An der Weihnachtskrippe oder: Was fängt die Kunst mit Sinn an?

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik V

Kenneth Anders, 06.01.2015

Für die Advents- und Weihnachtszeit holen wir jedes Jahr einen großen Stapel an CDs mit Musik vom Dachboden. Zu meinen Favoriten gehören die Aufnahmen von Sufjan Stevens. Der hat eine Weihnachtsobsession, die er zehn Jahre lang in Form kleiner Alben gepflegt hat, auf denen sehr verschiedene Formen von Musik zu hören sind. Alte Weihnachtslieder, irrwitziger Techno, krächzender Punkrock und ätherisch gesungene Bachchoräle sind darauf zu hören. Manches ist lustig, anderes fremd, vieles wunderschön. Bei der dritten Scheibe packt mich regelmäßig die Rührung, spätestens beim letzten Song. Es ist altes französisches Lied aus dem 12. Jahrhundert und hier wird es unter dem Titel „The Friendly Beasts“ geführt.

Warum reißt mich dieses Lied so weg? Zum einen ist die Musik an dieser Stelle sehr lieblich und schlicht. Banjo, Gitarre, Oboen, Flöten, Trommel, Glockenspiel und zärtlicher Gesang verschiedener Stimmen schmiegen sich auf eine Weise aneinander, dass ich nicht anders kann als aufhorchen und angerührt sein.

Nun wissen wir spätestens seit Kant, dass man ästhetische Urteile nicht beweisen kann, es also gänzlich aussichtslos ist, andere vom eigenen Gefallen an der Kunst überzeugen zu wollen, und deshalb will ich es auch gar nicht versuchen. Und dennoch, sagt Kant, ist das Bedürfnis, die anderen von dem, was einem schön erscheint, zu überzeugen, vollkommen berechtigt, denn es verweist darauf, dass wir nicht nur ein sinnliches Wohlgefallen erlebt haben (so wie einem eine Speise schmeckt und einem anderen eben nicht) sondern dass unsere Sinne in einer Weise berührt werden, die etwas mit unserer menschlichen Vernunft zu tun hat. Und inwiefern das hier der Fall ist, will ich versuchen, zu sagen. Das Schöne beweisen geht nicht, es beschreiben geht schon.

Das Liedchen beschreibt die freundlichen Tiere im Stall am Weihnachtsabend, die alle etwas für das Jesuskindchen tun. Der Esel hat seine Mutter nach Bethlehem getragen, die Kuh tritt ihm seine Krippe ab, das Schaf spendet ihm Wolle und die Taube gurrt es in den Schlaf. Es ist das vollkommene Zusammenspiel der Kreaturen im Dienste einer wichtigen Angelegenheit. Die Musik bringt, so meine Interpretation, den Kern der Weihnachtsbotschaft zum Ausdruck, die eine einfache aber immer noch nicht triviale Idee vom Glück der Menschen beinhaltet: Für dieses Glück sind nämlich weder Macht noch Reichtum oder Erfolg ausschlaggebend, sondern allein die Liebe. Diese Liebe aber ist kein naives Postulat, das an der rauen Wirklichkeit abgleitet, sondern sie ist eine komplexe Wechselwirkung aus Wahrnehmungen der Welt (die wunderbar ist – deshalb muss die Musik lieblich sein), aus Interaktionen (sich gegenseitig geschwisterlich zu behandeln – deshalb müssen verschiedene Stimmen und Instrumente zusammenklingen) und aus dem Wissen, Teil des ganzen Lebens auf der Erde zu sein (deshalb kommen nicht nur Menschen, sondern auch Tiere zu Wort). Wenn diese drei Dinge zusammenstimmen, sind wir glücklich (und, ich füge hinzu: dann wird es weihnachtlich). Das Ganze nennt man einen Segen, den Weihnachtssegen. Man kann dessen tatsächliche Wirkung empirisch gut daran erkennen, dass unter den älteren Menschen viele glückliche Leute zu finden sind, obwohl diese doch wegen ihres wahrscheinlich schneller bevorstehenden irdischen Endes eher besorgt oder angespannt sein müssten, als die jüngeren. Sie sind glücklicher, weil sie eben diese Wechselwirkung zwischen dem Wahrnehmen der Welt, dem Interagieren mit anderen und dem Zugehörigkeitsbewusstsein zum Leben in sich kultiviert haben. Diese Einstellung kann in den Menschen stärker sein als deren Wissen von der Sterblichkeit oder anderes Elend. Deshalb waren auch die Hirten fröhlich. Es waren keine dummen Leute, sie wussten schon, worum es geht.

Solche Dinge erfahrbar zu machen, prägt die besondere Schönheit der Musik von Sufjan Stevens: er geht den Sinnwelten, die im Weihnachtsfest stecken, unerschrocken nach. Dabei hat er sich beileibe nicht auf diese christliche Deutung beschränkt. Er hat auch die Komik, die Esoterik und den ganzen Müll, der mit Weihnachten heute zu tun hat, nicht ausgelassen und es gibt ein Video zu einem Song von ihm, in dem Zombie-Weihnachtsmänner aus Knete sich gegenseitig mit Kettensägen massakrieren. All das gehört ja auch zu Weihnachten: die irrigen Erwartungen, der Rausch der überbordenden Illumination, der Warenschrott, die falsche Sentimentalität. Aber ein Teil des Ganzen ist eben auch die christliche Weihnachtsbotschaft und die nimmt er in den Liedern ohne Arroganz und in aller Schlichtheit auf und singt von ihr. So wird auch erklärlich, warum es viele Leute mit dem Weihnachtszauber eigentlich so maßlos übertreiben, z.B. mit ihren Lichtinstallationen: Sie sehnen sich nach etwas, nach dieser bestimmten Form von Glück durch Liebe.

Warum erzähle ich das alles? Weil es heute eine Schamschwelle bei Künstlern gibt, sich mit vorhandenen Sinnstrukturen auseinanderzusetzen und sie ernst zu nehmen. In Deutschland betrifft diese Schamschwelle häufig biblische Stoffe. Grade beim Weihnachtfest kann man das sehen und mein Eindruck ist, dass deshalb entweder halbgewalkte Besinnlichkeiten oder öde Parodien produziert werden. Gerade hat eine deutsche Band eine Weihnachtsplatte veröffentlicht und sich dabei auf ihr großes Vorbild, die britische Komikergruppe Monty Python berufen. Nun haben wir ja bereits unendlich viele Weihnachtsparodien, seit Monty Python sind es sicher tausende und die britischen Komiker waren nicht die ersten, die mit der unwahrscheinlichen und an narrativen Elementen dürftigen Weihnachtsgeschichte ihren Spaß getrieben haben. Das ist auch in Ordnung. Aber wie nun weiter? Können wir noch Generationen lang weiter davon zehren, Weihnachtsmusik und Weihnachtsstimmungen aufzuschnappen und sie zu verballhornen? Man bringt den ganzen Irrwitz und die Heuchelei auf den Punkt – aber, und das ist meine These, man bedient sich zugleich an einer Quelle, zu deren Regeneration man selbst nichts beiträgt. Man weidet einen Leichnam aus, so lange es geht, aber man hat selbst nichts dazu zu sagen.

Die Aufgabe der Kunst ist es nicht, Sinn zu stiften, aber ihre Aufgabe ist es wohl, Sinnstrukturen aufzugreifen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und da sollte man sich schon die Mühe machen und sehen, was in den Dingen steckt, in den Geschichten, Liedern, Bildern. Es ist sicher gut, dass wir viele Künstler haben, die die überschießenden Sinnangebote unserer Konsummoderne entlarven und auseinandernehmen, aber in einer Gesellschaft, die ohnehin Heerscharen an Kabarettisten und Comedians beschäftigt, kann man doch dabei nicht stehen bleiben! Sonst wird die Kunst zur Clownerie. Die Clownerie ist ein Teil der Kunst, aber Kunst sollte mehr sein als Clownerie. Sie sollte doch auch versuchen, die eine oder andere Schicht in unserem Leben zu finden, die eine Aneignung jenseits der Ironie ermöglicht. Künstler sollen nicht Sinn stiften, aber sie sollten auch keine Angst vor Sinn haben – sie sollen ihn sozusagen erproben, im Guten wie im Schlechten. Künstler können die Gefühlswelt eines Serienmörders vor uns aufbauen, warum können sie nicht auch einmal – und sei es nur zur Probe – herausfinden, ob an einigen Weihnachtsliedern etwas ist, das auch heute noch für uns eine Bedeutung hat? Lieder, die im Kantischen Sinne schön sind, weil sie etwas an uns als Menschen zum Ausdruck bringen und die deshalb neu interpretiert werden wollen? Wie weit das trägt, das können doch die anderen dann beurteilen.

Ich finde es sehr schwer, in unserer Zeit über solche Dinge zu schreiben, denn die Angst vor dem Sentiment ist vielleicht stärker als die Schönheit eines alten französischen Volksliedes. Aber nach ein paar sehr glücklichen Wochen zu Hause mit diesem Lied im Kopf und im Ohr musste das einmal gesagt werden.