Bleiben wir denn zu Hause?

Über den Zusammenhang zwischen unserem Demografiediskurs und der Einwanderungspolitik

Kenneth Anders, 21.09.2015

Jeden Tag sehen wir nun Nachrichten über Menschen, die nach Europa drängen. Die Bilder versagen den Dienst, es ist alles nicht vorstellbar, derweil man selbst in den ostbrandenburgischen Orten schon die ersten Neuankömmlinge vom Supermarkt kommen sieht. Auch die Sprache versagt, vielerorts laufen die Worte heiß. Als der Innenminister die Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze anordnete, wurde er als Rassist bezeichnet. Neulich meinte eine Kommentatorin im Radio, das Wort Flüchtling sei nicht in Ordnung, man solle die Menschen „Refugees“ nennen. Angela Merkel, eigentlich ein Inbegriff für zurückhaltende Rhetorik, führt ins Feld, dieses Deutschland  könne bei einer anderen Politik nicht mehr ihr Land sein. Ihr Auftreten ist so ungewöhnlich, dass auf einmal sogar unsere Gesinnungsethiker befürchten, die Kanzlerin könnte die Dynamik, die sich hier Bahn bricht, nicht im Griff haben. Unterdessen arbeiten die Behörden so angestrengt und unkonventionell wie seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr und man beginnt zu ahnen, dass der Begriff Willkommenskultur nicht nur mit applaudierenden Passanten am Bahnsteig zu tun hat sondern vor allem mit der Arbeit besonnener Verwaltungsmitarbeiter an Schreibtischen und Telefonen. Es ist ein unglaubliches Durcheinander, produktiv und gefährlich. Während hier die ersten Landkreise noch rein sachlich überfordert sind, spielt sich andernorts in Europa Leid und Chaos ab.

Ich sitze derweil inmitten der vielen Gespräche und bin sprachlos. In der Familie, in der Sauna, im Büro, überall reden die Menschen, und das ist ja gut: Nur im gesellschaftlichen Diskurs lässt sich diese Entwicklung gestalten, nur durch Kommunikation erlangen wir das Vermögen dazu. Aber mir fällt es schwer, mitzureden. Ich bin nicht so schnell. Fast alles, was gesagt wird, habe ich schon mal gehört, es weist auf keinen greifbaren Ausweg. Also lausche ich den Berichten von freundlichen Kirchgemeinden, Konflikten zwischen Asylbewerbern unterschiedlicher Herkunft und Problemen mit unzulänglichen Unterkünften.

Dass wir in Deutschland mit der Sache nicht so einfach davon kommen würden, war schon lange klar. Wir liegen zwar bequem in Mitteleuropa, aber der geografische Puffer musste ja irgendwann aufgebraucht sein. Insofern hat die jetzige Situation auch etwas Reinigendes, denn moralisch war unsere Lage ohnehin seit Jahren fragwürdig. Nun mischen sich hier verschiedene Prozesse: Vertreibung, Not, Gruppendynamik, jedes Herkunftsland ist anders, jedes Schicksal ist anders. Wie soll man sich da orientieren, um die Ansprüche zu gewichten?
Eine landläufige Unterscheidung ist die zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen. Sie lässt sich nicht so leicht vom Tisch wischen, denn niemand kann leugnen, dass es ein Unterschied ist, ob einem Menschen die erwünschten und für uns weithin gütigen Entwicklungschancen verwehrt bleiben oder ob er in seiner nackten Existenz bedroht wird. Und es ist auch richtig, aus der akuten Not der syrischen Flüchtlinge eine Ausnahmesituation für uns abzuleiten.

Dennoch ist etwas Unbefriedigendes an dieser Unterscheidung, denn in vielen Teilen der Welt wird den Menschen das Recht auf ihre Existenz buchstäblich aus den Händen gerissen. Sie werden um ihr Land gebracht, betrogen, verjagt, verdrängt. Sie haben sich weitgehend selbst versorgt, waren sich selbst genug, ihre Subsistenz war ihre eigene Angelegenheit. Sie waren vielleicht arm, aber sie haben in Würde gelebt. Nun nimmt man ihnen das Wasser weg oder zerstört ihre Dörfer für Bergbauvorhaben oder Staudammprojekte. Sie werden aus ihrer lokalen Bindung gerissen. Und dann bleibt nur noch eines: Erwerbsarbeit, anderswo.

Wenn ein junger Mann von seiner Großfamilie mit dem Auftrag von zu Hause verjagt wird, in Europa Geld zu verdienen und es nach Hause zu schicken, dann kommt er nicht aus freien Stücken. Er ist in einem so elementaren Sinne seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, dass man schon von einem Asylgrund sprechen kann, weil der dortige Staat die Freiheit des Einzelnen nicht gewährleistet. Aber wohin soll das führen? Wohin wird das führen?

In diesem Dilemma schaue ich auf meine eigene Gegend, auf die Region, in der ich lebe. Ich frage mich, wie und wo man hier dauerhaft neue Menschen integrieren kann und zweitens, was das eigentlich bedeuten würde. Die Aufnahmekapazität der ländlichen Räume scheint zunächst wunderbar. Schulen sind von der Schließung bedroht, überall wird das Mantra der Abwanderung angestimmt. Die lästige demografische Litanei wäre endlich gestoppt, wir hätten wieder mehr Menschen, viele Menschen. In Golzow haben Flüchtlinge die Grundschule gerettet, extrapolieren wir dieses Beispiel doch einfach und retten die ländliche Infrastruktur durch die freundliche Einladung an neue Bevölkerungsgruppen!

Aber, wir wissen, dass es nicht so einfach ist. Der Witz am ländlichen Leben ist ja gerade, dass es sich nicht nur einem Job verdankt. Es setzt sich zusammen aus einer lokalen Bindung, aus Nachbarschaftsnetzwerken, aus einer bestimmten Form von Mobilität und oft auch aus verschiedenen Erwerbsquellen. All das kann man sich aufbauen, aber eigentlich braucht man ein Auto dazu und man sollte auch besser nicht mit hunderten anderen Menschen in einem Neubaublock am Rande des Ortes wohnen, sondern ein Häuschen haben und einen Garten oder jedenfalls eine klein strukturierte Situation. Wenn wir es wirklich ernst meinten, müssten wir in jedem Dorf drei, vier Häuser für Einwanderer bereit machen. Wir müssten so ähnlich handeln wie einst die Preußen bei der Ansiedlung von Kolonisten im Oderbruch. Und da zeigt sich nun, dass das gar nicht so einfach ist. So leer, wie die Demografen das Land geredet haben, ist es nämlich nicht. Was leer steht, ist in der Regel sehr kaputt, ich weiß das von vielen Freunden, mit denen ich im Oderbruch schon nach bewohnbaren Häusern gesucht habe.

Was ist der Effekt? Die meisten Flüchtlinge, die ein Bleiberecht erlangen, gehen schlussendlich in die Ballungsräume. Dort haben sie wenigstens die Netzwerke ihrer Verwandten oder Bekannten und sie haben es leichter, ihr Leben zu organisieren. Da haben wir es wieder: Das Land ist unpraktisch.

Aber während sich viele darin gefallen, den Bevölkerungsverlust des Landes mit schwer verhohlener Freude zu kommentieren, wird in dieser schwierigen Zeit etwas deutlich: Wir haben in Deutschland und überhaupt in der EU keine überzeugende Antwort auf Menschen, die ihre Zukunft dort suchen, wo sie ein besseres Leben erwarten. Denn wir haben das Gespräch über die Frage, ob man nicht versuchen sollte, sein Leben an Ort und Stelle gelingen zu lassen, selbst noch nicht einmal angefangen. Wir reden unsere Provinzen schlecht, die Frieden, Rechtssicherheit, Demokratie, fruchtbare Böden, ausreichend Wasser, eine funktionierende Infrastruktur und unendlich viel Kultur bieten, nur weil sie weniger Jobs und Shoppingmalls vorhalten, als ob man da draußen verhungern müsste. Wir sind nicht bereit, uns mit ein bisschen Beharrlichkeit an einem Wohlstandsgefälle abzuarbeiten, das im globalen Maßstab lächerlich gering ist. Aus der Beschreibung des Bevölkerungsverlustes ist in Deutschland geradezu ein Gebot geworden: Geht weg, das Land bietet euch doch keine Chancen! Die Agrarbetriebe suchen händeringend nach guten Lehrlingen, aber das Bild vom öden Land, das besser Wildnis wäre, bleibt hängen. Wenn wir selbst keine Kultur der Sesshaftigkeit aufbauen können, wie wollen wir das von Menschen verlangen, die bei sich zu Hause inmitten von Korruption und Entmachtung wirklich keine Chance haben?

Menschen, die das Land verlassen, in dem sie verwurzelt sind, wurden meist mit Gewalt dazu gezwungen. Hat kein entsprechender Zwang gewirkt, ist es die Kommunikation, die ihre Entscheidungen bestimmt. Durch sie wird gesellschaftlich entscheiden, ob es besser ist, das Weite zu suchen oder ob es doch Sinn hat, zu bleiben und vor Ort um ein besseres Leben zu kämpfen. Das bedeutet: Wer die Menschen in anderen Ländern ermutigen will, ihren Glücksanspruch dort geltend zu machen, wo sie nun einmal sind, der muss selbst damit anfangen. Nur wer selbst ein Programm für die Sesshaftigkeit hat, kann anderen Sesshaftigkeit nahe legen – und dabei Erfahrungen austauschen, wie man seinen Selbsterhalt auch dort sichert, wo es wenige Jobs gibt, aber vielleicht doch viel zu tun.

Ein solcher Prozess dauert natürlich lange, er erfordert ein gesellschaftliches Umdenken. Aber was ist die Alternative? Die Alternative ist Stacheldraht. Und Stacheldraht ist weder schön, noch fördert er Handel und Wandel. Und wir Deutsche wissen ja sehr gut, dass Handel und Wandel reich machen, Abschottung aber letztlich in die Sackgasse führt.