Polin oder Deutsche?

Über den Zwang der Identität

Kenneth Anders, 28.08.2015

Neulich habe ich einen Dokumentarfilm über eine deutsch-polnische Grenzregion gesehen. Er spielt auf der deutschen Seite, irgendwo zwischen der Uckermark und Vorpommern, dort werden die ermüdeten Dörfer durch ihre Nähe zum Stettiner Ballungsraum zunehmend für polnische Siedler interessant. Sie kaufen Häuser, sie sind rührig, sie pendeln oder werden sesshaft, verschiedene Strategien schreiben sich in den Raum ein. Das ist interessant. Und, um es gleich zu sagen: ich fand den Film gut und was nun zu sagen ist, soll dem freundlichen Porträt dieser Menschen dort keinen Abbruch tun.

Aber schließlich sitzen die Filmemacher drei jungen Mädchen aus deutsch-polnischen Familien gegenüber, die noch dazu auf ein Gymnasium gehen, in dem beide Sprachen und Kulturen vermittelt werden. Und nun werden die drei gefragt: Fühlt ihr euch eher als Polinnen oder als Deutsche?

Auf diese Frage hin sehen wir in drei ratlose Gesichter. Die Mädchen überlegen, dann sagen sie irgendetwas, ihre Antworten habe ich vergessen. Man sah deutlich, dass sie sich diese Frage selbst nicht gestellt hatten. Polin oder Deutsche? Was macht das für einen Unterschied in einer Gegend, die selbst gar nicht mehr so recht weiß, was sie ist? Die es vielleicht gar nicht so genau wissen muss?

Dennoch fragen die Filmemacher ihre zahlreichen Protagonisten nach den gegenseitigen Wahrnehmungen, am liebsten nach eingefleischten Vorurteilen. Was denken die Polen über die Deutschen? Und umgekehrt? Man sieht die Befragten in ihrem Repertoire kramen, irgendetwas holen sie heraus, die Polen sind gesellig, die Deutschen zwanghaft, etwas in der Art. Ich habe dem Geschehen eine Weile zugesehen, dann bin ich ratlos geworden. Was würde ich sagen, wenn mich jemand nach meiner Sicht auf die Polen fragt? Ich verstehe die Frage nicht mehr. Über welche Polen soll ich urteilen? Über alle? Und wie sind wir Deutschen? Kann man das überhaupt sagen?

Es gibt einen Roman von Richard Powers, er heißt „Klang der Zeit“ und handelt von den düsteren Identitätskonflikten dreier Kinder einer amerikanischen Ehe in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Die Mutter ist eine Schwarze, der Vater ein aus Deutschland emigrierter Jude. Ihre Konflikte sind schlimm. Die Gesellschaft will diese Kinder nicht akzeptieren, sie begegnet ihnen mit einer Mischung aus Hass und Faszination und es steht ihnen ein lebenslanger Spießrutenlauf bevor. Man versteht, wie schwer es diese Menschen hatten – und wie schwer es Menschen heute haben, die in vielen Teilen der Welt vor ähnlichen Anerkennungs- und Zugehörigkeitsproblemen stehen.

Aber was machen wir hier in Deutschland unterdessen, wenn wir erwarten, dass sich die Leute zu einer Identität bekennen – ohne Not? Warum verlangen wir ihnen ab, sich auf eine Seite zu stellen und ein Abziehbild von sich zu malen, solange sie sich an dem Ort, an dem sie leben, als vernünftige Bürger verhalten? Sollten wir nicht lieber fasziniert erkennen, dass in uns alle möglichen und widersprüchlichen Dinge schlummern, zum Teil unangenehme, zum Teil attraktive? Was steckt nicht alles in uns!

In meiner Familiengeschichte finde ich schlesische Bauern, Berliner Arbeiter, hessische Adlige, arme Katholiken, reiche Protestanten, zögerliche Atheisten, überzeugte Nazis und widerstrebende Kommunisten. Davon lässt sich vieles lernen. Jeder ehrliche Mensch weiß von sich, dass er männliche und weibliche Eigenschaften, Gefühle der Unterlegenheit wie auch der Überlegenheit, Momente der Freiheit und der Zwanghaftigkeit, der Hetero- wie auch der Homosexualität, der Leichtigkeit und auch der Schwere von sich kennt. Jeder weiß, dass sich irgendwo in den Genealogien verschiedene Völker und Nationalitäten tummeln. Was soll es bringen, sich auf eines dieser Muster festzulegen außer: die Angst vor sich selbst dadurch im Zaum zu halten?

Der Identitätsdiskurs will uns auf etwas festlegen. Aber Freiheit bedeutet doch: sich in andere Möglichkeiten versetzen zu können, keine Angst vor sich selbst zu haben. Es ist schön, dass wir in einer Gesellschaft leben, die uns nicht von früh bis spät ein Bekenntnis darüber abverlangt, wer wir sind. Es ist schön, dass die Mädchen an der deutsch-polnischen Grenze sich eben gerade nicht entscheiden müssen, ob sie Polinnen oder Deutsche sind, sondern stattdessen zwei Register haben, die ihnen den Reichtum zweier Sprachen und Kulturen bieten. Die Zeiten, in denen die Menschen zerrieben wurden, deren Beziehung zu zwei verschiedenen Kulturen offensichtlich war, liegen eigentlich hinter uns – und in Anbetracht der Flüchtlinge, die gerade nach Europa strömen, sollten wir sie nicht wieder aufrufen. Schaut einander in die Augen, redet, beschreibt eure Welt! Was interessieren mich eure Vorurteile?