Dorffeste

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik IV

Kenneth Anders, 27.11.2014

Dorffeste gehören nicht zu den prioritären Handlungsfeldern der Kulturpolitik. Man geht davon aus, dass die Leute auf dem Land da etwas für sich tun, das keinen über die Grenzen des jeweiligen Dorfes hinausweisenden Wert hat: Imbissbuden und Bierstände, zu laute und schlechte Musik, Umzüge, fertig. Diese Betrachtung verdient eine Korrektur.

Es ist zwar richtig, dass Dorffeste zunächst von den Dorfbewohnern für das eigene Vergnügen veranstaltet werden. Nur ist diese Beobachtung trivial, denn dass sich kulturelle Subjekte in Festen selbst erfahren und unterhalten, ist normal. Stadtfeste sind nichts anderes, nur größer, meist noch lauter und eben ein Ausdruck der Stadtgesellschaft.

Die entscheidende Frage ist, wie sich das Dorf im Fest erfährt. Und hier zeigt sich, dass das Spektrum von Dorfbums, Feuerwehrball, Karneval und was es sonst noch alles auf dem Lande gibt, einen zweiten Blick verdient. Denn an diesem Spektrum lässt sich ablesen, wie sich unsere sozialen Gemeinschaften selbst sehen und mögen, aber auch, wie geschickt oder unbeholfen sie in diesem Selbstausdruck sind. Es gibt Dorffeste hoher und solche geringer Qualität, aber es gibt bisher kaum Begriffe, in denen wir die Qualität von Dorffesten beschreiben können. Hier ist eine kulturpolitische Neuorientierung geboten, die die jeweilige Erinnerungskultur ebenso in den Blick nimmt wie die Integration unterschiedlicher Akteure in den Orten und das Verhältnis von Selbstausdruck und eingekaufter Unterhaltungsdienstleistung.

Am Anfang dieser Neuorientierung steht die Anerkennung, dass mit den Dorffesten eine selbst organisierte Form von Kultur praktiziert wird. Die Leute kümmern sich, machen sich Gedanken, tun etwas gemeinsam. Deshalb sollte auch den Kommunal- und Kulturpolitikern die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen wichtig sein. Schließlich ist eine analytische Perspektive von Kommunalpolitikern und, so vorhanden, auch Kulturpolitikern geboten, die aber nicht von Maßstäben erlesener Kunsterfahrungen, sondern aus dem Vergleich verschiedener ähnlicher Formate hervorgehen muss. Denn in den Differenzen steckt nicht nur ein Hinweis auf die Eigenart der verschiedenen lokalen Kulturen, es steckt auch ein Gesprächsmoment darin, über die Vielfalt an Traditionen, über ihre Fortentwicklung, über neue Ideen und alte Zöpfe. Und eben dieses Gespräch sollte die Kulturpolitik unbedingt suchen – es erwartet ja niemand eine Ballettdarbietung im Tütü, was nicht heißt, dass Politik keinen passenden Beitrag zu leisten im Stande wäre.

Die vermeintliche Selbstgenügsamkeit der ländlichen Kultur ist Legion. Ob die -> elitäre Kultur in ihrem abschätzigen Urteil nicht ebenso selbstgenügsam ist? Sicher ist, dass Dorffeste ihren Initiatoren viel Kraft und Zeit abverlangen und dass sie schon in Anbetracht dieser Energiebilanz viel aufnahmefähiger, kooperationswilliger und offener sind, als man gemeinhin denken möchte. Prost!

 

(wird fortgesetzt)