„Ich finde die toll, die in überhaupt keine Kategorie passen.
Das sind die Guten, die sich nicht in Schubladen einordnen lassen.
Die Bösen sind die, die versuchen, die Unterschiede bei den Menschen zu vergrößern.“

Der Filmregisseur Robert Schwentke in der F.A.Z. vom 28. März 2015

Distinktion und Dummheit

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik X

Kenneth Anders, 22.04.2015

In Heiner Carows Film „Die Legende von Paul und Paula“ gibt es eine Szene, die viel über kulturelle Zugehörigkeit erzählt. Paul nimmt Paula in ein Violinkonzert mit: Beethoven, unter freiem Himmel. Paula kennt so etwas nicht und, man weiß nicht wie, sie ist total ergriffen und erschüttert von der Musik. In der Satzpause steht sie auf, sie hat Tränen in den Augen und klatscht, ganz allein und heftig. Und nun entsteht eine Peinlichkeit, denn die Leute schauen auf und Paul zieht sie auf den Platz zurück: Doch nicht in der Satzpause!

Natürlich hat es seine Gründe, in den Satzpausen von sinfonischen Werken auf Applaus zu verzichten (obwohl das ja inzwischen nicht mehr so streng gilt), denn durch die Stille zwischen den Sätzen werden Konzentration und musikalischer Zusammenhang gewährleistet. Aber die Peinlichkeit, die da entsteht, die Scham, mit der Paulas Reaktion belegt wird, ist etwas anderes. Da geht es nicht um eine Störung der rezeptiven Harmonie, sondern um Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, die weiß, was sich bei Beethoven gehört.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat uns schon vor Jahrzehnten darüber aufgeklärt, welch „feine Unterschiede“ es ermöglichen, sich gegenüber anderen sozial auszuweisen. Es gibt ein kulturelles Kapital, das steht auf keinem Konto gutgeschrieben, aber dennoch ist es wirklich und bestimmt über unsere Position in der Gesellschaft: Unterscheidungsvermögen, Stilbewusstsein, Kennerschaft. Man macht nicht viele Worte davon, denn sonst wäre der Code ja für die anderen zu knacken. Wer einmal mit echten Vertretern der besseren Gesellschaft zu tun hatte, und mögen sie auch noch so nett gewesen sein, wird wissen, wovon ich spreche: Man hat keine Chance, denn man beherrscht die feinen Unterschiede nicht. Und wenn man versucht, sich die kulturelle Kompetenz der anderen anzueignen, um sich in ihr zurechtzufinden, wird man scheitern, denn die Spielregeln folgen einem unendlich verästelten Code und sie werden ständig weiterentwickelt. Wer nicht dazugehören soll, der wird sie nie ganz beherrschen, er wird immer aufs Neue beschämt und gedemütigt werden. Er erscheint den anderen letztlich dumm, weil er es nicht hinkriegt. Das ist Distinktion.

Kultur kann ein wichtiges Mittel der Distinktion sein, sie kann also unter bestimmten Umständen dazu beitragen, die Unterschiede zwischen den Menschen zu vergrößern und zu zementieren. Für kulturpolitisches Denken ist dieser Umstand meines Erachtens sehr wichtig. Öffentliche Mittel sollten nicht dafür ausgegeben werden, dass die eine soziale Gruppe sich über eine andere stellt und dazu ihren Feingeschmack weiterentwickelt. Aber, so überzeugend ich diese Forderung auch finde, sie ist nicht so einfach umzusetzen.

Denn in der modernen Kultur gibt es immer wieder Entwicklungen, die die soziale Distinktion völlig durcheinanderbringen. Die Rockmusik war eine solche Revolution, da sind Kinder der Unterschichten plötzlich ganz oben gewesen. Keith Richards ist immer der Junge von der Straße geblieben, aber dennoch finden ihn auch die Reichen cool. Die Popkultur hat in das Verhältnis von oben und unten eine enorme Dialektik hineingebracht. Es gibt sicher Nischen, in denen das kulturelle Kapital schwerer zu knacken ist, und es gibt neue Formen der kulturellen Aristokratie im Starkult. Aber mit dem oben und unten ist es nicht mehr so einfach.

Denn auch in der Popkultur findet ununterbrochen soziale Distinktion statt. Es gibt z.B. viele Menschen, die etwas auf ihren Musikgeschmack halten und sich eben in ihrer Fähigkeit, avancierte, interessante Musik zu entdecken und zu verstehen, von den anderen unterscheiden und abheben. Sie pflegen dann doch Vorstellungen der Elite, man adelt sich, indem man nicht mehr dem Geschmack der breiten Masse frönt. Damit einem dieses Privileg aber niemand wegnehmen kann, muss man schweigen, still genießen. Offene Kommunikation, also Beschreibung dessen, was einen an der Kunst berührt und begeistert, sind der Feind jeder Distinktion. Denn sie laden die anderen ein, sich mit dem eigenen ästhetischen Urteil auseinanderzusetzen und ihm vielleicht sogar beizutreten. Das will kein Aristokrat, auch wenn er nur fortschrittliche Popmusik hört. Und es gibt natürlich in allen Kunstbereichen eine Szene, die sich genau auf diese Zielgruppe der kulturellen Eliten eingestellt hat.

Natürlich birgt das Verbot der offenen Kommunikation auch Gefahren für jenen, der sich unterscheiden will. Er könnte nämlich auf einen Fake oder eben auf totalen Mist hereinfallen, denn man ist nicht immer so schlau, wie man meint. Das passiert immer wieder: Bilder, die einfach Schrott sind, werden von einem überhitzten Kunstmarkt tausendfach überbewertet, Musik, die als extrem raffiniert gilt, entpuppt sich bald als letztlich doch trivial und der avancierte Musikhörer kann seine CDs nur noch still und leise verschwinden im Abfalleimer lassen. Wer den Mund nicht aufmacht, will nicht, dass die anderen an seinen Entdeckungen teilhaben, aber dadurch hat er auch schlechter an den Entdeckungen der anderen teil – das ist der Preis der Distinktion. Kultur, die radikal auf Distinktion setzt, hat deshalb wiederum oft auch etwas Dummes.

Nicht alle Kultur kann demokratisch sein, in dem Sinne, dass alle an ihr teilhaben können. Das würde nicht funktionieren. Künstler brauchen Eigensinn, Sturheit, Geradlinigkeit, und sie bauchen manchmal auch ein Publikum, das ebenso schrullig ist, wie sie selbst. Aber eine einladende, die Menschen zu einer Aneignung der Kultur und zu einem eigenen Ausdruck und ermächtigende Haltung ist doch etwas sehr Schönes und Wichtiges. Ich denke, die Kulturpolitik sollte Sensoren für solche Haltungen ausbilden und gezielt jene Künstler und Veranstalter fördern, die sie einnehmen. Denn wir haben genug Leute, die die anderen gering schätzen und für dumm halten. Ich wünsche mir lieber eine Kultur, in der jene, die sie ausüben, gemeinsam klüger werden.