Pressespiegel 2004

Märkische Oderzeitung, 6/7.11. 2004

Märkische Oderzeitung, 6/7.11. 2004, Neue Bewohner im Oderpavillon

Neue Bewohner im Oderpavillon

Großes Interesse am Internetportal von und mit Oderbrüchern/ Weitere Beiträge erwünscht

Von Katrin Lechler

Bad Freienwalde. Sie sind Landwirte, Wissenschaftler, Touristen oder Künstler. Was sie eint, ist das Interesse an einem landschaftlichen Kleinod, dem Oderbruch. Kenneth Anders und Lars Fischer, beide Kulturwissenschaftler, stellen sie auf ihrem Internetportal www.oderbruchpavillon.de vor. Langfristig hoffen die jungen Männer, die ein Büro für Landschaftskommunikation führen, dass die Oderbrücher die Internetseite als ein Expertenforum verstehen, das sie selbst mit Beiträgen und Leben füllen. Insgesamt neun Bereiche - von Deich- und Landwirtschaft über Naturschutz, Kunst und Kolonisten harren ihrer Ergänzung.

Wer die Webseite regelmäßig besucht, wird demnächst von weiteren "Akteuren" überrascht werden. "Für jedes Feld sind Beiträge in Arbeit" verrät Kenneth Anders. Es sind oderbruchweit bekannte Persönlichkeiten, welche, das will er noch nicht verraten. Nur soviel: "Es haben sich Ureinwohner aus Küstrin-Kietz gemeldet". Die Familie Bräuning ist tief in der Region verwurzelt, Vater und Sohn verbringen viel Zeit bei den Letschiner Kanonieren, einem militärhistorischen Verein, Frau und Mutter näht preußische Uniformen und wuchtige Rokoko-Kleider. Ein Glücksfall für Kenneth Anders, dessen Augen leuchten, wenn er von den Küstrinern spricht. Besonders freut ihn, dass Hobbyfotograf Uwe Bräuning einige seiner Fotos zur Verfügung stellt und selbst kommentiert- darunter nicht nur touristische Gutwetterbilder, sondern auch Aufnahmen, die von der schmerzvollen Geschichte des Landstrichs erzählen.

Zu den neuen Bewohnern des Oderbruchpavillons gehört auch ein Fleischproduzent, der an der Schnittstelle von Agrar- und Schutzgebiet ökologische Rinder züchtet. Bald werden auch einige polnische Nachbarn das Portal bevölkern. Von rund 40 Fragebögen, die für das Kunstprojekt "Brücke der Wünsche" in Polen und Deutschland gesammelt wurden, sollen die besten veröffentlicht werden. Vor der EU-Osterweiterung waren Grenzbewohner gebeten worden, ihre Ängste und Erwartungen an ein größeres Europa aufzuschreiben. Auch einige deutsche Antworten sind darunter, allerdings war der Rücklauf der Fragebögen viel schlechter als auf der polnischen Seite.

Für Kenneth Anders ist das Oderbruch eine faszinierende Landschaft. Sie ist durch einen massiven Eingriff in das natürliche Gefüge entstanden, während sie heute vor allem mit ihren Naturreizen wirbt. Sie wurde besiedelt von risikofreudigen Menschen, die gleichzeitig immer am Tropf des Staates hingen. Schließlich war es nur mit staatlicher Hilfe möglich, das Land dauerhaft der Oder abzutrotzen. "Heute verstört es die Menschen, dass der Staat kein Interesse mehr an ihnen hat." glaubt Anders. Gerade weil der Landstrich so oft von Neulingen besiedelt wurde, hat das Oderbruch eine enorme Anpassungsfähigkeit entwickelt. "Ich wurde hier nie wie ein Fremder behandelt", sagt der aus Eberswalde stammende Anders.

 


 

Märkische Oderzeitung, 7.10. 2004

Märkische Oderzeitung vom 7.10.2004, Oderbruch-Experten gesucht

Oderbruch-Experten gesucht

Neues Internetportal versteht sich als Schnittstelle von regionalen Akteuren im Oderbruch

Bad Freienwalde (MOZ) Schroff, lieblich, hügelig, flach - es gibt so viele Ansichten zum Oderbruch wie dort Menschen wohnen. Und genauso viele Nutzer: Landwirte, Touristen, Gärtner, Naturschützer, Wissenschaftler und viele andere. Lars Fischer und Kenneth Anders wollen unterschiedliche Sichtweisen auf einen sehr spezifischen Landstrich in ihrem "Oderbruchpavillon" zusammenführen. Dabei ist das Medium Internet nur ein erster Schritt. Langfristig schwebt den Kulturwissenschaftlern eine Landschaftsausstellung vor, die Wissen über die Region bündelt.

Von Katrin Lechler

Was des einen Freud ist des anderen Leid, spricht der Volksmund. Das trifft auf den ersten Blick auch auf das Oderbruch zu: Touristen lieben seine Abgeschiedenheit und das Geheimnis, das über dem feuchten Grund und dem weiten Horizont zu liegen scheint. Gleichzeitig beobachten sie misstrauisch das Wirken der Landwirte, in dem sie eine ständige Bedrohung der Natur argwöhnen. Dabei vergessen sie oft, dass die Oderbruch-Landschaft von den Bauern entscheidend gestaltet worden ist. Ein vergleichbarer (Schein-)Konflikt besteht für Kenneth Anders zwischen den Landwirten und dem Gewässer- und Deichverband. "Sie beklagen sich über dessen unzureichende Leistung im Vergleich zu den Abgaben, obwohl sie nur durch den Hochwasserschutz ihre Flächen bebauen können", erklärt der hochgeschossene Kulturwissenschaftler. "Wir wollen das einsichtig machen".

Viele Jahre hat der 35-Jährige aus Eberswalde zum Thema Landschaft und ihrer Nutzung geforscht. Ihm ist aufgefallen, dass die Beteiligten zwar sehr spezifisches Wissen in ihrem jeweiligen Bereichen angesammelt haben, jedoch nicht miteinander ins Gespräch kommen. Lars Fischer ging es ähnlich. Der 40-Jährige hat freiberuflich Projekte mit Kunst und Naturschutz geleitet. Doch ein Gefühl des Ungenügens, wenn er die Kunstwerke wie verlorene Möbelstücke in der Landschaft sah, verließ ihn nie.

Mit ihrem Internetportal verstehen sich die beiden Kulturwissenschaflter als Dienstleister - eine Funktion, die Kunst und Wissenschaft viel zu selten übernehmen, wie Anders findet. Zusammen mit Oderbrüchern wollen sie Verbindenes in der Nutzung des Raumes finden. Ein Beispiel? Eine wasserführende Senke, die wird im Winter zu einer Eisfläche für Schlittschuhläufer. Die Fotos sind unter dem Stichwort "Landwirtschaft" auf www. oderbruchpavillon.de zu sehen. Ohne zu zögern sprudelt ein weiteres Beispiel aus Kenneth Anders heraus: Die in einer Schorfheider Agrargenossenschaft in Quadern gestapelten Heuhaufen an den Feldern. "Dadurch sparen die Bauern nicht nur Treibstoff", erklärt der Raum-Erforscher. Die ungewöhnlichen Formen hätten auch einen ästhetischen Effekt.

Doch auch als Dienstleister verlangen Kenneth Anders und Lars Fischer einiges von den Beteiligten. Wer in den Oderbruchpavillon aufgenommen werden will, sollte sich Gedanken über seine Beziehung zum Landschaftsraum machen, sagt Anders. Er oder sie kann seinen ganz eigenen Blickwinkel auf diesen Fleck Erde zeigen. Zu allen Sichtweisen wollen die Portal-Betreiber gleich nah oder gleich fern bleiben. Auch Gegenstände, die das Schicksal der Landschaft verdeutlichen, sind willkommen.

Langfristig wollen die beiden jungen Männer nämlich eine Landschaftsausstellung einrichten - am besten in einer Stallung oder einem ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäude, das selbst für die Besonderheit der Region steht. Sie träumen von einem Pavillon ähnlich den Länderpavillons bei der Expo.

Bis dahin werden aber noch einige Sonn- und freie Tage vergehen: Das Vorhaben ist nämlich ehrenamtlich und freiwillig.

Raum-Erforscher
Lars Fischer stammt aus Magdeburg, lebt aber seit 1978 in Eberswalde. Der studierte Kulturwissenschaftler hat sich am Beispiel des Müritz-Nationalparks mit der vermittelnden Rolle von Kunst in Großschutzgebieten auseinandergesetzt. Außerdem hat er für zahlreiche mittelständische Unternehmen in der Region Forschungsprojekte begleitet. Seit zwei Jahren führt er zusammen mit Kenneth Anders ein Büro für Landschaftskommunikation in Bad Freienwalde und Eberswalde (www.landschaft-im-wandel.de).

Kenneth Anders hat im Fach Kulturgeschichte promoviert. Er hat unter anderem zur Nutzung von ehemaligen Truppenübungslätzen geforscht n das "Handbuch Offenlandmanagement"herausgegeben. Aufgewachsen in Hartha bei Tharandt und Eberswalde ist er 1993 in das Oderbruch gezogen.