Die moralische Gerichtsbarkeit

Über unseren Agrardiskurs

Kenneth Anders, 13.11.2015

Auf unserem letzten Eberswalder Filmfest zeigten wir eine Dokumentation über Landwirte in den Niederlanden. Es war ein melancholischer, manchmal auch komischer Film. Die Regisseurin nutzte die antike Ode des römischen Dichters Vergil, um nach dem Bestehen und Vergehen des Bäuerlichen in ihrer Heimatregion zu fragen. Sie bat die Landwirte, aus diesem antiken Text vorzulesen und sprach mit ihnen über die Erfahrung der landwirtschaftlichen Arbeit. Das ging erstaunlich gut und es zeigte Menschen, die am Abgrund balancieren. Die Landwirte werden ja weniger, durch ihre Produktivitätssteigerungen schaffen sie sich sozusagen selbst ab. Man sieht, wie sie nach Halt suchen, jeder auf seine Weise, durch Biowirtschaft, betreutes Wohnen, Direktvermarktung oder Ziegenhaltung. Wo das alles hinführen wird, kann man nicht sagen.

Etwas unterschied den Film von jenen, die ich sonst über die Landwirtschaft zu sehen bekomme: Er will weder eine Anklage an die „konventionellen“ Bauern noch ein Loblied auf jene sein, die nun vermeintlich alles neu und richtig machen.

Zum anschließenden Filmgespräch mit der Regisseurin hatte ich auch einen Betriebsleiter aus der Uckermark eingeladen. Wir unterhielten uns über die Fragen, die der Film aufwirft: Hier die tägliche Arbeit, dort der Warencharakter der Nahrung, hier die dauerhafte Bindung an den Boden, dort der Preisdruck des Marktes. Aber die Gesprächsatmosphäre war eigenartig, es lag eine Spannung in der Luft. Und richtig, hinterher waren viele Zuhörer unzufrieden. Sie hatten sich etwas anderes erhofft, vor allem, wie ich erfuhr, eine klare Absage an das, was man heute übereinstimmend „industrielle Landwirtschaft“ nennt. Ein Gast schrieb mir später eine Email und beschimpfte darin die konventionellen Landwirte als Arschlöcher. Er bedauere es, bei dem Filmgespräch keine faulen Eier dabei gehabt zu haben. Damals hatte er sich, auch auf Einladung an das Publikum, zwar nicht geäußert. Aber nun schrieb er, dass ich dies, sozusagen durch geschickte Gesprächsführung, verhindert hätte.

Dass die erhoffte Abrechnung ausblieb, frustrierte auch andere Gäste. Ich hatte nicht geliefert, was sie bestellt zu haben glaubten.

Auch hier im Oderbruch, mitten in einer Agrarlandschaft, ändert sich der Ton. Einst gelassene und heitere Menschen werden zu unbarmherzigen Anklägern, die sich ihrer Sache sehr sicher sind. Viele Gäste aus Berlin finden das gut, aber auf dem Land ist solche Kritik nichts Allgemeines, sie ist letztlich ein direkter Angriff auf Personen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, würden mich meine Nachbarn für das, was ich seit Jahren tue, öffentlich anprangern. Ich denke, es sollte dabei doch eine Rolle spielen, ob sich jemand an Gesetze hält, oder nicht. Man kann natürlich politische Initiativen gegen Agrochemikalien anstrengen, aber die persönliche Integrität der Leute, die sie einsetzen, darf man m.E. nicht leichtfertig infrage stellen. Das ist überhaupt so eine Tendenz in Deutschland: den gesetzlichen Rahmen immer für zu weit zu halten und dann moralisch nachzurüsten. Der Weg zu einem Regime, das die Menschen nicht mehr durch Gesetze, sondern durch den Druck von Geboten steuert, ist nicht weit.

Jedenfalls registrieren die Landwirte in meiner Region den Stimmungswandel in Bezug auf ihre Tätigkeit durchaus. Sie merken, dass man sie nicht mehr nur in den großen Städten, sondern selbst hier auf dem Land für ihre Arbeit zu ächten beginnt. Sie stehen für eine verwerfliche Praxis, sie werden gehasst wie die Wucherer im Mittelalter. Sie vergiften die Natur, fahren zu große Traktoren, bauen Mais an, betreiben Massentierhaltung. Sie stehen also für alles Schlechte und wer sie kritisiert, steht für das Gute.

Dieser moralische Gestus hat längst auch das Essen erreicht. Ein Bekannter steht in meinem Garten und äußert die Vermutung, der Verzehr von Fleisch würde in einigen Jahren verboten, weil er ethisch nicht haltbar sei. Aber nicht nur Fleisch, auch andere Nahrungsmittel gelten inzwischen als verwerflich, entweder scheinen sie für Menschen gar nicht mehr geeignet (wie Kuhmilch oder bestimmte Sorten von Brot), oder sie seien industriell – und damit abzulehnen. In rasender Geschwindigkeit hat sich das Essen zu einer Frage der Moral entwickelt. Man darf nicht mehr einfach futtern, um satt zu werden (und sich dann noch über seinen vollen Bauch freuen). Man hat das Richtige zu essen, man hat seine Gesinnung auf dem Tisch zu zeigen. Also wird mit handwerklichen und ökologischen Produkten gedeckt – was immer das genau ist.

Was ist demgegenüber das Industrielle an der kritisierten Landwirtschaft? Der Einsatz von Chemie, die Verwendung von Maschinen, der Verkauf der Produkte auf dem Agrarmarkt? Das ist nicht einfach zu sagen. Je nachdem, welches Kriterium man anlegt, kommen verschiedene Dinge heraus. Die Grenzen sind zudem fließend. Ich bin überzeugt davon, dass die wenigsten Kritiker genau sagen können, was für sie das Industrielle an der Landwirtschaft ist. Wir müssten uns ja auch selbst des Industriellen schmähen lassen, etwa weil wir Autos fahren, Computer und Handys aus China verwenden, industriell hergestellte Verstärkertechnik einsetzen oder unsere Arbeit gegen Geld verrichten.

Ich denke, um die Arbeit von Landwirten zu beurteilen, muss man sie genau betrachten und beschreiben. Es gibt viel größere Unterschiede zwischen Ihnen, als man gemeinhin annimmt. Manche düngen mit Mist, andere mit Gülle, wieder andere haben gar keine Tiere mehr, deren Ausscheidungen sie auf die Felder bringen können. Manche achten sehr auf ihre Böden, andere haben schlaflose Nächte wegen ihrer Angestellten und wollen unbedingt deren Arbeitsplätze erhalten. Wieder andere wollen, dass die Landwirtschaft noch einen Nutzen für das eigene Dorf hat. Viele tapfere junge Leute machen sich auf und wollen direkt und selbständig vermarkten oder aus ihren Kunden echte Partnern machen, die einen Teil des landwirtschaftlichen Risikos mittragen.

Es gibt auch Ignoranten und Zyniker unter den Landwirten, wie in jedem Beruf. Aber dieser Text hier wird von mir geschrieben, weil diese nach meiner Erfahrung in der Minderzahl sind. Die meisten Landwirte, mit denen ich gesprochen habe, zeigten mir bereitwillig, was sie tun, und sie sprachen offen darüber.

Das erinnert mich an ein Buch von TC Boyle: „Wenn das Schlachten vorbei ist“. Es schildert einen verzweifelten Krieg zwischen einer Naturschutzbehörde und einer Tierschutzorganisation um die Entwicklung einer Meeresinsel. Man sieht, dass es für das richtige Handeln in unserer Welt kaum noch verlässliche Maßstäbe gibt. Aber mitten in dem Roman gibt es ein Intermezzo, es handelt von Schafhaltern, die einst hier gelebt und gearbeitet hatten. Als ich deren abgrundtief traurige Geschichte las, wurde mir klar, dass das Essen, wo man es selbst herstellt, diese Maßstäbe noch in sich birgt. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Landwirte, die ich kenne, doch noch nicht zynisch sind. Weil sie nicht verstehen können, dass ihr Essen nichts mehr wert sein soll.

Wie dem auch sei, ebenso vielfältig wie die landwirtschaftlichen Kulturen sind die Erwartungshaltungen der Gesellschaft  und die Möglichkeiten, die landwirtschaftliche Praxis nach bestimmten Kriterien zu bewerten. Vielen geht es um Ökologie oder um die Formen der Tierhaltung. Als jemand, der sich für ländliche Räume interessiert,  ist mir natürlich die soziale Verantwortung der Landwirte sehr wichtig – sie sollten möglichst arbeitsintensiv produzieren, damit die Leute hier eine Lebensgrundlage haben. Wie dem auch sei, es gibt über all diese Dinge sehr viel zu reden.

Aber nach Überzeugung einer wachsenden Zahl von Menschen lohnt es dieses Gespräch nicht mehr. Der Landwirtschaftsdiskurs folgt in erster Linie einer Verbraucherlogik und er hat den Stab über die „Konventionellen“ schon gebrochen. Man ist der Meinung, es sei längst ausgemacht, wie es besser geht.

Mir gefällt auch vieles nicht, was die heutige Landwirtschaft ausmacht. Ich wohne immerhin mitten auf dem Acker, ich weiß also, wie es ist, wenn die Felder gespritzt werden. Hat nicht die WHO vor einiger Zeit die Glyphosatmittel als krebserregend eingestuft? Das hört sich nicht schön an, zumal ich es leider nicht nachprüfen kann. (Eine gewisse Entspannung ergab sich aus dem neuesten Befund der WHO, wonach auch Wurst krebserregend sei. Ich dachte dann, irgendwie ist wahrscheinlich alles krebserregend. Aber weiß man`s?) Oder wenn eine ganze Nacht lang die Rüben poltern und das Feld in gleißendem Scheinwerferlicht steht wie ein Flugplatz, fühlt man sich als Bewohner etwas fehl am Platz. Es gibt vieles, das nicht schön und nicht richtig ist. Die Lobby-Argumentationen, mit denen die Landwirtschaft sich dann aus der Affäre zu ziehen versucht, tragen leider auch nicht zu einem guten Diskurs bei. Tatsächlich wird auch hier glattgebügelt, wo erst einmal das Problem beschrieben werden sollte.

Aber ich habe durch die Gespräche auch ein Verständnis der Zwänge und Spielräume erlangt, in denen die Landwirte handeln – so, wie wohl auch die niederländische Filmemacherin. An Heilsversprechen mag ich seither nicht mehr glauben. Ja, es gibt sympathische und eher unsympathische Praxen. Aber die Fronten verlaufen unübersichtlicher, als es in der Agrarpropagandaschlacht den Anschein hat.

Die heutige Landwirtschaft ist nichts, was wir den Landwirten allein anlasten können. Sie ist die ausdifferenzierte Grundlage unserer Gesellschaft ─ unseres Lebens, wie wir es führen. Zu meinen, man könne sich aus diesem Dilemma befreien, indem man „korrekte Nahrung“ kauft, ist ein Irrtum. Alle, die ihre Nahrung nicht vollständig selbst herstellen, sind Gefangene der agrarischen Produktivität. Unsere Verstrickung in die Welt lässt sich nicht durch ein paar Kaufentscheidungen beenden. Dass wir nicht Rüben hacken müssen, verdanken wir der modernen Landwirtschaft – ob wir es wollen oder nicht. Das begreifen viele Menschen nicht. Sie blenden die gesellschaftliche Wertschöpfung aus und meinen, in einer privaten Konsumbilanz alles ins Reine bringen zu können.

Dieser Irrtum wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn er nicht eine Begleiterscheinung hätte: Je weniger Menschen in der Landwirtschaft arbeiten, umso harmonischer werden die Vorstellungen davon, wie sie sein sollte – und umso mehr hasst man die Landwirtschaft dafür, wenn sie diesem Bild nicht entspricht.

Landwirtschaft, ganz gleich in welcher Zeit und mit welcher Technik, heißt: im Widerspruch stehen. Man arbeitet mit der Natur und man arbeitet gegen sie. Man selektiert Leben, man gibt und nimmt Leben. Man fürchtet die Natur, ihr Wetter, ihre Unregelmäßigkeiten,  ihre „Schädlinge“ – und man liebt sie – als Kraft und Ressource, von der man lebt. Es ist nichts Harmonisches, es ist ein ständiger Eingriff. Das goldene Korn, die gelb gefilterten Werbespots, sie sind allenfalls ein Teil der Wahrheit. Man steht mittendrin, muss mit dem Unbeherrschbaren leben und dennoch versuchen, den Prozess zu steuern. Es ist ein riskantes Spiel und wer es verliert, den kostet es die Existenz. Ertragssteigerung, Risikominimierung, Produktreinheit, diese heute fast wie Schimpfworte klingenden Begriffe sind in der Mühe des Landwirts angelegt.

Wer diese Erfahrung nicht anerkennt, der kann eine grundlegende Eigenschaft des Menschseins nicht mehr wahrnehmen: Wir leben, indem wir uns die Natur aneignen. Diese Aneignung geht nicht ohne Blessuren ab, nicht ohne Dreck und Gestank und vor allem nicht ohne die Verantwortung für anderes Leben. Wir sind heterotrophe Wesen, wir überleben, indem wir anderes Leben vernichten. Man kommt nicht unbefleckt davon, man macht sich schuldig an der Natur, indem man über ihre Kreaturen entscheidet. Wir sind keine Pflanzen, denen Sonne, Wasser und Luft zum Leben genügen.

Mein Eindruck ist, dass viele Menschen diese Dinge nicht mehr akzeptieren wollen. Sie wollen um jeden Preis unschuldig sein und deshalb verschließen sie ihre Augen und Ohren und entscheiden sich für das Gute und Widerspruchsfreie. Und gerade weil sie spüren, dass diese Rechnung nicht aufgeht, werden sie radikal. Sie wollen nichts mehr zu unterscheiden lernen, weil sie selbst schon abschließend gerichtet haben. Für die alte Bitte: Vergib uns unsere Schuld, haben sie keine Verwendung mehr. Sie sind ohne Schuld. Und deshalb, so meinen sie, müssen sie auch ihren Schuldigern nicht vergeben. Denn sie haben alle Gerechtigkeit und also auch alle Gerichtsbarkeit.