Schlechte Manieren im Internet

Über mediale Umgangsformen am Rande der Fußball-Europameisterschaft

Kenneth Anders, 20.06.2016

Gerade findet in Frankreich die Europameisterschaft statt und ich schaue mir, wie viele andere Menschen auch, so manche Spiele an und rezipiere einen Teil der Sportberichterstattung. Mir fällt auf, dass bei jedem Turnier neue Aspekte diskutiert werden. Dieses Mal redet man von einer Packing-Quote und es wird unglaublich viel kolportiert: was die Menschen im Netz über die Spiele geäußert haben zum Beispiel, oder was vermeintliche Experten zu sagen haben. Dass in den Sportrubriken dieses Mal besonders ratlos vor sich hingeschwätzt wird, kann täuschen. Vielleicht fällt es mir nur auf, weil sich die Vorrunde im neuen, erweiterten Format ein bisschen in die Länge zieht, sodass sich alle ein bisschen langweilen. Aber Langeweile hat auch ihr Gutes: Man hat Zeit, sich seine Gedanken zu machen, z.B. über das journalistische Handwerk in den Zeiten der Internetkommunikation.

Manche Leute vergreifen sich im Ton und manche reden dummes Zeug. Das kommt immer wieder vor. Die Aufgabe von Journalisten besteht m.E. darin, beides zu vermeiden. Das ist eine Kunst, die direkt ins journalistische Handwerk führt.

Im Ton vergriffen hat sich z.B. ein ehemaliger, halbwegs bekannter Fußballspieler, als er vor dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine davon sprach, wir würden die Ukrainer "weghauen". So las ich es in einem Nachrichtenportal im Internet. Ein solcher wegwerfender Sprachgebrauch ist im Fußball durchaus verbreitet. Mir ist er aber unangenehm. Die Fußballer sollen spielen und sich nicht weghauen. Und wenn jemand schon so redet, dann muss man das als Journalist nicht unbedingt so wiedergeben, es sei denn, man möchte sich aktiv mit der Art, wie da gesprochen wird, auseinandersetzen. Meines Erachtens ist es durchaus gerechtfertigt, in einem Interview kurz zurückzufragen, ob man das wirklich so sagen solle oder nicht besser etwas netter ausdrücken könne? Das ist eine Form aktiver Sprachpflege. Zum Glück haben die Zeitungen es diesmal nicht aufgegriffen, immerhin.
Nun könnte man erwidern, dass der Journalismus die Welt nicht verschönern sondern so darstellen soll, wie sie ist. Das verstehe ich. Und dennoch meine ich, man muss abwägen und nicht ohne Not Gift verspritzen, das jemand vielleicht nur aus schlechter Sprachbeherrschung in die Welt gebracht hat.

Kommen wir zur Kategorie "dummes Zeug". Da schnappt eine der zweihundert Kameras im Stadion einen Moment auf, in dem sich der Trainer der deutschen Mannschaft an oder in den Schritt fasst und es gibt einen Aufschrei in italienischen Internetforen. Das deutsche Fernsehen hatte die Szene wohlweislich gefiltert. Aber nun greift die deutsche Presse das Thema auf und schon entsteht eine unwürdige, sich über viele Tage hinziehende Diskussion. Selbst die F.A.Z. hat über diese Dinge berichtet, als gäbe es nichts Wichtiges. Jeder weiß doch, dass in solchen Fällen nur großzügiges Darüberhinwegsehen hilft! Habe ich z.B. einen Hosenschlitz offen, möchte ich diskret darauf aufmerksam gemacht werden und dann soll die Sache bitte vergessen sein. Wer stellt sich denn lauthals neben einen und kräht: Guckt mal, der hat den Hosenschlitz offen! Das ist doch nicht nur für mich peinlich, sondern auch für den, der es ausposaunt! Dass sich das Internet nicht an solche Spielregeln hält, ist nicht zu ändern, aber unter anständig erzogenen Menschen sollten sie doch gelten. Also wirklich!

So wird auch eine Fußballmeisterschaft schließlich ein wenig lehrreich, denn man kann beobachten, wie die mediale Kommunikation zur Verbesserung der Welt beiträgt oder eben gerade nicht. Und wie die klassischen Diskursmedien sich an schlechte Diskurse anbiedern, weil sie nicht erkennen, dass es sich bei den Debatten, die sie aufgreifen, einfach nur um eine Form schlechter Manieren handelt.