Botschaften mit Warencharakter

Über Leitaussagen im Ökologiediskurs

Kenneth Anders, 05.07.2016

Es war vor einigen Tagen, ich hatte den Abend im Haus verbracht. Es war spät geworden, aber nun stellte ich fest, dass es draußen noch hell war - Mittsommerzeit. Der Himmel lockte in herrlichen Farben, also ging ich heraus, stellte mich an den Feldrain und sah mich um. Es war ein wunderschönes und unwirkliches Abendrot, irritierend bereichert vom Gezwitscher hunderter Feldlerchen. Ab März begleiten diese Vögel meine Spaziergänge, und sie sind mir sehr ans Herz gewachsen.

Nun weiß ich aus dem Ökologiediskurs, dass die Feldlerchen zu den bedrohten Arten gehören. Man hört es in Dokumentarfilmen und liest es in Zeitschriften. Stets wird diese Gefährdung schlüssig belegt – die intensive Feldwirtschaft zerstört ihren Lebensraum. Deshalb gibt es eigene Artenschutzstrategien, z.B. die Lerchenfenster. Das ist ja gut.

Nur, wie gesagt, bei mir gibt es nach wie vor eine ganze Menge Feldlerchen, auch ohne Lerchenfenster. Und das, obwohl ich inmitten intensiv bewirtschafteter Ackerschläge wohne. Das gleiche gilt für andere Arten, mit denen im Ökologiediskurs die schwindende Vielfalt unserer Agrarlandschaften bebildert wird. Es wimmelt hier nur so von Feldhasen. Und auch der viel beschworene Rotmilan kreist am Himmel. Der seltsame Gesang der Grauammern bereichert meine Sommerabende und ab und zu höre ich auch den lieblichen Ruf der Wachtel, von der Johannes Bobrowski geschrieben hat, sie sänge: Lobet Gott!

Nun will ich mit dieser Beschreibung nicht sagen, dass es im Oderbruch kein Problem mit der Agrobiodiversität gibt. Wahrscheinlich geht auch hier die Artenvielfalt zurück. Nur stimmen die Parameter nicht, mit denen dieser Prozess allgemein beschrieben wird. Was konkret heißt: Der Ökologiediskurs geht an der Wirklichkeit meiner Landschaft vorbei – und also kann er in ihr auch nicht fruchtbar werden. Denn ich muss unseren Landwirten nicht mit der Feldlerche kommen.

Warum sind die Aussagen des Diskurses aber so grob, dass sie in den betroffenen Räumen selbst geradezu falsch werden? Ich meine, das liegt daran, dass heute nicht nur die Wirtschaft, sondern auch alle großen gesellschaftlichen Akteure nach Kriterien des Marktes des handeln und denken.

Als wir 2011 ein Kinderbuch über das Oderbruch entwickelten, suchten wir einen Verlag. Wir fanden keinen, denn es war gleich klar, dass nur wenige Menschen im Oderbruch sich für dieses Buch interessieren würden. Wir haben dann einen eigenen Verlag gegründet und das Buch mit Unterstützung aus der Region selbst verlegt.

Als wir unsere landschaftliche Bildungsinitiative bei einer bundesweiten Förderagentur vorstellten, teilte man uns mit, dass man nur Dinge fördere, die gleichermaßen in allen Landschaften zu nutzen seien. Für jede Landschaft ein eigenes Bildungsmaterial, was ist denn das für eine Kleinstaaterei?

Das Muster ist weit verbreitet. Die Logik der Ware besagt: Alles, was wir tun, rechnet sich erst ab einer bestimmten Menge. Also werden die Aussagen zu Slogans. Im Naturschutzdiskurs wird der Begriff Trockenrasen eigentlich nur noch mit dem Attribut „wertvoll“ gebraucht und die Feldlerche ist eben ein Symbol für den Artenschwund. Ob es im konkreten Fall passt? Hauptsache, die Leute verstehen die Wichtigkeit der Botschaft. Die meisten Leute erkennen doch eh keine Lerche mehr!

Aber wie soll man auf dieser Grundlage vernünftig handeln? Ich meine, vernünftig handeln kann nur, wer sich die Mühe macht, zunächst sorgfältig zu beschreiben, was er vor sich hat. Die Welt ist nicht an jeder Stelle gleich und was im Groben und Ganzen zutreffen mag, ist vor Ort vielleicht geradezu falsch. Aber dort, gerade dort: Da muss es stimmen!