Pressespiegel 2006

Märkische Oderzeitung, MOZ 24. Juni 2006

Märkische Oderzeitung, 24.06.2006

Von der Landschaft leben?

Beim zweiten "Randthema" im Zollbrücker Theater am Rand ging es um die Vielfalt ländlicher (Über-)Lebensentwürfe

Von Heike Mildner

Zollbrücke. Seit einigen Jahren schon beschäftigen sich Kenneth Anders, Lars Fischer und Almut Undisz vom Schiffmühler "Büro für Landschaftskommunikation" mit Strategien des Lebens auf dem Lande und von der Landschaft. Was sie darüber in der Region Barnim-Uckermark erfuhren, stellten sie am Donnerstagabend den gut 50 Gästen des Randthemen-Abends im Zollbrücker Theater vor. Im Gespräch kam man geographisch zurück ins Oderbruch und blieb dort - auch im musikalischen Ausklang des Abends.

Wertschöpfungsketten, Alleinstellungsmerkmale, Tertiarisierung - darf `s ein bisschen mehr sein? - Subsistenzwirtschaft, Franchising. Alles in allem schwer zu fassende Wortgebilde, denen man möglicherweise schon einmal in Fachgremien zur Regionalentwicklung oder in hochtrabender Antragslyrik begegnet sein mag. Überfordert oder gelangweilt wendet man sich ab, das Leben geht weiter. Und doch haben all diese Begriffe etwas mit diesem Leben zu tun, zumal, wenn man auf dem Land leben will und noch dazu von dem, was man dort tut.

Kenneth Anders erzählt den Gästen des Randthemen-Abends von diesem (Über-)Leben, von Menschen, die er und seine Kollegen in der Region Barnim-Uckermark kennengelernt haben. Ob die Landschaft als Lebensgrundlage tauge, sei eine sehr alte - man sieht dazu ein Foto mit steinzeitlichen Jägern - und eine sehr neue Frage. Gerade hier, wo die wirtschaftliche Verschiebung hin zur Dienstleistungsgesellschaft (Tertiärisierung) nicht als Prozess, sondern mit der Wende kam. Die Rede ist vom 50-jährigen Ingenieur aus Berlin, der sich nun als Schäfer und Herbergsvater über Wasser hält (subsistenzwirtschaftlich), vom Familienbetrieb, der nur durch Selbstausbeutung jenseits gewerkschaftlich abgesegneter Verhältnisse überlebt, von Regionalmarken, die immer auch ein Stück produktionsferner Idylle verkaufen, von regionaler Vernetzung und ihren Grenzen.

Während Kenneth Anders die uckermärkischen Realitäten schildert, geht manchem im Publikum wahrscheinlich die eigene durch den Kopf. Versuche gab und gibt es ja auch hier: Stichwort "BauernMärker", ein Zusammenschluss von 16 regionalen Direktvermarktern - vier Jahre lang bis etwa 2002. Hier knüpft das Gespräch an. Werner Seile erzählt von Sanddornversuchen und mangelnder Kaufkraft in der Region. Ein pensionierter Berliner Tierarzt regt eine Fasanenzucht für Berliner Nobelrestaurants an und Dammwildzucht im Gehege. "Gibt es schon", raunt es aus den hinteren Reihen. Andreas Röhring vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner gibt zu bedenken, dass das Oderbruch als klar abgegrenzter Raum mit eigener Geschichte etwas hat, was andere nicht haben und verweist auf Kunst-Loose-Tage und Offene Gärten als Indizien für ein "hohes Maß an Selbstorganisation". Auch, dass sich ein Theater in dieser Form engagiere, sei nicht selbstverständlich. Als genug geredet ist, sprechen die Instrumente, nämlich die des Gastgebers Tobias Morgenstern, der gemeinsam mit Veit Templin am Bass und Sebastian Blache am Schlagzeug swingt und jazzt, dass es eine Freude ist. Ein Vergnügen, das - wie die gesamte Reihe - hoffentlich eine Fortsetzung findet. Wo doch auch die Antwort auf die Ausgangsfrage lauten müsste: Fortsetzung folgt.

Randthema III - LEBENSmittel: Frühstück mit regionalen Produkten, Vortrag, Konzert und Film, 20. August, ab 11 Uhr

Fotos (2): H. Mildner / Bildunterschriften: "Randthema", das viele interessiert: Kann man von der Landschaft leben? Kenneth Anders stellte vor, wie Akteure aus der Region Barnim-Uckermark diese Frage für sich beantworten. Deren Porträts und andere erhellende Fotografien und Grafiken illustrierten seine Ausführungen. Musik im Blut: Tobias Morgenstern abwechselnd an Akkordeon und Klavier, Veit Templin am Bass und Sebastian Blache am Schlagzeug hatten viel Spaß beim Jazzen. Das Publikum auch.

<<< Büro für Landschaftskommunikation

 


 

Märkische Oderzeitung, MOZ 16. Mai 2006

Märkische Oderzeitung, MOZ 16. Mai 2006

Gemeinsamer Kanon: Initiator Kenneth Anders hatte nicht nur die Noten, sondern immer auch den Ablaufplan im Blick.
Foto: Mildner

"Rrranft, Rrreetz, Gaul, Mädewitz"

Von Heike Mildner

Kienitz. Fünf Chöre und 14 kleinere Gruppen und Solisten sangen am Samstag in Kienitz ihr "Lied für‘s Bruch". Der Oderbruchpavillon hatte das Liederfest vorbereitet und mit ihm ein Podium geschaffen, das unterschiedlichste musikalische Genre - vom Chorlied übers Chanson bis hin zum Schlager - unter einen gemeinsamen thematischen Hut brachte.

Der Fluss floss freundlicher am Samstagnachmittag, soviel Lobpreis kam ihm auf Höhe Kienitz aus den Lautsprechern, die das Livegeschehen aus dem Saal der Gaststätte "Am Hafen" übertrug, entgegen. Fünf Chöre und 14 kleinere Gruppen und Solisten sangen jeweils ihr "Lied für`s Bruch". Etwa 130 Sänger und Musiker - vom Liebhaber bis zum Profi - gestalteten ein Programm, das bunter nicht hätte sein können. Es sei denn, all die besungenen Störche, Biber, Reiher, Sonnenblumen, Weiden, Kühe wären samt Altem Fritz persönlich vorbeigekommen. Bis auf eine verirrte Schwalbe, die sich kurz im Saal umsah, verblieben die besungenen Vertreter von Flora und Fauna jedoch in ihren angestammten Lebensräumen und auch der Preußenkönig beließ es bei seiner textlichen Präsenz.

In drei Gruppen hatte die Initiatoren rund um Kenneth Anders und Lars Fischer vom Oderbruchpavillon die Akteure geteilt: Chöre, Liedhaftes und Unterhaltungsmusik. Und weil das Liederfest auch ein Lieder-Wettstreit war, wurde der Nachmittag nicht nur unterhaltsam, sondern auch ein bisschen spannend. Mittels Lautstärkemesser und handyinterner Stoppuhr wurde nach jedem Lied die Intensität des Publikumsbeifalls gemessen und so der Gewinner jeder Gruppe ermittelt.

Mit einem Tango für zwei Stimmen, Akkordeon und windimitierender Zugflöte eröffneten Kenneth und Gudrun Anders den Liederreigen, Sebastian Undisz animierte den Saal zu einem Eröffnungskanon.

Im ersten Block sorgten die Chöre zwischen ihren Liedern mit Auf- und Abgängen für reichlich Bewegung im Saal. Die Reihenfolge wurde ausgelost, die Chorgemeinschaft Insel unter Leitung von Martin Rätz, begleitet vom Bralitzer Posaunenchor machte den Anfang mit einem ersten "Wo" - Lied. An den Gestus der mecklenburgischen Hymne "Wo de Ostseewellen trecken an den Strand" knüpften nicht wenige der an diesem Nachmittag gesungenen Oderlieder mit Beschreibungen der Eigenarten der Landschaft entlang des Flusses an. Viele textlich, manche auch musikalisch.

Die Reetzer Sänger trugen ihr Oderbruch-Lied von Friedrich Regenberg auf die Melodie "Im schönsten Wiesengrunde" zur Gitarre vor. Der Oderbruchchor Manschnow in stattlicher Tracht sang vierstimmig mit vorbildlicher Aussprache, so dass man neben Melodie und Satz des zügigen 4/4-Takt-Liedes von Chorleiterin Christel Meichsner auch den Text in Gänze verstehen konnte. Und der Lietzener Frauenchor, wie der Oderbruch-Chor 1989 gegründet, stellte unter Leitung von Erika Böse am Akkordeon das melancholische Lied "Der Wiesenweg" aus der Feder von Lieselotte Turkat aus Werbig vor.

Gruppensieger wurde am Ende ein Ensemble, das an diesem Tag zum allererstenmal auf einer Bühne stand und damit einen uneinholbaren Applaus-Bonus vom Publikum zugesprochen bekam: der Singekreis Neulewin unter Leitung von Christian-Ulrich Baugatz. Der Kreis, in dem Schulkinder und Rentner gemeinsam singen, trug das Oderlied ihres Akkordeonisten Klaus-Dieter Pankrat vor.

Sieger der zweiten Gruppe wurden die "Blauen Pferde" aus Letschin, neun- und zehnjährige Musiker, die mit ihrem Lied "Kinder aus dem Oderbruch sind wir" aus der Feder ihrer Leiterin Corinna Lorenz das Publikum schon im Refrain zum Mitklatschen animierten. Den Jüngsten folgten die Ältesten: Heinz und Gisela Prügel, die auf ihre alten Tage zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne standen, um ihre Heimat zu besingen.

Wirklich verblüffend war, dass trotz thematischer Einheit keine Langeweile aufkam. Historische regionale Lieder standen neben unterschiedlichsten zeitgenössischen Sichten auf Land und Leute. So beschrieben Armin und Alexander Kolometzow als "Wilhelmiene" eine Fahrradtour durchs Bruch zu Computersound und Akustikgitarre in musikalischer Anlehnung an die Neue Deutsche Welle. Stilistisch angelehnt an den volkstümlichen Schlager präsentierte sich das Grós der Unterhaltungsmusiker, die ihre Fangemeinden im 3/4 -Takt zum Schunkeln und im 4/4 Takt zum Mitklatschen brachten.

Als letzter begeisterte Tobias Morgenstern mit einem Lied, das Oderbruch-Ortsnamen, mal verschmitzt skandiert - "Ranft, Reetz, Gaul, Mädewitz" -, mal mit "froßösischem" Musette-Charme unterlegt, genial miteinander verknüpfte und sich mit dem Beitrag den Gruppensieg sicherte. Ob es eine Neuauflage des Liederfestes geben wird, ließ Kenneth Anders noch offen. Für dieses Mal war es den Beteiligten Bereicherung, Anregung und ein gelungenes Miteinander.

Block 1: Chorgemeinschaft Insel, Reetzer Sänger, Oderbruchchor Manschnow, Lietzener Frauenchor; Auf den Sieger, Singekreis Neulewin, wartet eine Kutschfahrt mit Kaffee und Kuchen bei Bauer Korn in Neugaul.

Block 2: Heinz und Gisela Prügel, Jens-Uwe Bogadtke, Reinhart Rochlitz, Hölschebure & Bummelbruder, JotWeDe, Roswitha Klahs und Gertrud Kunz‘ Texte, vorgetragen von Gudrun Anders; Die "Blauen Pferde" als Gruppensieger dürfen sich auf einen Nachmittag im "Gänseblümchen" in Schiffmühle freuen.

Block 3: Karlheinz Schröder und Jürgen Heinrich, Sigrid Bratz, Die singenden Lokführer, Manfred Kittner, Irmhild Bäßler-Mund, Wilhelmiene und Tobias Morgenstern, der demnächst bei "Koch&Kunst" in Groß Neuendorf einkehren wird.

 

 


 

Märkischer Sonntag, 22.01.2006

Märkischer Sonntag, 22.01.2006


 

 

Märkische Oderzeitung, 16.01.2006

Märkische Oderzeitung, 16.01.2006, Das Oderbruch lebt und stirbt mit seinen Menschen

Hielt einen Vortrag zur Entwicklung der Region: Der Wissenschaftler Kenneth Anders aus Schiffmühle, der mit seinem Kollegen Lars Fischer die Diskussionsrunde leitete.

Das Oderbruch lebt und stirbt mit seinen Menschen

Die Kulturwissenschaftler Kenneth Anders und Lars Fischer luden zur Diskussionsrunde ein / Entwicklungsszenarien für Region aufgezeigt

Von Mathias Lillge

Altranft (MOZ). Was wird aus dem Oderbruch? Eine Frage, bei der sich auf dem Weg zur Beantwortung viele Stolpersteine finden lassen. Landwirtschaft, Tourismus, Gentechnik, Entvölkerung, Grenzregion, Lokalpolitik - die Zahl der Reizthemen scheint großzügig bemessen. Hat diese Landschaft mit ihren herben Reizen eine Zukunft? Diese Thematik hatten die beiden Kulturwissenschaftler Kenneth Anders und Lars Fischer vom Büro für Landschaftskommunikation aus Schiffmühle in den Zenit einer Diskussionsrunde gestellt.

Gut fünfzig Besucher waren der Einladung in das Altranfter Autohaus "Oderbruch" gefolgt. Der Veranstaltungsort mache auch Sinn, erläuterte Anders zu Beginn der Veranstaltung, denn Mobilität gehöre untrennbar zum Leben in der Region. "Von oben her erinnert das Oderbruch in seiner Form an eine archaische Felsenzeichnung", beginnt Anders seinen Vortrag über die Landschaft. Aber seit seiner Kolonisierung sei es immer eine moderne Landschaft gewesen, die unverkennbar durch die Handschrift des Menschen geprägt wurde.

Erhalten habe sich, dass auch heute noch die Landwirtschaft die hauptsächliche Landnutzungsform ist. Besiedeln, Aufgeben und wiederbesiedeln gehörten schon immer zur "rau-herben, zugigen und kalten" Landschaft. Trotzdem sei sie die Grundlage und der Reichtum für die regionale Wertschöpfung. Lars Fischer konfrontierte die Gäste mit drei möglichen Entwicklungsszenarios: Ungehemmte Industrialisierung der Landwirtschaft, weitere Kolonisierung durch engagierte Kolonisten oder eine Regionalisierung als deutsch-polnische Flusslandschaft.

Es gibt verschiedene Sichtweisen auf das Oderbruch - Landwirte sehen sie anders als Künstler, Zugereiste anders als Einheimische, Deichbauer anders als die Radfahrer, die vom Deich in die Landschaft blicken. "Wir sind der Ansicht, dass alle Sichtweisen eine Rolle bei der Zukunft des Oderbruchs spielen werden", sind sich Fischer und Anders einig. Deshalb hatten sie vor rund zwei Jahren begonnen, mit dem "Oderbruchpavillon.de" einen virtuellen Ausstellungs- und Debattierort über die Zukunft des Oderbruchs zu schaffen.

Für das Projekt gebe es weder einen Auftraggeber, noch einen Finanzier: Es lebt bisher nur vom privaten Engagement der beiden Wissenschaftler. Viele Menschen hätten trotzdem bereits die Gelegenheit genutzt, ihr Wissen und ihre Beziehungen zur Landschaft in diesem Pavillon zu dokumentieren. Natürlich sei für die Zukunft auch ein real existierender Ort für den "Pavillon" wünschenswert, so Anders. "Beispielsweise eine alte LPG-Maschinenhalle", so sein Wunsch für einen Ort, der das Oderbruch in seiner ganzen Bandbreite und Vielfalt erlebbar mache. Die Aspekte der anschließenden Diskussion waren mannigfaltig: Dem durchweg positiven Echo der Idee an sich standen auch kritische Aspekte der dauerhaften Finanzierbarkeit einer solchen Institution gegenüber.

Ist das Engagement von Politik und Verwaltung für die Zukunft des Oderbuchs ausreichend? "Das Oderbruch lebt und stirbt mit seinen Menschen", Neulewins Bürgermeister Horst Wilke brach eine Lanze für das Engagement der Bürger im Bruch. "Wir haben so viele Aktive bei uns - und sie gehören dazu", lobte er das Ansinnen von Anders und Fischer. Wilke versprach, sich an der Suche nach einem realen "Oderbruchpavillon" nach Kräften zu beteiligen.

 


 

Märkische Sonntagszeitung, 8.1.2006

Märkischer Sonntag, 8.1.2006