Singen

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik VI

Kenneth Anders, 27.01.2015

Das Singen ist eine elementare Ausdrucksweise des Menschen, ein Teil des Menschlichen. Es reicht von der einfachen Funktionslust, die wir auch bei Vögeln kennen  (wenn man nur zwitschert, weil man es eben kann und daran Freude hat), bis zum expliziten Ausdruck von Gefühlen oder, wenn wir sprachlich singen, von Erfahrungen, Geschichten, Späßen und Wünschen.

Man muss unterscheiden zwischen: einem Gesang zuhören und selbst singen. Mit dem Zuhören haben wir in unserer Kultur keine Probleme, im Gegenteil, viele Sänger werden wie Götter behandelt und ganz gleich ob im Bereich der klassischen Musik oder im Pop, wir preisen ihre Stimmen, ihren Ausdruck und ihr Charisma, so wie wir es schon seit Orpheus tun.

Dagegen haben die meisten Menschen in unserer Kultur erhebliche Schwierigkeiten mit dem Selbst-Singen. Noch meine Eltern kennen ungefähr 100 Lieder auswendig, ich dagegen habe Mühe, die ersten Strophen dieser Lieder aus dem Kopf zu singen. Musiker, die in Kindergärten mit den Kleinen und ihren Angehörigen Musik machen, berichten: Vor einigen Jahren sangen die Großeltern noch mit, die Eltern saßen stumm daneben. Inzwischen schweigen fast alle, die stumme Generation ist aufgerückt. Woran liegt das?
Es gibt dafür viele Gründe.

  • Durch die Rundfunkmedien werden wir heute von früh bis spät beschallt, wir müssen also die Stille nicht mehr füllen. Überhaupt haben wir viel Krach in unserem Leben.
  • Auch ist, so seltsam es scheint, die Not ein guter Sangesmeister, Menschen in Armut scheinen mehr zu singen als solche im Reichtum. Wir sind zum Singen zu reich oder auch zu satt.
  • Viele Arbeiten, bei denen früher gesungen wurde, sind ausgestorben. Heute tun die Menschen Dinge, bei denen man nicht so gut singen kann.
  • Außerdem muss man es lernen. Manche behaupten, sie könnten nicht singen, was in fast allen Fällen auf demütigende Erfahrungen in der Schulzeit zurückgeht: Man hat nämlich vielen Menschen das Singen nicht nur nicht beigebracht, sondern es ihnen auch bewusst ausgetrieben, indem man sie lächerlich gemacht oder schlecht benotet hat. Das ist wie beim Sport, wer einmal als unsportlich gezeichnet ist, wird Mühe haben, die Freude an der Bewegung, die zu jedem lebenden Menschen gehören sollte, zu empfinden. Die Scham ist der Meister der Stummen.
  • In den Kirchen sitzen immer weniger Menschen und über das, was das Singen dort mit uns macht, hat auch lange kein Pastor oder Kantor mehr öffentlich nachgedacht, jedenfalls nicht so schön und leuchtend, wie Martin Luther es einst getan hat.
  • Dann haben wir Deutsche den andern reichen Kulturen noch einen Grund voraus, denn wir haben, wiederum aus vielen Gründen, begonnen, uns für unsere Volkslieder zu schämen. Der wichtigste Grund ist natürlich der, dass die Volklieder damals als Soundtrack des Tötens genutzt wurden. Da weiß man dann gleich nicht mehr, was man denn eigentlich singen soll.
  • Es gibt noch Chöre, aber viele von Ihnen haben Nachwuchsprobleme. Und ein Chor ersetzt nicht das Singen im Alltag.


Es ist vertrackt, mit dem Singen. Singen macht glücklich und stark, leicht und offen für die Welt. Und dennoch halten so viele den Mund. Im Singen liegt die ganze Welt und ich finde es schrecklich traurig, dass so viele Menschen in meiner Welt nicht singen.

Ich kann von mir sagen, dass ich zwar als Kind schon gesungen habe, weil es in der Schule damals noch geübt wurde. Aber erst als Erwachsener habe ich richtig begonnen, es bewusst und mit Lust zu tun. Manchmal habe ich den Eindruck, ich müsste einhundert Jahre alt werden, um so zu singen, wie ich es wollte: voller Kraft und Lust. Es wird jedenfalls für mich immer schöner.

Ich meine, eine Verantwortung liegt auch bei den Sängern, bei denen, denen wir alle so gern zuhören. Sie sollten uns mehr Mut machen, auch selbst zu singen und sie sollten mit uns zusammen singen. In England machen die Folksänger bei den Festivals Workshops mit ihren Besuchern, bei denen gemeinsam gesungen wird. Das finde ich sehr schön. Hier kenne ich so etwas nicht.

Bleiben also doch die Chöre, sozusagen zum geschützten Singen? Neulich habe ich mit einem Musiker ein Volkslied-Programm gemacht und die Leute durften mitsingen. Sie haben es getan, vor allem die älteren, fast war es ein bisschen viel, aber dann dachte ich: Sie singen, das ist wichtiger als alle konzertante Feinheit. Das allgemeine Singen sollte für ein paar Jahre Vorfahrt haben.

Apropos Chor, ein Freund von mir war in seiner Kindheit Thomaner. Er hat einmal gesagt, man habe den kleinen Jungs wie ihm damals eigentlich nicht beigebracht, wie man singt. Man habe ihnen nur beigebracht, dass man singt. Das trifft es gut, finde ich. In unserer Zeit behaupten viele, sie wüssten nicht wie man singt und deshalb täten sie es nicht. Das ist eine Ausrede.

Haben wir etwas übersehen? Ja! Den Gesang in den Fußballstadien. Ich will nichts hören, von wegen Gegröle usw. Es wird gesungen, das zählt. Mensch, singe! Dafür bist du doch Mensch!