Die Grenzen des Wachstums

Über meine schlechte Zuwegung

Kenneth Anders, 15.01.2015

Der Weg zu unserem Haus ist sehr schlecht. Man hat keine Lust, hier entlangzulaufen und auch das Autofahren macht wegen der Schlaglöcher, dem Schlamm und den Pfützen keinen Spaß. Wir haben sehr hohe Autoreparaturkosten. Die Spurstangen, die Radlager und Stoßdämpfer fangen alle paar Wochen an zu klappern, bis man ein schlechtes Gewissen bekommt und in die Werkstatt fährt. Matthias sagt: Eure Zuwegung macht euch die Autos kaputt. Matthias ist unser Automechaniker. Er sagt, es seien nicht nur die Löcher, auch der Staub mache Schaden. Er dringe in das Auto ein und schleife die Teile ab. Ich stelle mir das vor: Am Ende liegt mein Auto zermahlen auf dem Weg und wird vom Wind auf die Felder geweht. Staub zu Staub.

Neulich haben unsere hiesigen Landwirte ein bisschen was auf den Weg gekippt, Recyclingmaterial. Es war wegen ihrer Rübenernte, aber es war auch ein bisschen nett gemeint. Wir haben uns gefreut. Jetzt, in der feuchten Jahreszeit, hat man hier und da trockene Plateaus auf dem Weg. Erreicht man sie, atmet man innerlich auf, für kurze Zeit jedenfalls.

Wir haben viel probiert. Langsam, fahren ganz langsam. Schnell fahren. Am besten ist es im Winter bei Schnee, nachdem geschoben worden ist, dann ist es herrlich glatt.

Fahrrad fahren bei Nässe geht auf dem Weg überhaupt nicht. Der Schlamm schiebt sich unter die Schutzbleche, bis sich die Räder nicht mehr drehen können.

Die Gemeinde hat kein Geld. Ich würde für die Privatisierung des Weges plädieren, dann könnten nur noch wir ihn nutzen und ihn im Teelöffelverfahren mit Bauschutt flicken. Aber es ist ein öffentlicher Weg, hier fahren Trecker und Herr H. mit seinen Hunden fährt auch hier lang, und die Nachbarn aus Herrenwiese von ihrem Pferdehof. Und Leute, die eine Abkürzung nehmen wollen, die bereuen es aber meistens. Mein Vater kommt immer nur zögerlich zu Besuch. Das Auto wird immer so mistig, sagt er. Wem sagt er das?
Aber wir haben keine Alternativen. Es gibt sonst keine Wege mehr zu unserem Haus, sie sind alle überackert.

Wenn ich mit dem Auto nach Hause fahre und unterwegs einen Kaugummi esse, denke ich immer, den hebst du jetzt auf und spuckst ihn nachher auf den schlechten Weg, dann wird der Weg ein bisschen besser. Ich weiß, dass der Kaugummi ein Tropfen im Ozean ist, aber ich kann nicht anders, ich heb ihn auf, bis ich ihn auf den schlechten Weg spucken kann. Kleinvieh macht auch Mist. Ich denke dann auch: Alle, die mich besuchen, müssten ihre Kaugummis hier aus dem Auto spucken. Vielleicht wäre dann in ein paar Jahrhunderten der Weg ganz weich und wellig, jedenfalls wenn viele kommen und Kaugummi essen. Allerdings mögen nicht alle Menschen Kaugummi und bestimmt ist es umweltmäßig nicht in Ordnung. Es gab da doch diese Symbole auf den Streifenkaugummihülsen, wo ein Männchen den Kaugummi in den Papierkorb wirft. Egal.

An der Unverhältnismäßigkeit meiner Kaugummihoffnung kann man gut die Relationen von groß und klein erklären, beinahe wäre das was für die Sesamstraße. Es gibt dabei dynamische und statische Relationen. Das Verhältnis des Kaugummis zu meinem Weg ist statisch: er ist klein, die Schlaglöcher sind groß. Man könnte ausrechnen, wie viele Kaugummis nötig wären, zu eines zu füllen. Die Zahl wäre riesig und exakt.

Dagegen ist das Verhältnis, sagen wir, von kleinen Kopfschmerzen zu einer großen Migräne eher dynamisch. Aus dem winzigen Unbehagen im Schädel kann ein enormer Missstand werden. Das geht auch im Positiven, die kleinen Samen etwa und die großen Bäume, später. Man nennt das Wachstum. Die Kaugummis wachsen nicht, die Schmerzen und die Pflanzen dagegen können durchaus wachsen, sogar sehr.

Wachstum hat ein schlechtes Image in unserem Diskurs, seitdem der Club Of Rome bemerkt hat, dass es Grenzen hat. Kann die Wirtschaft überhaupt wachsen? Lebendige Dinge können wachsen, tote Dinge können eigentlich nicht wachsen, sie können zunehmen, Geldreserven etwa, oder Waren.

Das bedeutet für mich, ich brauche nicht auf wachsende Kaugummis für meine Schlaglöcher zu warten, sondern auf zunehmende Kaugummis, immer mehr vom selben. Wieder was gelernt. Aber ob dynamisch oder statisch, ob Wachstum oder Zunahme begehrten Füllmaterials, beides ist bei den Schlagpfützen vor meinem Haus nicht zu erwarten.