Über das Herunterbrechen

Kommunikation III

Kenneth Anders, 04.09.2014

Heute kommen wir mit der Kommunikation zum Schluss – natürlich nicht in der Sache, aber in den Kolumnen. Das Thema ist anstrengend und wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, kommt man leicht zu dem Schluss, dass letztlich alles Kommunikation ist: das Schweigen wie das Reden, das Schreien und das Ignorieren, die Arroganz der Macht und das Genöle der Ohnmacht. Entscheidend ist nicht, ob wir kommunizieren (denn das tun wir ohnehin), sondern wie wir kommunizieren. Aber die mit einer reflektierten Kommunikation verbundene Anstrengung – ist sie es überhaupt wert?

Um diese Frage greifbar zu machen, wähle ich ein Beispiel, einen Satz, in dem eine Fülle von Informationen enthalten ist, die nicht ausgesprochen, aber dennoch kommuniziert werden. Es ist ein Satz, den ich sehr oft zu hören bekomme und er lautet so:

Das ist aber sehr komplex, was sie da alles sagen, wenn sie wollen, dass die Leute das auch verstehen, dann müssen sie das erst mal ganz schön herunterbrechen, auf deren Niveau.

Welche Informationen enthält dieser Satz?

  1. Der Redner hat das zuvor Gesagte selbst nicht richtig verstanden.
  2. Weil der Redner sich selbst aber als gebildet ausweisen will, gibt er das nicht zu und kaschiert diesen Umstand, indem er sich als gescheit ausgibt und die Ausführungen als „komplex“ bezeichnet, was irgendwie intelligent klingt. In Wirklichkeit meint er aber: kompliziert.
  3. Wenn einem Dinge zu kompliziert sind, liegt das in der Regel nicht an der Fähigkeit, sie zu begreifen, sondern an der Bereitschaft dazu. Der Redner ist also irgendwie faul. Das Ganze ist ihm zu anstrengend.
  4. Der Redner schiebt seinen eigenen Unverstand auf „die Leute“, d.h. statt sein eigenes Verständnisproblem zu artikulieren, unterstellt er eine unverständige Masse an Menschen niederen Intellekts und begründet die Abwehr des Gesagten mit deren beschränktem Verstand. Er erweckt also (nun schon zum zweiten Mal) einen falschen Anschein.
  5. Der Redner unterstellt, dass neu erkannte, nicht triviale Zusammenhänge nichts für einfache Gemüter oder eine einfache Sprache sind. Das ist wiederum eine fragwürdige Behauptung. Vertrackte und beziehungsreiche Dinge müssen nicht verschachtelt ausgedrückt werden. Viele Sprichwörter belegen das, z.B. der wunderbare Satz Des einen Freud ist des anderen Leid. Es ist durchaus möglich, dass das zum Anlass dieser hier zitierten Rede Gesagte nicht das Niveau dieser schönen Einfachheit erreicht hat. Nur ist diese eben kein tiefes Niveau des Sprechens, sondern ein hohes: Man spreche klar und der Sache angemessen!
  6. Herunterbrechen ist ein furchtbares Wort. Arme Sprache, ach was man dir da einsetzt, Worte wie Folterwerkzeuge!

Alles ist Kommunikation. Kommunikation ist nicht per se gut oder schlecht, sie ist einfach. Aber wir müssen uns darauf einlassen, wenn wir es nicht dem Selbstlauf überlassen wollen, wie sich die Dinge entwickeln. Wohin geht eine Gesellschaft? Wie treffen Menschen kollektive Entscheidungen? Wie werden Kriege gemacht? Wie werden gelingende Prozesse gesteuert? Wodurch werden wir dumm, wodurch werden wir schlau?

Durch Kommunikation.

Das meine ich.