Die Angst vor Mücken und das Hausschlachten

Wie kommen wir nur über das Leben an einem Ort ins Gespräch?

Kenneth Anders, 17.08.2015

Könnt‘ ich nich! Diesen Satz bekomme ich immer zu hören, wenn ich in Berlin bin und mich mit neuen Leuten unterhalte. Wir reden dies und das, schließlich fragen sie, wo ich denn wohne, da ich doch so seltsame Dinge tue, und wenn ich das dann beantwortet habe, sagen sie: Könnt‘ ich nich!

Zum Beispiel neulich beim Treffen einer gelehrten Vereinigung, die mich zu ihrem Mitglied berufen hatte. Ich komme an, kenne keinen persönlich und unterhalte mich mit meinem Tischnachbarn. Nach zwei Minuten sagt er: Könnt ich nich!

Oder bei Partys: Smalltalk, Könnt ich nich! Man könnte die Zeit stoppen.

Ich habe deshalb überlegt, meinen Wohnort lieber zu verschweigen, aber das gelingt nicht immer. Neulich wurde ich einem Popstar vorgestellt, den ich eigentlich ganz gut finde. Wenn man jemandem vorgestellt wird, hat man nicht in der Hand, mit welchen Eigenschaften einen der Moderator dabei kennzeichnet. In diesem Falle hieß es: Das ist der Kenneth Anders, der wohnt auf dem Land, im Oderbruch, und ist dort so eine Art Philosoph. Das war schon recht peinlich, aber ich konnte nichts dafür. Der Popstar guckte kurz, dann entschied er (durchaus nachvollziehbar), das mit der Philosophie fallen zu lassen und kommentierte lediglich meinen Wohnort und zwar mit den Worten: Ich könnt das ja nich, da draußen.

Jedesmal überlege ich auf´s Neue, ob und was ich darauf antworten soll. Meine Gesprächspartner legen beim Könnt ich nich! ein triumphierendes Lächeln an den Tag, als wollten sie sagen: Ich bin ein Kulturmensch, ich brauche die Inspiration dieses urbanen Schmelztiegels wie die Luft zum Atmen, er ist mein Lebenselixier! Es ist ganz offensichtlich, dass sie meinen, ihr Wohnort sage etwas über ihre Persönlichkeit aus und ihr angebliches Unvermögen, in der Pampa zu wohnen, kennzeichne ihren ausgesprochenen Freigeist.

Ich kenne das alles schon lange. Schon während meiner Berliner Studienzeit ödete mich die Hierarchie der Stadtviertel an und auch in meiner Kindheit irritierten mich die Vorurteile gegenüber anderen Orten und Regionen – in einer Zeit also, in der diese Vorurteile (im Gegensatz zu heute) noch nicht einmal gesellschaftlicher Konsens waren. Deshalb fielen mir damals schon jene Leute auf, die diesem Muster nicht entsprachen, zum Beispiel mein Onkel, der, immerhin aus der Domstadt Naumburg an der Saale kommend, allen Ernstes seine Zahnarztpraxis nach Werneuchen verlegen wollte, wovon ihn am Ende nur seine Frau und der Lärm des benachbarten Militärflughafens abgehalten haben. Er mochte eben das Brandenburgische. Das imponierte mir.

Also: Wohnorte als Ausweis der gesellschaftlichen Partizipation. Man wandert mit der Geltung der Kieze mit, oder man altert mit ihrem Bedeutungsverlust zum Relikt, das gibt es auch. Auf der Ebene der Städte gibt es regelmäßige Rankings und symbolische Ordnungen, sie stehen im Magazin „Focus“ und sind täglicher Gegenstand des Sich-Messens. Mit jedem Lob eines Ortes geht in diesen Diskursen die Verächtlichmachung eines anderen Ortes einher. Wie sagte doch eine alte Mitschülerin beim Klassentreffen? Wenn es schon Deutschland sein musste, dann kam für mich eigentlich nur Berlin zum Leben infrage. Mit anderen Worten: Ich bin Weltbürger, alles andere ist mir zu provinziell. Dieser Mief, wirklich schrecklich.

Eine ehrliche Antwort auf das Könnt` ich nich! wäre es, zu differenzieren, zum Beispiel zu antworten, dass ich mir durchaus vorstellen könnte, in einer Stadt zu leben, allerdings käme es sehr darauf an, wo genau, in welchem Umfeld. Für mich wären eine geringe soziale Segregation, also der Kontakt mit Menschen unterschiedlicher sozialer Bedingungen, und das Vorhandensein öffentlicher Räume wichtig, also von Straßen und Plätzen, die nicht durch Konsumstrukturen privatisiert sind, welche die Städte in meinen Augen immer stärker belasten. Ob Stadt oder Land, ich finde es wichtig, dass die Räume mich so wenig wie möglich über die Wirklichkeit meines Lebens hinwegtäuschen. Ich mag nicht im Elend wohnen, aber auch nicht in einem Compound. Beides nimmt zu.

Die Wohnsiedlungen der wachsenden Ballungsräume, ob bei Berlin, Malmö oder Milton Keynes, sind mir deshalb ein Alptraum. Hier lebt man oft in strenger Kastenordnung: Ganze Straßenzüge sind mit nur einer Generation einer wiederum genau ausgelesenen Einkommensschicht belegt: unfruchtbare Wohnlandschaften, die weder Reibung noch Freiheit kennen. Gerade habe ich so eine Gegend besucht, man erreichte das Haus über Straßen, die von unwirklichem Stadtgrün gesäumt waren und man sah keine Menschenseele, obwohl doch in Wahrheit alles voller Menschen war. Gespenstisch war das und ich sehnte mich nach dem Gestank von Hühnerscheiße, dem Blöken meiner Schafe und dem Lärm des vorbeifahrenden Treckers. Stadt ist also nicht gleich Stadt und das heißt im Umkehrschluss: Land ist nicht gleich Land. Aber so zu antworten ist unmöglich, ich habe es probiert. Die Könn´t ich nichs hören nicht zu.

Es haben auch immer mehr Menschen Angst vor Mücken. Sobald es nur zart in der Luft sirrt, verlassen sie ohne zu zögern die schönsten Partys. Mücken sind für sie eine tiefe Beeinträchtigung der Lebensqualität, eine nicht hinnehmbare Verunsicherung. Offenbar hat sich wirklich viel verändert, nicht nur im Selbstbild der Menschen, sondern auch in ihrem Empfinden. Vielleicht können sie wirklich nicht? Nicht mehr, meine ich – denn früher, als wir noch Urmenschen waren, konnten wir ja mal alle, oder?

Deshalb sollte man zunächst das Gespräch mit jenen Leuten suchen, die sich ohne Dünkel zu einem Besuch hinaus aufs Land wagen. Aber auch diese stehen gern hilflos am Gartenzaun und schicken den Blick in die Leere: Hier wohnt ihr? Und eure Kinder, wo gehen die zur Schule? Man muss zugeben, hier sind am Horizont keine Schulen zu sehen, nur ein paar Hausdächer und Kirchtürme. Wir bezahlen diese Leere mit einer erhöhten Automobilität. Wenn ich das erkläre, winken die Besucher entsetzt ab. Ihh, Auto, wir haben ja kein Auto! Vor allem aber macht sie fassungslos, wie man dort wohnen kann, wo in ihren Augen nichts ist. Sie können die Zeichen des Raumes nicht lesen und schlussfolgern daraus, dass da nichts ist. Vielleicht geht es mir ja in den Compoundsiedlungen genauso? Das will ich nicht ausschließen.

In meiner Ratlosigkeit wandte ich mich an Holger, der damals noch im Oderbruch lebte und Erfahrung mit solchen Problemen hatte. Er empfahl mir, in diesen Unterhaltungen auf die übliche Frage nach der Schule für die Kinder auf dem Land zu warten und diese dann mit dem einfachen Satz zu beantworten: Unsere Kinder gehen nicht in die Schule, wir schlachten selber!

Ich finde, das ist eine gute Antwort, die den Gesprächspartner zum Nachdenken anregen kann. Ich werde sie demnächst ausprobieren. Der andere bekommt die Chance, nachzudenken und nachzufragen. Vielleicht kommt ein Gespräch in Gang. Wer die Unähnlichkeit der Räume per se für eine Unähnlichkeit der Menschen hält, der kann sich daran abarbeiten. Hausschlachtung, darüber kann man reden, es ist interessant, auch für Veganer, jedenfalls wenn sie nette Menschen sind. Vielleicht ist das ein Weg, trotz der Mücken.

Außerdem enthält der Verweis auf das Schlachten auch die passende Antwort auf alle Könnt‘ ich nichs: Doch, ihr könntet. Sobald man euch die Versorgung mit Essen kappt, dann könntet ihr sofort. Weil ihr müsstet! Morgen schon würdet ihr hier draußen stehen und euch für Eier interessieren und für Schaffleisch und selbst für Gerichte, die man aus Lunge kochen kann.

Aber das wollen wir uns nicht wünschen. Wirklich nicht. Was wollen wir hier mit den ganzen Leuten? Wir wollen nur reden!