Bürger

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik VII

Kenneth Anders, 02.02.2015

Was hat der Bürger (und natürlich: die Bürgerin) mit Kultur zu tun? Kombiniert man die beiden Worte, kommt „bürgerliche Kultur“ heraus. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die bürgerliche Kultur in Ost und West meistens als etwas Begrenztes und Eingeschränktes wahrgenommen wurde, jedenfalls war dies ein weit verbreitetes linkes Vorurteil, das auch ich in meiner Jugend gern gehegt habe. Die Kultur des Bürgers konnte ja nicht die Kultur des Arbeiters sein und natürlich auch nicht die Kultur des Afrikaners oder die Kultur der Frau usw. Bei dieser Auffassung handelt es sich aus meiner heutigen Sicht um ein unproduktives und allzu oft beabsichtigtes Missverständnis.

Natürlich gibt es die Kultur einzelner Schichten und Klassen, deren Menschen sich durch (ihre) Kultur von anderen abgrenzen wollen. Aber diese Rede von der Distinktion führt letztlich nur zu ihrer Zementierung, das ist so wie mit dem Neid: jedes Mal, da ich ihn diagnostiziere, vergifte ich die Welt ein weiteres Mal. Deshalb bin ich der Interpretation der Welt nach Gesichtspunkten der ständischen Konkurrenz müde. Auch in unserer Kultur werden natürlich Kaskaden von Arroganz und Geringschätzung gepflegt, aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es nichts bringt, den anderen ihren Dünkel vorzuhalten. Oder anders ausgedrückt: Demut kann man nicht fordern, nur üben. Und, wie dem auch sei: Kultur und Bürger müssen universal gedacht werden, wenn es etwas bringen soll, überhaupt über sie nachzudenken. Folglich ist hier nicht die Kultur einer Klasse gemeint, sondern die Kultur des Bürgers eines Gemeinwesens, der bestimmte Rechte wahrnimmt und Pflichten anerkennt und den die Dinge in seiner Welt etwas angehen. Wie kann man sich einen solchen Bürger vorstellen? Nun, er hat erst einmal eine bestimmte Kultur, und mit der hat es folgende Bewandtnis.

Wir leben in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft. Sie hat z.B. den Beruf des Sachbearbeiters hervorgebracht, ein Tätigkeitsbild als totales Abstraktum,  weil sich die sozialen Interaktionen so weit verästelt haben, dass es müßig wird, die Sache, die da bearbeitet wird, genauer zu qualifizieren. Die einen sind Mediziner, die anderen Mechatroniker oder Lehrer. In ihren Teilsystemen werden die Menschen frühzeitig absorbiert: Durch abgeschottete Wissensuniversen, durch Karrieren und Berufshierarchien, durch spezifische Anforderungen. Jeder weiß, dass eine Gesellschaft, in der jeder nur für seinen zuständigen Bereich Interesse zeigt, nicht funktionieren kann. Hier kommt der Bürger ins Spiel – er hat sein Interesse für das Leben, seine Empathie und Offenheit in eine allgemeine gesellschaftliche Aufmerksamkeit kultiviert. Er lässt sich ansprechen und versucht zu antworten.

Der Satz „Ich interessiere mich nicht für Politik“ ist mit der Idee des Bürgers unvereinbar. Wir müssen über den Tellerrand unserer beruflichen und privaten Suppe schauen auf das, was um uns ist, was die Spielregeln unseres Zusammenlebens betrifft und diese Komplexität in unserem Leben gestaltend aufnehmen. Sonst können wir nicht wahrhaftig leben und werden borniert, etwa indem wir gegen Flüchtlinge demonstrieren, ohne auch nur einmal kurz darüber nachzudenken welchem Schicksal diese Menschen zu entkommen hoffen. Borniert ist man dann, wenn man seine eigene Verstricktheit in die Welt und ihre Widersprüche leugnet, um seines eigenen kleinen Friedens willen. Bürger sollten versuchen, nicht borniert zu sein.

Ich finde, über diese Anforderungen an einen Bürger – im Sinne eines integeren Staatsbürgers – wird im Moment zu wenig gesprochen. Sie sind nämlich offensichtlich keine Selbstverständlichkeit.

Sebastian Haffner hat einmal geschrieben, dass ihm diese Herausforderung an die bürgerliche Kultur erst in der englischen Emigration richtig aufgegangen ist, obwohl doch eigentlich ein reiches Lebenspanorama darin steckt. Bürgerlich sein bedeutet demnach nicht nur, sich für Politik zu interessieren, sondern auch Freunde zu haben, Sport zu treiben, Musik zu hören, zu lesen und gutes Essen zu mögen. Durch diese vielen Dinge kultivieren wir unsere Vorstellungen des guten Lebens und wir erhöhen die Chance, in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung nicht zu verblöden. Die Deutschen, so Haffner, haben den Fehler gemacht, all diese bürgerlichen Tugenden als unwesentliche Privatsache abzuqualifizieren. Das habe letztlich ihre persönliche Eigenständigkeit und auch ihr Urteilsvermögen ruiniert – und sie in die Hände der Nazis getrieben. Ich finde, das ist ein interessanter Gedanke. Und ich meine, er muss sogar noch erweitert werden.

Denn in das bürgerliche Interessensgebiet sollte meines Erachtens auch die Gegend gehören, in der wir leben. Bürger, so meine These, können nur an einem bestimmten Ort tatsächlich Bürger sein. Wir reden von Weltbürgern, aber es gibt nur wenige, die es wirklich in dem beschrieben Sinne sind, vielleicht der UNO-Generalsekretär. Die meisten sind Weltenbummler. Sie sind wohl viel auf dem Erdball unterwegs, aber es geht sie nicht unbedingt etwas an, was da, wo sie sich nun einmal gerade aufhalten, alles los ist.

Nehmen wir z.B. an, man ist in einer tunesischen Kleinstadt und in der Nachbarstraße brennt es. Naja, da wird es doch wohl eine Feuerwehr geben, oder? Das müssen die Leute schon selber klären hier. Ja, eben: die Leute und hier. Bürger gehören zu den Leuten und sie sind hier. Anders funktioniert es nicht. Natürlich müssen wir uns auch für die Dinge in der weiten Welt interessieren, auf jeden Fall, immerhin tragen wir Hemden aus Bangladesch und tanken womöglich sogar Diesel aus Nigeria. Aber nur hier können wir uns der Komplexität der Welt in unserem täglichen Leben stellen. Deshalb müssen Bürger an einem Ort sein, um ihre Bürgerschaft ausüben zu können. Und an diesem Ort sollten sie schon ein bisschen eine Idee haben, wie in ihrer Gegend z.B. die Landwirtschaft betrieben wird, auch wenn sie eben keine Landwirte sind. Es sind ja Bürger und die sehen über ihren Tellerrand. Und sie bemühen sich, fair zu urteilen.

Es wird vielen vielleicht schon schwanen, dass es nach all diesen Kriterien gar nicht so viele Bürger gibt, wie tatsächlich als solche wahlberechtigt sind. Ist das ein Problem? Ja und nein.

Nein, es ist kein Problem, denn es hat schon immer eine Lücke zwischen der Idee und dem Recht des Bürgers gegeben. Das ist nichts Neues und es gehört zu den notwendigen Risiken der Demokratie. Dieses Risiko ist letztlich immer geringer, als sich in einer komplexen Welt einem Autokraten anzuvertrauen.

Ja, es ist ein Problem, denn vor allem, was die räumliche Bindung anbetrifft, wächst diese Lücke zwischen den Bürgern wie sie sein müssten und den Menschen, wie sie in unserer Gesellschaft leben, geradezu unaufhörlich. Wahrscheinlich gibt es inzwischen Regionen, die überhaupt keine Bürger mehr haben, in diesem Sinne, dass da Leute sind, die ihre besondere Umgebung etwas angeht. Sie haben sich ein Haus gekauft und dann verkaufen sie es wieder, wo war das doch gleich? Viele Menschen in der modernen Welt haben keinen Schimmer von der Spezifik ihres hier. Das ist schon ein Problem, denn es ist wiederum die Ursache einer besonderen Art von Borniertheit (s. o.). Man will gut sein, aber im eigenen Umfeld klappt das irgendwie nicht, weil man den eigenen Raum gar nicht lesen kann, also verlegt man sich auf gute Botschaften, die einem von Gesinnungsfirmen verkauft werden und die sich auf irgendein anderswo richten. Das ist gerade das Gegenteil der Idee des Bürgers.

Ich meine, diese Dinge können nicht ohne Konsequenzen für die Aufgaben der Kunst sein.

Bürger benötigen einen Zugang zur künstlerischen Kultur, um ihr menschliches Vermögen des Verstehens und Begreifens, der Identifikation und Neugier, der Emotionalität und des Vergleichens mit allen Sinnen zu schulen. Kunst macht sie wach und fähig zur Empathie. Außerdem erleben wir in der gemeinsamen Rezeption von Kunst, dass wir nicht allein sind, dass wir mit den anderen Menschen Gefühle und Erfahrungen teilen, dass wir in gewisser Weise zueinander gehören.

Aber in Anbetracht der massiven Lücke im Raumbezug unserer bürgerlichen Kultur, der enormen Schwierigkeiten, die heute viele Menschen haben, sich selbst in einem Landschaftsraum mit bestimmten spezifischen Herausforderungen zu verorten, muss dieser Agenda eben ein Punkt hinzugefügt werden. Kunst sollte den Bürgern dabei helfen, ihr eigenes Leben an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Raum zu gestalten. Und deshalb sollte sie den Blick auf diese Koordinaten lenken: Wo sind wir überhaupt? Kunst sollte den Menschen helfen, ihren Raum zu lesen, aber auch zu erfahren, dass dieser Raum es wert ist, sich für ihn einzusetzen, weil er die Chance auf ein gelingendes Leben in sich trägt.

Ich weiß, da werfen wir einen hohen Ball, mit so einer Forderung. Wer soll den auffangen? Nun, sagen wir es so: Auffangen können ihn nur Künstler, die auch sehen, dass es ein hoch fliegender Ball ist. Wer dagegen meint, so ein Ball sei doch, wegen der schlichten lokalen Stoffe und all dem Profanen, das an ihm haftet,  viel zu flach geworfen, der könne doch gar nicht weit fliegen und erst reicht lohne es sich nicht, zu versuchen, ihn zu fangen, der wird ihn auch niemals fangen.