Ein lauter Frieden, das gibt es.

Über die Kultur in einer bodenlosen Zeit

Kenneth Anders, 01.08.2016

Vor drei Wochen hatte ich alte Studienfreunde zu Besuch. Wir saßen im Garten, tranken Whisky, redeten miteinander und sahen auf fette Kornfelder, stampfende Pferde und einen wunderbaren Sternenhimmel. Es war ein schöner Abend und als der Besuch am nächsten Tag wieder abfuhr, fiel mir auf, dass ich meine Freunde in recht guter Verfassung wiedergetroffen hatte. Sie achten auf sich (nicht zu viel, nur im Sinne des Selbsterhalts), haben Familien, gehen sinnvollen Tätigkeiten nach – und allen ist es geglückt, an ihre Qualifikationen aus dem Studium anzuschließen. Ich meine, man kann sagen: Sie sind glücklich, so wie auch ich es bin. Ist das merkwürdig? Wie man es nimmt. Unser Leben fühlt sich so an, wie mein Freund und Nachbar Rolf es neulich anlässlich seines 70. Geburtstages formulierte: persönlich wird es von Jahr zu Jahr besser, derweil man den Eindruck hat, mit der Welt gehe es stündlich bergab.

Das führt nun dazu, dass ich auf einmal Dinge, die mir ganz normal schienen, mit einem endzeitlichen Bewusstsein betrachte. Gerade kam mein Sohn aus Uruguay zurück. Er war ein Jahr bei einer Gastfamilie gewesen und dort zur Schule gegangen. Nun stand ich in Tegel, auf diesem irgendwie humanistischen Flughafen, der in seiner optimistischen Übersichtlichkeit wie aus einer anderen Zeit wirkt. Durch die Glasscheibe am Flughafen sah ich meinen Sohn hinter dem Gepäckband stehen. Mir fiel auf, dass er größer und kräftiger geworden war. Dann standen wir uns gegenüber und fielen uns gerührt in die Arme. Auch seine Gastmutter in Uruguay hatte in der letzten Woche seines dortigen Aufenthalts geweint, wegen des bevorstehenden Abschieds, sie hatte meinen Sohn ins Herz geschlossen. Da wir stets miteinander kommunizierten, rückten die Gefühle der Eltern und der Gasteltern zusammen. Mir wurde bewusst, wie schön es ist, dass Jugendliche aus Deutschland einfach so für ein Jahr in ein ganz anderes Land gehen und dort andere Menschen und eine andere Gesellschaft kennenlernen können. Dass sie dort wiederum Zuneigung erfahren können und geborgen sind. Ich stelle mir vor, wie die Schüleraustauschorganisationen von Jahr zu Jahr besorgter auf die Landkarten des Globus schauen, wenn wieder zwei, drei Staaten aus dem Kreis der Gastländer herausgefallen sind – weil ein Krieg ausgebrochen ist oder sich das gesellschaftliche Klima unerträglich verändert hat. Vielleicht ist diese Zeit, in der man aus Deutschland Jugendliche einfach so rings um den Erdball schicken kann, auch begrenzt? Wird man einst von dieser Zeit, als einer verspielten Epoche sprechen? Dann würde uns wahrscheinlich auffallen, dass wir unser Leben gar nicht so geschätzt haben, wie es das verdient hätte.

Nun ist es durchaus möglich, dass diese pessimistische Wahrnehmung auf einer Täuschung beruht, mithin ein Ergebnis fehlgeschalteter Kommunikation ist. Jedes schlimme Ereignis in der Welt erreicht uns heute in Sekundenschnelle und drischt dann aus verschiedenen Medien auf uns ein. Wir haben keine Zeit, diese Dinge zu verarbeiten. Da sagt oder tut ein Mensch irgendwo in der Welt etwas Hässliches, und nun muss man sich fortan mit seiner schlechten Rede oder seiner Tat auseinandersetzen, die Kommentare anderer Menschen verarbeiten und dann auch noch jene aus dem Netz, die wiederum von Journalisten aufgearbeitet werden. Und dieser ganze Lärm führt zu nichts, er wird einfach vom nächsten, noch lauteren Lärm abgelöst. Unterdessen sterben anderswo Menschen oder werden von ihrem Zuhause vertrieben. Die Grausamkeit, die ihnen widerfährt, vermischt sich mit diesem Lärm, der, so empfinde ich es wenigstens, in vielen Teilen der Welt denselben Klang annimmt – eine unzufriedene Respektlosigkeit gegenüber anderen, ein Hass auf alles Ambivalente, eine Unlust am Geltenlassen, eine Verhöhnung von Regeln, wenn sie nicht den eigenen Vorteil sichern und vor allem: eine Eile im Aburteilen.

Diese Kommunikation schafft ihre eigene Wirklichkeit, spürbar im eigenen sozialen Umfeld. Es wächst eine Gier nach einfachen Antworten und jeder, der sie verweigert, erscheint als Verräter. Wer auch nur ausspricht, dass wir vielleicht selbst Teil des angeprangerten Schuldzusammenhangs sind, muss mit wütender Abwehr rechnen. Als Kind hatte ich Angst vor der Atombombe. Heute fürchte ich mich vor Menschen, die diesen aggressiven Willen zum Rechthaben an den Tag legen.

Was ist dann aber mit meiner, wie gesagt glücklichen Wirklichkeit? Ich bin mit den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Lebens völlig ausgelastet, mit der Sterblichkeit, den Krankheiten, dem Mindestmaß an Schmerzen in jeder Existenz. Ich habe auch so genug zu verarbeiten. Was hat mein Glück mit der Wut dieser Leute zu tun?

Das, so scheint mir immer mehr, ist des Pudels Kern. Wer glücklich ist, ist es im Stillen. Wir haben kaum Formen, es auszudrücken und Teil gesellschaftlicher Kommunikation werden zu lassen. In Events mit Feuerwerken und Lichtinszenierungen feiern wir den Samstagabend, aber diese Events sind nicht Ausdruck unseres persönlichen Lebensgefühls. Dankbarkeit? Wem gegenüber denn? Ist das nicht eine Unterwerfungsgeste? Gibt, wer glücklich ist, nicht seine kritische Haltung auf oder verhöhnt gar das Leid der anderen? Darf man überhaupt glücklich sein, wo doch die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen der Welt den Verdacht nahe legen, dass unser Glück das Leid der anderen ist?

Diese Muster privatisieren das Glück, und wenn es erst privat ist, hat die Gesellschaft nichts mehr davon. Wer nur heimlich glücklich ist, hat nichts abzugeben. Er kann nur anprangern, sich empören. Dass das eigene Leben schön ist, darf nicht der Rede wert sein. Wir fürchten, dass das Glück als Ignoranz, Selbstgefälligkeit, als Plattitüde daherkommt und diese Sorge ist nicht unberechtigt: Mensch, was geht`s uns heute wieder gut!

Ich habe keinen einfachen Ausweg aus diesem Mechanismus, aber eins scheint mir auf jeden Fall nötig: das Beschreiben dessen, was unser Leben ausmacht, dort, wo es gelingt. Das klingt verdächtig nach sozialistischem Realismus, aber ich meine, es gehörte immer zur Kultur, dass sie das scheinbar ganz normale Leben würdigte, in Büchern, Bildern, Filmen oder Liedern. Die Genauigkeit gegenüber dem gelingenden Alltag macht mir bewusst, wie zerbrechlich er ist und wie nahe er an den dunklen Seiten des Lebens verläuft. Das bremst die wütende Eile der Diskurse, es macht demütiger und vorsichtiger. Wir sind gefährdet und wir dürfen angesichts des reichlichen Leids nicht wegschauen. Aber wir müssen uns auch erzählen, dass das Leben die Mühe wert ist.

Ich habe gesunde Kinder, sie gehen zur Schule oder studieren. Wir haben immer zu essen und zu trinken, wir können Pläne schmieden und umsetzen, wir werden medizinisch versorgt, niemand schließt unsere Zeitungsredaktionen, verbietet uns den Mund oder brennt unsere Häuser an. Meine kleine Tochter wird, wenn es hier gut bleibt, ihren Lebensweg selbst wählen können. Sie muss nicht damit rechnen, nach einer Partnerwahl verhüllt und in eine vorgegebene Rolle gezwängt zu werden. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Johannes Bobrowski hat einst in einem Traktat über den öffentlichen Menschen eine kleine Szenerie eines Kneipenabends entworfen. Er schreibt: „Es ist laut in der Gaststube, aber es ist friedlich, ein lauter Frieden, das gibt es.“ Ja, das gibt es, und den wünsche ich mir.