Die Abwesenheit von Humor,

meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Biberfreunde und liebe Freunde des Bibergenusses,

die Abwesenheit von Humor in der Naturwissenschaft und in der Politikwird oft – wie ich meine, zu Recht - beklagt.

Nun sind aber die Wissenschaft und auch die Politik hoch ernsthafte Betätigungsfelder, so daß man verstehen kann, daß humoristische Äußerungen in wissenschaftlichen und politischen Publikationen selten – oder in Ausnahmefällen listig versteckt – sind.

Dieses Verstecken hat zumindest in der Naturwissenschaft eine lange Tradition. Nicht ganz ernst gemeinte Artikel in Fachpublikationen renommierter Autoren waren spätestens im 19. Jahrhundert geradezu zur Mode geworden, Autoren und Herausgeber belohnten sich mit eigener diebischer Freude, wenn der betreffende Artikel ahnungslos zitiert wurde und so nicht selten ein Eigenleben beginnen konnte. Und der Leser erwartete sie irgendwann geradezu – sie wurden zu einer eigenen Scherzform.

Solche Artikel nennen wir heute „Nihilartikel“.

Bevor ich endlich die Kurve zum Biber einschlage, möchte ich drei berühmte Nihilartikel aus neuerer Zeit erwähnen, die der eine oder andere von uns zumindest vom Hörensagen kennt:

1.
Nasobema lyricum – das Nasobem.

„Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht. (…)“

Dieses Gedicht, von Christian Morgenstern im Jahre 1905 in den „Galgenliedern“ veröffentlicht, führte relativ schnell dazu, daß sowohl im Meyer als auch im Brockhaus das Nasobem als fingierter Lexikonartikel vertreten war. (Der Humor seiner Herausgeber hat offenbar dem Renommeé dieser Enzyklopädien nicht schaden können.)

Der namhafte deutsche Zoologe Gerolf Steiner ließ sich zu seinem 1957 erschienenen Werk „Bau und Leben der Rhinogradentia“ inspirieren, das inzwischen längst zur Pflichtlektüre für jeden Zoologiestudenten zählt.
Die Nasobeme oder Nasenschreitlinge werden in Anatomie, Physiologie, Ökologie und Systematik ausführlich dargestellt.
Auch in Vollmers 9-bändigem Biologischen Lexikon fehlt das Stichwort nicht. Usw. usw….

2.
Petrophaga lorioti – die gemeine Steinlaus

In einer 1976 in der ARD ausgestrahlten Parodie auf die Sendereihe „Ein Platz für Tiere“ beschreibt Vicco „Loriot“ von Bülow – in der Rolle des Bernhard Grzimek – die Steinlaus als scheuen Nager, der sich von Silikaten, also von Steinen ernähre. Das geschlechtsreife Männchen habe einen Tagesbedarf von etwa 28 kg Beton und Ziegelsteinen… usw. usw…..

(In der Erstbeschreibung des „possierlichen Kerls“ wurden übrigens bereits seine biberartigen Zähne erwähnt.)

1982 verzeichnete das renommierte medizinische Wörterbuch „Pschyrembel“ (Wiss.Verlag DeGruyter, 256. Auflage) erstmals die Steinlaus. Der Artikel scheint von Bülows „Erkenntnisse“ zu belegen – darüber hinaus informiert das Lexikon über Forschungsarbeiten, die den Wert der Steinlaus bei der Therapie von Gallen-, Blasen- und Nierensteinen erkannt hätten, und die Unterarten Gallensteinlaus und Nierensteinlaus werden erwähnt.

3. (und damit kommen wir nun wirklich zum Biber)
Platypsyllus castoris – die Biberlaus

1909 legte Edmund Reitter die ersten 2 Bände seines fünfbändigen Bestimmungswerkes „Fauna Germanica: Die Käfer des Deutschen Reiches“ vor. Im 2. Band wird unter der „Familienreihe Staphylinoidea,

1. Familie: Platypsyllidae“ die Biberlaus ausführlich beschrieben. Sie wurde, so Reitter, „von Dr. Friedrich an der mittleren Elbe … an den dort vorkommenden Bibern entdeckt.“

Die Fachwelt war sich einig: hier hatten sich Reitter und sein Freund Friedrich einen Scherz erlaubt. Bis heute hält sich dieses Gerücht, obwohl seit langem die Existenz dieses Käfers belegt ist. Überall, wo Biber vorkommen, ist er inzwischen nachgewiesen, außer in Brandenburg, wo Biber, wenn überhaupt, dann nur mit Glacéhandschuhen berührt werden dürfen, mit denen ein so kleines Tier wie die Biberlaus allerdings schwer zu fangen ist…
Jetzt aber Scherz beiseite, es wird ernsthafter.
In neuester Zeit scheint diese schöne Tradition der Nihilartikel auszusterben, man findet sie kaum noch.

Bei näherem Hinsehen erkennt man aber: es gibt sie noch (oder wieder?), nur sind sie offensichtlich aus der Naturwissenschaft in die Politik gewechselt. „Artikel“ ist ja sowohl eine Kategorie wissenschaftlicher wie auch politischer Publikationen, also in erster Linie Gesetzestexte.

Womit wir ganz aktuell wieder beim Biber wären:

Ich habe mich in den letzten Tagen und Wochen sehr geärgert über die Negativberichterstattung in der MOZ bezüglich der neuen Biberverordnung.

Unserer Umweltministerin Anita Tack wird hier einseitig und geradezu flächendeckend „mangelndes Problembewußtsein, Ignoranz, Inkompetenz, Verantwortungslosigkeit…“ vorgeworfen. Niemand von den Wortführern dieser sogenannten Kritiken und Proteste hat offensichtlich je einen Blick in diese Verordnung geworfen, sonst wäre schnell aufgefallen, daß sie gar nicht ernst gemeint sein kann!

Warum merkt das keiner, bevor hier laut öffentlich diskreditiert wird?!

Laut Biberverordnung soll mit Hilfe eines „Bibermanagements“ zum Schutz der Hochwasserschutzanlagen - resp. der Oderbruchlandschaft etc. – eine Gefahrenabwehr bei Biberschäden durch Entnahme und Tötung einzelner Tiere ermöglicht werden. Entnahme und Tötung sollen aber u.a. dann ausgeschlossen sein,

1. wenn die Tiere sich in Natura2000- oder Naturschutzgebieten aufhalten oder
2. wenn es sich um Tiere handelt, die keine Jungtiere versorgen.

Daß der Oderhauptdeich zu 100 % in solchen Schutzgebieten liegt, ist sogar in der MOZ nachzulesen.

Man darf wohl auch davon ausgehen, daß eine Umweltministerin weiß, daß es praktisch nie Zeiten gibt, in denen ein Biberpaar keine Nachkommen zu versorgen hat, denn die vorjährigen Jungen werden bis zum Abstillen der neuen Brut im Familienverband versorgt, was bis zu drei Jahre dauern kann.

Wem das noch nicht genügt, dem sollten spätestens bei der Forderung die Augen aufgehen, daß Maßnahmen zur Biberabwehr nur „vom 15. September bis 15. März bei frostfreien Großwetterlagen“ erlaubt sein sollen…
Hätte sie schreiben sollen „nur in Vollmondnächten und wenn die Quersumme des Temperaturunterschieds zum Vortag durch 7 teilbar ist“ oder dgl.? Also wirklich, meine sehr verehrten Damen und Herren…

Ich hoffe gezeigt zu haben, daß es nicht etwa Frau Tack an Problembewußtsein, sondern uns an Humor fehlt.

Ihr und ihrem Ministerium gebührt das Verdienst, ein ganzes Nihilgesetz vorgelegt und damit eine schöne alte Tradition wieder belebt zu haben!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Peter Herbert, 21.07.2014

Winkel 155
16259 Neulewin

 

 

Quellen:

GÖTTMANN, S. (2014): „Das schlägt dem Fass den Boden aus“.- In: Z. Märk.Oderzeitung, 12./13. 7. 2014.- 13.
GRIEGER, U. (2014): „Wir lassen das Land nicht aus der Pflicht“- In: Z. Märk. Oderzeitung, 16. 7. 2014.- 16.
HENDRICH, C. (2014): „Die Bayern machen es seit Jahren vor“.- In: Z. Märk. Oderzeitung, 11. 7. 2014.- 16.
MORGENSTERN, C. (1905): Alle Galgenlieder.- Berlin: Cassirer
NATUSCHKE, S. & C. WARTENBERG (2010): Liber Biber.- Ortwig: Loose Art Verlag.- 48 S.
PSCHYREMBEL, W. (1986): Klinisches Wörterbuch, 256. Aufl.- Berlin/New York: de Gruyter.- 1137.
REITTER, E. (1909): Fauna Germanica. Die Käfer des Deutschen Reiches.- Stuttgart: KG Lutz, Bd. 2.- 12-13.
SCHULZE, J. (1971): Die Biber von den Grätz-Eichen.- Schönebeck/E.: Eigenverlag.- 84 S.
SIEWING, R. (Hrsg.)(1985): Rhinogradentia.- In: Lehrbuch der Zoologie. Systematik.- Stuttgart: G. Fischer, 3. Aufl., Bd. 2.
STÜMPKE, H. (2001): Bau und Leben der Rhinogradentia.- Heidelberg/Berlin: Spektrum Akad. Verl. (Nachwort von Gerolf Steiner)
VOIGT, N. (2014): „Wir wollen bewusst ins Minenfeld“.- In: Z. Märk. Oderzeitung, 19./20. 7. 2014.- 14.