Beifall

Skizzen für ein Wörterbuch der Kulturpolitik I

Kenneth Anders, 10.11.2014

Das Klatschen des Publikums zum Ende einer künstlerischen Darbietung, manchmal begleitet von Rufen und Pfiffen, nennen wir Applaus oder Beifall. Kulturwissenschaftler haben hier schon immer kritisiert, dass es sich bei dieser Form der Anerkennung um ein kümmerliches Nadelöhr handelt. Ihr Argument lautet: früher haben die Menschen zusammen gesungen, heute lassen sie sich etwas vorsingen und die einzige Aktivität, die noch übrig geblieben ist, ist eben der Beifall. Das sei letztlich ein Verlust an kultureller Aktivität. Dieses Problem haben wir oft in unserer modernen Gesellschaft, auch beim Sport zum Beispiel. Statt selbst zu laufen oder zu springen, lassen wir andere laufen und springen und spenden dann Beifall.

Im Hinblick auf die Kultur muss man allerdings sagen, dass wir der künstlerischen Spezialisierung auch einiges zu verdanken haben. Es ist etwas verlorengegangen, aber es sind auch Dinge hinzugekommen. Zum Beispiel eine ungeheure Vielfalt an großartiger Kunst und eine Kultur des genauen Zuhörens und Zusehens.

Wie dem auch sei, Beifall ist nicht gleich Beifall. Er ist ein gruppendynamischer Prozess, in dem die Menschen vorübergehend zu einem Subjekt verschmelzen. Nicht, dass alle einer Meinung sind, aber die Widersprüche und Spannungen, die Begeisterung und Rührung, das alles drücken sie in diesem Moment gemeinsam aus. Früher gab es noch eine ausgeprägte Buh-Kultur, man hat also Künstler, deren Darbietung man schlecht fand, mit Schimpf und Schande von der -> Bühne gejagt. Das ist heute selten geworden, es hat sich nur in einigen hochkulturellen Häusern gehalten und das ist vielleicht auch besser so. Denn, so schlecht eine Vorstellung auch war, Buh-Ruf und Respekt sind doch schwer vereinbar.

Für die Künstler ist auch ein freundlicher Beifall beileibe nicht immer das Gleiche.  Es gibt höflichen Beifall, in dem das -> Publikum kein echtes Gefallen, aber eine Anerkennung der Mühe und Arbeit des Künstlers ausdrückt. Es gibt frenetischen Beifall, in dem das Publikum fast eine rauschhafte Begeisterung mitteilt. Es gibt nachdenklichen Beifall und übrigens auch selbstgefälligen Beifall, nämlich dann, wenn die Zuschauer und Zuhörer mehr sich selbst dafür beloben, dass ihnen das gefällt, was da geboten wurde, als dass sie die Künstler loben wollen. Es gibt auch zärtlichen und unsicheren Beifall. Beifall kann heiter und leicht oder streng und schwer sein.

Der schönste Beifall ist zögernd, tastend, und dann langsam anschwellend. Das Publikum ist nämlich noch so von dem, was ihm da gezeigt wurde, in Bann geschlagen, dass es zunächst ganz vergisst, zu applaudieren. Dann aber schwillt der Applaus immer mehr an und entlädt sich und die Leute stellen erst dadurch so richtig  fest, dass sie nicht allein im Saal waren, dass da auch andere waren und dass es auch denen so sehr gefallen hat. In diesem Moment schwillt der Applaus oftmals ein weiteres Mal an. Der Philosoph Immanuel Kant nennt dies einen Beitritt zum eigenen ästhetischen Urteil und er meint, das Interessante daran sei gerade, dass man den anderen ja nicht beweisen kann, dass etwas schön ist und dennoch das Gefühl hat, den anderen müsste es auch gefallen, weil es etwas mit uns als Menschen zu tun hat, mit unserer Vernunft und Freiheit. Und wenn die anderen nun also auch beipflichten und von Herzen applaudieren, dann löst sich dieses Bedürfnis ein. Und das macht glücklich.

Beifall richtet sich an Personen und würdigt deren Leistung im Hier und Jetzt. Bei Festivals oder Premieren können auch Filme Beifall erhalten. Bildern, Büchern oder CDs spenden wir dagegen keinen Beifall. Damit entfällt hier eine spontane Möglichkeit, andere vor einem gelungenen Kunstwerk aufzufordern, dem eigenen Urteil beizupflichten und sich so, ohne viele Worte, zu verständigen. Wer schon häufiger Ausstellungseröffnungen erlebt hat, wird die hier anzutreffende eigenartige Leere kennen, die dadurch entsteht, dass das Publikum keine Möglichkeit hat, eine gemeinsame Reaktion abzugeben.

(wird fortgesetzt)