Prominenz und Popularität

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik XII

Kenneth Anders, 19.05.2015

Vor einigen Monaten war ich zum ersten Mal in meinem Leben Zeuge des Geschehens auf einem echten roten Teppich, und zwar bei einem Empfang der Berlinale. Bekannte Schauspieler liefen durch helles Licht und etwa zwanzig Fotografen schrieen immer: HIER! HALLO! MAL ZU MIR GUCKEN! HIER HOCH! Die Schauspieler blinzelten in das Blitzlichtgewitter und versuchten zu lächeln. Man sah ihre Anspannung und die Mühe und das Makeup in den Gesichtern der Frauen, man sah sogar ihre Angst, sie könnten eine schlechte Figur machen oder zu alt wirken. Es war zu sehen, was die Prominenz den Menschen abverlangt und in mir machte sich eine tiefe Traurigkeit breit.

Prominenz ist ein moderndes Produkt, das vor allem durch Fernsehen und Internet zur massenhaften Versorgung der Bevölkerung hergestellt wird. Im Gegensatz zur Massentierhaltung wird aber hier nicht Nahrung, sondern gesellschaftliche Geltung produziert. Das klingt abstrakt, aber es ist für unsere Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, offensichtlich sehr wichtig. Dieser Bedarf an Geltung resultiert aus dem Bedürfnis der Menschen nach gesellschaftlicher Partizipation und ihrem Wunsch, dieses Bedürfnis so einfach und so schnell wie möglich zu befriedigen.

Prominente stehen im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Anerkennung und das kulturindustrielle Versprechen der Prominenz besteht folglich darin, dass das Publikum durch die Beziehung zu den Prominenten an dieser Anerkennung Teil hat und aus der eigenen Bedeutungslosigkeit herausgehoben wird. Also versucht man, sich selbst an die „Geltungsmaschine Prominenz“ anzuschließen. Dieser Versuch führt einen direkt in die Mechanismen der Macht: Die Prominenten stehen oben, dorthin richten sich also auch die Blicke, die Bewunderung, der Applaus. Das größte Ziel besteht darin, so nahe wie möglich an die Prominenz heran und dadurch letztlich selbst nach oben zu kommen. Nach unten aber wird gering geschätzt, ignoriert, belächelt. Die eigene Erniedrigung gegenüber der Prominenz geht mit der Demütigung der noch weiter von ihrem Lichtkegel entfernten Menschen einher.

Man sagt, der Starkult habe etwas Religiöses, aber man sollte doch genau unterscheiden, was und wie da verehrt wird. Jedenfalls ist es mir (abgesehen von den immer leidigen Fällen der Bigotterie) unbekannt, dass etwa die Nähe zum christlichen Gott in den Gläubigen eine soziale Hierarchie untermauert, zumindest liegt dies in der westeuropäischen theologischen Auffassung nicht begründet. Bei der Prominenz aber ist genau das der Fall.

Die Folgen sind letztlich für alle Beteiligten deprimierend (wie oben angedeutet: auch für die angeleuchteten Protagonisten). Für viele Zwecke werden Prominente heute eingesetzt – ein stets gefährliches Spiel, denn es führt dazu, dass die Sache (und sei sie auch noch so gut und wichtig) in der gesellschaftlichen Kommunikation auf die Geltungsmechanismen der Prominenz zurückfällt, sodass von dem abgelenkt wird, worum es eigentlich gehen sollte. Auch für die Kultur ist der Gebrauch von Stars ebenso verlockend wie fatal. Festivals punkten mit der Anwesenheit von Prominenten und versuchen, die Aufmerksamkeit des Publikums mit großen Namen auf sich zu ziehen. Das beschert einem tatsächlich Unmengen an Zuschauern und Zuhörern, aber keine gelingenden kulturellen Prozesse. Das Urteilsvermögen der Leute leidet unter dem behaupteten Glanz. Sie werten nicht mehr aus, was sie gehört und gesehen haben, weil sie den Bonus der Partizipation nicht verlieren wollen, durch den sie sagen können: Wir waren bei X, er war großartig – und er hat uns gegrüßt! Die Wahrnehmung künstlerischer Produktion im Modus der Prominenz ist das Ende eines eigensinnigen ästhetischen Urteils. Wer gute öffentliche Kultur machen will, sollte deshalb die Finger vom Mechanismus der Prominenz lassen. Er macht einem das Publikum kaputt. Man merkt es am selbstgefälligen Beifall, es ist eine atmosphärische Veränderung, als hielte die Gier Einzug in das Geschehen.

Wenn das alles aber nun so klar ist, warum ist Prominenz dann so erfolgreich, warum schalten immer mehr Initiativen und Akteure in den Modus der Prominenz? Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen ist es mit der Macht nun einmal so, dass sie andere Denkmöglichkeiten austrocknet. Wer einmal von der Prominenz genascht hat, muss schon gezielt andere Erfahrungen machen, um ihre Mechanismen zu durchbrechen. Dafür muss es erst einmal Gelegenheiten geben, von denen man wissen und die man dann auch wahrnehmen muss. Das Fernsehen hilft einem dabei nicht.

Zum anderen aber gibt es gleitende Übergänge zur Popularität. Und dieses Phänomen – vom breiten Volk, von vielen Menschen geschätzt, verehrt, ja geliebt zu werden – ist eine notwendige und beachtenswerte Form der gesellschaftlichen Anerkennung in den Massenkulturen. Man kennt z.B. aus dem arabischen Raum die Verehrung für die großen Sänger des Volkes. In Alexander Hackes Film „Crossing The Bridge“ äußern selbst die Punkmusiker ihren größten Respekt vor dem längst etablierten und betagten Künstler Orhan Gencebay. Wir kennen auch wirklich beliebte Popmusiker, Fußballtrainer und Schauspieler. Beinahe jeder scheint sie zu kennen und dennoch hat man den Eindruck, dass viele Leute in ihrer Nähe vielleicht höflich lächeln, aber letztlich doch eher ehrfürchtig zurücktreten möchten, weil sie wissen, dass ihre Zuneigung letztlich durch Anfassen und Selfies keine bessere Qualität erfährt. Man mag, schätzt, respektiert und achtet diese Leute und das, was sie tun – oder die Art, wie sie sich in der Gesellschaft verhalten. Auch daran bildet sich Kultur, gewinnt Sinn, Gestalt und Identität.

Aber wo liegt nun die Grenze zwischen Popularität und Prominenz? Das lässt sich so leicht nicht sagen und, leider, es gibt auch hier viele Mischformen und Übergänge. Ich denke, am ehesten lassen sich die ungleichen Geschwister Prominenz und Popularität unterscheiden, wenn wir dem nachspüren, was sie von uns wollen. Wollen sie, dass wir bewundern und aufschauen, dass wir kaufen und klatschen? Oder lassen sie uns Luft zum Zuschauen, so dass man beinahe meint, die beliebten Protagonisten wollten auch nur ihren Beitrag leisten dafür, dass unsere Welt heiterer, schöner, friedlicher und gescheiter wird?

Das klingt recht empathisch, aber ich würde doch letztlich immer versuchen, das herauszufinden und mich in meinem Urteil davon leiten zu lassen. Oder, einfach gesagt: Das alles ist eine Frage der Liebe.