Der schöne Starrsinn

Über Heimatpflege zwischen Schulterklopfen und Ignoranz

Kenneth Anders, 01.10.2014

Im September beschäftigten wir uns mit Heimatstuben und Dorfmuseen im Oderbruch. Mit Studenten der Eberswalder Hochschule hatten wir uns von Hohensaaten bis Wollup neun solcher Einrichtungen angesehen, mit den Leuten gesprochen, die sie betreiben und meist auch begründet haben und uns Gedanken darüber gemacht, warum man denn so viele alte Dinge sammelt? Es war überraschend und inspirierend. Nicht nur die riesigen Menge an interessanten Sammelobjekten, auch die Persönlichkeiten in den Heimatstuben hinterließen bei den Sommerschülern einen starken Eindruck. Und was man mit den alten Dingen alles anfangen, von ihnen lernen, an ihnen zeigen kann!  Die Heimatstuben sind Universen des Landlebens, und ihre Betreiber sind nicht nur Bewahrer, sie sind eigentlich Erzähler. Das Sammeln ist etwas Schöpferisches und man kann nur allen Menschen dieser Region wünschen, dass sie an dieser kreativen Beschäftigung auch teilhaben – als Zuhörer oder Miterzähler.

So präsentierten wir unsere Ergebnisse also in der Schlosserei der Agrogenossenschaft Schiffmühle. Die Wände hier waren schwarz von Jahrzehnte langen Eisenarbeiten, dennoch hatten die Mitarbeiter des Betriebes alles freundlich ausgeschmückt mit Utensilien des Erntedanks. Und die Leute, die wir befragt hatten, kamen, um sich anzusehen, was wir nun herausgefunden hatten. Es gefiel ihnen, sie fanden sich darin wieder und sie fanden es interessant. Nett von ihnen, dass sie das alles so ausgedrückt haben, dass wir es auch verstehen, sagte einer verschmitzt. Am Ende aßen wir zusammen eine Suppe, gekocht von Elke Krüger aus Altwustrow. Wunderbar!

Nun sah man sich aber unter den Gästen um und musste festellen: nicht alle, aber die meisten sind alt, einige sogar ziemlich alt. Herr W. ist 72 – gegenüber der 87jährigen Frau S. ist er fast ein junger Spund. Die anderen liegen eher dazwischen als darunter. Und obwohl das Alter der Menschen ihre Leistung ja in keiner Weise schmälert, fragt man sich doch besorgt, wer diese Arbeit eigentlich weitermachen soll, wenn die jetzigen Heimat-Aktivisten mal nicht mehr können? Alle klopfen ihnen auf die Schultern und loben ihr Engagement, aber kaum einer will sich die Jacke anziehen. Das gesellschaftliche Umfeld ist eher von Trägheit und schwindendem Interesse geprägt. Es hat sich so eine Bequemlichkeit breitgemacht, resümiert Herr S., ich weiß auch nicht, woher das kommt. Wir sprachen viel über diese Frage – über die ausgelaugten Arbeitenden, die höchstens nach ihrer Berentung wieder für solche Dinge zu interessieren wären, über die Medien, die die Aufmerksamkeit vom eigenen Ort abziehen und über die Trägheit des Reichtums oder, eben umgekehrt, die Vorteile der subsistenzwirtschaftlichen Emsigkeit. Aber das alles ändere nichts daran, dass die Alten, die die Heimatstuben offen halten, ziemlich alleine da stehen. Ist es denn bloßer Starrsinn, der diese Menschen daran hindert, alles hinzuschmeißen?

Nun zeigte sich aber in der Diskussion, dass die Leute offenbar recht guter Laune waren. Saßen nicht verbittert herum, meckerten nicht über fehlenden Rückhalt. Machten kein großes Gewese über fehlende Nachfolger. Forderten stattdessen Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit! Sie mit ihrem Institut, sie müssen das stärker publik machen! Dabei funkelten die Augen, als könne es nun endlich richtig losgehen.

Ja, wir geben uns Mühe. Aber wie kommt es, dass diese Leute so gut beieinander und nicht verhärmt ihr manchmal einsames Heimatgeschäft betreiben?

Die schönste Antwort gab uns Helmut Hulitschke aus Friedrichsaue: Das tut meiner Seele gut, sagte er. Das scheint mir sehr wichtig zu sein. Im allerersten Impuls tun diese Menschen das, was sie tun, für sich. Das schmälert den Wert dieses Tuns nicht, es schützt sie vielmehr davor, in einer Welt, die so vieles vergessen will, verrückt zu werden.

Auch zeigte sich bei vielen ein gewisses Grundvertrauen: wenn ich die alten Dinge sammle und zeige, ist es nicht nur eine persönliche Wertschätzung, es ist auch eine soziale Inwertsetzung. Diese Menschen gehen einfach davon aus, dass ihre Dörfer und sozialen Gemeinschaften auf Dauer nicht umhin kommen werden, sich dem Bestand zu stellen, der da nun einmal ist.

Und schließlich waren da ja nun junge Studentinnen und Studenten und stellten unter Beweis, dass sie durchaus viel mit dem anfangen konnten, was ihnen da zuvor gezeigt worden war. Und so wird es oft sein, denke ich mir: man steht in seinem kalten Heimatstübchen, hat eine alte Kaffeemühle in der Hand und erzählt sich etwas. Man erklärt, wie es funktioniert, man überlegt, dass man sowas auch selbst machen könnte, man singt ein Lied dazu und erzählt eine Geschichte. Dann ist es egal, wie viele Leute gekommen sind, das Gespräch selbst ist wichtig, seine Qualität und die darin steckende Begegnung.

Die Nachfolgedebatten sind vielleicht doch gar nicht so wichtig. Vielleicht ist es Starrsinn, aber dann ist es ein schöner Starrsinn, den ich mir gern zu eigen mache.