Was uns müde Knochen erzählen können

Über Subsistenzwirtschaft VII

Kenneth Anders, 13.03.2017

Hinter mir liegt ein Tag im Garten, es war herrlich, frühlingshaft, aber auch anstrengend. Nun bin ich müde und alles tut weh. Ich freue mich auf den Schlaf. Morgen werde ich noch etwas Muskelkater haben, aber ich werde erholt sein. Wer kennt das nicht?

Viel ist in unserem Umweltdiskurs von Ressourcen die Rede. Man sagt: Wir vergeuden unsere Ressourcen. Wir müssen uns ein Ressourcen schonendes Verhalten angewöhnen. Wir sollen ressourcenbewusst leben. Das sind gute Gebote, die man kaum zu hinterfragen wagt. Was soll auch daran falsch sein?

Nun, falsch daran ist der Ressourcenbegriff. Er wird überdehnt. Der Sprache des Umweltdiskurses zufolge handelt es sich bei allem, was wir nutzen, um Ressourcen: Erdöl, Gas, Kohle, Edelmetalle, seltene Erden, Wasser und Boden. Das ist irreführend. Wir sollten vielmehr unterscheiden zwischen Source und Ressource, zwischen Verbrauch und Gebrauch.

Bodenschätze und fossile Brennstoffe werden von uns verbraucht, indem wir sie aufschließen und stofflich oder energetisch umwandeln. Niemand kommt auf die Idee, diese Güter nach ihrer Verwertung wieder herzustellen, also zum Beispiel, das Öl zu regenerieren und es wieder in die Erde zu lassen. Es wird verbraucht. Es ist eine Source, die früher oder später versiegt. Daran ändert auch der Versuch nichts, die Rohstoffe durch Recycling erneut zu verwerten. Im industriellen System ist Müll ein Rohstoff, seine Nutzung ist abhängig von den Kosten, die anfallen, um ihn aufzuschließen. Recycling ist in dieser Hinsicht nichts anderes als Bergbau. In der Marktwirtschaft gehen wir grundsätzlich davon aus, dass die genutzten Güter austauschbar sind. Ist das Öl alle, eignen wir uns eben eine andere stoffliche oder energetische Quelle an. Diese Flexibilität macht uns produktiv und sie ist auch der Grund für den manchmal schwer verständlichen Optimismus der Marktwirtschaft. Es wird sich schon etwas finden. Das kann man glauben oder nicht, fest steht nur: Wenn ich Diesel in mein Auto pumpe, tanke ich keine Ressource. Ich verbrauche einen fossilen Energieträger.

Um den Unterschied von diesem Verbrauch einer Source zum Gebrauch einer Ressource zu begreifen, ist es sinnvoll eine Ressource zu betrachten, die jeder von uns kennt: den eigenen Körper. Den zum Beispiel, der gerade müde von der Gartenarbeit ist.
Der Körper ist begrenzt – vor allem in Bezug auf seine Haltbarkeit. Trotz dieser Beschränkung sind wir an ihn gebunden, wir können uns, wenn er verschlissen ist, nicht einfach einen anderen Körper suchen, auch wenn es darüber immer wieder Filme gibt. Diese Bindung macht das erste Merkmal einer Ressource aus. Sie lässt sich nicht einfach ersetzen - das wären dann nicht mehr wir.

Ist man mit seinem Leben an etwas gebunden, wird man bestrebt sein, es so lange wie möglich zu erhalten. Wir stehen also vor der Herausforderung des Selbsterhalts. Dabei müssen wir uns mit den Möglichkeiten, die uns unser Körper einräumt, arrangieren. Wir sind gut beraten, ihm gegenüber eine positive Einstellung zu pflegen, am besten eine gewisse Dankbarkeit. Aber der Körper ist auch eine Quelle von Leid. Er bietet die Erfahrung des Gelingens, des Genusses, aber auch des Scheiterns und des Schmerzes. Diese emotionale Beziehung macht das zweite Merkmal von Ressourcen aus. Sie sind für den Menschen mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden.

Da der Körper nicht nur zeitlich begrenzt ist, sondern zudem über begrenzte Kraft und Leistungsfähigkeit verfügt, müssen wir ihm Erholungspausen zubilligen. Wir schlafen, ruhen uns aus. In gewissem Umfang kann sich der Körper von den Belastungen, die wir ihm zumuten, regenerieren. Die wunderbare Erfahrung der Erholung nach dem Gebrauch ist das dritte Merkmal von Ressourcen.

Außerdem motiviert uns die Beschränktheit des Körpers, ihn so vielseitig wie möglich zu nutzen. Wir üben uns in Fingerfertigkeit und lernen handwerkliche Dinge, spielen Instrumente, schreiben, malen, tanzen, entdecken die Sexualität und verausgaben uns bei der Arbeit. Aus einem mangelhaften, eingeschränkten Gut entsteht also ein Reichtum, der immer Teil von uns bleibt. Eine sich ausdifferenzierende Vielfalt, das ist die vierte Besonderheit von Ressourcen.

Diese vier Merkmale sind auch für die anderen Ressourcen typisch. Wir sind an sie gebunden, sie sind nicht austauschbar. Sie sind Quelle von Empfindungen zwischen Freude und Leid. Wir erfahren ihre Regenerationsfähigkeit. Und wir können aus ihrer Begrenztheit heraus versuchen, sie möglichst vielseitig zu nutzen.

Nun ist es so, dass ganz verschiedene Güter der Welt einen mehr oder weniger ausgeprägten Ressourcencharakter haben können: Ein geliebtes Werkzeug oder eine Familie, ein Haus oder ein Fahrrad. Der Unterschied lässt sich leicht feststellen, wenn wir uns fragen, ob es uns etwas ausmacht, das genutzte Gut gegen ein anderes auszutauschen. Bequeme Schuhe, wunderbare Kleidung – Dinge, die wir so gut in den Selbsterhalt unseres Systems integriert haben, dass uns ihr Verlust schmerzt, können (bis zu einem gewissen Grad) Ressourcen sein.

Die wichtigsten Lebensgrundlagen für uns Menschen sind Wasser und Boden. Wir können sie wie ein Verbrauchsgut behandeln, aber dann werden wir nicht überleben. Es ist besser, wenn wir diese Güter als Ressourcen gebrauchen, uns also an sie binden, obwohl diese Bindung unsere Freiheit einschränkt.

Dieses Los des Bauern, die Bindung an den Acker, ist mit Glück und Schmerz verbunden, dem Salz der Erde.

Aber immer wieder macht der Landwirt die herrliche Erfahrung eines erholten Bodens oder gereinigten, frischen Wassers.

Aus dem Bewusstsein der Begrenztheit des eigenen Landes kann man versuchen, den Boden so differenziert wir möglich zu nutzen: Hier gedeiht dieses, dort jenes, hier muss man wässern, dort Wasser abführen. Durch diese Differenzierung entstehen nicht nur Nahrungsmittel sondern auch wunderbare Gärten oder ganze Landschaften.

Ich bin der Meinung, dass man mit dem Begriff der Ressource nicht leichtfertig umgehen sollte. Dort, wo es sich bei einem Gut wirklich um eine Ressource handelt, sind wir nämlich bereits auf einem guten Weg. Oder, anders gesagt: selten handelt es sich bei den Dingen in unserer menschlichen Welt wirklich um Ressourcen – selbst dort, wo es möglich wäre.

Wird fortgesetzt.