Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?

Über Subsistenzwirtschaft IX

Kenneth Anders, 24.04.2017

In der akademischen Welt gibt es eine verbreitete Lehrmeinung, nach der die Menschen auf dem Land keinen Begriff von der Landschaft haben, in der sie leben. Die Landschaft, so heißt es da, sei eine Entdeckung des Bürgertums, die vor allem im Feld der Ästhetik, in der Malerei und auf Reisen gemacht wurde. Der Landmensch dagegen habe nur den Nutzwert des von ihm bestellten Raums vor Augen, den Ertrag des Bodens z.B., für die Schönheit und das Gesamtensemble habe er keinen Sinn.  

Nun sind Diskurse, in denen bestimmten Gruppen etwas abgesprochen wird, ebenso verbreitet wie unergiebig. In der philosophischen Anthropologie wird oft darüber gesprochen, was die Tiere alles nicht können und was wir z.B. den Affen voraus haben. Und in der Geschichtsphilosophie wird gern herausgearbeitet, was den modernen Menschen von den vormodernen Menschen trennt, was letztere also alles nicht kannten und hatten und konnten. Diese Grenzziehungen sollen Identität stiften, bei genauem Hinsehen stellen sie sich oft als halbgar heraus. Die Leute vor zweitausend Jahren waren uns eben doch recht ähnlich. Und auch Affen tun manchmal Dinge, die man ihnen gerade erst abgesprochen hatte. Kurz: Man ist immer gut beraten, die anderen nicht zu unterschätzen.

Nun kann ich mir schon vorstellen, wie das Vorurteil  zustande kommt, die Landleute hätten keinen Landschaftsbegriff. Wenn Städter aufs Land kommen, brechen sie gern in Staunen über die Offenheit, Schönheit und Vielgestaltigkeit des Bildes aus, das sich ihnen da öffnet. Man höre sich nur die wunderbaren Eichendorff-Vertonungen „Oh Täler weit, oh Höhen“ oder „Abschied vom Walde“ von Felix Mendelssohn Bartholdy an, besser kann man dieses Staunen kaum ausdrücken. Die meisten dieser Landschaftspreisungen sind zugleich Abschiedslieder und wer wüsste nicht, dass in der Trennung manches intensiver leuchtet als im Alltag. Tut man seine Gefühle nun gegenüber einem Bäuerlein kund, das jeden Tag in der hoch gelobten Landschaft unterwegs ist, so wird erst einmal nicht viel zurückkommen. Denn erstens nimmt das Bäuerlein keinen Abschied und zweitens weiß es all das ja schon.

Mir erging es selbst so, als ich ins Oderbruch zog. Ich war vierundzwanzig Jahre alt und stand begeistert auf dem Acker. Der Nachbar musterte mich von Kopf bis Fuß und dann fragte er, warum ich eigentlich hier heraus zöge? Er wollte in erster Linie wissen, wie das funktionieren sollte, welche wirtschaftliche Basis ich hier für meine Leben habe. Ich aber schwärmte von dem freien Blick. Daraufhin schwieg er eine Weile, dann sagte er: Naja. Ruhig isset ja jedenfalls hier draußen. Darauf konnten wir uns einigen. Dennoch konnte man aus dieser Unterhaltung leicht den Schluss ziehen, mein Nachbar, sozusagen ein Eingeborener, habe kein Empfinden für die Schönheit seiner Landschaft.

Nun bin ich seit fünfundzwanzig Jahren im Oderbruch und kann mich besser in die Menschen hineinversetzen, denen diese Beziehung zu ihrer Landschaft abgesprochen wird. Die Behauptung, sie schauten nur aus Nützlichkeitserwägungen auf den Raum, ist Quatsch. Auch die Einheimischen schauen ins Land, sehen seine Herrlichkeit und sind dankbar dafür. Aber sie machen das eher im Stillen mit sich aus, denn es gibt einen ganzen Komplex an Fragen, der sich an jede einzelne Wahrnehmung anschließt und sich vor das Lob der Landschaft schiebt.

Das fängt im eigenen Garten an. Ich schaue mich um. Eigentlich will ich mich nur an meinem Garten erfreuen, aber dann denke ich:
Wann hattest du zuletzt das Gras gemäht? Es steht schon wieder ganz schön hoch.
Ob ich dieses Jahr Heu machen sollte?
Die Bäume müssten mal wieder beschnitten werden. (Ginge vielleicht auch noch nächstes Jahr, dann aber unbedingt.)
Ich muss nochmal nach der Dachrinne schauen.
Das eine Huhn gefällt mir nicht.
Die Schafe brauchen eine Wurmkur, habe ich das Mittel noch da? 
Der Zaunpfosten da ist durchgefault.

So geht es endlos weiter. Was man sieht, enthält eine Agenda. Der Blick kommt nur zur Ruhe, wenn ich etwas gebaut oder fertiggestellt habe. Dann schaue ich mit dem Stolz getaner Arbeit hin, immer wieder, und freue mich daran. Es ist kein bloßes Nutzkalkül, es ist die Agenda der Bewirtschaftung. Alles macht Arbeit, alles wird Arbeit machen, nichts hält ewig, alles wird durch Wind und Wetter in Bewegung gehalten. Die Landschaft gibt es nicht geschenkt, sie wird gemacht.

Das ändert sich auch nicht, wenn man über den Gartenzaun hinausblickt. Die Früchte auf dem Feld, der Zustand des Weges, die Probleme mit den von Bibern angestauten Gräben - all das sieht man, wenn man eine Weile hier lebt und nicht nur wohnt. Hinter jedem Landschaftselement stehen Menschen, Geschichten, Probleme, Arbeit. Alles ist beredt und ein großer Teil der Schönheit ist erarbeitet. Man weiß, dass nichts so bleibt wie es ist und dass man gefordert ist, als Mensch, von früh bis spät.

Das hält einen auch davor zurück, seinen Nächsten übermäßig fordernd anzusprechen, weil z.B. der Himmel gerade so schön ist. Denn der andere hat auch gerade den Kopf voll und man weiß, er sieht das schon. Ein kurzes „Guck mal!“ reicht im Zweifelsfalle völlig aus. Denn vielleicht denkt der andere gerade daran, dass er seine kaputte Fräse in die Werkstatt bringen muss, bevor das Beet dran ist. Der Landmensch genießt eher im Stillen.

In Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ wird bei einer Kutschfahrt durch den Wald das oben erwähnte Eichendorff-Lied angestimmt: Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut, so hoch da droben? Wohl den Meister will ich loben, solang noch mein Stimm erschallt! Die begeisterte Ausflüglerin will damit eigentlich die Natur oder den schöpferischen Gott preisen. Aber die Antwort ihres Begleiters fällt nüchtern aus: Das war der Förster.

Wird fortgesetzt.