Kultur als Ermutigung

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik XIII

Kenneth Anders, 29.06.2015

Vor Jahrzehnten hat man auf einer karibischen Insel einige hundert Makaken-Affen ausgesetzt, um die Entwicklung ihrer sozialen Beziehungen zu untersuchen. Es gibt einen Film darüber, er heißt „Primaten der Karibik“ und er zeigt, wie sich im Verlaufe der Jahre eine komplexe Hierarchie unter den Affen herausbildet. Sie leben schließlich in fünf Horden, die in sich selbst und untereinander in strenger Rangordnung gegliedert sind. Am Fressplatz kommen die Oberaffen zuerst an die Reihe, die Unteraffen müssen warten. Auch das Recht auf Paarbeziehungen wird streng nach dem Status der Affen geregelt. Aber dieser Status verdankt sich zwei verschiedenen Mechanismen.

Es gibt nämlich unter den Affen ein Netzwerk, in dem sich der Status durch die Aggression gegenüber den anderen herstellt, wobei sich die dadurch erlernten Verhaltensmuster sogar vererben, also junge Affen schon in der Erfahrung ihrer Macht oder Ohnmacht aufwachsen. Die anderen nach Kräften wegzubeißen und sie auf Abstand zu halten ist das hier unaufhörlich bediente Schema. Der Anführer dieses Aggressionsnetzwerkes ist ein Prachtexemplar von einem Tier und er ist von früh bis spät damit beschäftigt, andere zu attackieren, sie am Geschlechtsakt zu hindern oder selbst einen solchen zu vollziehen. Ein furchtbarer Affe!

Parallel dazu gibt es aber ein Netzwerk, in dem sich der Status der Affen über die Fellpflege herstellt. Wer den anderen gern seine Gesellschaft leistet und sie gut zu lausen vermag, kann hier sehr weit aufsteigen. In der Zeit, in der die Filmaufnahmen beginnen, ist der mächtigste Affe der ganzen Insel ein ganz kümmerlicher, etwas schief gewachsener Affe, den die Menschen Chester nennen. Er ist in seinem kleinen Leben von einem totalen Außenseiter durch das Protegé von Alphaweibchen zum Chef aufgestiegen! Und wirklich macht er den Eindruck eines grundsympathischen Kerls, dessen Nähe den anderen irgendwie guttut.

Ich bin kein Anhänger der Soziobiologie, aber ich meine doch, dass darin eine Frage zum Ausdruck kommt, die uns auch im menschlichen Leben betrifft. Jeder hat dazu einschlägige Erfahrungen gemacht. Wegbeißen und Lausen, das kennen wir auch. Und ich meine, es hat etwas mit dem Mut zu tun, den wir uns machen oder nehmen. Wir sind zu beidem in der Lage.

Was ist hier mit „Mut“ gemeint? Es geht nicht um besondere Tapferkeit, etwa im Krieg oder bei jugendlichen Mutproben, sondern um ein Zutrauen in uns selbst und unsere Umwelt, dass uns die Dinge gelingen können. Dieses Zutrauen können uns andere gezielt schenken und vermitteln. Umgekehrt bedeutet Entmutigung, dass wir die Dinge, die wir eigentlich tun wollen, nicht zu tun wagen, weil man uns eigene Unvermögen vorgeführt hat. Ein Beispiel: Da will eine junge Frau aus der brandenburgischen Provinz sich für ein Studium bewerben, dass ihr ihre Eltern nicht zutrauen. Sie kämpft mit sich und den Eltern und setzt sich durch und geht zum Bahnhof, um zur Eignungsprüfung in die große Stadt zu fahren. Der Zug kommt, aber die junge Frau steigt nicht ein, sie verliert, geschwächt durch das mangelnde Zutrauen der Eltern, den Mut. Als sie nach Hause kommt, sagt die Mutter: Siehst du, das hab ich dir doch gesagt, dass das nichts für dich ist! Das ist Entmutigung. 

Wir denken natürlich bei so einer Geschichte zuerst an die Entmutigten, an jene, die durch die Geringschätzung der anderen an ihrer Entfaltung gehindert werden. Ich denke an Kinder, denen das Singen und das öffentliche Sprechen vergällt wird, an Studenten, die an der Universität ihre Fragen nicht stellen, weil sie fürchten, sie könnten zu dumm sein, an all die Leute, die mit lebensfeindlichen Mustern an ihrem Ausdruck, ihrer Entwicklung, am Leben gehindert werden. Und sicher ist auch: Eine Gesellschaft, die solchen Verhaltensmustern nicht Einhalt gebietet, wird auf Dauer nicht bestehen können.

Aber man muss auch auf jene sehen, die den anderen aktiv den Mut nehmen, die ihnen die Anerkennung, die Luft zum Atmen verweigern. Deren Muster lassen sich nicht durchbrechen, wenn wir sie nur als böse oder gemein betrachten. Oft geschieht die Entmutigung des anderen aus fehlender Selbstachtung.  Man blufft und hackt auf Standards und Methoden herum, die die anderen angeblich nicht beherrschen, man wertet ab und zermürbt – um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Geht es dann noch um Interessen, wenn sich etwa die Berufshierarchien durch Hack- und Beißordnungen generieren wie bei den Affen in der Karibik, dann wird das Entmutigen zur Lebensregel. Besonders perfide ist es, wenn die Leute in der Anerkennung dieser Regel Stabilität und soziale Ordnung erfahren haben und sich also umso fester daran halten. Deshalb gibt es Eltern, die ihre Kinder aus Liebe entmutigen. So vertrackt ist das.

Sicher ist das kein reines Thema der Kultur, es ist ja Teil des ganzen Lebens, der Kollegenschaft, der Schulklassen, des Mobbings allerorten! Aber dennoch meine ich, dass die Kultur in der Frage des Muts eine besondere Verantwortung hat. Die Konzepte der kulturellen Bildung haben hier ihre Basis: Es geht um die Ermutigung der jungen Menschen, ihre Sinne zu gebrauchen, ihre Stimme zu nutzen, sich auszudrücken und zu entwickeln, den Pinsel in die Farbe zu tauchen und keine Angst zu haben. Wer sich die avancierten Ansätze kultureller Bildung ansieht, wird das sofort erkennen: Die Kinder sollen ermutigt werden, sich etwas anzueignen und damit frei umzugehen und niemand soll ihnen das Recht oder die Kompetenz dazu absprechen.

Aber Ermutigung ist nicht nur eine Sache der kulturellen Bildung, es ist eine Sache von Kunst und Kultur überhaupt. Denn in der Kultur entwickeln wir die Muster, in denen wir uns bewegen, wir verändern sie, passen sie an, schulen unsere Wahrnehmung und uns selbst, indem wir miteinander agieren, in Chören, Choreografien, im Betrachten und Zuhören. Und dabei ist es für mich immer interessant, ob wir unsere Kultur im Modus der Ermutigung oder der Entmutigung entwickeln. Eine künstlerische Leistung kann noch so umwerfend, so genial und perfekt sein, wichtig ist doch vor allem, ob sie uns ermutigen will – zum Leben, zum eigenen Gestalten, zum Singen usw., oder ob sie uns einen Platz zuweist, auf dem wir unser Leben lang zu verweilen haben. Selbstredend kann man davon ausgehen, dass die meisten Künstler ihre Sache besser beherrschen als wir und das will ihnen auch niemand streitig machen. Aber eben diese Gabe soll uns stärken und nicht schwächen.

Deshalb achte ich auch darauf, ob die Kultureinrichtungen eine feste Hierarchie oder eine hohe innere Dynamik ausbilden. Ist das „oben“ und „unten“ fest installiert, oder bewegen sich die Leute hin und her, haben sie an dem Prozess teil? Ich bevorzuge jene Häuser, in denen die Mitarbeiter sich weiterentwickeln können, ganz gleich, von welcher Position aus sie starten. Sie sollen sich nicht überschätzen und nicht anmaßend sein! Aber der Assistent vom Organisationsbüro eines Filmfestes könnte irgendwann an der Programmgestaltung mitwirken und die Frau vom Catering will vielleicht nicht nur für das Essen sorgen, sondern sie kann auch wunderbar singen – wer kann das wissen? Gute Kultur ist Ermutigung, auch hinter dem Vorhang.

Am Ende des Films über die Affen wird eines der Alphaweibchen der mächtigsten Horde getötet. Die soziale Hierarchie bricht zusammen und Chester, der sympathische schiefe Geselle, wird abgesetzt und nimmt ein trauriges Ende in Hunger und Einsamkeit. Nun regiert der stolze Oberaffe über die Insel, der Chef des Aggressionsnetzwerkes. Man hat beinahe den Eindruck, unter den Tieren ist der Faschismus ausgebrochen. Es ist deprimierend, denn die Affen können die Mechanismen, denen sie unterworfen sind, nicht einmal beschreiben und reflektieren und also auch nicht gestalten.

Aber wir. Wir können das. Dafür haben wir Kultur!