Geld und Kultur

Skizzen für ein Wörterbuch zur Kulturpolitik VIII

Kenneth Anders, 12.02.2015

Geld, das stellten wir in der Kolumne über die -> Korbmacher bereits fest, ist ein sehr effektives Kommunikationsmittel. Man kann durch einen Preis alles zueinander ins Verhältnis setzen, zum Beispiel die Leistung einer Putzfrau und die eines Malers. Der eine sagt, was er für eine Sache haben will, der andere entscheidet, ob er es bezahlen will und wenn daraufhin der Tausch einfach nicht zustande kommen will, wird der Preis eben sinken. Die Sache ist versachlicht. Und die Frage ob ein Preis fair ist, fällt unter den Tisch. Das ist nicht schön, aber praktisch und deshalb ist das Geld auch so erfolgreich.

Aus diesem Grund sind kulturelle Leistungen, die vom Publikum direkt bezahlt werden, durchaus ein interessantes Phänomen. Sie erlauben die einfache Kommunikation über den Wert von Kultur im Modus von Angebot und Nachfrage. Die Leute haben sich entschieden, den verlangten Eintrittspreis zu entrichten (oder nicht) – das ist eine klare Sache und die Kommunikation per Kauf geht ohne viel Federlesens über die Bühne. Beinahe blumig geht es zu, wenn die Menschen zunächst frei in eine Veranstaltung hineinkommen können und erst am Ende entscheiden, was ihnen die Sache wert war. Geld und Kultur, das kann funktionieren. Künstler, die sich auf diese direkte Beziehung zum Publikum über das Geld einlassen, bieten sehr Unterschiedliches an, manchmal auch Schlimmes, aber man muss erst mal respektieren, dass sie das hinkriegen. Und viele Künstler beschreiben das schöne Gefühl, sich mit dem Publikum über den Wert der Sache, die sie da betreiben, einig zu sein. Diese Künstler sind oft glücklichere Menschen als solche, die irgendwo angestellt sind, weil sie anhand der Geldkommunikation die Erfahrung machen, dass ihre künstlerische Mitteilung verstanden wird – eben indem sie honoriert wird. Natürlich kann das auch schiefgehen, sonst gäbe es weder die Rede vom armen Poeten noch die vom verkannten Genie und es gibt bekanntlich auch Künstler, die so stinkreich mit ihrer Kunst geworden sind, dass man sich fragt, ob die universale Kommunikation durch Geld und Massenmedien nicht doch einfach absurd ist. Aber so ist das nun einmal in unserer Welt.

Es gibt nun jedoch einen großen Bereich in der Kulturarbeit, der nicht möglich wäre, wenn er nur auf diese fiskalische Kommunikationsbeziehung zwischen Künstler und Publikum bauen würde. Das ist die so genannte subventionierte und gesponserte Kultur. Das Sponsoring bildet einen eigenen Bereich, der mit Werbung oder Mäzenatentum zu tun haben kann, wir beschränken uns hier einmal auf die öffentliche Förderung von Kultur durch Geld. Denn diese Förderung geht offensichtlich davon aus, dass es Kultur gibt, die nicht auf der Basis einer generalisierten Kommunikationsbeziehung (über Geld) zwischen Publikum und Künstler gedeihen kann und die dennoch so wichtig ist, dass sie eine öffentliche Förderung verdient. Das ist, bei Licht besehen, eine ziemlich gewagte Annahme. Was kann schon so wichtig sein, dass man den Leuten nicht zutraut, es über ihre direkte Entscheidung durch den Erwerb von Eintrittskarten oder Büchern zu finanzieren? Oder umgekehrt: wenn niemand dafür bezahlt, woher will man dann wissen, dass es in irgendeiner Hinsicht wichtig ist?

Nun, diese Fragen sind berechtigt und sie werden auch immer wieder aufgeworfen. Sie bilden ein Grundproblem der modernen demokratischen Gesellschaften. Es ist wie mit der Philosophie: Philosophische Lehrstühle kosten ziemlich viel Geld und wenn man demokratisch darüber abstimmen lassen würde, ob sie dieses Geld wert sind, würden sie vielleicht nicht mehr lange besetzt werden. Das wissen wir nicht. Aber wir wissen: Ohne eine disziplinierte Liebe zur Weisheit werden wir zu einer Gesellschaft, die es mit der Wahrheit nicht mehr so genau nimmt.

Jedenfalls stecken die meisten Opernhäuser, Theater und Konzerthäuser in diesem Dilemma, dass sie die Öffentlichkeit finanziell stark beanspruchen und deshalb unter Rechtfertigungsdruck stehen. Und das ist in der Tat ein schwer zu lösendes Problem. Wie kann man es lösen?

Wer versucht, die öffentlichen Kulturausgaben nur wirtschaftlich (etwa über Kosten und Besucherzahlen) zu rechtfertigen, verfehlt den Sinn dieser Ausgaben. Eine solche Begründung (etwa viele Besucher in einer Ausstellung) kann ein Indikator für eine mögliche Wirksamkeit sein, aber kein Beleg dafür, dass dort auch etwas Wichtiges passiert ist. Wenn also die Kommunikation über (Eintritts-)Geld nicht hinreicht, dann muss es eine andere Form von Kommunikation geben, durch die wir erkennen: Ah, das interessiert zwar nur einen Teil der Gesellschaft und bedarf also öffentlicher Zuschüsse, aber was die da bewegen und austragen, das ist doch für uns alle wichtig, das ist ein interessanter Prozess, in dem die Leute etwas klären.

Die Entscheidung darüber, ob dies der Fall ist, kann letztlich nur in einer Öffentlichkeit getroffen werden. Damit ist hier keine einfache demokratische Abstimmung gemeint, sondern ein öffentlicher Diskurs, in dem mit Argumenten darüber gestritten wird, was Geltung und Beachtung und also letztlich auch Förderung verdient.

Um diese diskursive Entscheidung wiederum zu begleiten, benötigen wir die Kritik: eine qualifizierte Beschreibung, die sich auf die produzierte Kultur einlässt und sie an ihren Intentionen misst. Es kann keine gute kulturpolitische Entscheidung ohne diese Beziehung zu den künstlerischen Mitteln und zu den gesellschaftlichen Inhalten und Prozessen geben, die damit unterstützt werden sollen. Die Kritik sollte diskutieren, ob man über die Kultur und Kunst engagiert sprechen und streiten kann, ob man sich an sie erinnern wird, ob sie in uns etwas auslöst. Dadurch qualifiziert die den öffentlichen Diskurs über die öffentlich geförderte Kultur. Kurz gesagt: ein öffentliches Theater ohne Kritik und öffentlichen Diskurs kann auf Dauer nicht funktionieren.

Aus dem Dilemma, sich diesen umständlichen Prozessen zu stellen, kommt die geförderte Kultur nicht heraus. Weil das aber vielen Kulturakteuren zu anstrengend und lästig ist, greifen sie auf Krücken zurück: Renommee, Prestige, Prominenz, Standortfaktor usw. Das sind fremde Federn, von denen sich die -> Bürger nicht leiten lassen sollten.