Bürgermeister für Kultur!
Warum ich einen kulturpolitischen Beirat aus Kommunalpolitikern empfehle

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik XI

Kenneth Anders, 30.04.2015

In meinen Ohren gab es früher kaum ein langweiligeres Wort als Kulturpolitik. Als achtzehnjähriger arbeitete ich an den Eberswalder Kulturhäusern Schwärzetal und Beimlerstraße, meine Berufsbezeichnung war „kulturpolitischer Mitarbeiter“. Das war mir immer ein wenig peinlich, denn ich wollte Kultur machen, nicht Kulturpolitik. Den kulturpolitischen Diskurs im Westen Deutschlands hatte ich nur am Rande mitbekommen. Und später habe ich nicht wieder darüber nachgedacht – bis ich im letzten Jahr unversehens in lauter Diskussionen verwickelt war, die etwas mit Kulturpolitik zu tun hatten.

So äußert ein Freund, der über Jahrzehnte sehr gute Veranstaltungsformate in der Provinz aufgebaut hat,  tagein, tagaus eine zehrende Sorge, seine Arbeit, die langsam Züge eines Lebenswerkes annimmt, könnte durch bloßen parlamentarischen Unverstand und ein paar dumme Zufälle zunichte gemacht werden – weil es kein kulturpolitisches Netz gibt, das in diesem Falle für Sorgfalt und Qualität im Umgang mit dem bürgt, was da gewachsen ist.

Oder ein, zwei Journalisten rechnen hartnäckig jedes Jahr an den Zahlen unseres Filmfestes in Eberswalde herum und stellen unterschwellig den ökonomischen Sinn der dafür verwendeten öffentlichen Mittel infrage. Sie fragen bei den Hotels in der Umgebung nach, ob denn die Übernachtungszahlen durch das Filmfest gestiegen seien? Das wiederum erinnert mich an die Bemühungen eines hiesigen Lobbyisten, der mittels Umwegerentabilitätsrechnungen den Sinn bestimmter Kulturausgaben rechtfertigen will. Die Kultur muss also letztlich Geld bringen, darauf läuft dieser Diskurs hinaus.

Unterdessen stehen in meiner Region die Kulturakteure an den Rathaustüren und fordern politische Anerkennung. Gegenüber den Fördermittelagenturen fordern sie mehr Geld und vom Publikum mehr Aufmerksamkeit. Viele wollen wachsen, mehr einnehmen, mehr machen. Konkurrenz und gegenseitige Zermürbung bestimmen vielerorts das Bild.

Und dann ist da noch der beginnende Dialog mit Kommunalpolitikern in der Region, die am liebsten schreien würden, weil in einem Raum, in dem immer weniger Menschen leben, immer mehr Menschen Kultur machen und letztlich überhaupt keine gesunden Maßstäbe mehr da sind, um öffentliche Kulturausgaben, ehrenamtliches Engagement und freiberuflichen Eigensinn irgendwie angemessenes zu gewichten. Neulich sagte mir ein Amtsdirektor, er fühle sich mit diesem Thema schlicht überfordert. Er habe so viele Probleme zu lösen, und nun solle er hier auch noch Dinge beurteilen, die er eigentlich gar nicht beurteilen will. Man müsse ja wenigstens alles gesehen haben, um sich dazu äußern zu können, und das schaffe er einfach nicht.

Das Bild, das sich hier ergibt, ist ein heilloses Durcheinander in einer Gesellschaft, die demografisch allmählich in Schieflage gerät. Hier die verbreitete Geringschätzung der Kultur als freiwilliger Aufgabe, dort eine irgendwie empfundenen Sympathie, hier eine gschaftlhuberische Betriebsamkeit, dort höchste Qualität ohne soziales Hinterland, hier das Agieren aus der einer geborgten Sicherheit der öffentlichen Beschäftigung, dort die blanke subsistenzwirtschaftliche Not. Und das Gleitmittel zwischen all diesen Erscheinungen ist die gegenseitige Geringschätzung.

Es geht um den Prozess und seine Richtung: In einer schwächer werdenden Gemeinschaft müssten Kooperation, Kritik und Resonanz das Bild bestimmen. Bleiben diese Momente aus, kommt es zu Missgunst, übler Nachrede und Unehrlichkeit. Daraus kann nichts Gutes werden.

So kommt es, dass ausgerechnet die Kultur zum hässlichsten und unbeliebtesten Thema in der Politik geworden ist, wo sie doch das schönste und beliebteste Thema sein sollte. Und seitdem ich das beobachte, denke ich anders über Kulturpolitik.
Im letzten Jahr waren wir mit unserem Feuerwehstück in Sietzing zu Gast. Die Ortsvorsteherin und ihr Mann (der günstigerweise hier Ortswehrführer ist) empfingen mich freundlich, sie hatten alles wunderbar vorbereitet. In der Kirche, in der die Aufführung stattfand, begrüßten sie das Publikum gemeinsam mit dem Pfarrer und der Vorsitzenden des Förderereins der Kirche. Alle sagten nur ein, zwei Sätze, aber alle sagten etwas. Dann wurde das Stück gegeben, hinterher saßen wir zusammen im Gemeindehaus. Es war eine kleine, nette Begebenheit. Nichts Besonderes also?

Doch, es war etwas Besonderes. Denn die Ortsvorsteherin bewies mit der ganzen Handhabung unseres Kulturangebots ein instrumentelles Verständnis von Kultur. Sie mochte nicht nur das Feuerwehrstück, das sie sich zuvor selbst zur Premiere angeschaut hatte, sie hatte auch einen Plan, wie dieses Stück in ihrem eigenen dörflichen Kontext eingesetzt werden sollte. Sie erkannte den Wert einer bestimmten, raumbezogenen künstlerischen Produktion: für die dörfliche Gemeinschaft, für die kulturelle Selbstfreflexion in den Feuerwehren, für das Zusammenwirken mit den anderen zivilgesellschaftlichen Kräften im ländlichen Raum, mit der Kirche und dem Ehrenamt. Und sie setzte all das ohne Eitelkeit ein, ohne das Interesse, sich in diesem Kontext selbst ästhetisch selbst zu verwirklichen.

Ebenso habe ich es in Neubarnim erlebt, in das uns der dortige  Ortsvorsteher einlud. Und es gibt noch einige weitere Bürgermeister, die ganz genau so denken. Sie kennen die Künstler und ihre Arbeit in der Region, sie besuchen die Bühnenveranstaltungen, sie gehen abends auch mal in den Feuchten Willi oder ins So-Oder-So. Sie wissen, dass sie für ihre Region eine bestimmte Form von Kultur brauchen, die nicht nur auf kaufkräftige Touristen schielt, sondern für die eigenen Leute da ist. Kultur, die die Menschen hier nicht nur irgendwie befriedigt und beschallt, sondern involviert, anspricht und herausfordert.

Bei den Künstlern in unserem Raum ist das Verhältnis zur eigenen Gesellschaft dagegen oft angespannt. Man nimmt diese Gesellschaft schon wahr, aber man ist sich nicht sicher, ob und in welcher Hinsicht man sich wirklich auf sie einlassen will. Sie wird ja zum Teil aus sogenannten kunstfernen Milieus gebildet. Was soll daraus werden? Im Hinblick auf einen Bezug zu den Menschen und ihren Problemen hier sind die meisten unentschieden und abwartend. Das ist auch verständlich. Sie haben ihren eigenen Prozess im Blick, für den sie sehr viel auf eine Karte gesetzt haben, auf ihr Leben. Wer jetzt von ihnen verlangt, dass sie die Bevölkerung des Oderbruchs als ihren Adressaten ansieht, der sollte sie erst mal vernünftig bezahlen.

Deshalb sage ich: Wenn wir in dem oben beschriebenen heillosen Durcheinander unserer kulturellen Geltungskämpfe einen Halt schaffen wollen, dann brauchen wir ein kulturpolitisches Gremium, das auf die eigenen Leute sieht und Kultur als ein Mittel versteht, die eigene Zivilgesellschaft zu formen. Die darin sitzen sollten nicht nach Proporz gehen und nicht aufs Renommee schauen, sondern eine vage Vorstellung haben von all dem, was an Liebe, Leidenschaft, Können und Mut nötig ist, um gute Kultur für die Region zu machen. Und mit denen man darüber reden kann. Die also bereit sind, aus einer vagen Vorstellung in einem mehrjährigen Gespräch eine Sprache zu entwickeln, mit der die Entscheidungen über Kulturausgaben in Landkreis und Kommune begründet werden können. Und diese Sprache ist dann nicht irgendein eitler Binnendiskurs, sie ist eine kulturpolitische Sprache, mit der wir den ganzen Wirrwarr unserer täglichen Nöte in der Kultur ein wenig ordnen und steuern können. Niemand sonst kann in meinen Augen diese Rolle einnehmen als kulturaffine, offene Kommunalpolitiker und Kommunalpolitikerinnen, die noch jung genug sind, um sich daran zu erinnern, dass sie selbst mal vor der Frage standen, ob sie weggehen oder bleiben sollten. Und die geblieben sind.