Das Oderbruch im Oderbruchpavillon

Wenn ein Sack Reis in China umfällt

Englische Selbstversorger und deutsche Müller im Vergleich

von Kenneth Anders, 18.01.2012

Kolumne vom 18.01.2012

Kosses Mühle vor dem Abriss 1904.
Jede Region sollte wenigstens einen Teil ihres benötigten Essens selbst herstellen. Das schafft Sicherheit und ist gut für die Landschaft.
So einfach ist das.

In letzter Zeit treffe ich oft Menschen, die sich fragen, ob in den globalen Turbulenzen unserer Tage nicht auch das Essen eines Tages wieder knapp werden könnte. In vielen Ländern fehlt es ja schon am Nötigsten, wie können wir also sicher sein, dass es bei uns immer im Überfluss zu haben sein wird? Die Supermärkte sind voll, aber nur, weil wir so dicke Portemonnaies haben. Ändert sich das, könnten sich auch die Regale schnell leeren.

Solche Sorgen sind keine Wohlstandsneurose, sie zielen auf die Frage, wie anfällig die Systeme sind, in denen wir leben. Mein Eindruck ist: Sie sind ziemlich anfällig. Wenn ich mit Peter darüber spreche, einem Landwirt aus dem Oderbruch, der seine Produkte direkt vermarktet, lacht er nicht, obwohl er sonst gern lacht. Man nehme die kleinen Zicklein und Schafe heute nicht ernst, sagt er, aber das ändere sich dann. Das ginge ganz schnell.

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Beth Pfeffer hat ein spannendes Jugendbuch zu diesem Thema geschrieben: Die Welt, wie wir sie kannten. Es handelt vom Zusammenbruch des globalen Ernährungssystems und den Auswirkungen dieser Ereignisse auf eine kleine Familie. Das Buch ist beunruhigend, gerade, weil es so schlicht ist. Man kann sich auf einmal vorstellen, wie sich in einer amerikanischen Reihenhaussiedlung, in der keiner mehr einen Gemüsegarten und einen Ofen hat, Hunger und Kälte anfühlen.

Sind unsere europäischen Länder und Kulturen in dieser Hinsicht gleich aufgestellt? Ländervergleiche haben immer etwas Schwieriges. Man neigt dazu, die Dinge zu verzerren, man verklärt das eine, verteufelt das andere und so weiter. Trotzdem sind sie manchmal nützlich, jedenfalls dann, wenn man den Vergleich letztlich hinter sich lassen kann. Er dient dann keiner Feststellung sondern gibt dem Denken eine Richtung. Ein interessanter Vergleich, über den bestimmt schon viel geschrieben wurde, ist jener zwischen den Volkswirtschaften Englands und Deutschlands. Vereinfacht gesagt: In England ist irgendwann in der Thatcher-Zeit die industrielle Basis der Volkswirtschaft eingebrochen. Seither leben die Menschen dort überwiegend von Dienstleistungen, meist im Finanzwesen, so dass es oftmals globale Dienstleistungen sind. Andere haben zwei oder drei unterbezahlte Vollzeitstellen, um über die Runden zu kommen. Und wieder andere sind aus dem normalen Erwerbsleben ganz ausgestiegen. Sie sind aufs Land gegangen, haben begonnen, Mohrrüben, Kartoffeln und Kohl anzubauen und natürlich Schafe zu halten. Das klingt nach Ökoromantik, aber man darf nicht übersehen, dass diese Menschen im letzten Vierteljahrhundert gezielt eigene Wertschöpfungsketten aufgebaut haben, die darauf zielen, das eigene und unabhängige Überleben zu sichern.

Eine andere Entwicklung erleben wir in Deutschland. Die meisten Menschen hier wärmen sich immer noch am Ofen einer florierenden Exportwirtschaft. Unsere gesellschaftliche Vereinbarung lautet unverändert, dass einen eine einzelne Arbeitsstelle hinreichend ernähren muss, Krankenversicherung und Altersvorsorge inklusive. Dass an den Rändern immer mehr Menschen aus diesem System herausfallen, weil sie staatlich alimentiert werden oder sich als prekäre Freiberufler durchschlagen, wird hin und wieder empört kommentiert, in Bezug auf das gesellschaftliche Modell von Arbeit aber ignoriert. Unserem Selbstverständnis nach sind wir immer noch ein klassisches Industrieland.

Es ist unmöglich zu sagen, welches von beiden Modellen, das englische oder das deutsche, das bessere ist. Einerseits lässt sich schwer begreifen, wie eine Volkswirtschaft sich mit globalen Finanzdienstleistungen über Wasser halten kann und ob das überhaupt schön ist. Andererseits ist die deutsche Logik des Erwerbsarbeitsplatzes auch nichts Schönes, zumal sie zunehmend den Charakter einer Abhängigkeit hat. Alle moralischen, ästhetischen, ökologischen oder kulturellen Belange sind bei uns letztlich hinfällig, wenn Arbeitsplätze in Aussicht stehen. Wir können gar nichts anderes denken. So ähnlich verhalten sich auch drogenkranke Menschen.

Die Diskurse in beiden Volkswirtschaften haben etwas Absurdes, weil sie ihre eigene Pfadanhängigkeit ideologisch immer weiter untermauern, statt sich nach und nach wieder etwas mehr um ihre Unabhängigkeit zu kümmern. Unabhängigkeit gilt heute als obsolet, sie wird sogar wütend als Phantasma der Autarkie, als kommunistische Planwirtschaft oder verstaubter Merkantilismus bekämpft.

Das war nicht immer so. Die preußischen Könige zum Beispiel forcierten mit ihrer Volkswirtschaft genau das entgegengesetzte Modell: Sie wollten unbedingt eigenes Essen, eigene Textilien und eigene Beamte für die öffentlichen Aufgaben. Vom Standpunkt der Regionalwirtschaft war das nicht ganz verkehrt. Die ländlichen Räume jedenfalls entwickelten eine nachhaltige Ökonomie, da sie die Städte ihrer Region ernährt haben. Davon kann heute keine Rede sein.

Erfolgreiche Modelle der kollektiven Selbstversorgung gab es auch später und zwar in völliger Selbstorganisation (also nicht als Staatsprogramm), man denke nur an die ethnischen Ökonomien in New York. Immer wieder da kamen riesige Einwandererwellen in die Stadt, für die zunächst niemand Verwendung hatte, erst Deutsche, dann Iren, Juden, Italiener, Chinesen usw.. Diese Gruppen lebten recht isoliert in ganzen Stadtquartieren und dabei in großer Armut. Aber auch arme Leute müssen mal zum Friseur oder zum Schuster, also schufen auch sie nach und nach eine eigene ökonomische Praxis. Auf dieser Basis sicherten sie ihr Überleben – und erst später besetzten sie neu entstehende Felder gesellschaftlicher Arbeitsteilung: Die Iren gingen zur Feuerwehr und zur Polizei, die Juden kamen gerade rechtzeitig, um den wachsenden Bildungssektor aufzubauen.

Wahrscheinlich (das kann man aus beiden Fällen lernen) entstehen Systeme der Subsistenz immer nur dann, wenn die Armut „groß genug“ ist, ohne Mangel werden wir irgendwie träger und in gewisser Hinsicht auch dümmer. Wie dem auch sei, die Rede von der wirtschaftlichen Unabhängigkeit ist verpönt, darin sind sich auch die so verschiedenen Wirtschaftsgesellschaften Großbritanniens und Deutschlands einig.

Im März nahm ich an einer Tagung in Wales teil, dort berichtete ein Teilnehmer von einer politischen Debatte, die gerade in seinem Land über die Ernährungswirtschaft geführt wurde. Die bereits erwähnten neuen Landwirte hatten nämlich ihre Regierung darauf aufmerksam gemacht, dass auf der Insel einfach nicht genug Nahrungsmittel produziert würden, um die eigene Bevölkerung zu ernähren. Man müsse diesen eigenen Anteil der Nahrungsgüter erhöhen, denn es sei fahrlässig, sich darauf zu verlassen, dass man das Essen jederzeit auf dem Weltmarkt kaufen könne. Die Antwort der Regierung fiel harsch aus: man sei ein globalisiertes Land, es käme überhaupt nicht infrage, sich um so etwas zu scheren. Das kann man so sehen. Die I-Phones kauft man ja auch aus Asien ein, was macht schon den Unterschied zwischen I-Phones und Brot aus?

Was werden die britischen „Aussteiger“ wohl geantwortet haben? Nun ja, den Unterschied würde man wohl dann merken, wenn das Brot und die I-Phones einmal ausblieben. Dann würde das Fehlen des Brotes doch eindeutig schmerzhafter ausfallen als das der I-Phones. Sie wollten ja den Teufel nicht an die Wand malen, aber (so berichtete der Tagungsteilnehmer) man solle sich bitte vormerken, dass man im Ernstfall nicht genug Essen habe, um die Menschen im ganzen Land satt zu machen und also das, was man hätte, allein aufessen würde.

Das klingt rein bisschen nach Burghof und es würde wohl auch nicht aufgehen. Denn wenn es wirklich wieder losgeht mit Ernährungsengpässen werden auch militärisch verwaltete Lebensmittelmarken und Ablieferungspflichten nicht mehr weit sein. Man kann den Ärger der britischen Landwirte dennoch verstehen, denn er hat mit der Missachtung ihrer ganzen Wirtschaftsform zu tun. Da versucht man, regionale Nahrungskreisläufe aufzubauen und muss sich dafür noch verhöhnen lassen.

In Deutschland verhält sich auch das anders.  Zum einen würde die Menge an Milch, Korn und Fleisch der hiesigen Landwirte wohl reichen, um uns Deutsche zu ernähren. Das ist schon mal was. Sollten allerdings die großen Nahrungsmittelindustrien zusammenbrechen, würde es trotzdem kompliziert, denn was bei uns auf den Äckern steht, kann man ja nur bedingt essen – in erster Linie sehen wir hier Rohstoffe zur Nahrungsmittelproduktion, nicht mehr und nicht weniger. Wir leben von einer globalen Ernährungsindustrie, die sich einen Marktfruchtbau organisiert hat, nicht vom Bauern und vom Bäcker nebenan. Es würde also auf jeden Fall eine Weile dauern, bis wir wieder genug zu essen hätten, wobei ganze Betriebe zusammenbrechen würden und erst wieder neue Strukturen entstehen müssten. Und wir bekämen dann auch anderes Essen als das, was wir heute haben.

Es gibt aber noch ein paar Ausnahmen. Im letzten Sommer machte ich Urlaub bei einem Müller in Bayern, der in der fünfzehnten Generation Mehl mahlt. Seit über vierhundert Jahren mahlt diese Familie das Korn der regionalen Bauern und verkauft das Mehl an die Bäcker in der Region. Es ist unglaublich hart. Sie müssen mit den Bauern über die Preise für das Korn verhandeln, sie müssen mit den Bäckern über die Preise für das Mehl verhandeln, jedes Jahr neu. Sie müssen immer am Ort sein, von früh bis spät, immer verbindlich, immer klar, immer technisch versiert, immer bei Kräften, immer rechnen, prüfen, aufpassen, hucken. Die Güte des Getreides und des Mehls verlangt Feinstarbeit, das Gewicht der Säcke verlangt Schwerstarbeit. Wer eine Weile zusieht, dem wird schwindlig, wenn er an die letzten vierhundert Jahre technologischer, sozialer und physischer Beanspruchung der Müller in diesem schönen Mühltal denkt.

Man kann deshalb verstehen, dass der junge Müller das Sterben seines Handwerks ziemlich lakonisch kommentiert. Denn immer noch entstehen neue Lidl- und Netto-Märkte im ländlichen Raum und bringen die lokalen Bäckereien und Metzgereien zu Fall. Immer noch geben Bauern auf oder steigen auf Mais um. Auf der einen Seite wird also das regional verfügbare Korn für den Müller knapper, auf der anderen Seite schwinden die Abnehmer in der eigenen Landschaft. Es ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Das sei nun mal so, sagt der Müller, und zuckt mit den Schultern. Ob es denn nicht schade sei, dass sein Betrieb diese Entwicklung vielleicht nicht überlebe?

Nur in einer einzigen Hinsicht, antwortet der Müller. Was einem Besucher von außerhalb an der alten Kunstmühle gefallen mag; die breiten Dielenbretter im Speicher, die wundersamen Maschinen, die große Tradition, das zähle letztlich nichts. Nur ein Argument mache es die Sache wert, noch auszuhalten: Er könne mit den lokalen Bauern und Bäckern zusammen Essen machen. Wenn alles zusammenbricht, so sagt der Müller, habe ich Korn für ein dreiviertel Jahr im Speicher, bis zur nächsten Ernte. Wir können Essen machen, egal, ob in China ein Sack Reis umfällt oder in Brasilien ein Sack Zucker platzt. Darin, in der regionalen Unabhängigkeit der Nahrungsproduktion, sieht der Müller den Wert seiner Arbeit. Es ist kein romantischer Blick, es ist ein einfacher Gedanke. Wir können die Leute hier mit Nahrung versorgen. Das kann nicht jeder.

Genau darauf hatten die Briten in ihrer Debatte ja auch hinaus gewollt. Aber im Gegensatz zu ihnen will der deutsche Müller mit seinen Gedanken über den Wert des Essens lieber nicht mit Politikern diskutieren. Denn er und seine Kollegen und sein Vater und sein Großvater und alle anderen vorher auch haben eine Erfahrung gemacht und die lautet: Für uns ist es besser, wenn wir von der Politik in Ruhe gelassen werden. Sobald das politische System anfangen will, uns zu helfen, kommt nichts Gutes dabei heraus. Man sehe nur auf die alten Mühlenaufzüge – geniale halboffene Holzkisten mit einer raffinierten und blitzschnellen Transmission, die einem einzigen Müller das beinahe gleichzeitige Arbeiten auf vier Ebenen erlaubte. Diese Aufzüge entsprechen nicht den modernen Arbeitsschutznormen, sie werden deshalb stillgelegt. Es haben schon Mühlen dichtgemacht, weil sie die Zigtausende für einen normgemäßen Aufzug nicht aufbringen konnten, der ihnen obendrein nichts helfen würde, weil er viel zu langsam ist. Also, man sollte die Müller wohl lieber mit der Politik in Ruhe lassen.

Ist der Müller also ein deutscher Michel, der das Politische seiner Arbeit nicht sehen will? Das kann man so nicht sagen. Er glaubt nur nicht daran, dass ein politisches System, das sich immer mehr darauf ausrichtet, ein einziges Modell der Wohlstandsproduktion zu stützen, ihm helfen kann. Es ist einfach die falsche Adresse.

Was ins Auge sticht, ist das Wettbewerbsrecht. Es unterläuft  immer mehr regionale Lösungen, weil es die ganzen komplexen Leitungen, die ein regionaler Produzent erbringt, beharrlich übersieht und stattdessen immer nur den Marktpreis für das Produkt gelten lässt. Dadurch wird alles dem Markt unterworfen, auch das, was vielleicht eine genauere Betrachtung verdiente: die ökologische, die soziale, die kulturelle Logik des eigenen Tuns, ja sogar nebenbei erbrachte wirtschaftliche Effekte. Aber die Logik des Wettbewerbsrechts zu ändern, hieße, eine Revolution zu versuchen. Und da nicht klar ist, ob uns diese Revolution nun wirklich woanders hinführen würde als in die alte Planwirtschaft, will auch niemand so gern solch eine Fahne hissen.

Trotzdem aber hat der Müller einen Vortrag bei einer lokalen Gruppe des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac gehalten, das in seiner Gegend übrigens von einem katholischen Pfarrer organisiert wird. Denn dass das, was er tut, letztlich ein politischer Gegenstand ist, weiß er ja.

Seit Jahren rede ich jetzt mit Menschen über dieses Problem. Ich habe den Eindruck, dass wir von einer Lösung noch sehr weit entfernt sind. Vielleicht können wir die Lehren nur über Schmerzen ziehen, über einen Hunger, den ich mir nicht wünschen kann. Dann geht es ganz schnell, sagt Peter. Er hat Recht. Und deshalb wäre es doch besser, die Sache langsam zu anzugehen, langsam aber sofort.





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