Gute Leute, die gute Leute suchen

Von den Schwierigkeiten, die richtigen Menschen für die Arbeit in der Provinz zu finden

Kenneth Anders, 22.06.2015

Der Zeitung war es einen Artikel wert und für Martin Porath, den Geschäftsführer des Gewässer- und Deichverbands Oderbruch, war es alles andere als ein normaler Geschäftsvorgang: Der GEDO hat einen jungen Nachfolger für seinen langjährigen Schöpfwerksmeister gefunden. Er heißt Tobias Kalmutzke und kommt aus Gabow. Was ist an diesem Vorgang so besonders? Haben wir nicht ohnehin viel zu wenige Arbeitsplätze, so dass sich freie Stellen jederzeit besetzen lassen? So einfach ist es eben nicht und die Schwierigkeiten bei der Suche nach guten Leuten werfen ein bezeichnendes Licht auf die Besonderheiten der hiesigen Arbeitswelten.

Auch in Berlin, München oder New York ist die Auswahl der richtigen Personen für den zu erledigenden Job natürlich nicht trivial. Stellt man die falschen Leute ein, verliert man Zeit und Geld und gefährdet seinen Betriebserfolg. Schlechtes Personal – das klingt undifferenziert und abwertend, aber zugleich schwingt darin die existenzielle Bedeutung geeigneter Mitarbeiter mit, von denen alle leitenden Menschen in Verwaltungen und Unternehmen ein Lied singen können. Wichtig ist es also überall. Aber außerhalb der Ballungsräume machen es zwei Umstände erheblich schwieriger, geeignete Bewerber auf eine für den eigenen Betrieb wichtige Stelle zu finden.

Erstens: Es gibt weniger Auswahl, denn auf dem Land wohnen nun einmal weniger Menschen. Die Anreize, zusätzliche Bewerber  von anderswo anzulocken, sind vergleichsweise schwach. Man kann nicht mit besonders hohen Einkommen winken und überhaupt haben die Räume eine geringere Angebotsdichte: Weniger Konsum, weniger Bildungsvielfalt, weniger Mobilität, weniger von fast allem, nach dem sich der moderne Mensch so sehnt.

Zweitens: Bei der Auswahl der Bewerber geht es nicht nur um eine möglichst hohe Qualifikation und einen hervorragenden Bildungsabschluss, sondern auch um bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Auch in den Ballungsräumen ist man gut beraten, integere, ehrliche und überhaupt  vernünftige Leute auszusuchen, aber die Arbeitswelten in der Provinz verlangen noch eine andere Eigenschaft: die Leute müssen in der Lage und willens sein, sich zu binden. Wer in einem Landwirtschaftsbetrieb Verantwortung übernehmen soll, steht vor einer Lebensaufgabe. Es braucht Jahre, bis man sich in die landschaftliche Komplexität aus Boden, Wasser, Technik und Menschen wirklich eingearbeitet hat, und es braucht noch einmal so viele Jahre, bis man diese dann auch (mit-)gestalten kann. Das gilt auch für einen Wasser und Bodenverband und es bei ländlichen Verwaltungen oft ganz ähnlich, wenn sie mehr sein wollen als Apparate. Die Arbeit auf dem Land verlangt die Übernahme einer langfristigen Verantwortung. Die Dinge brauchen Zeit und das Vertrauen zwischen den Menschen wächst immer nur langsam.

Natürlich gibt es auch in den Arbeitswelten der großen Städte lebenslange Bindungen. Im Grundsatz aber wird hier versucht, die Prozesse so steuern, dass sie auf Bindung immer weniger angewiesen sind. Große Konzerne strukturieren alle paar Jahre ihre Hierarchien neu, Universitäten prahlen geradezu mit der hohen Mobilität ihrer Mitarbeiter – heute noch in Berlin, morgen schon in Wien! Es gilt als Zeichen für Qualität, sich flexibel in den nationalen und globalen Netzwerken zu bewegen und dabei nirgendwo Wurzeln zu schlagen.

Auf dem Land ist es nicht nur schöner, es ist auch unbedingt erforderlich, Wurzeln zu schlagen –  sowohl für die zu erledigende Arbeit, als auch für die ländliche Gesellschaft. Ein Mitarbeiter, der nur für drei Jahre kommt, wird nicht für die Gemeindevertretung kandidieren. Er wird nicht im Heimatverein mitarbeiten und er wird die Feinheiten der sozialen Gefüge in den Dörfern nicht verstehen. Er kann einen Standardjob machen, aber Arbeit auf dem Land ist nur begrenzt standardisierbar. Jede Landschaft ist eigen, jedes Dorf hat seinen Charakter, jeder Ackerschlag ist anders, nichts ist austauschbar.

Wer sich anschickt, eine verantwortungsvolle Arbeit auf dem Land zu übernehmen, muss deshalb nicht nur gut qualifiziert sein. Neben seiner Bindungsfähigkeit gehört auch eine gewisse Bescheidenheit dazu, denn lauten Ruhm erlangt man hier nicht, höchstens die tägliche Anerkennung der Mitmenschen und Kollegen. Häufig werden die Leute auf dem Land unterschätzt, man übersieht ihre Bildung und die Komplexität der Arbeit, die sie meistern. Mit dieser Geringschätzung muss man leben können, sie darf einen nicht kränken, da muss man drüber stehen.

Deshalb ist es eben doch eine Meldung wert, wenn der GEDO einen jungen Mitarbeiter findet, dem die Verantwortung für 19 Schöpfwerke anvertraut werden kann. Das ist kein Job, an den sich eine kilometerlange Karriereleiter anschließt und er wird auch beim Einkommen keine großen Sprünge zulassen. Aber er umfasst sehr wichtige Aufgaben, die man nicht jedem anvertrauen kann. Es ist ein Glück, wenn man für diese Aufgaben jemanden findet.

Von den Schwierigkeiten, die geeigneten Leute zu finden, kann man auf dem Land ein Lied mit besonders vielen Strophen singen. Aber wenn dieses Lied jemanden erreichen und es ihm gefallen soll, muss auch von dem gesungen werden, was auf ländlichen Stellen zu gewinnen ist: Sie bieten sinnvolle Arbeit, für die es sich lohnt, zu leben. Arbeit, die einem nicht nur den Kühlschrank voll macht, sondern auch sättigt.