Mein Schulweg

Über die Lesbarkeit des Raums

Kenneth Anders, 21.03.2016

Auf dem Schulweg meiner Kindheit lief ich an Häuserwänden vorbei, die noch voller Einschusslöcher aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs waren. Für uns Kinder war das normal, wie auch die zerschossenen Kellerfenster, die man nicht mit Glas, sondern mit Sperrholz repariert hatte. Auf dem Sperrholz erkannten wir kyrillische Buchstaben. Die Sowjetarmee hatte in Eberswalde zunächst größere Teile des alten Villenviertels besetzt und sich erst später auf einen halben Straßenzug zurückgezogen.

An der zweiten Straßenecke befand sich ein Konsumladen, in dem wir beinahe täglich einkauften. Gegenüber führte eine große Treppe auf ein hohes Plateau, den Drachenkopf. Sie hieß Goethetreppe, einst aber hatte sie Bismarcktreppe geheißen. Was der Namenswechsel bedeutete, erschloss sich mir erst später.

Etwas weiter den Weg hinan folgte ein steinernes Becken mit der Aufschrift „Gesundbrunnen“, über dem ein Wasserhahn aus der Wand ragte. Ich habe nie Wasser in dem Becken gesehen und die Vorstellung, dass es hier einst munter herausgesprudelt war, erschien mir wie ein Märchen.

Vis-à-vis stand ein langes Haus mit der Aufschrift „Badeanstalt“. Den Zweck dieser Einrichtung verstand ich als Kind miss. Ich dachte, man könne hier Schwimmen gehen, dabei war es eine Anstalt zur Körperpflege, in der man sich eine Wanne warmes Wasser einlassen konnte. Dieser Irrtum widerfuhr mir Jahre später noch einmal, auf einem Trampurlaub mit meinen Freunden Deini und Gladi. In Budapest waren wir nämlich im römischen Bad am Gellertberg gewesen. Heute würde man das Wellness nennen, aber auf uns wirkte es wie ein Relikt antiker Körperkultur. Wir fanden das schön, und als wir bald darauf nach Sofia kamen und hörten, auch hier gäbe es ein altes römisches Bad, suchten wir es unverzüglich auf, in Vorfreude auf üppige, mosaikgeflieste Becken voll warmen Wassers. Tatsächlich fanden wir ein imposantes Gebäude vor, aber als uns eine weißbekittelte Frau in ein etwas heruntergekommenes Zimmer mit Badewanne und einer rostigen Mischbatterie geführt hatte, erkannten wir den Unterschied zwischen Badeanstalt und Badeanstalt.

Ich komme vom Thema ab. Kurz vor der letzten Kreuzung führte der Schulweg an einem kleinen Schlachthof vorbei. Damals gab es noch viele Nutzungen auf den Höfen der Stadt, sie klemmten sich ohne Scheu zwischen die Wohnbebauung. Geräuschvolle oder nach irgendetwas riechende Arbeit musste sich noch nicht vor dem Wohnen verstecken. Auch nicht das Schlachten. Der Schlachthof roch nach Blut und heißem Wasser und oft sah man die Arbeiter große Schweinehälften hin- und herschieben. Wir fanden als Kinder nichts dabei. Im Gegenteil, im Winter gingen wir hinein, hielten unsere Fausthandschuhe auf und baten um Schweinezähne. Die Schlachter griffen dann in ein Gefäß, nahmen eine Handvoll Zähne und ließen sie in die Handschuhe flutschen. In der Schulpause standen wir dann an einem Waschbecken auf dem Gang und rubbelten das blutige Zahnfleisch von den Schweinezähnen ab. Später durchbohrten wir die Zähne und machten Indianerketten daraus.

Hinter dem Schlachthof, an der Straßenecke, lag ein Geschäft, das man damals Getränkestützpunkt nannte. Das klang bereits damals für mich nach Nachkriegszeit, nach Versorgungsengpass, und insofern seltsam – allerdings auch nicht unberechtigt, denn die Versorgung war ja zu DDR-Zeiten durchaus ein Problem gewesen und die Männer in den Getränkestützpunkten hielten immer die Bierflaschen gegen das Licht, um zu sehen, ob das Helle flockte.

Ist an diesen Erinnerungen etwas Besonderes, außer, dass man dass merkt, wie lang die Kindheit schon her ist? Nun, ich meine, dass sich die Welt so rasant wandelt, dass allein wenige Punkte entlang eines wenige hundert Meter langen Schulwegs heute kaum noch lesbar, ja kaum noch zu glauben sind. Als Kind habe ich vieles nicht begriffen und heute ist das meiste verschwunden. Der Eckladen an der Mühsamstraße ist inzwischen zugemauert und die Einschusslöcher aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs sind alle verputzt. Der Schlachthof ist geschlossen und im Getränkestützpunkt gibt es Tiernahrung zu kaufen.

Wer den Raum trotz dieser Schwierigkeiten zu lesen versucht, dem tut sich eine andere Welt auf, die einen eine gewisse Demut lehrt. Man versteht, wie die Menschen von ihrer Zeit geradezu eingehüllt sind. Man sollte sich nicht einbilden, alles zu wissen, denn schon das, was man mit eigenen Augen gesehen hat, besteht aus Bruchstücken und Fremdheiten. So viele Schicksale – und alle haben sich hier abgespielt!

Was würden heute die Eltern von Kindern sagen, die mit Handschuhen voller blutiger Schweinezähne nach Hause kommen? Bei wem würden sie sich beschweren? Würden sie gegen den Schlachthof klagen oder ihren Kindern nur einen anderen Schulweg vorgeben?

In welcher anderen Welt gingen Menschen für ein warmes Wannenbad in eine Anstalt? Und schickten ihre Kinder mit einem Beutel zum täglichen Einkauf?

Wie hat es sich in einer Gesellschaft gelebt, in der auch nach über dreißig Jahren die vom Krieg zerlöcherten Fassaden noch nicht repariert waren?

Und heute, da ich nur noch mit dem Auto durch diese Straße fahre, wie ist es da?

All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich in der Denkmaltopografie für Eberswalde blätterte. Hunderte Häuser sind in diesem Buch abgebildet und beschrieben: wer sie gebaut, bewohnt, bewirtschaftet hat. Ich kannte beinahe jedes Haus, aus meiner Kindheit, aus der Zeit, als ich hier zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs war. Und ich dachte: Was bist du doch für ein Analphabet, das hast du ja alles nicht gewusst! Und wie soll eine Welt funktionieren, die so voller Analphabeten des Raumes ist? Es stecken so viele Spuren darin, aber die wenigsten, ja, immer weniger davon werden für uns zu Erfahrungen, die wir aufgreifen können. Wie schade – und wie gefährlich!