Nicht Teilen macht keinen Spaß

Orientierungsprobleme in der Gegenwart III

Kenneth Anders, 07.03.2016

Do you speak English?

Der junge Mann auf dem Hauptbahnhof sieht mich an, als ginge es um etwas sehr Dringendes. Er hat eine rote Windjacke an und guckt mich aus aufgerissenen Augen an. Ich nicke.

I`m from Poland!

Das ist alles, was er auf English zusammenbringt. Danach fällt er ins Polnische, ich verstehe kein Wort, er redet schnell und viel. Schließlich meine ich fifty cent zu verstehen.

Fifty cent? frage ich. Er nickt. Ich hole mein Portemonnaie heraus und gebe ihm fünfzig Cent. Er bedankt sich, dann gehen wir unserer Wege.

In den letzten Jahren hat, zumindest in meiner Wahrnehmung, die Konfrontation mit bedürftigen Menschen, die einen um Geld bitten, stetig zugenommen. Ich meine, in zunehmendem Maße kommen sie aus anderen Ländern. Noch vor einigen Jahren bestand die einzige Herausforderung für eine normale S-Bahn-Fahrt in der Entscheidung, ob man den „Straßenfeger“, die „Motz“ oder ein anderes sogenanntes Obdachlosenblatt erwirbt. Eine Bekannte von mir kaufte die Zeitung immer am Wochenanfang und schleppte sie dann sieben Tage mit sich herum, damit sie sie weiteren Anbietern vorweisen konnte. So wollte sie zeigen, dass sie zwar bereit war, etwas zu tun, aber dass sie für diese Woche ihr Soll erfüllt hatte. Das schien mir ebenso nachvollziehbar wie unbeholfen.

Als ich vor zwanzig Jahren in den USA war, lernte ich schnell, immer ein paar Quarter in der Hosentasche zu haben. Es ist blöd, wenn man homless people gegenüber in seinem vollen Geldbeutel wühlen muss. Kleingeld in der Tasche vereinfacht und beschleunigt den Kontakt mit der Armut. Das hat auch damit zu tun, dass die Leute dort weniger betteln, als fordern. Es ist eine Gebühr dafür, in Ruhe gelassen zu werden.

An diese Dinge musste ich in dem Moment auf dem Hauptbahnhof denken, als mich der junge Pole ansprach und einige Geldscheine aus meiner Börse leuchteten, während ich die fünfzig Cent heraussuchte. Der war wohl kein Obdachloser und er hatte eine nichtstandardisierte Ansprache gewählt. Damit würde er vielleicht auch bei anderen Leuten Erfolg haben. Aber wie oft musste man das machen, um auf fünfzig-Cent-weise auf einen nennenswerten Betrag zu kommen?

Ich fuhr an diesem Tag nach Halle. Als ich dort ausstieg, sprach mich wieder ein junger Mann an. Er kam nicht aus Polen, eher aus Syrien oder dem Irak, ich habe keine Ahnung. Wir haben uns nicht unterhalten können, ich war in Eile. Er lief an Krücken. Er zeigte mir einen Ausdruck von einer Fahrplanauskunft. Darauf stand eine Verbindung nach Ulm, dorthin wollte er offenbar, musste er vielelicht sogar. Und es stand ein Preis auf dem Ausdruck: 40 Euro.

Ich habe dem jungen Mann das Geld nicht gegeben. Ich musste weiter, ich war in Eile.

Und das ist eine Ausrede, obwohl es stimmt. Aber die Wahrheit ist: Ich konnte das Anliegen des jungen Mannes nicht beurteilen und ich konnte es in kein Verhältnis zu meiner Situation bringen. Das geht so nicht, dachte ich.

Aber ich fühle mich dennoch schlecht deswegen. Und, was sonderbar ist: ich bin nicht einmal sicher, ob ich mich besser gefühlt hätte, hätte ich ihm das Geld gegeben. Es ist ein Dilemma.

Vielleicht ist es das, was viele Menschen vor allem an den neuen Fremden stört. Dass sie durch sie in ein Dilemma geraten.