Immer wieder Glyphosat

Über die derzeitige Debatte zur Neuzulassung des Herbizids

Kenneth Anders, 31.05.2016

Derzeit schlagen die Wellen wieder hoch, wenn es um das Thema Glyphosat geht. Es schwimmt im Bier, es steckt im Essen, es ist in uns drin und an uns dran. Nun steht eine Neuzulassung für das Herbizid an, sonst muss es vom Markt genommen werden. In den letzten Jahren waren die Fronten für diese Auseinandersetzung sorgfältig vorbereitet worden. Auch hier im Oderbruch gab es Veranstaltungen, bei denen der Einsatz des Giftes angeprangert wurde und neulich schrieb mir eine Journalistin: „Als ich am Wochenende mal wieder im schönen Oderbruch war, schockierte mich die Nachricht, dass auf den Feldern neuerdings RoundUp verspritzt wird. Ist das wahr? Haben sie davon auch gehört?“

Ja, das war mir schon bekannt. Aber mit „neuerdings“ hat das Ganze nichts zu tun. Glyphosat ist sozusagen ein Grundstoff der modernen Landwirtschaft – in aller Welt und seit über vierzig Jahren.

Zur Beantwortung der Frage, ob Glyphosat krebserregend ist, kann ich weder fachlich noch aus eigener Erfahrung etwas beitragen. Neulich sprach mich ein Bekannter an, er sagte, hoffentlich stelle man nun zweifelsfrei fest, dass Glyphosat krebserregend sei. Natürlich wollte er darauf hinaus, dass dieser Beweis ein Verbot des Mittels beschleunigen würde, aber ich fand die Äußerung dennoch verwirrend – sowas kann einen doch nicht freuen? Es ging dann wohl eher ums Recht behalten.

Die Landwirte argumentieren in der Debatte – sofern sie daran teilnehmen – mit dem, was in fast jeder Praxis zur Profession gehört: sie sagen, sie hielten Maß, die Menge mache schließlich das Gift. Ich meine, dass es hier wirklich unterschiedliche Handschriften gibt. Neulich fuhren wir Richtung Prötzel, was da entlang der Straße olfaktorisch zu vernehmen war, habe ich in meinem Umfeld überhaupt noch nie erlebt. „Konventionell“ scheint also nicht zu bedeuten, dass alle die gleichen Konventionen befolgen. Aber welche Anhaltspunkte haben wir als Bürger, um diese zu unterscheiden?

Die politischen Glyphosat-Gegner verfolgen, so scheint es mir, ein einfaches Kalkül. Sie denken sich, wenn dieses Mittel verboten wird, dann ist ein wichtiger Stein aus der Statik der agrochemischen Landwirtschaft herausgebrochen. Noch ein paar Schläge, und das verhasste Gebäude bricht zusammen. Gerade, dass es so eine Schlüsselstellung in der Landwirtschaft einnimmt, macht die Sache verlockend. Und ich meine, genau um diesen Punkt geht es. Die Leute hinter der Glyphosatkampagne wissen natürlich genau, dass es eine Unzahl anderer Mittel gibt, die wahrscheinlich gefährlicher sind als Glyphosat. Sie wissen auch, dass das ganze agrochemische System voller sich gegenseitig bedingender Komponenten steckt. Hier die Grenzwerte für Pilzbelastungen im Getreide – dort die Fungizide. Hier die Regeln für das Beizen des Saatguts – dort die Spritzbelastung auf dem Feld. Hier die Käfer – dort die Neonicotinoide.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein verbotenes Mittel zu einem Zusammenbruch des Systems führen würde – und man kann nicht einmal leichtfertig sagen, dass dieser Zusammenbruch wünschenswert wäre. Immerhin arbeiten die wenigsten Kritiker in der Landwirtschaft und überhaupt ist in unserer Gesellschaft die harte Feldarbeit nicht populär. Würde das Verbot von Glyphosat in Europa dazu führen, dass bei uns alle auf „Bio“ umstellen würden? Könnte man im Oderbruch überhaupt Getreide entsprechend der heutigen Qualitätsanforderungen produzieren? Oder würden die Nahrungsmittel dann eher aus anderen Kontinenten eingeführt, wo es auf ein paar Gifte mehr oder weniger nicht ankommt? Von dort würde man bestimmt gern liefern.

Aber weder das differenzierte Wissen um die vielen Wechselwirkungen unserer Nahrungsmittel-, Pflanzenschutz- und Bewirtschaftsvorschriften noch die selbstkritische Reflexion unseres Verhältnisses zur Landwirtschaft spielen in der Debatte eine  Rolle. Diese Dinge scheinen nicht für die Allgemeinheit zu taugen. Die soll sich empören, denn Empörung erzeugt politischen Druck. So geht das Spiel nun einmal.

Ich wohne mit meiner Familie, mit kleinen Kindern, mitten auf dem Acker. Ich kann nicht behaupten, dass ich es angenehm finde, wenn rings um meinen Garten die Spritze fährt. Insofern sind das Glyphosat und all die anderen Agrochemikalien ein wichtiges Thema für mich. Aber trotzdem weiß ich nicht, wie ich in die Auseinandersetzung, so, wie sie jetzt geführt wird, einsteigen soll. Ich glaube nicht daran, dass meine unmittelbare Umwelt – oder auch die Welt im Allgemeinen – besser und gesünder wird, wenn in diesem Kampf ein solcher symbolischer Sieg errungen wird. Ich fürchte vielmehr, dass ohne eine Kultur des Maßhaltens auf beiden Seiten das Leben auf dem Land in absehbarer Zeit nicht mehr möglich sein wird. Denn wo das Augenmaß nichts mehr gilt, wird man Zonen ausweisen. Und wo Gift ist, darf man eben nicht wohnen. Vielleicht entstehen dann um die Ballungsräume herum giftfreie Ökozonen, wie sie der Journalist Jan Grossarth neulich schon in der F.A.Z. vorhergesagt hat. Die anderen müssen dann eben sehen, wo sie bleiben.

Aber die anderen – das bin doch ich!