Warum wir Korbmacher zum Reden brauchen, solange wir Körbe verwenden

Kommunikation IV

Kenneth Anders, 08.07.2014

Eine verbreitete Geringschätzung der Kommunikation bei vielen Menschen resultiert aus der Erfahrung, dass alles Reden nichts hilft, weil letztlich die Handlungen der Menschen doch vom Geld bestimmt werden. Über Geld gibt es lauter entsprechende Redensarten: Geld regiert die Welt zum Beispiel oder Geld macht schön. Da Geld in unserer Gesellschaft so wichtig ist, sind wir blind für das, was es eigentlich ist, nämlich ein sehr effektives Kommunikationsmittel – aber eben auch nicht mehr. Mit Geld werden Tauschverhandlungen aller Art extrem abgekürzt. Man stelle sich vor, ein Schmied geht zu einem Töpfer und bittet ihn um einen Krug. Und es gibt in ihrer Welt kein Geld.

Der Töpfer fragt: Was gibst du mir dafür?

Darauf der Schmied: Ich könnte dir einen Schürhaken machen.

Der Töpfer sagt: Ich brauche keinen Schürhaken, ich habe schon einen.

Der Schmied könnte nun erwidern:  Aber ein Schürhaken ist vielmehr wert als ein Krug. Du könntest ihn aufheben und später gegen etwas anderes eintauschen.

Der Töpfer antwortet: Wie kommst du darauf, dass der Schürhaken mehr wert ist? Das ist ja arrogant!

Nein, müsste der Schmied sagen, das ist nicht arrogant, ich weiß einfach, wie viel Arbeit darin steckt. Und ich habe eine ungefähre Ahnung davon, wie viel Arbeit in deinem Krug steckt. Deswegen meine ich, dass der Schürhaken mehr wert ist.

Wie kommst du auf diesen Unsinn, kann der Töpfer nun erwidern, ich brauche für die Formung und den Brand länger als du für das bisschen Hämmern am Feuer!

Naja, sagt der Schmied nun, schon allein das Eisen, das ich verarbeitet habe, gibt es ja nicht einfach so aus der Grube, es ist sehr aufwändig zu gewinnen. Von der Kohle rede ich jetzt noch gar nicht. Da haben vor mir schon viele andere ihre Arbeit reingesteckt.

Na meinst du, ereifert sich der Töpfer, ich nehme den Ton einfach so aus meinem Gemüsegarten?

Wir könnten den beiden noch lange zuhören, Aushandlungen über einen fairen Tausch lassen sich endlos lang gestalten. Noch schwieriger, wenn nicht unmöglich, werden Tauschverhandlungen, wenn die zu tauschenden Güter oder Dienstleistungen so unterschiedlich sind, dass man sie eigentlich gar nicht vergleichen kann. Für manches braucht man Talent, für anderes jahrelange Bildung, das nächste kostet vor allem Schweiß. Wie will man das aushandeln? Nur relativ abgeschlossene und kleine Gemeinschaften können ihre übersichtliche Zahl von Produkten und Leistungen über lange Zeiträume in ein tragbares Verhältnis bringen. Es pegelt sich ein. Sobald aber die Menschen, die miteinander eine Gesellschaft bilden, mehr werden, ist Geld ein offensichtlich unverzichtbares Kommunikationsmittel. Der eine sagt, was er für eine Sache haben will, der andere entscheidet, ob er es bezahlen will und wenn daraufhin der Tausch einfach nicht zustande kommen will, sinkt der Preis eben. Die Sache ist versachlicht. Und die Frage ob ein Preis fair ist, fällt unter den Tisch. Das ist nicht schön, aber praktisch.

Am deutlichsten spüre ich die verheerende Kraft des Geldes in Kulturen, die erst vor kurzem dazu übergegangen sind, ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten durch Geld zu kommunizieren. Es ist wie das Umschlagen aus einer offenen, vom Vertrauen auf gegenseitigen Vorteil geprägten Interaktion in eine einzige radikale Frage: WIEVIEL? Bedürftigkeit, besondere Umstände, Zuneigung, die Achtung der Arbeit und des Produkts, all das spielt auf einmal überhaupt keine Rolle mehr.

Nach und nach wird auch all das, was als unveräußerlich galt, der Geldkommunikation unterworfen. Der Stolz des Handwerkers zum Beispiel, mancher lässt ihn sich abkaufen. In diesen Momenten bekommt man eine Ahnung davon, wie grausam die Auswirkungen des Geldes als Kommunikationsmittel sein können – so effektiv es auch sein mag. Mit dem Geld kaufen wir uns die Freiheit, über andere Menschen zu verfügen, über Dinge, über Zeit, über Räume. Menschen werden von den Möglichkeiten dieser radikalen Abstraktion vollkommen berauscht.

Durch seine Eigenschaft, wirtschaftliche Tauschkommunikationen abzukürzen und zu vereinheitlichen, hat das Geld dazu beigetragen, aus der ganzen Welt einen einzigen Wirtschaftsraum zu machen. Beinahe überall kann man es nun anwenden, reihenweise sind die Menschen in den letzten 100 Jahren Teil seiner Kommunikationsgesellschaft geworden. Wir tauschen wie verrückt, seit wir das Geld haben. Das hat, wie wir wissen, Vor- und Nachteile. Hier soll es nur um einen Aspekt gehen, der dann zum Problem wird, wenn wir in der Wirtschaft nichts mehr als das Geld gelten lassen. Indem wir auf sämtliche direkte Tauschbeziehungen verzichten, verlieren wir unseren wirtschaftlichen Verstand. Um das zu verdeutlichen, nehmen wir diesmal ein Beispiel aus unserer Region.

Thea Müller in Buschdorf gehört zu den letzten Deutschen, die die Korbmacherei als Handwerk ausüben. Der Grund: Man kann davon hierzulade nicht mehr leben. Dabei ist es nicht einmal möglich, die harte Arbeit des Flechtens an Maschinen abzugeben, wie dies bei anderen Gewerken längst geschehen ist. Die ständige Schätzleistung, die der Korbmacher in der dreidimensionalen Verflechtung uneinheitlicher Naturmaterialien vollbringt, ist auch Anfang des 21. Jahrhunderts Sache der menschlichen Hände. Zudem werden immer noch viele Körbe gekauft – zwar sind sie vielerorts durch andere Behälter ersetzt worden, aber es gibt keine so vollständige Substitution wie etwa die der Holzbottiche durch Plaste- und Blechbehälter. Während der Böttcher also ein echter Exot für erlesene Barriqueweine geworden ist, ist der Korbmacher nach wie vor ein Handwerker, der im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun hat. Nur, das wissen wir alle, handelt es sich dabei um keinen Korbflechter von hier, es handelt sich… ja um wen handelt es sich eigentlich?

Das wissen wir nicht. Wenn wir im Baumarkt stehen und uns im Vorübergehen einen Brennholzkorb schnappen, einfach, weil er uns gefällt, weil er nur 15 Euro kostet und weil wir gerade nichts Besseres zu tun haben, dann wissen wir überhaupt nichts darüber, wer diesen Korb geflochten hat. Es ist nicht einmal wichtig, ob der Korb was taugt, denn für 15 Euro können wir uns jedes Jahr einen neuen kaufen. Es spielt keine Rolle. Es spielt auch keine Rolle, dass wir mit jedem Korb, den wir einfach so mitnehmen, einen weiteren Sargnagel für die hiesigen Korbflechter einschlagen. Und es spielt keine Rolle, dass wir in tausenden anderen Kaufsituationen seit Jahrzehnten genau das Gleiche tun, ganz egal, ob es sich um Weber, um Köhler oder um Porzellanhersteller handelt. Wir meinen, wir kaufen nur, aber in Wirklichkeit sagen wir: Deine Arbeit ist mir zu teuer, das ist es mir nicht wert. Ich will mehr vom Leben, ich will gar nicht wissen, was dahinter steckt.

Das haben natürlich viele schon gemerkt und deshalb unternehmen wir als Gesellschaft alles Mögliche, um auf das, was dahinter steckt, doch ein bisschen Einfluss zu nehmen. Wir schauen auf die Kinderarbeit in Bangladesch, wir fördern Ökodörfer in Lateinamerika, wir versuchen, die Welt wieder gut zu machen. Das ist auch in Ordnung, wenn es manchmal auch einem Verschiebebahnhof gleicht.

Wie dem auch sei, wenn wir selbst keinen Korbflechter mehr unter uns haben, der uns sein Handwerk erklären kann, verlieren wir nicht nur eine elementare menschliche Kulturtechnik, wir verlieren auch das Urteilsvermögen darüber, wie viel die Körbe eigentlich kosten müssen, um sagen zu können: Ok, so ist das einigermaßen fair bezahlt. Mein Urteilsvermögen über das, was in einem Produkt an menschlicher Arbeit steckt, entsteht jedenfalls aus dem direkten Kontakt zu den Arbeitenden – außer dem Selbermachen ist dies die einzige Quelle, durch die ich mir wirtschaftlichen Verstand erwerben kann. Ich brauche jemanden, der mir zeigt: So und so muss das gemacht werden, sonst ist es Pfusch, Umweltfrevel oder Ausbeutung. Und wenn man es so macht, dann dauert es so und so lange.

In Bezug auf die Körbe erfährt man das z.B. bei Thea Müller in ihrem Buschdorfer Korbmachermuseum  – und man merkt zugleich, ohne dass sie es einem auf die Nase bindet, dass selbst ihre Körbe mindestens das Dreifache kosten müssten, damit es funktioniert.

Wenn wir die Tauschkommunikation zwischen Töpfer und Schmied oder jene zwischen uns und den Korbmachern immer durch das Geld abkürzen, dann werden wir dumm. Und wieder heißt es dann: Dummheit macht Schaden. Unsere Kaufentscheidungen haben kein Korrektiv mehr, sie sind durch keine Erfahrung untersetzt. Nachhaltigkeit futsch, Fairness futsch, Welt am Ende kaputt. Diese Erfahrung, mit der wir den Wert einer Arbeit bemessen, können wir nur gewinnen, wenn wir direkt mit denen kommunizieren, die die Arbeit machen, deren Früchte wir erwerben und genießen wollen. Das klingt für einen Kunden am modernen Wirtschaftsmarkt recht weit hergeholt, finden Sie nicht?

Ja, das ist es. Aber sind wir im Leben nicht mehr als Kunden? Und bedeutet das nicht auch, dass wir in der Wirtschaft mehr tun als bezahlen und Rechnungen stellen?