… so ist es Mühe und Arbeit gewesen

Eine Übung in Demut bei der Betrachtung unserer Regionalwirtschaft

Kenneth Anders, 27.02.2015

Seit wir von Raumpionieren sprechen, und vor allem seit wir Biosphärenreservate haben, werden vielerorts die neuen regionalwirtschaftlichen Möglichkeiten direkter Veredlung und Vermarktung gepriesen. So finden wir Kataloge mit regionaltypischen Produkten oder solchen, die es werden wollen: Vollkornbrot im Einweckglas, Biochutney aus Streuobstzwetschgen und handgemachtes Pesto aus mundgezupftem Bärlauch - geht doch, denkt man. Und ja: Wer es wagt, selbst zu veredeln und zu vermarkten, genießt meine unumschränkte Sympathie.

Aber im gesellschaftlichen Gespräch über diese Dinge stört mich ein gewisser Leichtsinn, der an einst boomende und anschließend zusammenbrechende Wirtschaftszweige der Vergangenheit gemahnt. Das Heilsversprechen dieser neuen guten Ökonomie tapst wie ein weißer, unschuldiger Elefant durch die Gegend, ignoriert vielfaches Scheitern und zwinkert schelmisch dazu. Gerade hat bei uns im Nachbardorf ein Landwarenhandel mit Mosterei und Brennerei seine eben erst geöffneten Pforten wieder geschlossen. Der Betreiber war mit großem und lautem Enthusiasmus gestartet, das Ende dagegen war still: kein Wort an die Leute, die begeistert hier eingekauft hatten, alles verrammelt, niemand konnte etwas daraus lernen. So erklärt sich vielleicht, dass ich manchmal unfreiwillig ein regelrechtes Misstrauen gegen neue Projekte empfinde, was mir dann wiederum beinahe wie Verrat vorkommt. Was geht da in mir vor?

Seit ich bestimmte Dinge selbst mache, hat sich mein Verhältnis zur Land- und Handarbeit geändert. Ich habe zum Beispiel eine Vorstellung davon, wie aufwändig es ist, Essen herzustellen. Hühner für den eigenen Bedarf an Eiern halten - das geht, aber diese Eier zu vermarkten, erfordert eine enorme Intensivierung der ganzen Struktur.

Oder die Arbeitszeit, die in einem einzigen meiner Suppenhühner steckt, vom Großziehen, Füttern, Beschützen, Ausmisten, Milben bekämpfen, Schlachten und Rupfen bis zum Ausnehmen! Der Aufwand ist nach unseren Maßstäben unbezahlbar. Es ist ausgeschlossen, mit einem meiner Hühner am Fleischmarkt teilnehmen zu wollen.

Bei den Schafen wird es fast noch deutlicher. In meiner kleinen Wirtschaft übertreffen gegenwärtig sogar die Kosten, die ich mit der Produktion zum Eigenverbrauch habe, also für Tierarzt, Ohrmarken, Tierseuchenkasse, Zäunung, Schlachter usw., den Fleischpreis auf dem Markt – da brauche ich über die Zeit, die ich investiert habe, gar nicht nachzudenken. Ich habe zum Beispiel die Pfingstwoche des letzten Jahres damit verbracht, Heu zu wenden. Wenn ich meinen üblichen und übrigens nach deutschen Maßstäben ziemlich bescheidenen Stundensatz ansetze, sind meine Schafe jetzt beinahe aus Gold. Das Verhältnis wird sich verbessern, aber auf jeden Fall habe ich verstanden, was es heißt, von Schafen leben zu wollen.

Oder nehmen wir den Honig. Es ist unfassbar aufwändig, ihn herzustellen, und das, obwohl die Bienen den größten Teil dieser Arbeit mit ihrem sprichwörtlichen Eifer selbst verrichten. Wenn ich die Fröhlichkeit sehe, mit der die Konsumenten heute löffelweise Honig in den Tee rühren, als würde gerade ein Füllhorn über ihnen ausgeschüttet, bleibt mir der Mund offen stehen. Ich nehme auch Honig in den Tee und ich liebe es, ihn pur aus dem Glas zu löffeln. Aber wie soll ich es sagen: Bei jedem Löffel denke ich an die Arbeit des letzten Jahres und an die Arbeit des kommenden Jahres.

Das ist alles kein Problem, solange man diese Dinge für sich tut, zum Selbsterhalt. Wir bewirtschaften also ein paar Tiere und bauen ein bisschen was im Garten an, weil es uns gut tut, weil wir das Gefühl haben, dass wir dadurch eine Form der Menschlichkeit bei uns erhalten: Essen machen, Arbeiten, Schwitzen, sich von Bienen stechen lassen, Genießen, Erfolg  und Misserfolg haben. Aber das ist nicht marktfähig. Ich schneide die von einer Wühlmaus angefressene Kartoffel aus und esse sie, wenn sie von meinem Beet kommt. Im Supermarkt würde ich sie nicht kaufen.

Deshalb geht mein Blick von hier aus auf die Landwirte und Handwerker, an die meisten Arbeitenden in meiner Umgebung, die von ihrer Arbeit leben müssen. Die Vorstellungen vom guten Leben und Arbeiten, die an diese Leute herangetragen werden,  entsprechen nur selten den Tatsachen ihrer heutigen Praxis. Wer beim Fischer in Altglietzen steht und fragt, ob dieser Fisch da in der Kühltheke von hier ist, erntet meistens ein Augenrollen. Warum? Nun, es ist schon immer mal ein Fisch von hier dabei, aber wenn die Fischer von heimischem Fisch leben wollten, wären sie in vier Wochen am Ende. Die Preise wären den Leuten zu hoch, und die Vielfalt wäre den Leuten zu gering. Also sind die Fischer heute in erster Linie Fischhändler geworden. Die eigene Bewirtschaftung ihrer Ressource haben sie eigentlich eher aus Gründen der Selbstachtung beibehalten.

Das Problem betrifft auch die Töpfer, die ihren Ton fast nirgends mehr selbst abbauen, sondern ihn auf dem Markt einkaufen und dann verarbeiten. Und die Tischler und Zimmerleute - die wenigsten haben noch eine direkte Beziehung zu einem Förster, der mit ihnen den nächsten Baum aussucht, auf dass er geschlagen, gerückt, geschnitten und vorausschauend gelagert werde. Das alles ist viel zu teuer geworden, die rationelle moderne Produktion hat die Veredlungs- und Verarbeitungstechnologien radikal von der primären Stoff- und Energiegewinnung abgetrennt. So entstehen industrielle Waren, denen eine quantitative Steigerung einprogrammiert ist. Die erforderlichen Mengen sind nicht mehr in Handarbeit zu bewerkstelligen. Mit unserem kleinen Verlag erleben wir die paradoxe Relation von Menge und Marge bei jedem Druckaufrag: Ein Buch im Offsetdruck kostet bei einer Auflage von 200 Stück zum Beispiel zehn Euro, bei der zehnfachen Menge nur noch zwei Euro. Wer also Geld verdienen will, muss große Mengen herstellen und vertreiben – oder Luxusgüter produzieren. Und das ist ja auch alles bekannt.

Aber der Keil, der heute zwischen der Nutzung einer Ressource und ihrer Veredlung  zu Produkten steckt, ist durch diesen Zwang zu Menge und Masse unvorstellbar groß geworden. Die einen produzieren riesenhafte Mengen an Energie oder Holz, holen tausende Fische aus dem Meer und bauen tonnenweise Tone ab, die anderen verbrauchen den Strom, verarbeiten das Holz, die Fische und den Ton zu Waren. Reine, zuverlässige und unbegrenzte Mengen sind da gefragt (deshalb gibt es auch keine farblichen Spielarten mehr in den Dachziegeln, alle sind genau gleich). Wer sich gegen diese Trennung sträubt, wie es etwa Thea Müller mit den Weiden tut, die sie anbaut, schneidet, lagert, kocht, schält und anschließend zu Körben verarbeitet, der weiß, dass es beinahe unmöglich geworden ist, eine Ressource selbst zu bewirtschaften und sie zu veredeln. In der Windschneise zwischen meinem privatem Garten und dem globalen Nahrungsmittelmarkt halten sich nur noch ein paar tapfere Milchbauern, die sich ihren Schneid noch nicht vom Discountermarkt haben abkaufen lassen. Sonst ist es rar.

Aber diese Umstände bestimmen nicht unseren Diskurs. Die Menschen haben sich nicht nur physisch vom Acker gemacht, indem sie das Land verließen, sie haben sich größtenteils auch mit ihren Gedanken vom Acker gemacht, indem sie ihr Geld mit Dingen verdienen, die keine Beziehung zu den primären Grundlagen unseres Lebens haben. Ein Sänger kann sich auf die grüne Wiese stellen und etwas vorsingen. Wenn es ihm gelingt, die Leute in seinen Bann zu ziehen, werden sie ihn vielleicht gut bezahlen. Es könnte sein, dass er an einem Nachmittag ein Monatseinkommen erzielt. Die Leute zahlen für ein Glücksgefühl, für einen Genuss, für eine Anerkennung. Das ist auch in Ordnung. Aber für jemanden, der sein Geld mit der Herstellung von Schaffleisch verdient, muss diese Form der Wertschöpfung beinahe wie ein Hohn anmuten.

Na dann machen wir doch aus deinem Schaffleisch einfach auch ein Glücksgefühl, einen kulturellen Genuss, werden die Optimisten zum Schäfer nun sagen. Was hindert uns daran?

Daran hindert uns nichts, aber zwei Dinge trüben diese Aussichten. Erstens: der Schäfer wird möglicherweise sagen, dass er weder ein touristisches Souvenir noch ein Unterhaltungsprodukt herstellen will, sondern Essen für das tägliche Leben. Und zweitens: Die Industrie hat diesen Weg längst eingeschlagen, Jede Werbung, jede Verpackung ist ein Glücksversprechen. Und die in der kapitalistischen Warenästhetik gegebenen Versprechen sind hochprofessionell – nichts, was ein kleiner Schäfer nachmachen könnte. Sollte er es doch einmal wagen: Er wird mit seinem Fleisch immer teurer sein als die industrielle Produktion. Er wird also gut beraten sein, sich mit ein paar Kunden im Sinne der solidarischen Landwirtschaft auf eine Lieferbeziehung zu einigen, also Bindungen einzugehen, Leute zu suchen, die bereit sind, ihre Konsumentenfreiheit zu beschränken. Aber das ist ein ganz anderer Pfad als jener, auf den uns der regionalwirtschaftliche Warenoptimismus schickt.

Ich finde es unendlich schwer, mit „ehrlicher, einfacher Arbeit“ sein Geld zu verdienen. Offen gestanden, begreife ich immer noch nicht, wie es zugeht, dass ich von meiner geistigen Arbeit gut leben kann – die gesellschaftliche Arbeitsteilung verschlägt mir buchstäblich die Sprache, wenn ich sehe, wie wenig ein Pfund Butter kostet. Deshalb empfinde ich den Optimismus, den viele Propheten der neuen wirtschaftlichen Zukunft verbreiten, mit ihren Reden von „Blue Economy“, ökologischer Nachhaltigkeit und zukunftsweisenden Ernährungsregeln, manchmal geradezu als unredlich. Ich bin auch für das Experiment, für neue Veredlung, für regionale Produktion an der Basis, da, wo es herkommt. Aber ich habe eine ungefähre Ahnung davon, wie schwer es ist, darauf eine Existenz zu gründen. Und meines Erachtens ist die Anerkennung dieser Schwere der Anfang von allem, wenn es um neue Ideen in der Regionalwirtschaft geht.

„Unser Leben währet siebzig Jahr und wenn es hochkommt, so sind‘s achtzig Jahr. Und wenn es köstlich gewesen, so ist es Müh und Arbeit gewesen.“ So steht es im 90. Psalm. Hut ab, sich in Demut üben. Danach können wir meinetwegen loslegen.