drei Jahre ist das Projekt angelegt. „Es ist eine super Chance", sagt Silbermann mit bescheidenem Stolz.

Damit die Herstellung der Oderbruchverpackung zur Regionalentwicklung beiträgt, hat sie sich für die manufakturelle Produktion entschieden. Auf diese Weise würden Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen, der Weidenanbau forciert, sagt sie. Gerade wenn von 2013 an die Europäische Union ihre Fördergelder für die Entwässerung des Bodens stoppt, sieht.sie in der Weidenwirtschaft eine Alternative für Landwirte.

Am 6. Mai wird Silbermann wieder an die Oder fahren. Im Rahmen des Oderbruchpavillons in Zollbrücke hat sie mit dem Kulturwissenschaftler Kenneth Anders einen Themenabend rund um die Weide organisiert. Wer hört sich das an? Interessiert das jemanden?, sind die Fragen, die sich Silbermann heute stellt. Nicht Zweifel lassen die Fragezeichen entstehen, sondern die Neugier, ob das Konzept eines Tages tatsächlich umgesetzt werden wird. Eine Frage gehört längst der Vergangenheit an: „Was wollen Sie denn hier machen?"

 

<<< diplom:oder:bruch / Oderlix - Stefanie Silbermann, (2010)

 


 

Märkische Oderzeitung (MOZ),Sonntag, 17. Januar 2010 (17:41)

Preußens Interesse ist Geschichte

"Das Oderbruch - als wär ' s eine Insel"

Letschin (bk) "Das Oderbruch - als wär ' s eine Insel" - so der Titel der neuen Ausstellung in den Letschiner Heimatstuben. Mit seinen gewohnten Erwartungen und Vorstellungen muss man als Betrachter dieser Ausstellung brechen. Es ist eine Exposition zum Lesen und vor allem zum Nachdenken, voller Ernst, aber nicht ohne Humor.

Kenneth Anders und Lars Fischer vom Büro für Landschaftskommunikation zur Regionalentwicklung im Oderbruch wollen mit ihren Bild-Text-Dokumenten anregen, provozieren und anstoßen, aus dem Landstrich, der Region "Oderbruch" etwas zu machen. "Denn das Oderbruch braucht eine Auseinandersetzung über seine Chancen und Risiken", wie der Kulturwissenschaftler Kenneth Anders in seiner Einführung in die Ausstellung zur Eröffnung am Sonnabend in Letschin betonte. Auf einer der acht Tafeln ist die unbequeme Wahrheit zu lesen: Das besondere Interesse Preußens am Oderbruch ist Geschichte. Nun muss das Land Brandenburg klarstellen, welchen Rückhalt die Landschaft am Ende dieser politischen Schirmherrschaft besitzt.

Dieser Rückhalt könne nicht allein von außen kommen, sondern er müsse auch von innen heraus wachsen, ist Anders überzeugt. Das sei auch Anliegen und Ziel des seit vier Jahren bestehenden Projekts "Oderbruchpavillon", das in Form von solchen Ausstellungen, wie dieser in Letschin, das Nachdenken über die Zukunft dieser Landschaft anregen und die verschiedenen Sichtweisen auf diese Region zusammenführen möchte.

Die Tafeln seien deshalb auch Art Bausteine, die diese Bilder zusammenfügen. Die erste Tafel der Ausstellung erinnert z. B. an das Liederfest 2006 am Hafen in Kienitz, das wie ein Puzzle die Lieder für und um das Oderbruch zusammenfügte. Welche werden es in zehn Jahren sein? Eine andere Tafel "Zwischen Flut und Vorflut" zeigt die Wasserorte im Bruch. In Zusammenarbeit mit dem ZALF Müncheberg sei daraus eine Radroute entstanden, die bereits gut angenommen werde, so Anders. Andere Tafeln zeigen die "Weite Welt der Selbstversorger" im Oderbruch. Die letzte ist vielleicht die provokanteste mit vier Oderbruchfiktionen, denn sie schließt die "Katastrophe", von der diese Landschaft durchaus bedroht ist, nicht aus.

Bis 7. Februar 2010 in den Letschiner Heimatstuben