IM UMKREIS VON 1000 METERN

Adventskolumnen über das Leben an Ort und Stelle

Kenneth Anders, 1. Dezember - 24. Dezember 2015

Im Advent ziehen sich viele Menschen zurück. Sie wollen nicht mehr herumfahren, sie machen ihren Radius so klein wie möglich. Heißt das, sich von der Welt abzuschotten? Vielleicht nicht. Denn auch im kleinsten Radius stecken Sinn und Leben und viele Bezüge. Die kleinen Kolumnen des diesjährigen Adventskalenders gehen diesen Bezügen nach. Und sie nutzen dafür nur Anlässe, die sich im Umkreis von höchstens 1000 Metern ums eigene Haus finden lassen.

 

Dampf!

 

Adventskalender

Der abgeerntete Maisschlag wirkt friedlich. Aber tief unten gärt es!

Es ist Winter und wir stehen im Garten. Da drüben auf dem Feld, direkt am Elektromast, ist etwas komisch. Es steigt Dampf aus dem Acker auf, aber kein nebliger Schwaden, sondern Dampf wie aus einer Dampfmaschine, aus sechs, sieben Röhren. Also sowas.
Wir also hin. Tatsächlich, der Dampf kommt aus Löchern. Und er macht ein Geräusch: ffffffffffffff! Als sitze da unten jemand und stoße ihn aus. Meine Güte! Es riecht auch komisch. Leicht säuerlich.
Die Erklärung? Hier war im Sommer ein Maisschlag. Und direkt am Strommast, geschützt vor den Pflügen und Grubbern, lebte ein Hamster. Und der hat Mais gehamstert. Ihn also in seinen Bau getragen. Viel Mais!
Aber Mais ist kein Getreide. Er enthält mehr Wasser als zum Beispiel Weizen. Und so haben die feuchten Maiskörner da unten angefangen zu gären.
Dann wurde es kalt und da zugleich in der Erde so eine Art Maiswein entstand, strömte der Dampf aus den vielen Aus- und Eingängen des Hamsterbaues.
Was wohl der Hamster jetzt macht? Ist er betrunken? Oder ausgezogen, weil es ihm unheimlich wurde? Oder macht er Sauna? Dampfsauna für Hamster. Süß.
Früher, in den armen Zeiten, hoben die Kinder die Hamsterbaue aus. Die Körner wurden noch als Hühnerfutter verwendet. Heue gibt es nicht mehr viele Feldhamster und sie stehen unter Naturschutz. Aber, Naturschutz hin, Naturschutz her, wir lassen den Hamster in Ruhe. Falls er noch da ist. Prost Hamster!

 

 

Lämmer

Adventskalender

Wenn sie Junge haben, schauen einem die Schafmütter direkt und prüfend in die Augen.

Es ist Winter, sehr kalt. Etwas am Verhalten des einen Schafes ist seltsam. Am nächsten Morgen wissen wir es: das Schaf hat ein Lamm bekommen, ein kleines Böckchen. Es ist schwarz und perfekt, aber tot. Die Mutter hat ganz große Augen und ist immer nahe bei ihrem Lamm. Die Nachgeburt hängt ihr noch heraus. Wir bitten die Tierärztin zu kommen, weil die Nachgeburt nicht abgeht und weil wir nicht wissen, ob noch ein zweites Lamm unterwegs ist. Wir sind noch sehr unerfahren mit den Schafen.
Es bleibt dabei. Die Mutter überlebt, aber sie hat kein Kind. Im kommenden Sommer wird sie die anderen Schafe immer wegschubsen.  Wer kann es ihr verdenken.
Der Frühling beginnt, die zweite Zippe zieht sich bei Vollmond zurück und bringt zwei Lämmchen zur Welt. Sie sind schwarz und schön, aber dem einen fehlt ein halber Hinterlauf. Dieses Lamm wird zwar recht klein bleiben, mit seinem halben Bein aber dennoch gut rennen können. Nur das langsame Laufen sieht mühsam aus, es humpelt eben. Seltsam: schnell geht, langsam nicht. Unser Nachbar ist Lehrer, als er auf die Koppel kommt, bemerkt er, dass wir ja nun eine Inklusionsweide hätten.
Mit diesen etwas beschränkten Erfolgen starten wir in die Reproduktion unserer kleinen Schafherde. Wir  meinen, das sei es für’s erste gewesen. Aber Ende April, an einem warmen Nachmittag, steht auf einmal das dritte Schaf abseits. Es hechelt und hat kurz darauf einen kleinen Bock geboren. So eine Überraschung! Und gleich wieder Sorgen, denn Mutter und Sohn scheinen sich nicht richtig zu verstehen, was das Trinken anbetrifft. Das Lamm stolpert heran, sucht, aber findet nichts – und die Mutter dreht sich im Kreis. Unsere Vermittlungsversuche bringen nicht viel. Also, die beiden zusammen in den Stall gesperrt, hoffentlich klappt es dann. Es wird Tage dauern, bis wir das Lamm wirklich mal trinken sehen, aber offensichtlich haben sich die beiden geeinigt.  Das Böckchen springt tatsächlich aus dem Stand in die Luft, sehr hoch sogar. Bocksprung!
Wenn die Lämmer trinken, wackeln sie wirklich mit ihren Schwänzchen, das sieht sehr fröhlich aus. Daher kommt das also: Etwas wackelt wie ein Lämmerschwanz.
Nun ist es Winter. Das Dreibeinige und das Böckchen werden wir schlachten. Der Bock ist schön geworden, mit herrlichem grauen Fell und einem hübschen Kopf. Schade!
Ich freue mich schon auf die neuen Lämmer im nächsten Jahr. Hoffentlich geht dieses Mal alles gut!

 

 

Der alte Friedhof

Adventskalender

Der alte Friedhof von Croustillier. Nichts besonderes, aber für mich ein sehr guter Ort.

250 Meter von meinem Haus in Croustillier entfernt, etwas erhöht auf einer Sandlinse, mitten auf dem Acker, liegt ein kleiner alter Friedhof. Wie eine Gehölzinsel schwimmt er auf dem Feld. Die Fraßkante ringsum zeugt von den Rehen, die sich hier oft aufhalten. Auch einen Fuchsbau habe ich mal entdeckt. Der Friedhof wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt, der Weg dahin ist längst überackert. Will man trotzdem hin, sollte man auf trockenes Wetter warten, denn schon wenige Meter auf dem nassen Lehm machen einen beinahe laufunfähig.
Es ist immer wieder ein kleines Abenteuer, den Friedhof aufzusuchen.
Viele Grabinschriften sind nicht mehr zu lesen, eine halbe Eisenplatte erinnert an ein früh gestorbenes Mädchen. An einer Seite des kleinen Friedhofs steht eine Eiche. Da kann man sich an die Äste hängen und baumelnd zu unserem Haus hinüberschauen, das von hier ganz anders aussieht. Ein erfreulicher Anblick, so von Insel zu Insel.
Ich stelle mir vor, wie es war, als noch ein Weg zum Friedhof führte und die Menschen dort ihre Angehörigen begruben. Es ist schade, dass das vorbei ist. Ich würde gern die Trauerprozessionen über das Feld gehen sehen oder mit ihnen mitlaufen. Und es täte mir auch gut, wenn ich wüsste, dass ich selbst einst dort begraben sein würde.
Vielen Menschen ist es angeblich völlig egal, wo sie einmal beerdigt werden, ja, ob sie überhaupt beerdigt werden. Manche bekämen vielleicht eine Beklemmung, sähen sie täglich auf ihre zukünftige Grabstelle. Aber mir geht es anders. Ich empfinde es so, dass die Beziehung zu dem Stückchen Erde, die man entwickelt hat, sich auch in dem Bedürfnis ausdrückt, einst eben dort begraben zu werden: Man ist schon längst da, wo man hingehört. Das ist eine schöne Bedeutung des Wortes "irdisch".
Es gibt ein schottisches Lied, das besingt diese Übereinstimmung mit einem Ort. Der Sänger wünscht sich, an einem bestimmten Ort begraben zu werden, denn er kenne keinen hübscheren Platz. Es ist ein sehr schönes Lied.
Wir haben hier leider nicht so eine Musik, um solche Gefühle auszudrücken. Vielleicht haben unsere Musiker keine solche Beziehung zu Orten oder es ist ihnen peinlich, sie zu beschreiben. Leider ist es auch so gut wie unmöglich, auf dem alten Friedhof begraben zu werden, denn wir haben strenge Vorschriften und die nehmen auf mein Sentiment keine Rücksicht. Also sollte ich es wohl doch lieber mit einem Lied versuchen.

 

 

Unsere Schaufassade

Adventskalender

So standen die früheren Bewohner vor der Schaufassade. Reich sind sie nicht geworden, aber in ihrem Haus genossen sie eine Form von Wohlstand.

Zu den Loosegehörten im Oderbruch gehört eine neoklassizistische Schaufassade. Eine solche Fassade (auch wenn der Rest des Hauses nackte Außenwände aus Backstein hatte) war ein wichtiges Wohlstandsversprechen, man zeigte damit, dass man es zu etwas gebracht hatte oder jedenfalls bringen würde, oder noch wollte. Unser Loosegehöft ist klein, die Neutornower Kolonisten, die es gebaut hatten, waren in vier Generationen nicht reich geworden und sie würden es auch niemals werden. Aber: Schaufassade musste sein.
Als wir hier einzogen, war nicht mehr viel übrig von dieser einstigen Pracht. Teile des Putzes waren ganz abgefallen, andere rissig. Und ständig rieselte es von der Wand herunter. Das Haus machte einen deprimierten Eindruck. Auf einem alten Foto sahen wir die alten Bewohner vor der Fassade stehen, sie machten einen netten Eindruck. Wie auch ihre heile Fassade. Wir überlegten, ob man die Front einfach glatt abputzen sollte, aber das war nicht so einfach. Immerhin gab es gemauerte Simse für die Stuckelemente und bei aufmerksamer Begutachtung anderer Häuser stellten wir fest: am schönsten waren doch die, die die Schaufassade erhalten hatten. Die anderen waren irgendwie nicht mehr so beredt.
Die Angebote der Baufirmen stellten eine Sanierung dennoch infrage. Einfach zu viel Geld. Wie haben die das früher gemacht? Unfassbar. Sieben Jahre bröckelte die Fassade weiter und der Regen arbeitete sich an ihr ab.
Aber in diesem Sommer nahm sich Bernd der Fassade an, er ist Maurer, musste sich selbständig machen und siehe da, seine Preisvorstellungen und unsere Möglichkeiten passten gut zusammen. Ich vermute, so in etwa haben die das damals auch gemacht.
Jedenfalls haben wir nun ein schmuck abgeputztes Haus. Was soll ich sagen: Die Fassade erweckt einen fröhlichen, fast ein bisschen prächtigen (aber nicht protzigen) Eindruck. Und der Effekt von 1880 funktioniert noch immer: sie verspricht Wohlstand! Bescheidenen, aber lange währenden, selbst erarbeiteten, keine Mühe scheuenden, aber die Früchte dieser Mühe genießenden Wohlstand. Ein toller Trick, damals und heute!

 

 

Katzen

Adventskalender

Die Kalli-Katze, inzwischen nicht mehr dabei: ein herzlich gutes Vieh!

Viele Menschen haben Katzen, eigentlich ist über diese Tiere ja schon hinreichend geschrieben worden, möchte man meinen, bis hin zu diesen ganzen Katzenromanen. Aber gerade, weil Katzen so individualistische Tiere sind, ist das Thema doch nicht auserzählt.
Als wir in dieses Haus zogen, war sofort eine Katze da, eine wunderbare, braun-gelb getigerte kleine Katze. Wir mochten sie, sie war sehr kuschlig und bedürftig und so nannten wir sie Lotti und sie zog in unsere Scheune ein.
Aber dann kam eine andere Katze, auch klein, doch schwarz-weiß. Die war der Lotti irgendwie überlegen, jedenfalls verdrängte sie sie und beanspruchte den Hof und unsere Fütterung nun für sich. Das akzeptierten wir. Wir nannten die Katze Kalli. Auch sie mochten wir und es kann durchaus sein, dass sie hier schon mal gewohnt hatte und daher ihr Platzhirschverhalten ableitete, das meinte jedenfalls der Vorbesitzer. Sie hatte wohl nur zwischendurch vorn im Ort gewohnt. Da sind die Leute es gewohnt, Katzen aufzunehmen, wegen einer mehr oder weniger machen sie sich nicht verrückt. Und, wie gesagt, Kalli war sympathisch.
Ich rede hier von sympathischen Katzen, als gäbe es auch unsympathische Katzen. Naja, so ist es ja auch. In gewisser Hinsicht, wobei die Sympathie natürlich viel mit der Gelassenheit des Katzenhalters zu tun hat.
Jedenfalls hatten wir eine schöne Zeit mit Kalli, die wir erst für einen kleinen Kater gehalten, dann aber doch als ältere Katze identifiziert hatten. Sie hatte nur noch vier Zähne. Erstaunlich, wie sie dennoch Mäuse fing. Und stets unsere Gesellschaft suchte. Immer war sie da.
Irgendwann war die Katze weg. Wir suchten sie. Dann sahen wir Lotti auf dem Feld stehen, die andere Katze, die zuerst bei uns gewesen war. Sie sah auf etwas herab und schnupperte daran. Wir traten hinzu, es war Kalli und sie war tot.
Also begruben wir sie und noch am selben Tag zog Lotti wieder bei uns ein. Und trotz ihrer Kleinheit verjagt sie nun alle anderen Katzen, die bei uns schön tun wollen, so wie ihre Vorgängerin. Sie hat nun auch nicht mehr so viele Zähne und ist in die Jahre gekommen. Aber hübsch ist sie immer noch, und streichelbedürftig ist sie und will immer auf den Schoß, wo sie ihren schmerzhaften Milchtritt praktiziert und sie fängt eine Maus nach der anderen, wirklich toll. Morgens und abends kratzt sie an der Tür, wenn sie Futter will. Auch Lotti ist omnipräsent, sie bereichert unseren Alltag durch ihre bloße Anwesenheit. Man guckt aus dem Fenster, da läuft Lotti vorbei. Das ist schön.
Ich denke, unser Verhältnis zu beiden Katzen war bzw. ist auch deshalb so gut, weil wir sie uns nicht angeschafft haben. Sie haben immer akzeptiert, dass sie ein bisschen Eigenverantwortung tragen müssen. Das steht ihnen, dadurch sind sie nicht kapriziös. Katzen, die man sich anschafft, sagen immer: Du hast mich hergeholt, jetzt kümmer dich auch um mich! Das ist bei Kalli und Lotti anders.
Jetzt, wo die Lottikatze alt wird, wächst sie mir noch mehr ans Herz. Ich denke oft, dass sie ein herzlich gutes Vieh ist (um mit Hans Fallada zu sprechen, der das über den Schimmel Unverzagt gesagt hat). Wenn sie mal nicht mehr da ist, wird sie mir fehlen. Brave Katze!

 

 

Gewitter

Adventskalender

Hat man das Gewitter überstanden, wird man, zumindest am Tage, manchmal mit einem Regenbögen belohnt.

Früher hatte ich keine Angst vor Gewittern. Ich fand sie toll, diese Energie, die Wolkenbrüche, der Lärm, die Blitze. Nicht ohne Grund spricht man von reinigendem Gewitter, hinterher ist die Luft klar und alles dampft und erholt sich von dem Getöse.
Aber wenn man auf dem freien Feld lebt, dann ändert sich das. Die Gewalten zerren manchmal so heftig an Haus und Hof, dass man nicht anders kann, als sich ein paar Sorgen zu machen. Es ist, als entlade sich wirklich etwas Böses. Riesige Hagelkörner gehen aufs Dach herunter und der Sturm kann so wütend werden, dass das Gebälk ächzt und die Dachsteine ängstlich klappern. Der Wind treibt den Regen waagerecht an die Fenster, sodass sie das Wasser durchlassen, als hätten sie jeden Widerstand aufgegeben. Draußen werden die Bäume und Sträucher zerzaust und alles Gartengerät fliegt davon. Einmal haben wir ein vollkommen verbogenes Gewächshaus vom Feld geholt, es war weit, weit gekommen und geradezu verknotet. Und dann sind ja da noch die Blitze, die von solchen Donnerschlägen angekündigt werden, dass man wirklich die Luft anhält. Was tun Blitze? Sie fahren irgendwo hinein.
„Am 18.9.1909 brennt nachts nach 12 Uhr die Windmühle von Vollprecht in Croustillier ab“,  heißt es in der Feuerwehrchronik von Altreetz.  Vollprechts Mühle. Das war unsere! Blitzschlag? Könnte schon sein. Wir haben keinen Blitzableiter. Ich weiß zu wenig darüber. Es heißt, Blitzableiter bringen nicht so viel, wie man früher dachte. Sie könnten sogar schaden. Jedenfalls wenn man die falschen hat.
Wenn Gewitter in das Oderbruch einreiten, drehen sie sich manchmal stundenlang hier herum wie in einem Kessel. Sie wüten im Kreis, gefangen zwischen den Hügelketten. Es kann ewig dauern. Und man weiß nicht, was hinterher für Schäden zu reparieren sind.
Also, sagen wir nicht Angst, sagen wir Respekt. Man bekommt Respekt vor den Naturgewalten und wird sich seiner Winzigkeit bewusst. Und dass dieses Gefühl der Erhabenheit auch einen ästhetischen Reiz hat, wird erst durch die enorme Dauer bewusst. Denn wenn das Gewitter nach ein, zwei Stunden immer noch nicht weggezogen ist, gewöhnt man sich doch ein bisschen daran und beginnt, es anzustaunen.
So war es im letzten Sommer. Wie meistens kam das Gewitter nachts. Es war ein unfassbarer Furor. Und er blieb. Zog von Westen nach Osten und drehte sich dann, buchstäblich auf dem Feld vor unserem Haus im Kreis. BAM BAM BAM! Als es einfach nicht wegzog, machten wir das Fenster auf und schauten heraus, die halbe Nacht - und staunten. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken.
Und wenn sich dann alles legt und wieder still wird, dann ist man wirklich von Herzen dankbar.

 

 

Eberhard

Adventskalender

Eberhard Gast beim Scheren. Gut, dass es ihn gibt!

In Letschin wohnt unser Schafscherer, er heißt Eberhard und kommt einmal im Jahr, um unsere rauwolligen Pommern zu scheren. Über ihn sollte man ein ganzes Buch schreiben, nicht nur eine halbe Seite. Aber hier ist nur Platz für eine kleine Würdigung.
Eberhard war noch zu DDR-Zeiten Schafscherer geworden. Damals war das ein hoch angesehener Beruf, mit dem sich gutes Geld verdienen ließ, denn Schafe waren ein echter Teil der Volkswirtschaft. Dann kam die Wende. Eberhard versuchte, noch eine Weile als Schafscherer zu überleben, dann verkaufte er seine Ausrüstung, ging nach Hause und weinte. Denn er hatte seinen Beruf geliebt, und er hatte es darin zu einer hohen Fertigkeit gebracht.
Heute arbeitet Eberhard als Tankwart. Aber schon nach einigen Jahren hatte er mit dem Scheren wieder angefangen, zwei Kollegen hatten ihn noch einmal hinausgelockt. Es ist zwar ein Nebenerwerb, denn von den paar Euro pro Schaf kann man nicht leben – und Wolle hat in unserer Ökonomie leider keinen Wert mehr. Aber wer Eberhard mit seinem Caddy vorfahren sieht, auf dem neben seinem Namen und Beruf auch ein großes Schafschererbild zu sehen ist, der wird den Haupterwerb eher für eine Nebensache halten. Eberhard ist sich nicht zu schade, für ein Schaf durchs ganze Oderbruch zu fahren. Es muss ja geschoren werden! Auch wenn er nicht einmal in so geringem Umfang bezahlt werden kann, wie er es verlangt, weil die Leute nichts mehr haben - er macht seine Arbeit. Er denkt an die Tiere.
In den letzten Jahren hat er auf diese Weise immer mehr zu tun bekommen. Es gibt zwar weniger große Schäfereien, dafür aber immer mehr Kleinhalter. Und wenn deren Schafe keine Kameruner sind, dann brauchen sie halt eine Schur.
Eberhard fährt auch zu Meisterschaften, bei denen sich Schafscherer aus der ganzen Welt treffen, die in ihren verschiedenen Techniken miteinander wetteifern. Dadurch ist er mit Kollegen befreundet, die in Neuseeland oder Schottland arbeiten. Und in Südafrika gibt es Schafscherer, die mit einer Handschere, also schnipp-schnapp, ihre Schafe ebenso schnell und sauber von der Wolle befreien, wie das anderswo nur mit der Maschine denkbar ist!
Eberhard arbeitet ganz flink, alles sieht sicher und effektiv aus und wenn die Schafe in seinen Händen sind, werden sie ganz ruhig. Sind sie dann geschoren, sehen sie herrlich aus, schlank, schwarz, edel, kaum wiederzuerkennen.
Anschließend noch zusammen einen Kaffee und eine Zigarette, und schon muss Eberhard wieder los. Er ist bei so vielen Leuten tätig, dass er die meisten bald wieder vergisst. Die Schafe prägt er sich wahrscheinlich besser ein.
Mir macht das nichts aus. Ich freue mich, wenn ich ihn im nächsten Jahr wieder anrufen kann, um ihn zur Schafschur zu bestellen. Es macht mich froh, dass wir jemanden haben, der das so gut macht, der so nett ist und der es geschafft hat, sich das zu bewahren, was ihm wichtig war.

 

 

Glucken

Adventskalender

In aller Welt haben die Menschen Hühner. In aller Welt freuen sich die Menschen über Küken. Und die Glucken erst!


Wann brüten denn die Hühner?

Na wenn se glucken tun, denn brüten se bald. Denn wern se ne Glucke.

Und woran merke ich, wenn eine Henne zu glucken anfängt?

Na weeßte, dit merkste denn schon. Denn duckelt se so rum. Die duckelt so.

Mike macht eine wiegende Bewegung, er weiß nicht recht, wie er es beschreiben soll. Dann sagt er: Dit merkste einfach.

In der Tat, man merkt es. Sie fangen an, sich komisch zu bewegen und machen gluckernde Geräusche, die sie später noch brauchen werden, um ihre Küken zusammenzurufen. Aber erst einmal setzen sie sich hin, zum Brüten. Mindestens 21 Tage lang werden sie kaum aufstehen, kaum essen, nur sitzen und brüten. Gemessen an dem Gewese, das sie sonst machen, ist dieser Stimmungswandel wirklich erstaunlich. Sitzt eine Glucke fest, also ist man einigermaßen sicher, dass sie nicht wieder aufsteht (was vor allem durch stürmisches Wetter in den ersten zwei Wochen passieren kann), legt man ihr die gewünschte Zahle Eier drunter, also je nachdem, wie viele Küken man haben will. Bei uns war im letzten Frühjahr so eine Brutfreudigkeit ausgebrochen, dass wir die Eierzahl stetig reduziert haben. Wir begannen mit zwölf Eiern, dann acht, am Ende hatten wir drei Glucken für fünf Eier – und später Küken. Eine wahre Patchworkfamilie.
Die Küken sind süß, weiche fiepsende Ballwesen, es ist eine Freude, dabei zuzusehen, wie sie gedeihen. Aber das Schönste ist die Glucke: wie sie die Kleinen anleitet, auf Nahrung aufmerksam macht, sie abends unter ihre Fittiche nimmt. Und der Schutz, den sie den Kleinen bietet! Als der Hund meiner Eltern sich einmal der kleinen Schar näherte, machte sich die Glucke so groß und breit, dass sie wirklich furchterregend aussah. Es hat funktioniert. Der Hund rannte weg.
Es kommt eben doch vor allem auf die richtige Haltung an.

 

 

Das Gutshaus

Adventskalender

Wenn man genau hinschaut, kann man sich denken, dass dieses Haus früher einmal ein Gutshaus war.

Croustillier ist eine Vorwerksiedlung, also kein richtiges Dorf, sondern ursprünglich die Außenstelle eines großen Landwirtschaftsbetriebes, in diesem Falle: des Gutes von Ranft, heute Altranft. Der Gutsbesitzer, der es aufbauen ließ, lebte im 18. Jahrhundert, er war frankophil wie der Alte Fritz und also nannte er sein Vorwerk La Crustille, das Ränftchen. Meines Wissens ist das kein ordentliches französisches Wort, aber hübsch, trotzdem.
Jedenfalls waren die Vorwerke nötig, wenn man Ländereien zu bewirtschaften hatte, die weit entfernt vom eigentlichen Gut lagen. Da es noch keine motorisierten Fahrzeuge gab, wäre es zu aufwändig gewesen, das Vieh, die Maschinen und die Landarbeiter immer wieder so weit hinaus zu schaffen. Also baute man eine Art Stützpunkt, mit einer eigenen Verwaltung, mit Landarbeiterkasernen, Ställen und einem eigenen Bestand an Landmaschinen.
Das Gut wechselte später immer wieder seine Besitzer. Ich habe einmal gehört, dass der letzte Gutsverwalter ein schlimmes Schicksal unter der einrückenden sowjetischen Armee erlitten hat. Aber ich weiß darüber nichts Genaues.
Jedenfalls wollte die Sowjetarmee kein Gutshaus in Croustillier und ließ die obere Etage abtragen, damit es nicht mehr so herrschaftlich aussah. Und heute erkennt man es kaum noch als Gutshaus, es wohnen zwei Familien darin. Überhaupt ist vom einstigen Glanz nicht mehr viel übrig. Man sieht noch viele alte Gebäude ringsum, aber auch auf alle erdenkliche Weise sanierte Neubauernhäuser und wie man es auch dreht und wendet: Croustillier ist nicht mehr besonders attraktiv, eher ein bisschen räudig. Meine Nachbarn mögen mir verzeihen, das ist nicht gegen sie gerichtet oder gegen ihre Häuser im Einzelnen, die sind schon ganz ok.
Über die Vernichtung der Gutshäuser in dieser Region durch die Sowjetarmee will ich auch nicht urteilen. Die war auf jeden Fall nicht schön. Aber, wie soll ich es sagen: der verkommene Charme dieser alten Vorwerkssiedlung ist mir gerade recht. Ich möchte lieber nicht an die alte Pracht anschließen. Mir ist es wichtiger, dass es sehr viele Kinder in Croustillier gibt und hier Leute wohnen, die miteinander zurechtkommen.
Ich hoffe, es ist einigermaßen verständlich, worauf ich da hinaus will.

 

 

Kapitzen

Adventskalender

Kapitzen im Winter. Nicht mehr so schön wie im Sommer, aber erstaunlich trocken, fest und gehaltvoll. Im Dezember habe ich erst eine halbe verfüttert.

In meinem Garten stehen drei hohe Heuhaufen. Solche Mieten nennt man hier in der Gegend Kapitzen. Das ist Mittelmärkisches Platt, erstaunlich, dass es sich gehalten hat. In anderen Regionen nennet man sie Schober oder Dieme. Das Internet bietet mir bei „Kapitze“ nur Nachnamen an oder Falschschreibungen von Kapuze, auch meine Freunde aus anderen Gegenden kennen das Wort nicht. Aber im Oderbruch sagen alle: Kapitze.
Junge, du musst Kapitzen setzen, meinte Veit zu mir, als ich das erste Mal Heu machte. Auch der Nachbar, der mir das Gras mit seinem Trecker und einem Kreiselmähwerk abmähte: Klar, dit is ne wunderbare Sache. Schön Kapitzen jesetzt, dit sieht jut aus und innen bleibt et den janzn Winter über trocken.
Also: Kapitzen setzen. Ich finde es sehr schön, dass man die Kapitzen setzt, nicht: sie hinstellt, aufbaut, macht. Setzen, das klingt nach was Richtigem.
Allerdings gibt es verschiedene Auffassungen darüber, wie man das macht. Manche werfen einfach einen großen Haufen auf und fertig. Veit zeiht das Heu mit dem Rechen zusammen, bevor es richtig trocken ist. Dann gibt es durch die Feuchtigkeit einen Gärungsprozess, eine Art Fermentation. Zieht man die Haufen einige Tage später wieder auseinander, ist es immer noch schön grün. Dann trocknet es aufgrund der angestauten Hitze schnell ab und man setzt die Kapitze. Dafür wird ein langer Pfahl in die Erde gesteckt, am besten einen Meter tief eingegraben. Drumherum baut man dann das Heu mit einer langstieligen Heugabel ringsum auf, so dass es wie ein Mauerverbund in sich stabil wird. Je höher man das hinkriegt umso besser, denn das Heu sackt in den nächsten Wochen ganz schön zusammen.
Ich habe das mit dem Fermentieren noch nicht gemacht, mir fehlt bisher das Gefühl für die Phasen und ihre Dauer. Und beim Aufsetzen des Heus schaffe ich noch keine gute Höhe, obwohl ich recht groß bin. Irgendwann rutscht mir alles herunter und dann ist es mit dem Höhenwachstum schnell vorbei. Auch kriege ich den Pfahl im trockenen Sommer nicht gut in die Erde, der Boden ist bretthart. Also muss ich Stützen anbauen, das geht aber auch.
Schließlich muss man das Heu mit schnellen Bewegungen der Heugabel ein wenig kämmen, sodass das Regenwasser besser abläuft. Das ersetzt Planen und alle möglichen anderen Abdeckungen, die durch den Wind so verrutschen können, dass der Regen erst recht in die Kapitzen hineinläuft und sie von innen zu faulen beginnen. Es ist erstaunlich, wie trocken das Heu in einer gut gebauten Kapitze noch am Ende des Winters sein kann.
Aber meine drei Kapitzen aufzusetzen, das hat Tage gedauert. Ich musste das Heu von der großen Fläche holen, die nach der Mahd als Koppel dient. Ich möchte es den Schafen zuteilen können – steht die Kapitze nämlich auf der Koppel, zerren sie auf der Suche nach den leckersten Halmen im Nu alles auseinander. Was einmal auf dem Boden liegt, hat als Futter verwirkt.
Jedenfalls lag nach zwei Tagen immer noch unvorstellbar viel Heu auf der Fläche. Und am Ende, wie gesagt, rutschte mir alles entgegen. Aber immerhin, nun stehen sie da und trotzen Wind und Wetter, und innen ist tatsächlich gutes, trockenes Heu.
Ich denke darüber nach, vielleicht doch kleine Dächer auf den Koppeln zu bauen, damit ich das Heu dort hineinwerfen kann, es liegt dann trotz allem sicherer und man kann es so einhausen, dass die Schafe nicht herankönnen und man es also nicht so weit tragen muss.
Aber was ist dann mit den Kapitzen? Sie sehen toll aus. Ich werde ihnen und mir noch eine Chance geben.

 

 

Maulwürfe

Adventskalender

Maulwurfshügel sind eigentlich kleine Bauwerke. Und, wie schon Kat Menschik feststellte, es findet oft interessante Dinge darin, Porzellanpuppenköpfe zum Beispiel.

Wenn man im Winter in den Garten guckt, wird aus einem einst gepflegten Terrain nach und nach eine Hügellandschaft. Das ist das Werk der Maulwürfe. Man muss sich kurz zur Räson rufen, um dieses Werk zu akzeptieren, denn die Verhügelung des Oderbruchs ist an sich nicht begrüßenswert, schon gar nicht bei mir im Garten. Man fährt sich im Sommer mit dem Rasenmäher darin fest und überhaupt, es sieht nach und nach geradezu verrückt aus: überall Erdhaufen! Manche sind so groß… einmal hatte ich eine ganze Schubkarre voll mit nur einem einzigen Maulwurfshaufen! Dennoch sprechen viele gute Gründe für eine maulwurfsfreundliche Einstellung.
Ich denke da an eine wunderbare Kalendergeschichtee von Johann Peter Hebel, der in seinem „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“ schon im neunzehnten Jahrhundert darauf aufmerksam machte, dass Maulwürfe eigentlich tolle Tiere sind. Hebel musste sich sogar damit auseinandersetzen, dass die Maulwürfe in seiner Zeit der Vernichtung des wertvollen Wurzelwerks der Gartengehölze geziehen wurden. Wer immer einen Maulwurf fange und ihm ins Maul sehe, könne an seinem Gebiss leicht erkennen, dass er ein Fleischfresser sei und ihm das Wurzelessen abgehe, sagte Hebel. Und wer sich über die Hügel ärgere, der solle doch einen Rechen nehmen! Viel wichtiger sei, dass die Maulwürfe durch ihre Tätigkeit den Boden durchlüfteten.
Das stimmt, man kann es nicht anders sagen, ganz abgesehen davon, dass uns über viele Generationen durch Trickfilme und Kinderbücher ein positives Verhältnis zu diesen Tieren anerzogen wurde.
Ich selbst bin nur einmal einem Maulwurf persönlich begegnet. Es war im Winter. Die Hügelarbeit der Maulwürfe war beendet, es herrschte Frost. Da wurde mir bewusst, dass ich vergessen hatte, die Regentonne auszuleeren, weshalb sie vom Eis gesprengt werden könnte. Um das Durchfrieren zu verhindern, kippte ich sie um. Nachdem die obere Eisschicht der Regentonne herausgefallen war, ergoss sich ein Schwall eisigen Wassers auf den gefrorenen Boden – und suchte sich einen Weg in die Erde – durch einen Maulwurfshügel. Entsetzt über dieses Ereignis sprang nun ein Maulwurf aus der Erde, ich kann es nicht anders sagen, er sprang. Er sah so erschrocken aus, das tat mir wirklich leid. Und nun der ganze restliche Boden gefroren! Wohin? Wohin?
Ich tat ihn in einen Eimer und brachte ihn an eine Ulme, da lag noch etwas Laub und er wühlte sich weg. Tschüss, Maulwurf! Ich dachte, ihr macht Winterschlaf.
Ja, denkste. Puh.

 

 

Schnee

Adventskalender

Schnee im Bruch: durchaus schön, aber ein Schneepflug kann nicht schaden.

Es schneit selten bei uns und noch seltener schneit es viel. Und wie die meisten anderen Menschen bin auch ich leicht zu verzaubern von frischem Schnee. Diese unfassbare Sauberkeit der Welt, eben jener Welt, die man kurz vorher ja gerade in ihrer denkbar grauesten, schmutzigsten und dunkelsten Weise kennengelernt hat – auf einmal blitzt alles, hell, klar, leuchtend. Die Nächte sind hell und die Tage farbig im Sonnenlicht. Das ist schon allerhand.
Es ist auch nur selten damit zu rechnen, dass es hier einmal wirklich bedrohlich werden könnte mit den Schneemassen – bis auf einen Umstand, und der ist wiederum leider nicht gering zu achten: Das sind die Schneeverwehungen.
In einem besonders verwehten Winter habe ich mich hier sage und schreibe fünfmal mit dem Auto festgefahren, denn überall lauerten Schneeverwehungen. Zugegeben, ich hatte mich dumm angestellt, denn es ist manchmal so meine Art, unbedachte Risiken einzugehen und darauf zu vertrauen, dass die Dinge schon gut gehen werden. Auf dem Weg zu unserem Haus (meine Frau war ja eine halbe Stunde vorher noch durchgekommen) drehte ich angesichts einer vor mir liegenden sehr hohen Schneewehe das Radio laut (es lief meine Lieblingsmusik), gab Vollgas und sauste los. Gleich darauf wurde es dunkel, denn der Schnee hüllte mich vollkommen ein, und ich stand. Wahrscheinlich hatte ich Glück, dass nicht noch die Airbags aufgegangen waren. In solchen Momenten spürt man doch die Begrenztheit der Technik und die Überlegenheit der Natur. Und man merkt, dass man es nicht mehr gewohnt ist, das Haus nicht mit dem Auto erreichen zu können. Was ist mit Einkaufen? Oder wenn jemand krank wird? Man fühlt sich, als ob man auf ewig von der Zivilisation abgeschnitten sein wird. Ein übertriebenes Gefühl, zugegeben.
Ich befreite mich aus dem Schneeberg, drei Nachbarn holten dann mein Auto mit ihren Treckern heraus und schoben mir den Weg wieder frei. Er war nun von weißen Spundwänden links und rechts gesäumt, das sah toll aus. Und am nächsten Morgen knallte das Licht so stark über den Acker, dass es eine einzige Freude war.
Schöner Nebeneffekt: der glatte Weg nun, vom Schneepflug geebnet. Herrlich!
Die Schneeverwehungen im Garten schaufelten wir als Iglus für die Kinder aus, das war auch gut.
Nur, dass die Hasen die Krone des jungen Mirabellenbäumchens buchstäblich aufknabberten, sodass es sich nicht wieder erholte, das war schade.

 

 

Im Einklang mit der Natur

Adventskalender

Die toten Hühner zu fotografieren, dazu hatte ich nicht die Kraft.
Das ist unser Hahn. Er hat überlebt.

Wir haben vergessen, die Hühnerklappe zuzumachen. Am Morgen starren wir entsetzt auf ein Gemetzel: Auf der Wiese verstreut liegen fünfzehn tote Hühner. Es sind die alten Legehennen und ganz junge Hühnchen, fast noch Küken. Den ganzen Sommer über hatten wir sie gefüttert und uns an ihrem Gedeihen erfreut. Nun sind sie tot.Ihre geschlossenen Augen sehen traurig aus – sofern sie noch Augen haben. Bei vielen sind die Köpfe abgerissen.
Es war wohl ein Marder. Wie hat er das nur geschafft? So viele Hühner, so weit verstreut! Warum frisst er nicht eines und ist damit zufrieden? Weil es eben solche Tiere sind, sie machen alles tot. Die Natur ist nicht so vernünftig und ressourcenschonend.
Fuchs, Marder, Marderhund, Waschbär, das sind die Räuber. Sie haben alle ihre eigenen Handschriften, aber alle sind tödlich.
Im Stall sitzt der Hahn mit drei überlebenden Hennen. Sie sind verstört. Der Hahn wird noch Tage danach depressiv sein. Es ist wirklich unfassbar.
Am Mittag graben wir Löcher und versenken die Hühner darin. Eins, noch eins noch eins. Wie schwer sie sind! Man hätte wenigstens ein, zwei rupfen und ausnehmen können, immerhin sind sie ausgeblutet und völlig unversehrt. Aber wir können das an diesem Tag nicht.
In den Tagen danach rede ich mit vielen Menschen in meiner Gegend über dieses Erlebnis. Fast alle, die Hühner haben, haben das schon erlebt, manche mehrfach. Klaus sagt: Das ist schlimm, aber es gehört nun mal dazu. Ja, der Verlust, er gehört dazu, und auch das Bedauern und das Schuldgefühl, weil man seine Tiere nicht besser geschützt hat.
Jenny und Ulrich geben uns drei ihrer Hühner ab. Jetzt haben wir wieder eine kleine Schar. Zur Sicherheit wird die automatische Hühnerklappe installiert. Ich würde am liebsten einen Marderschock wie im Motorraum meines Autos anbauen.
So nach und nach erholen wir uns von dem Schreck. Ja, diese Erfahrung gehört dazu. Aber ich möchte den Satz „Wir wirtschaften im Einlang mit der Natur“ nicht mehr hören. Natur, das ist vielerlei. Ich wirtschafte lieber nach meinen Regeln.

 

 

Das Klavier

Adventskalender

Das Klavier steht beinahe im Grünen. Das ist ein ganz schöner Kontrast.

In unserem Haus steht ein Klavier. Die Kinder üben darauf, die Großen nutzen es vor allem, um sich ihre Chorsätze herauszufuddeln. Es ist ein gutes Instrument, mein Bruder hat es aufgetrieben, lange Zeit hatte es uns für die Programme in unserem KammerMusikTheater gedient.
Davor hatten wir das alte Klavier von Tante Elfriede, auf dem übte ich schon als Kind. Ein schönes braunes Teil, einen Halbton zu tief und ganz schön herunter, es ist aber auch viel malträtiert worden.
Das ist alles nichts Besonderes, viele Menschen haben Klaviere, obwohl es vermutlich weniger geworden sind. Unser Nachbar Rolf erzählt, dass in den siebziger Jahren in Westberlin Unmassen an Klavieren weggeworfen wurden. Sie landeten einfach auf der Straße, als Sperrmüll. Schrecklich.
Aber, was ich eigentlich interessant finde, ist, dass in unserem Haus auch früher ein Klavier stand. Und man spielte darauf. Heute steht es im Haus eines Verwandten des letzten Besitzers, ich habe es mir angesehen. Es klingt ein bisschen nach Oderwelle, aber er hat es schön wieder aufpoliert. Wie dem auch sei, Klavierspielen gehörte hier in der Gegend in ganz vielen Familien einfach dazu. Draußen liefen die Leute als Bäuerlein herum, aber einen hübschen Liedsatz konnten sie allemal spielen. Das finde ich toll.
Wenn ich heute in unserem Haus stehe und mir vorstelle, dass hier quasi immer ein Klavier gestanden hat, dann denke ich, dass das Klavier nicht nur zum Musikmachen hier ist. Es ist eine zivilisatorische Ansage an die raue Welt. Manchmal ist hier so die Hölle los, man sitzt in seinen Häuschen und nur zwei Meter von dem Prasselregen entfernt steht: ein Klavier. Das erinnert mich an den Film „Das Piano“ mit Holly Hunter und Harvey Keitel. Da muss die stumme Witwe ihr geliebtes Klavier am neuseeländischen Strand stehen lassen. Und nachher steht es in einer Holzhütte im Regenwald, Luftfeuchte 100%. Großes Kino.
Und hier eben auch. Ich meine, dass auch die alten Besitzer des Hauses solche Empfindungen hatten, als sie ihr Klavier in ihre Stube stellten. Draußen der Lehm, drinnen die edle Feinmechanik. Jawoll.

 

 

Die alte Scheune

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Will man die alten Dachziegel bergen, braucht man viele Hände.

Auf unserem Hof steht ein Nebengebäude. Es ist ungefähr so alt wie das Haus selbst, etwa 140  Jahre, allerdings in Fachwerkbauweise errichtet. Wir nennen es Scheune, obwohl es zugleich als Stall, Werkstatt, Tenne, Rübenkeller und Scheune gedient hat. Die Erbauer konnten sich nicht mehr Nebengelass leisten, also  musste alles unter ein Dach, so wie nach dem zweiten Weltkrieg bei den Neubauernhäusern. Durch diese Not ist aber eine sehr hübsche Kubatur entstanden, ein respektables, zwar irgendwie kleines, aber keinesfalls geducktes Wirtschaftsgebäude für Ochsen, Schweine, Wagen, Gerät, Kartoffeln, Rüben, Stroh und Heu. Es ist erstaunlich, was da alles hineingeht und von weitem sieht man: ein kleines Haus, man könnte gut darin wohnen.
Die Scheune ist sehr schief, der Wind hat sie im Verlauf der Zeit nach Osten geschoben. Dennoch steht sie unbeirrt in der Landschaft herum. Das ist zum einen dem weichen, biegsamen Fachwerk zu danken – wäre das Gebäude aus Beton, auf diesem unsteten Baugrund im Bruch läge nur noch ein Haufen Schutt. Zum anderen hat auch der alte Besitzer hier und da Stempel gestellt, um das Dach ein wenig abzustützen.  
Wir machen uns daran, die Scheune zu sanieren, wobei sie stets in Benutzung bleibt. Erst decken wir mit Freunden vorsichtig die alten Biberschwänze ab und lagern sie so, dass sie später einmal wieder aufs Dach gelegt werden können. Dann kommt Trapezblech drauf, das ist leichter und außerdem ist dann wieder alles dicht. Nun soll jedes Jahr eine Außenwand gemacht werden, durch Zimmermann Veit. Er erhält so viel wie möglich von den alten Hölzern. Beim Westgiebel allerdings fragt man sich, warum der überhaupt noch vorhanden war: das Holz ist nahezu verschwunden, die Ausfachungen hängen quasi in der Luft.
Der Boden vor der Scheune muss abgeschoben werden, der ist in den letzten einhundert Jahren um einen halben Meter angewachsen, also steht die Scheune bei Regen im Wasser – das darf nicht sein.
Es wird noch lange dauern, bis alles in Ordnung ist, viele Jahre, viel Geld, viel Geduld. Aber, wie soll ich es sagen, mir wird klar, warum so Macher die Sanierung von Fachwerk als Glück empfindet. Es ist ein wunderbarer Vorgang, dass man so etwas Kaputtes reparieren kann. Wenn ein alter Balken mit einem neuen verbunden wird, ist es wie eine Versöhnung der Zeiten: eine Verbeugung vor dem, was war und ein Gruß in die Zukunft.

 

 

Kinder, zuhause

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Nach dem Abendbrot.

Kann ich noch ne Stulle? Es ist Rasmus‘ vierte. Emmi hat noch gar nicht angefangen zu essen, sie muss sich erst eine filigrane Zusammenstellung von Wurst, Käse und Aufstrich auf einer winzigen Stulle arrangieren lassen. Abendbrotessen mit Kindern. Den Tag auswerten, gegen allzu große Albernheit mahnen und immer wieder ein wenig steuern und antreiben, im Alltag jedenfalls: Willst du noch was? Fang mal an, zu essen! Naschen ist erst zum Schluss, ein kleines Stück Käse, von mir aus. So ähnlich ist es bestimmt in der ganzen Welt, sofern es friedlich ist und die Menschen nicht hungern müssen.
Gustav studiert und Levin macht ein Auslandschuljahr, sie sind also nicht mehr hier. Das Essen mit ihnen war auch belebt. Als kleiner Junge saß Gustav manchmal weinend am Tisch, weil er sich nicht entscheiden konnte, was er auf der Stulle haben wollte. Und Levin bekam immer erst Hunger, wenn alle anderen fertig waren. Aber dann richtig!
Trotz aller Komplikationen im Ablauf ist es großartig, den Kindern beim Essen zuzusehen. Rasmus futtert, Emmi speist. Die Unterhaltungen, die ganzen alltäglichen Abläufe, das ist viel Leben. Ich frage mich oft, wie es sein wird, wenn alle Kinder aus dem Haus sind. Es wird kein Spielzeug mehr über die Wiese verstreut liegen, ich werde nicht mehr in spitze Legosteine treten, es wird nicht mehr laut sein, die ganze Unordnung, sie wird vorbei sein und mir fehlen.
Es ist ja nicht einmal wahrscheinlich, dass die Kinder in der Nähe bleiben. Die Ausbildung wird sie woanders hinspülen, warum sollten sie am Ende wieder hier landen? Das würde ich nie erwarten, auch wenn es schön wäre. Wer weiß, wie es sich als alter Mensch auf dem Land lebt, wenn man keine Kinder hat, die einem ein bisschen helfen können.
Davon abgesehen frage ich mich, was das Landleben mit den Kindern macht. Sie haben die Freiheit des Gartens, aber die Unfreiheit des Autos. Auch der Raum des Kinderlebens überschreitet das Dorf bei weitem, sie werden überall hingefahren. Nur wenige Wege sind für eigene Fahrraderkundungen geeignet. Stadtkinder können sich ihre soziale Welt heute leichter in der Nachbarschaft zusammenbauen. Das wirft die Kinder hier auf sich selbst zurück, auf das Zuhause.
Andererseits machen die Landkinder in der Regel eine andere Schulerfahrung. Sechs Jahre lang lernen sie in den Grundschulen sehr verschiedene Kinder mit ihren Familien kennen, gehen zu ihren Kindergeburtstagen und pflegen zum Teil wunderliche Freundschaften. Mir fällt auf, dass meine Kinder die Gruppendynamik in ihren Einrichtungen auf eine ausgeruhte Weise recht genau beobachten, aber nicht ganz in ihr aufgehen. Das scheint ihnen zu bekommen. Aber vielleicht kann man es nicht verallgemeinern. Wahrscheinlich wird man nie wissen, ob es gut für die Kinder war, hier aufzuwachsen, denn das Leben, das man geführt hat, ist ja nun einmal das, was einen zu dem gemacht hat, was man ist. Das lässt sich eigentlich nicht beurteilen.
Aber dass es schön ist, wenn das Dach ächzt und der Wind an den Fenstern zerrt, als begehre er Einlass, und die Kinder schlafen derweil ganz friedlich, im vollen Vertrauen auf die Sicherheit ihres Elternhauses, das kann man auf jeden Fall sagen!

 

 

Emails

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Mein Emailpostfach ist zwar virtuell, muss aber täglich ausgemistet werden.

Ich sitze zu Hause am Tisch und schalte meinen Klapprechner an. Dann klicke ich auf das Emailprogramm und harre der Dinge die da kommen. Das Fenster öffnet sich, in der Fußzeile steht der Satz: Hole Email 3 von 87. Ich war zwei Tage unterwegs gewesen.
Ein großer Teil meines Lebens besteht aus dem Abarbeiten von Emails. Was Anfangs praktisch, papierlos, schnell und infolge der Niedrigschwelligkeit (gegenüber Briefen) eine große Erleichterung für mich war, ist zu einem anstrengenden täglichen Ausmisten geworden. Früher hat man den Stall sauber gemacht, heute putzt man sein Emailpostfach leer. Man löscht Spams oder Unwichtiges, beantwortet alles, was sich leicht beantwortet lässt, sortiert in Ordnern herum und fragt sich, wie man Emails beantworten soll, die einen vor kompliziertere Frageketten stellen. Manche Emails kriege ich ein halbes Jahr lang nicht ausgemistet, sie liegen in meinem Postfach und sagen: Was ist denn nun mit mir?
Was mich auch stört, sind die unterschiedlichen Höflichkeitsstandards in den Emails. Von der ganz ordentlichen Anrede (Sehr geehrter…, Lieber…) und der dann folgenden richtigen Briefform (mit abschließendem Gruß) reicht es über das saloppe „Hallo“ bis hin zur anredelosen Mitteilung. Ich verstehe zwar den Trend zum stetigen Abbau der Form, bin aber dennoch genervt davon. Emails, die einfach mit „Hallo!“ überschrieben sind, mag ich eigentlich nicht mehr beantworten. Jedenfalls ist es ein heilloses Durcheinander, die Emails haben keine allgemeine kulturelle Form hervorgebracht, alle fuhrwerken in ihnen herum, aber man weiß eigentlich nicht mehr, was sich gehört. 
Meine großen Kinder schreiben kaum noch Emails, das ist ihnen zu viel Aufwand und sie spüren wohl auch den Sog der Verbindlichkeit, der sich da letztlich doch wieder einstellt. Für mich ist die Sache mit den Emails eine Schlüsselerfahrung heutigen Lebens, des Angeschlossenseins an Kommunikationsströme, der Unhintergehbarkeit von Komplexität. Man kann auch als Teilnehmer am Emailverkehr eine gewisse Maulfaulheit entwickeln, aber das macht die Sache selten besser. Fehlende Sorgfalt ist immer etwas Doofes und ich finde es unsympathisch, wenn Leute meine Emails nicht vernünftig beantworten, zumal ich mich meist darum bemühe, sie so zu formulieren, dass der andere eben nicht vor das Dilemma gestellt wird, was er eigentlich antworten soll.
Da lebt man fünf Kilometer von der polnischen Grenze, an der ganzen Horizontlinie nicht ein einziger Mensch zu sehen und ist trotzdem vollkommen eingespannt in die Gesellschaft. Ist das gut? Wahrscheinlich schon. Aber es nervt.

 

 

Der Nussbaum

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Der Nussbaum wuchs am Haus des Vaters und steht nun am Haus des Sohnes.

Auf unserem Hof steht ein junger Nussbaum. Bevor ich den Hühnerstall gebaut hatte, stand er mitten auf dem Hof, nun klemmt er fast in der Ecke. So ändern sich Räume.
Der Baum ist jedenfalls ein Geschenk von einem Mann aus Neutornow. Und es hat mit ihm eine Bewandtnis.
Der Erbauer unseres Hauses in Croustillier stammte nämlich aus Neutornow. Nachdem er es gebaut hatte, raffte sich sein Vater zu einer ähnlichen Kraftanstrengung auf und errichtete im Heimatdorf ein fast gleiches, nur noch etwas kleineres Haus, alles noch im neunzehnten Jahrhundert.
Und dort wuchs nun über hundert Jahre später ein Nussbaum im Vorgarten, wo er schnell zu groß wurde. Darum schenkte mir der Mann, der nun dort wohnt, den Baum. Ich grub ihn also am Haus des Vaters aus und setzte ihn am Haus des Sohnes ein. Dieses Zusammentreffen gefällt mir.
Man muss ganz schön lange warten, bis ein Baum richtig loswächst. Irgendwann ist dieser Punkt erreicht, dann schießt er in die Höhe und in die Breite. Trotzdem ist mir beim Warten auf ein ordentliches Wachstum unseres Nussbaums wieder einmal klargeworden, dass man nicht allzu lange lebt. Man kann zwar viele Bäume pflanzen, aber sie auch als große Bäume erleben und ihren Schatten genießen, das ist einem nicht allzu oft vergönnt.
Inzwischen trägt der Baum jedes Jahr eine ganze Menge Nüsse. Sie sind schmackhaft, aber nicht sehr groß. Unsere Nachbarn haben zwei Nussbäume mit erheblich größeren Walnüssen. Sie geben uns gerne welche ab.
Aber als ich neulich Nüsse zum Backen der Weihnachtsplätzchen knackte, nahm ich mir dennoch zuerst die kleinen vom eigenen Baum vor.

 

 

Vorlesen

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Vorlesen – eine wirklich gute Beschäftigung.

Es ist Abend. Nachdem die Kinder gewaschen sind und ihre Zähne geputzt haben, sitzen sie im Schlafanzug neben mir im Bett und warten auf ihre Geschichte.
Ich lese den Kindern sehr gern vor. Ihre Anteilnahme an der Erzählung, ihr Staunen, Erschrecken, Lachen, ihre Spannung, das ist großes Kino für mich. Über die Jahre habe ich eine Technik entwickelt, nur noch ganz kurz ins Buch schauen zu müssen, dafür aber umso länger in ihre Gesichter sehen zu können. Was sich in diesen kleinen Zügen abspielt, ist unfassbar. Die Augen werden groß, die Hand geht vor den Mund, manchmal rufen sie „oh nein!“ oder „ja, ja!“ oder juchzen auf. Und was sie sich alles merken! Wenn kein Lesezeichen im Buch ist, kann ich fragen, wo wir am vorigen Abend aufgehört haben, sie wissen den Wortlaut des letzten Satzes, als hätten sie ihn mitgeschnitten. Man kann sich auch hinterher über die Geschichten unterhalten und sie genauestens analysieren. Warum ist es so und so gewesen? Was ist aus dieser und jener Figur geworden? Und dann rattert es in den Köpfen und fügt sich zu einem Bild.
Zwei Dinge am Vorlesen sind mir besonders wichtig, sieht man einmal davon ab, dass es sowieso wunderbar ist, auf diese Weise Zeit mit seinen Kindern zu verbringen.
Erstens staune ich immer wieder darüber, dass die Kinder auch dann bei der Sache sind, wenn ihnen ein großer Teil der Worte und Formulierungen gänzlich fremd ist. Es bastelt sich in ihrer Vorstellung etwas zusammen, sie setzen das, was sie hören, mit ihren Mitteln um. Das ist genau das Gegenteil des in unserer Gesellschaft immer wieder geforderten zielgruppenspezifischen Sprechens. Ich werde auf Schritt und Tritt aufgefordert, bestimmte Begriffe nicht zu verwenden, weil sie ungebräuchlich oder aus einer Fachsprache sind. Meine Kinder zeigen mir, dass der Sinnzusammenhang viel wichtiger ist als einzelne Worte. Das ist eigentlich ein Wunder – und ich bekomme es allabendlich vorgeführt.
Zweitens wird in den Geschichten, die wir den Kindern vorlesen, kaum geurteilt, es wird einfach nur erzählt und beschrieben. Und die Kinder verlangen auch nicht mehr als genau das. Auch hierin liegt ein wichtiger Unterschied zur gegenwärtig vorherrschenden Art, die Welt anzusehen. Überall wird geurteilt, werden Meinungen gehegt, wird alles und jedes auf moralische und politische Vertretbarkeit hin überprüft. Ich fühle mich in meinem Leben umzingelt von diesen Blicken, die alles schon wissen.
Das hat auch Einfluss auf unseren Umgang mit Geschichten. Meinen großen Kindern habe ich noch ohne Scheu Grimms Märchen vorgelesen, bei den Kleinen heute zucke ich innerlich manchmal selbst zusammen. Kann man ihnen so etwas anbieten? Wo ist die Moral von der Geschicht? Aber die Kinder fragen nicht nach der Moral. Sie fragen nach der Geschichte, sie fragen: Und was passierte dann?
In den Geschichten erlebe ich mit meinen Kindern, dass in der Welt sehr viele Dinge geschehen, die nicht so einfach zu beurteilen sind, weil sie auf Wechselwirkungen zwischen handelnden Menschen beruhen oder weil sei etwas mit unserer Natur zu tun haben, mit der Sterblichkeit, der Not oder der Sehnsucht. So vieles davon passt in ein abendliches Kinderzimmer, wird dort verhandelt und verarbeitet. Deshalb ist das Vorlesen für mich ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

 

 

Schriftzeichen

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Ein Name auf der Giebelwand. Fast kann man sich vorstellen, wie es damals war, als er hier eingeritzt wurde.

An dem Giebel unseres Hauses, der am Feldweg steht, sind eine Menge Zeichen eingekratzt. Manches sieht nach Sütterlin aus, anderes nach lateinischer Schreib- und Blockschrift, sogar kyrillische Buchstaben sind zu finden. Nicht alles kann ich lesen, aber einiges erschließt sich.
Jahreszahlen: 1878 (26. August), 1906, 1957. Initialen: P.K… W.S., S.Z. (kyrillisch), A. Und Namen: Alex? Vielleicht. Auf jeden Fall gut zu lesen: Anna Vollprecht. Sie gehörte zu der Familie, die hier lebte.
Ich stelle mir vor, wie die Menschen hier standen und etwas in die Hauswand ritzten. Der Backstein ist weich, es geht leicht, deshalb hat man sogar hin und wieder die Anmutung von Schreibschrift. Die russischen Schriftzeichen lassen an die letzten Kriegstage des Zweiten Weltkriegs denken. Ich weiß, dass man die Tochter auf dem Dachboden versteckt hatte, als die Soldaten kamen. Der Dachstuhl zeigt noch Spuren von Granateinschlägen. Vielleicht hat hier ein Soldat gestanden, eine Zigarette geraucht und gewartet, bis man ihn weiterschickte. Also hinterließ er seine Initialen. So könnte es gewesen sein.
Aber meistens standen wohl Kinder hier am Giebel. Sie machten Hüpfspiele auf dem Weg oder sie lümmelten an der Wand herum. Und dann ritzten sie etwas herein.
1906 also. Kein Auto, unter dem ganzen großen Himmel kein Motorengeräusch! Im Stall das Schnauben der Ochsen. Das Rattern der Windmühle im Garten, die wenige Jahre danach abbrennen sollte. Grauammern auf den Zaunpfählen, vielleicht auch Vögel, die heute hier nicht mehr zu finden sind. Ein Kinderlied. Die einzige sichere Verbindung durch die Zeit, durch hundertzehn Jahre, ist der Hahnenschrei. Der wird damals und heute sehr ähnlich geklungen haben.
Es ist ein winziges Wurmloch, das mich mit dem Menschen, der damals hier seinen Namen eintrug, verbindet, umgeben von einem Universum an Unwissenheit: voneinander, von der Zeit, von dem Leben, das sie damals führten und wir heute führen.
Schwindel erregend.

 

 

Zeitung zum Frühstück

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Ländliche Szenerien mit einer ausgewogenen Statik wie z.B. Strohballenpyramiden können über die tatsächliche soziale Fragilität des Raums hinwegtäuschen. Ob das Bild, das dagegen in der Zeitung vermittelt wird, näher an der Wahrheit dran ist, lässt allerdings auch nur schwer sagen.

Es ist noch dunkel, ich muss aufstehen und Frühstück machen. Nachdem ich Kaffee aufgesetzt habe, hole ich die Zeitung aus dem Kasten.
Warum lese ich die Zeitung? Sie schafft Öffentlichkeit vor Ort, an der ich teilhaben will. Ich sehe es als eine Art Bürgerpflicht. Aber in diesem Jahr hat mir die Erfüllung dieser Pflicht keinen Spaß gemacht. Zum einen war ich selbst durch meine Arbeit oft von der Berichterstattung betroffen. Das war manchmal unangenehm. Man muss es aushalten. Zum anderen hat die Stadt Bad Freienwalde, von der in unserer Lokalzeitung viel berichtet wird, ein schweres Jahr erlebt. Es ging um eine Autobrücke, um Wasserbeiträge für so genannte Altanschließer und um ein Begehren zur Abwahl des Bürgermeisters. Viele Leute haben sich gezankt und die Zeitung hat natürlich darüber berichtet, auf ihre Weise. Das Ganze war zermürbend. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich es noch lesen will.
Selbst in der Sauna, in die ich gehe, sind die Leute erschöpft von dem Streit. Sie wollen das alles nicht mehr. Und wer denkt, wir seien ja nun an einem Tiefpunkt und es könne nicht mehr schlimmer kommen, der irrt sich. Es geht immer noch destruktiver, leider.
Während ich den neuesten Bericht über unsere Kurstadtprobleme in der Zeitung lese, fällt mir ein, dass wir nun auch Flüchtlinge im Stadtgebiet haben. Ich sage Flüchtlinge, auch wenn man gerade festgestellt hat, dass das Wort abwertend sei, wie „Emporkömmling“ oder „Schreiberling“. Was ist mit „Liebling“? Ich weiß nicht, ich meine, es kommt darauf an, wie man die Worte meint und verwendet. Aber Sinnzusammenhänge zählen in der Deutschen Sprachhygiene nicht.
Wie dem auch sei, wir haben nun Flüchtlinge in Bad Freienwalde und am letzten Wochenende waren einige in unserem Adventskonzert, weil Menschen aus der Region sie eingeladen hatten. Überhaupt berichten viele Menschen von guten Begegnungen. Tja, was soll ich sagen, vielleicht hatte der ganze Streit in der Bad Freienwalder Bürgerschaft auch sein Gutes. Weil er wie so eine Art Opferanode wirkte. Die Leute waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass das Erscheinen von neuen Menschen hier geradezu eine Nebensache gewesen ist. Das ist, gerade in der Adventszeit, nicht die schlechteste Nachricht. Nun wäre es nur gut, wenn auch auf den anderen Baustellen mal Frieden einkehren würde!

 

 

Störche

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Bevor die Nisthilfe errichtet wurde, hatten die Störche durchaus Interesse am vorhandenen Strommast. Was ist denn nun?

Jetzt sind die Störche natürlich fort, es ist Winter. Aber im Sommer sind sie wieder da. Es gibt viele Störche im Bruch und die Menschen werben um ihre Gesellschaft, indem sie ihnen Nisthilfen aufstellen.
Warum denke ich in der Adventszeit an die Störche? Nun, weil auch wir eine Nisthilfe aufgestellt haben und ich mich frage, ob sie im nächsten Jahr angenommen werden wird. Das wäre schön.
Doch halt, nicht wir haben eine Nisthilfe aufgestellt, das war unser Energieversorger. Da wir einen Strommast auf unserem Grundstück haben, hatten wir dort angefragt, ob sich da nichts machen ließe: Die Antwort: ja, geht schon, aber besser auf einem extra Mast. Mit den Stromkabeln das Gedöns, das vermeiden sie lieber.
Meine Frau machte sich kundig und fand heraus, dass die Störche nicht so gern im letzten Winkel nisten, sondern entlang von linienartigen Strukturen: an Wasserläufen, an Wegen, da, wo was los ist. Also stellte der Energieversorger einen Mast mit Nisthilfe recht nahe an den Weg. Und da wartet er nun auf einen Nutzer.
Im letzten Jahr kam der vorn im Ort ausgebrütete Jungstorch immer wieder vorbei, setzte sich auf die Nisthilfe und klapperte sich eins. Einmal saß er sogar die ganze Nacht da. Braves Störchlein, brav, schön diesen Mast einprägen! Hab eine fröhliche Weihnachtszeit, da, wo es warm ist, lass dich nicht abschießen, verfang dich nicht, komm im nächsten Jahr zurück. Wir legen auch ein paar weiße Lumpen auf den Boden unter dem Horstplatz oder streuen etwas Mehl. Das soll helfen, es sähe so aus, als hätte da schon ein Storch was fallenlassen.
Wenn man einmal angefangen hat, Vielfalt in seine Umgebung bringen zu wollen ist es eine Lust. Das nennt man: Autopoiesis.

 

 

Der Graben

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So sieht unser nächster Graben aus. Die weiter hinten liegenden Kopfweisen können nur durch Arbeit erhalten werden, sonst ist irgendwann alles so kahl wie hier vorn.

Einst wurde unser Grundstück, so sagt es jedenfalls eine alte Karte, von einem Entwässerungsgraben gesäumt. Dieser Graben wurde wohl irgendwann überflüssig, jedenfalls hat man ihn zugeschoben. Der nächste Graben verläuft nun zwischen Croustillier und Herrenwiese. Er hat stellenweise sehr hohe Böschungen. Sieht man sich das Relief an, in dem er verläuft, meint man zusehen, dass hier einst ein breiter, mächtiger Mäander verlaufen ist. Das Bett ist ganz deutlich zu sehen. Jenseits des Grabens liegt das Feld viel tiefer als diesseits. Man kommt sich gleich ein bisschen sicherer vor, aber das kann täuschen.
Von unserem Haus aus sieht man eine Reihe schöner alter Kopfweiden an dem Graben stehen. Sie sind teilweise durch den Fraß von Bibern geschädigt, was mich beunruhigt, denn kaum jemand wird hier wieder Weiden stecken. Auch müssten die Weiden einmal wieder beschnitten werden, damit sie nicht auseinanderbrechen. Ich habe den Leiter des Agrarbetriebs, der die Felder dort bewirtschaftet, darauf angesprochen. Ob sie da was tun könnten? Ich würde auch mithelfen, hatte ich gesagt, das sei gar kein Problem. Der Mann hat nur gelächelt. Das sei nett gemeint, aber das dürfte er gar nicht zulassen, wenn mir was passiere, sei er dran. Seine Leute würden das dann schon mal machen. Er hatte Recht. Kurz zuvor war hier in der Nähe ein Mann bei der Kopfweidenpflege ums Leben gekommen, es ist nicht ohne. Ich kam mir mit meinem Angebot gleich ein bisschen naiv vor.
Das ist das Problem an unserem heutigen Leben in der Landschaft. Sie entgleitet den Menschen und macht sie zu Zuschauern. Wer kein Bewirtschafter ist, ist Zaungast.
Die Menschen, die in meiner Gegend das Land bewirtschaften sind deshalb sehr wichtig. Sie haben die Dinge in ihren Händen – nicht allein, es gibt ja auch Eigentümer, Vorschriften, Regeln. Aber sie sind doch die ersten und letzten. Und wie immer man ihre Arbeit beurteilt: entscheidend ist zuerst einmal, dass sie überhaupt mit den anderen reden und ein offenes Ohr für ihre Anliegen haben.
Fünf Landwirte sind mit ihren Betrieben um unser Haus herum tätig. Mit vieren davon kann man reden, mit einem wohl kaum. Ich stelle mir vor, wie es sich hier leben würde, wäre es umgekehrt. Nicht gut.
Wir werden uns wegen der Kopfweiden noch einmal zusammensetzen.

 

 

Frieden

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Frieden ist kein Kitsch, er ist eine Aktivität.

Hinter mir liegt ein volles Arbeitsjahr. In gewisser Hinsicht war es erfolgreich, aber nun bin ich doch erschöpft. Mir wird bewusst, dass ich, wie alle anderen Menschen auch, leicht verwundbar bin. Es gibt so viele Menschen und wir können uns gegenseitig so viel Schlechtes antun. Das haben wir dieses Jahr in der ganzen Welt erlebt. Ich kann die Schrecklichkeiten, die sich in so kurzer Zeit zugetragen haben, gar nicht ermessen. Ich bin ja schon damit ausgelastet, die paar Doofheiten auszuhalten, die mir in meinem zivilen und sicheren Leben widerfahren – und die ich selbst vielleicht anderen zufüge. Deshalb habe ich ein tiefes Bedürfnis nach Frieden.
Man sagt: es herrscht Frieden. Der Frieden muss also eine Herrschaft ausüben, wenn er wirksam sein soll. Es reicht nicht, dass kein Krieg ist oder dass die Menschen ihre Aggressionen unter Kontrolle haben. Ich meine, damit der Frieden wirklich herrschen kann, muss er mit Glück verbunden sein. Man muss ihn empfinden wie einen Strom, der durch die Adern fließt. Und Frieden ist nicht immer ein und dasselbe.
Der eine Frieden betrifft unsere körperliche Unversehrtheit, unsere Sättigung und die nötige Wärme in der kalten Jahreszeit. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist es schwer, diesen Frieden der Unversehrtheit als Glück zu erfahren. Er wird normal und dadurch verliert er allzu leicht seine Glückhaftigkeit. Das ist nicht gut. Ohne Dankbarkeit kann es auf Dauern keinen Frieden geben.
Der andere Frieden betrifft das das Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Es gibt dafür viele Begriffe: Freundlichkeit, guter Wille, Nachsicht, Verständnis, Vertrauen, Gelassenheit, Ehrlichkeit, Empathie. Fehlen diese Momente, werden wir krank. Dann spürt man, dass Frieden etwas Aktives ist, nicht nur das Ausbleiben von Streit.
Sich fröhliche Weihnachten zu wünschen, das bedeutet, vom aktiven Frieden zwischen den Mitmenschen auszugehen – egal, was gerade in der Welt los ist. Aus dem Kleinen soll das Große werden. Es kann auch nicht gut ausgehen, wenn wir dieses Kleine missachten. Anders wäre es in der Geschichte nicht möglich gewesen, sich unter widrigen und sogar grausamen Bedingungen „Fröhliche Weihnachten!“ zu sagen.
Normalerweise denke ich umgekehrt: erst müssen die Waffen schweigen, dann können wir lernen, mitmenschlich zu sein. Aber die Weihnachtsbotschaft kehrt dieses Prinzip um. Das gelingende Leben fängt zwischen mir und dir an, jetzt und jederzeit.
Wenn ich mir das heute bewusst mache, bin ich bewegt davon. Ich bin dankbar für den Frieden, den ich in meinem Leben erfahren habe und der für meine Familie und meine Freunde herrscht. Ich hoffe, dass ich zu diesem Frieden mehr beitrage als dass ich ihn durch die Art wie ich lebe, strapaziere – was leider keine ausgemachte Sache ist. Ich denke an die Menschen, denen dieser Frieden verwehrt ist und die kaum eine Chance haben, Frieden zu stiften.
Da draußen gab es Kälte und Wärme, Krieg, Elend und Trost, Hilfe und Grausamkeit. Wir sind zuhause, es ist warm, wir essen und trinken, wir beschenken uns und wir wünschen uns fröhliche Weihnachten.
Gloria! Halleluja!