Helfen Smartphones gegen rechts?

Orientierungsprobleme in der Gegenwart II

Kenneth Anders, 22.02.2016

Wenn ich heute an die Wendezeit nach 1989 zurückdenke, fallen mir immer drei Konzerte der Rolling Stones ein. Das eine war recht spontan nach dem Mauerfall zustande gekommen, in Berlin-Weißensee. Bald darauf spielten die Stones im Olympiastadion und schließlich in der Waldbühne. Ich war jedes Mal dabei. Der Höhepunkt war für mich das dritte Konzert.

Ich betrat die Waldbühne (zum ersten Mal), erklomm den oberen Rand und sah hinab. Die Anlage kam mir riesig vor, der Blick hinunter zur Bühne war wie in tiefes Loch. Ich dachte: da müsstest du runterkommen, das wär`s… aber das ist utopisch!

Dennoch lief ich los. Ich kam immer näher, immer weiter herunter, keiner hielt mich auf. Es war wie im Traum. Schließlich stand ich direkt vor der Bühne. Unfassbar!

Dann kamen die Stones. Sie spielten laut und hart und der Eindruck war viel direkter als im Stadion –ein richtiger Rock ’n-Roll-Circus. Handwerk, Schweiß, wunderbarer Krach. Keiths Gitarre knackte und Mick lief zu Ronnie Wood, der übermüdet schien und kickte ihm in die Seite: Los, wir geben alles! Und wir, das Publikum, gaben auch alles. Es war kleiner Hexenkessel – nicht mehr dämonisch wie in den Sechzigern, dafür froh und ausgelassen.

Aber bei Jumpin‘ Jack Flash holte jemand seine Pocketkamera heraus und fing an zu knipsen. Statt mit uns dieses Konzert zu zelebrieren, machte dieser Typ Fotos! Die Leute um ihn herum wurden aggressiv. Sie schrien ihn an: Mach das Ding aus, steck die Knipse weg! Es war ein Sakrileg gegen die kollektive Ekstase. Aber der Mann hielt lange durch.

Ich glaube heute, er wusste, dass er die Geschichte auf seiner Seite hatte. Denn heute ist es ganz normal, bei Rockkonzerten Fotos und Videos zu machen. Es scheint, als kämen die Leute überhaupt nur, um ihre Smartphones hochzuhalten. Das einst als Einfältigkeit japanischer Touristen belächelte Muster hat sich durchgesetzt. Nichts mehr mit Hexenkessel! Natürlich neige ich dazu, diese Veränderung kulturpessimistisch zu bedauern. Es ist ein Verlust an kultureller Kraft.

Aber man sollte auch die Vorteile sehen. Zum Beispiel war ich einmal bei Mumford & Sons in einem engen Klub und vor mir stand eine sehr kleine Frau. Sie konnte überhaupt nichts sehen. Also hielt sie immer wieder ihre Kamera in die Höhe und machte Fotos, die sie sich dann unten ansah. Dreimal pro Minute, zwei Stunden lang. Rührend.

Oder man denke an die zunehmenden rechten Kundgebungen in Deutschland. Sie dürften vermutlich nicht mehr so fanatische Züge annehmen wie in den dreißiger Jahren, als die Leute völlig entsichert waren. Denn bestimmt macht man auch hier dauernd Bilder und Videos und verschickt sie an seine Bekannten, daddelt auf Smartphones herum und ist unkonzentriert. Das ist vielleicht doch besser so. Wie will man vor so einer zerstreuten Meute den totalen Krieg ausrufen?

Aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob das mit den Smarphones bei rechten Demos überhaupt stimmt. Ich war nie bei einer solchen Demo. Erstens demonstriere ich ohnehin nicht gern. Zweitens habe ich Sorge; wenn ich bei einer rechten Demo stünde, könnte man mich mitzählen und ich würde so zu dem schlechten Eindruck beitragen, den diese Leute machen. Das wäre doch ärgerlich. Mich mit einem frechen Transparent aufzubauen, auf dem ich den anderen meine Sichtweise entgegensetze, so wie z.B. Thomas es macht, dazu fehlt es mir sowohl an sportlichem Ehrgeiz als auch an Chuzpe.

Ach, ist das alles kompliziert.