Die Öffentlichkeit ist ein Organ der Demokratie!

Warum der Naturschutz die öffentliche Auseinandersetzung mit den Menschen ernster nehmen sollte als die Gerichte und die Politik

Kenneth Anders, 11.05.2015

Vor fünfzehn Jahren saß ich in der Mensa der BTU Cottbus mit einem damals einflussreichen Landesamtsleiter am Tisch, in dessen Arbeitsbereich große Bereiche unserer schönen märkischen Landschaft fielen, nämlich der Natur- und Umweltschutz. Ich erzählte ihm von unserem Plan: Wir wollten Landschaftskommunikation machen, Diskurse über die Entwicklung unseres Raumes fördern, in denen sich Landwirtschaft, Naturschutz, Kunst, Wirtschaft, Kommunalpolitik, Planung und Wissenschaft auf Augenhöhe begegnen und ihre verschiedenen Ansprüche an den Raum in einem offenen Prozess und mit Argumenten austragen würden. Ich redete mich in Fahrt und wollte noch mehr sagen, aber da unterbrach mich der Amtsleiter und sagte nur: Da wünsche ich ihnen aber viel Spaß mit den ganzen Alphatieren in den öffentlichen Versammlungen! Die anderen am Tisch kicherten. Dass wir mit einer Methodik der öffentlichen Rede ins Rennen gehen würden, hätte ich gern noch erläutert. Aber unsere Unterhaltung war leider beendet.

Nun habe ich den Amtsleiter durchaus in solchen Veranstaltungen erlebt, für die er mir viel Spaß gewünscht hatte. Ich kenne den aufgebrachten Volkszorn und seine vielen anstrengenden Sprachführer. Mir hat dieser Zorn auch selbst so manches Mal gegenübergestanden wie eine böse Mauer aus geballten Fäusten und Unverstand. Und der Amtsleiter hat das alles, immerhin im Dienste der märkischen Natur, viele Jahre lang ausgehalten. Wer wollte ihm also seine spöttische Reaktion am Mensatisch verübeln?

In den Jahren danach hörte ich den Amtsleiter oft im Radio oder ich sah ihn im Fernsehen. Das hatte einen einfachen Grund: Die Mitarbeiter seines Amtes hatten es nach und nach, ob auf Weisung oder aus eigenem Entschluss, aufgegeben, öffentlich zu sprechen. Jahrelang übernahm das fast immer der Amtsleiter selbst. Es handelte sich bei ihm immerhin um einen intelligenten und charismatischen Menschen, man hörte ihm gerne zu. Warum sollte er nicht selbst den Hörern von Radio eins unsere Umwelt erklären, wenn er es doch nun einmal am besten konnte?

Ja, er konnte das gut, freundlich und eloquent, aber er konnte auch wütend und herrisch werden wie ein kleiner Napoleon, zum Beispiel im Jahr 2008. Da hielt der Amtsleiter den Mitarbeitern des Gewässer- und Deichverbands Oderbruch eine gepfefferte Standpauke: Wie sie es wagen könnten, unsere Oderbruchfiktionen, die als Szenarien für die Entwicklung der Region damals auf Litfaßsäulen durch das Oderbruch wanderten, in den Gebäuden des GEDO zu präsentieren? Aus den Augen!

Unterdessen waren unsere jahrelangen Versuche, die Mitarbeiter seines Amtes zu überreden, uns in Beiträgen für den Oderbruchpavillon zu schildern, welche Sicht sie auf die naturschutzfachlichen Spielräume in dieser Landschaft haben, erfolglos. Nicht die kleinste Stellungnahme war hier zu bekommen. In der Regel schienen die Angesprochenen nicht einmal zu verstehen, wozu das hätte gut sein sollen. Wir argumentierten, dass es eines Tages viel Ärger in einer Landschaft geben würde, die nun einmal so ist wie das Oderbruch, nämlich von Nord bis Süd komplett durchmelioriert, sodass ein übliches naturschutzfachliches Herangehen wohl oder übel zu Konflikten führen müsse, sogar zu sehr harten. Keine Antwort, ausweichende Blicke, Schweigen.

Von den Mitarbeitern in öffentlichen Naturschutzverwaltungen werden wir stattdessen oft gefragt, was das eigentlich für eine Öffentlichkeitsarbeit sein solle: zum Beispiel eine Zeitung mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die Wasserproblematik in der Region zu produzieren? Wo bliebe denn da das Primat der richtigen, wissenschaftlich und amtlich begründeten Sichtweise? Ja, wo bleibt dieses Primat?

Nun, mit der Fachlichkeit ist es so eine Sache. Setzt sie sich der öffentlichen Kritik nicht aus, wird sie zum Herrschaftswissen. Die einfachen Leute verstehen es ohnehin kaum, es wird in einem geschlossenen Kriterienapparat hergeleitet und muss sich nur noch der politischen Macht und der Gerichte versichern. Ob die Vorannahmen dieses Fachapparates stimmen, wird zwar nicht mehr reflektiert, aber alles hat seine Richtigkeit. Wer trotzdem zweifelt, macht sich lächerlich und des Stammtisches verdächtig.

Die Geringschätzung der öffentlichen Meinung ist übrigens ein verbreitetes Muster. In München hielt mir ein naturschutzfachlicher Experte einmal spöttisch entgegen, Diskurse über die Waldentwicklung in Deutschland fördern zu wollen, sei naiv, man müsse mit den politischen Entscheidern reden, mit niemandem sonst. Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin hatten wir jahrelang einen richtigen Gegner, er warf uns vor, zu polarisieren, wo man doch die Sache des Naturschutzes unterstützen müsse. Und als wir inmitten eines festgefahrenen Konflikts im Biosphärenreservat Rügen eine Broschüre über Land und Leute mit unterschiedlichen Sichtweisen auf dieses Großschutzgebiet erarbeitet hatten, reagierte man im Umweltministerium irritiert: Was das für eine idiotische Idee sei, mit Mitteln aus dem Umweltressort auch noch Meinungen der eigenen Gegner zu publizieren?

Die Welt, wie sie sich heute viele Menschen vorstellen, ist so: Es gibt verschiedene Interessen und diese formieren ihre Verbände und Lobbykräfte. Die Landwirtschaft hat also den Bauernverband, der Naturschutz hat den NABU und den BUND, dann kennen wir noch Greenpeace und all die anderen. Und diese Verbände posaunen jetzt also ihre Sichtweise so laut wie möglich in die Welt hinaus. In der Gesamtschau, so wahrscheinlich die Annahme, kommt ein Kompromiss heraus, also muss jeder für seien Teil der Wahrheit so hart wie möglich dagegenhalten. Das ist politischer Wettbewerb! Deshalb ist es auch egal, ob man mit seinem Verband vernünftige Forderungen stellt, weil man diese Forderungen ja ohnehin nie in Gänze durchbekommt und weil man sie schon gar nicht verantworten muss. Das müssen dann die Politiker machen, diese Kompromissler! Und also ist jeder zusätzliche Tag, an dem z.B. man verhindert, dass eine Verordnung zum Bibermanagement in Kraft tritt, ein gewonnener Tag – eben weil die gegnerische Partei dadurch nicht zum Zuge kommt. Die sind ja eh schon zu stark!

So läuft das Geschäft. Man kennt sich ja, man redet so, wie es Gegner und politische Freunde von einem erwarten, man zerbricht sich nicht den Kopf und spielt eine Rolle mit erlerntem Text– und natürlich ist man sich sicher, dass man den guten Helden spielt, nicht den bösen. Da dies aber eine Vereinbarung ist, die einen nichts kostet, ist es ein einziges Schelmentheater. In einer solchen Welt kommt die Öffentlichkeit nur als Objekt vor, als Ziel der Public Relation, der Werbung und Propaganda. Man kann ihr alles andrehen und erzählen, sofern es nur der guten Sache dient, die anderen reden ja auch dummes Zeug, also müssen wir es selbst mit der Vernunft nicht allzu genau nehmen. Akzeptanz ist das große Schlagwort dieses Denkens, mehr braucht es nicht, die Leute sollen es akzeptieren und im Übrigen nicht weiter stören. Die öffentliche Meinung wird wie ein Callgirl behandelt, das man mit Hochglanzbroschüren, mit moralischem Druck oder mit dem Versprechen, zu einer Elite zu gehören dazu bewegt, an der eigenen Seite mitzugehen.

Diese Strategien sind eine soziologische Tatsache über die es hier nicht zu meckern gilt, wenn mir auch die selbstgerechte und verantwortungslose Rhetorik vieler Interessenverbänden persönlich recht unangenehm ist, zumal ich den Eindruck habe, dass sie täglich lauter wird. Das kann aber auch am Alter liegen.

Aber: Ämter und Ministerien sind staatliche Institutionen und diese brauchen ein anderes Verständnis von Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit ist keine Zielgruppe für vorgekaute Botschaften, sie ist ein Organ der Demokratie! Man muss sie gezielt aufrufen und ansprechen, offene Fragen in sie hineinstellen und die Gesellschaft dadurch in die Lage versetzen, den besseren Argumenten zur Geltung zu verhelfen. Dies geht nur mit Ehrlichkeit und mit der Bereitschaft, auch einmal eine Position zu räumen, wenn man die schlechteren Argumente hat. Und das wiederum wird nur funktionieren, wenn man die Bürger als Akteure der Öffentlichkeit ernst nimmt und sie weder für dumm hält noch dafür verkauft. Das setzt allerdings auch voraus, dass die Mitarbeiter der Ämter gebührenden Abstand zu den Verbänden mit ihren programmierten Sichtweisen haben. Und obendrein sollten diese Mitarbeiter nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben, sich ein eigenes Urteil zu bilden und dieses auch zu äußern, wie gut ihr Job auch immer bezahlt ist.

Genau hier ist der Wurm drin, im Verhältnis des öffentlichen Naturschutzes zur Öffentlichkeit. Es ist kein Wunder, dass es vor allem Akteure des staatlichen Naturschutzes waren, die die Unterzeichnung der Europäischen Landschaftskonvention durch Deutschland verhindert haben. Denn diese sah vor, die Landschaft zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen und sie nicht allein den Regelwerken des Expertenwissens zu überlassen. Davor haben diese Apparate am meisten Angst. Denn man darf den Leuten auf keinen Fall ihre Landschaften in die Hände geben. Die spritzen sie sofort tot!

Durch die Phyrrussiege des Naturschutzes bei den Gerichten und in den staatlichen Hierarchien werden die ehrenamtlichen Naturschützer, jene, die sich aus bloßer Liebe zum Leben engagieren, ständig marginalisiert. Diese haben meist den Mut nicht, ihre eigenen, durch Anwälte gestärkten Lobbyvertreter infrage zu stellen und somit werden sie vor Ort täglich unglaubwürdiger. Denn man hält ihnen vor, wie undemokratisch und unvernünftig die naturschutzfachlichen Bandagen sind – und weidet sich dann an ihrem ohnmächtigen Schweigen.

Da denke ich an Kurt Kretschmann aus Bad Freienwalde, den ich selbst noch erlebt habe und der immer, lange bevor er auf die Idee kam, eine Behörde anzurufen, die persönliche und öffentliche Konfrontation wählte. Er hatte den Mut sich hinzustellen und Position zu beziehen. Und mag auch vieles an ihm widersprüchlich gewesen sein, von dem moralischen Kredit, den er damals angespart hatte, zehren wir hier in der Region heute alle noch. Und, das sollte allen bewusst ein: Dieser Kredit ist bald aufgebraucht.