Feuerwehren und Kirchgemeinden

Kommunikation III

Kenneth Anders, 13.06.2014

In diesen Tagen beschäftige ich mich viel mit den Feuerwehren im nördlichen Oderbruch. Der Grund ist ein schönes Kulturprojekt, das von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird. Es entstehen ein Theaterstück und ein Fotoessay, beides wird zusammen in einem Buch erscheinen. Das Theaterstück soll Ende August Premiere haben und anschließend bei Dorffesten und Feuerwehrbällen aufgeführt werden. Es wird im Wesentlichen ein Ein-Mann-Stück, und Jens-Uwe Bogadtke soll es spielen. Der Stücktext wird zu großen Teilen aus den Aussagen zusammengesetzt, die wir in Interviews mit über 50 Feuerwehrleuten in der Region gesammelt haben.  Fünf Interviewer waren unterwegs, haben sich unterhalten, mitgeschnitten, gemeinsam Textpassagen ausgewählt und diese verschriftlicht. Nun sitze ich da und versuche, die Dinge nach einer dramaturgischen Idee zu verschmelzen.

Es ist verblüffend: die vielen einzelnen Aussagen lassen beinahe ohne Widerstand zusammenfügen und miteinander verknüpfen. Sieht man von mundartlichen Unterschieden und von anderen sprachlichen Feinheiten, etwa durch Alter und Geschlecht ab, ist es beinahe, als spräche da eine Person. Wie Teile eines Puzzles fügen sich die Aussagen der Kameraden zu einem Gesamtbild.

Ich habe mich gefragt, was das bedeutet. Dass die Aussagen von über 50 Menschen in einer großen räumlichen Verteilung – von Reichenow bis Neutrebbin, von Neuranft bis Wriezen, von Neuenhagen bis Neulewin oder Falkenberg – so geschmeidig zusammenpassen, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Die Feuerwehrleute setzen sich mit zahlreichen Widersprüchen ihres Engagements auseinander – zum Beispiel mit der Tatsache, dass ihr Dienst freiwillig ist, aber der Erfüllung von kommunalen Pflichtaufgaben dient. Das Verhältnis zur Kommunalpolitik ist deshalb eine ständige Baustelle, die sie sehr genau beschreiben können. Die Kameraden reflektieren auch die Ambivalenz der modernen Technik – sie wird besser, aber auch anfälliger, teuer und wartungsbedürftiger. Sie greifen andere Meinungen auf und integrieren diese in ihre Perspektive, und sie schlagen einen Bogen von der Verantwortung für Leib und Leben in den Einsätzen bis zur zentralen Rolle in vielen Dorfgemeinschaften, bei den Festen und Veranstaltungen. Sie beziehen sich auf Erlebnisse und machen Geschichten daraus – lustige Anekdoten und traurige Erzählungen.

Auf diese Weise werden die alltäglichen Erfahrungen der Einzelnen in eine gemeinsame Perspektive auf die Gesellschaft eingebunden. Die Haltungen und Sichtweisen der Kameraden sind nicht statisch, sie sind die ganze Zeit im Fluss. Anders hätten sie die Umbrüche und Veränderungen der letzten Jahrzehnte gar nicht überstehen können. Und eben diese kollektive Beschreibung ihrer Wirklichkeit unterscheidet die Feuerwehren von vielen anderen Akteuren im ländlichen Raum, die ja ebenso von den hiesigen Veränderungen betroffen sind, etwa von den demografischen Verschiebungen oder vom gewandelten Verhältnis des Staates zu seinen ländlichen Regionen.

Nehmen wir zum Beispiel die Kirche hier auf dem Land. Die Kirche im Dorf, das war viele hundert Jahren lang fast ein Synonym. Ich bin sicher, würde ich heute Interviews auch nur mit zehn Christen in diesem Raum machen, es wäre erheblich schwieriger, daraus einen gemeinsamen Text zu entwickeln. Ich versuche seit Jahren, solche Gespräche zu führen. Es fällt den meisten Christen sehr schwer, eine Sprache zu finden, mit der sie sich selbst als Gruppe in einem bestimmten Raum beschreiben können. Die einen sind aus Tradition dabei, die anderen interessieren sich vor allem für den Friedhof, die nächsten haben „ihren Gott“ im Sinn, der aber nicht so ganz den Vorstellungen der anderen entspricht. Erfahrungen des Alltags werden kaum noch als gemeinsame Erzählungen tradiert. Während die Feuerwehrleute noch nach Jahren davon berichten, dass Kameraden bei Einsätzen verunglückt und gestorben sind, sehen ausgerechnet die Christen auf ähnliche Unglücke in ihren Reihen oft mit stummer Trauer – man weiß nicht, wohin damit. Ein durch die tägliche Praxis immer wieder erneuertes Verhältnis zur Politik gibt es überhaupt nicht. Widersprüche, die sich aus der Rolle als Christ in der Gesellschaft ergeben, sind kaum Teil des täglichen Gesprächs. Die Bibel ist der gemeinsame Text, auf den sich die Christen berufen, aber einen „mündlichen Text“ können sie im Moment nicht produzieren. Und was ist das Ergebnis dieses Vergleichs?

Das Ergebnis lautet, vereinfacht: Die Feuerwehren sind vital, die Kirchgemeinden eher nicht. Es sind in den letzten Jahren auch Ortsfeuerwehren zugrunde gegangen, aber viele haben überlebt, haben neuen Zulauf und mache strotzen sogar vor Kraft. Ihre integrierende Rolle in den Dörfern und Kleinstädten ist beträchtlich. Sie verbinden Generationen, sie machen Nachwuchsarbeit, sie springen nachts aus dem Bett. Die Kirchgemeinden dagegen haben, bei allen schönen und wertvollen Dingen, die sich in ihren Kreisen zutragen (ich habe sie an anderer Stelle beschrieben), eine bestimmende Erfahrung und das ist die des drohenden Endes ihrer Gemeinschaftsform durch ein beispielloses Verstummen.

Soziale Systeme erneuern und organisieren sich durch Kommunikation, und zwar: indem sie sich selbst beschreiben. In der Selbstbeschreibung ordnen die Menschen ihre Rollen, greifen Ereignisse auf und bringen Positionen zur Geltung. Sie setzten sich von einer Umwelt ab und sagen: Innerhalb dieses Kreises, den wir durch unsere Kommunikation ziehen, übernehme ich Verantwortung. Man muss diesen Kreis ziehen, denn man kann nicht für alles verantwortlich sein.

In den letzten Jahrzehnten ist uns diese Selbstbeschreibung durch viele Anreize abgewöhnt worden. Das Fernsehen, überhaupt viele Medien informieren und unterhalten, nehmen den Leuten aber den Impuls ab, miteinander zu kommunizieren und eine Sprache für die eigene Situation zu finden. Wer immer auf andere und anderes schaut, statt die persönlichen Erfahrungen in ein Gespräch einzubetten, der lebt für sich. So werden aus Dörfern Schlafsiedlungen.

Dieser Prozess, das lehrt mich die Erfahrung mit den Feuerwehren, ist kein Automatismus. Er wird vielleicht durch die räumliche Verteilung von Arbeitsplätzen, durch das Pendeln, durch unsere moderne Mobilität, durch die Medien, durch die Telekommunikation und vieles andere befördert. Aber wir entscheiden letztlich selbst, ob und mit wem wir kollektive Erfahrungen machen. Auf der Basis gemeinsamer Selbstbeschreibungen können Menschen ihr Handeln ausrichten und sich durch schwierige Situationen navigieren. Die Voraussetzungen sind Bindung und Kommunikation. Das ist für mich das Geheimnis der Feuerwehren. Sie machen es richtig. Andere schauen manchmal mit Neid auf die Feuerwehren und die Kommunalpolitik kann ein Lied davon singen, wie anstrengend und lästig ihre Forderungen manchmal sind. Ich kann in diesen Tagen nur den Hut ziehen und mich fragen, warum es ihnen eigentlich keiner nachmacht. Das wiederum ist nicht das Geheimnis der Feuerwehren, es ist das Geheimnis der Kommunikation. Die ist nämlich möglich, aber letztlich doch unwahrscheinlich. Wie das Leben selbst.