Unterhaltung

Skizzen für ein Wörterbuch zur Kulturpolitik IX

Kenneth Anders, 18.03.2015 

„Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung!“ So werden viele Kulturprodukte angekündigt, vor allem natürlich Fernsehsendungen, aber auch Bühnenveranstaltungen. Wenn wir beim Filmfest Eberswalde Filme anmoderieren, sind wir schon mehrmals über diesen Satz gestolpert. Denn in den meisten Fällen ist es der reinste Hohn, den Leuten im Publikum für das, was sie als Nächstes sehen werden, gute Unterhaltung zu wünschen. Die Filme, die wir hier zeigen, haben bestenfalls auch etwas Unterhaltsames, sie auf die Unterhaltung zu reduzieren, geht gar nicht. Wir haben uns deshalb den neutraleren Satz „Wir wünschen Ihnen eine gute Projektion!“ zu eigen gemacht, der immerhin nicht vorwegnimmt, was an dem folgenden Film wichtig ist. Ein Hilfsmittel, denn irgendwas will man den Leuten ja wünschen. Aber was ist das: gute Unterhaltung?

Unterhaltung ist heute, da tausende Firmen nichts anderes tun, als uns in den Medien und durch  Events zu unterhalten, eine der wichtigsten Warengruppen des modernen Kapitalismus. Mit ihr wird unvorstellbar viel Geld verdient und auch hier gilt: Die Gewinne steigen mit der Masse der Konsumenten. Wer das kritisiert, steht als Spielverderber da. Der letzte, der diese Rolle in großartiger Weise gespielt hat, ist Theodor W. Adorno, ein Philosoph und Ästhetiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Er beschrieb diese Produktion und Konsumtion von Unterhaltung in der Kulturindustrie, die wie ein gierig ersehnter Kitzel ungeduldig vom Publikum eingefordert wird und mit der nicht nur Gewinne gemacht werden, sondern auch die Anpassung der Menschen an die herrschenden Machtstrukturen gewährleistet wird. Man nennt das kulturelle Affirmation. Diese Anpassungsleistung unserer Sinne hat indes vielleicht noch zugenommen, das beweist wohl das milliardenfache Herumtippen auf Unterhaltungsdisplays oder es wird durch kulturelle Massenveranstaltungen nie gekannten Ausmaßes  belegt, täglich und fast überall: Entertainment als Industrieproduktion.

Wichtig an Adornos Sicht auf die Unterhaltung ist allerdings etwas anderes. Er erfasste nämlich auch die dialektische Kraft des unterhaltenden  Moments in der Kunst. Indem wir unterhalten werden, folgen wir den Erzählungen, Geschichten, Bildern, Klängen und Worten wie einer Verlockung. Es ist, als führe uns die Kunst hinaus auf ein unbekanntes Terrain und ehe wir es uns versehen, stehen wir mitten in einem existenziellen Konflikt, in einer schrecklichen Begebenheit oder an einem Abgrund. Die Unterhaltung hat uns dorthin gelockt wie ein Rattenfänger. Das klingt unfair, ein künstlerisches Genussversprechen führt uns da hinter sein Licht. Nur im Ausnahmefall würden sich Menschen anderen Schicksalen aussetzen oder schmerzhaften Fragen stellen, wenn nicht z.B. eine spannende Erzählung sie dazu verleiten würde. Ich erlebe das jeden Abend, wenn ich meinen Kindern ein Buch vorlese. Sie leiden manchmal furchtbar mit den Helden. Aber weil es spannend ist, halten sie es aus. Also ist die Unterhaltung, ganz unabhängig vom Entertainment, insofern etwas sehr wertvolles: Weil sie uns auch dort, wo es schwer ist, zur Empathie befähigt.

Aber auf diese Rolle kann man sie nicht festlegen. Adorno hat bei der Unterhaltung um ihrer selbst willen, wie das bei Spielverderbern nicht selten ist, die Schönheit des Spiels selbst übersehen oder nicht sehen wollen. Was ist das für ein Spiel?

Für die Menschen der Moderne ist das Unterhaltende eine Möglichkeit, sich in andere Welten zu versetzen, Freiheit zu erfahren, neue Gesten und Rollen in ihrem Leben zu erproben. Man denke nur an die immense Bedeutung, die die Rockmusik im Leben vieler Jugendlicher hatte und hat, und alles nur, weil beim Rock `n Roll in unfassbarer Weise die Post abgeht. Dieses Gefühl war Adorno wohl fremd - aber darum wird es nicht irrelevant. Was uns so gut unterhält, enthält ein Versprechen: Die Welt ist großartig und du gehörst dazu! Dieses Versprechen kann verlogen sein, weil weder die Schönheit der Welt noch unsere Teilhabe daran immer gegeben sind. Aber es kann auch, wenn die Unterhaltung klug, beschwingt, gekonnt, spielerisch und lustvoll daherkommt, in einem ganz glaubwürdigen, authentischen, ich würde sogar sagen, in einem humanistischen Sinne berauschend sein.

Ein Beispiel? Nur eins, und da nehmen wir mal nicht aus aktuellem Anlass die Fernsehserie Downton Abbey (obwohl die auch passen würde). Zu den unterhaltendsten Dingen, die es für mich gibt, zählt das Musical „My Fair Lady“ von Frederik Loewe. Ich habe es nie gesehen (leider), ich kenne es nur von einem wirklich alten Schallplattenquerschnitt, einer Aufnahme mit Paul Hubschmid, Karin Huebner und, ja, mit Rex Gildo. Seit meiner Kindheit hat mich das dazugehörige zweifelhafte Plattencover in Rosa begleitet und wenn ich dieses heute aus dem Schrank nehme und die Platte auflege, bin ich immer noch sprachlos bis zur Rührung von dem Witz, dem Einfallsreichtum, der Rasanz und Schönheit dieser Musik. Die fulminante Ouvertüre verspritzt Ideen, als ei es nichts und jedes dann folgende Stück ist so unterhaltsam, dass man tanzen möchte. Spätestens wenn der Chor die „Ascott Gavotte“ singt, wird mir klar, was diese Unterhaltung ausmacht: Sie richtet sich nicht nur an einen einzelnen Menschen, sie will eine ganze Gesellschaft unterhalten und ihr vermitteln, dass sie in diesem Moment ein wunderbares Leben hat. Es ist ein Fest für alle, die daran teilhaben – ein Fest, auf dem wir erfahren, dass wir Menschen die Mühe wert sind, die ganzen Anstrengungen, Ärgernisse, Hindernisse und Schwierigkeiten unseres gesellschaftlichen Lebens – wir nehmen das alles nicht umsonst auf uns, denn zusammen können wir genießen, lachen und weinen. Es muss in diesem Falle tatsächlich keine glaubhafte Geschichte sein, die da erzählt wird, es kann der größte und kitschigste Schmarren sein. Aber dieser Schmarren muss wahrhaftig erzählt oder gespielt sein, mit Leidenschaft und voller Liebe. Und wir sollen gemeint sein, unsere wahre Freude haben – und die es aufführen, sollen auch Freude haben. Erst dann ist es wirklich gute Unterhaltung!