Etwas Nettes über den Biber

Eine Antwort auf Kenneth Anders und Lars Fischer

Anne Kulozik, 10.02.2014

Gestern habe ich draußen am Hühnerstall gewerkelt und wurde dabei permanent von dem hupenden Gesang der Singschwäne begleitet. Duzende verbrachten den frühen Abend auf den Feldern um unser Haus in Altreetz herum. Beim Anstreichen hat man Zeit zum Nachdenken. Nach einer Weile der Bewunderung für diesen besonderen Laut versuchte ich mir vorzustellen, wie es anderen Menschen damit ergehen mag. Schon hatte ich das Bild eines fluchenden Mannes im Kopf, der nicht zur Ruhe kommt wegen der Schwäne. Heute dagegen waren sie wieder da, die Schwäne und diesmal sah ich ihn sogar, den Mann, der wegen ihnen nicht zur Ruhe kommt. Als ich nämlich einen paar Schüsse hörte, flogen die Schwäne auf und der Mann ging sogar aufs Feld, um auch noch die letzten zu vertreiben. Ganz unterschiedliche Gründe haben wir, uns über die Dinge in unserer Umgebung zu freuen oder zu ärgern, je nach Stimmung, Wissen über sie oder Wissen um den Schaden, den sie uns zufügen können. Und, dass Schwäne Schäden auf den Äckern anrichten können, daran hatte ich kurz vorher gar nicht gedacht.

Im Betracht auf den Biber geht es mir ähnlich wie mit dem Schwan bzw. eigentlich bewundere ich den Biber noch mehr. Er schafft es nicht nur, in der hier intensiv genutzten Landschaft eine Randexistenz zu fristen, nein, er bevölkert alle Winkel, die er erreichen kann. Nach dem Motto: „Na gut, fangen wir zunächst mal hier an der Stillen Oder an, mal sehen wie’s läuft. Danach vielleicht den kleinen Graben weiter, mir scheint, dort stehen ein paar gute Weiden. Und dahinter hab ich gesehen, wurden schöne, junge Eichen gepflanzt. Die spar ich mir für später auf.“ Endlos könnte man weitere Ecken aufzählen, die dem Biber gefallen würden, es ist ja auch nicht weiter verwunderlich: Das Oderbruch ist wie geschaffen für ihn. Trotz der hohen Maispflanzen (die er ja auch zu nutzen weiß), und der Häufigkeit, mit der die Landmaschinen über die Flächen rollen, schlingelt er sich auf dem Entwässerungsnetz aus Vorflutern durch die Landschaft. Der Schlingel. Seine Spuren sind überall zu sehen, ob angenagte Bäume oder schon gefällte, Biberburgen oder Rutschen. Dabei ist‘s doch unheimlich, dass man ihn selber sonst eher selten sieht. Als ich letzten Sommer des nachts mit dem Fahrrad bei Herrenwiese unterwegs war, platschte es im Dunkeln plötzlich laut aufs Wasser! Was für ein Schreck!

Was ich damit sagen will: Für mich ist es erstaunlich, betrachtet man viele andere Tiere und Pflanzen, die als Kulturfolger einer älteren Form der landwirtschaftlichen Nutzung heute Probleme haben, in der modernen Agrarlandschaft zu überleben, wie gut ein so großes Säugetier hier heimlich und frech seine Wiederansiedlung feiert! Und da ich es nicht anders kenne, gehört er für mich hierher ins Oderbruch!

Die Wiederansiedlung durch den Menschen, was auch immer sie für fragwürdige Hintergründe haben mag, ist übrigens auch ein Grund, weshalb ich uns in der Verantwortung sehe, über den Biber nachzudenken. Genau wie bei anderen Tieren, die man sich anschafft – Hühner, Katzen und Ponys oder Riesenesel in Weideauenprojekten – stehen wir in der Verantwortung. Auch für die Population von Bibern, die sich hier mittlerweile gebildet hat. Natürlich hätte es sein können, dass er auch auf anderem Wege in diese Region zurückfindet. Nun haben wir es aber einmal selber angezettelt. Doch heißt dies, dass wir uns nun am besten durch Bejagung um ihn „kümmern“ sollten? Davor möchte ich aus zwei Gründen warnen:

  1. Verglichen mit Rehen, deren Zahl der Jäger auf ein überschaubares Maß dezimieren soll, damit sie nicht allzu viel Schaden in forstlich oder landwirtschaftlich genutzten Flächen anrichten, erscheint es mir doch erheblich schwieriger ein „erträgliches Maß“ an Bibern in einer Landschaft zu belassen. Wann ist das Maß voll? Die Schwelle würde sicherlich viel zu niedrig ausfallen, als dass eine Biberpopulation aufrecht erhalten werden könnte, denn schon ein einzelner kann erheblichen Schaden anrichten und mobil sind sie obendrein. In welche Gebiete ließe er sich zurückdrängen und wer würde sein Land hergeben bzw. welche Gräben würde man dafür aufgeben? Ohne hier eine Flächenlösung zu finden hieße das, dass der Biber letztlich wieder einmal ausgerottet werden würde.

  2. Die Entwicklung unserer Landnutzung sollte sich entlang dessen bewegen, was der Landschaftshaushalt an Ressourcen bereithält. Es wird in Frage gestellt, welche Funktion ein Biber in der Landschaft erfüllt, die seine Existenz rechtfertigen könnte. Einen Teil der Funktion, nämlich eine ästhetische, den Charakter der Landschaft beeinflussende, habe ich bereits oben genannt. Eine Weitere schlage ich hier vor: Könnte der Biber nicht in unsere Landschaftsernte integriert werden? Ich weiß, dass die Fischerei damals, als Entwässerung und Deichbau noch nicht ein so üppiges Ausmaß angenommen hatten, ein wichtiges wirtschaftliches Standbein des Oderbruchs ausgemacht hat. Der Biber könnte uns beim Wiederaufbau dieses Wirtschaftszweiges hierbei „unterstützen“. Wir könnten uns sein Baumeisterwissen zu Nutze machen und uns hier und dort ein paar Gewässer von ihm anlegen lassen. Diese würden befischt werden, ganz so, wie in alten Zeiten. Auch hier wäre die Frage, welche Flächen in Frage kämen. Außerdem müsste die Population auch hier eingedämmt und kontrolliert werden. Man könnte sogar so weit gehen, dass man den Biber immer wieder andere Flächen zur „Gestaltung“ überlässt, so können die nach einer Saison hinterlassenen, abgelagerten Schlämme und pflanzlichen Rückstände wieder der Landwirtschaft zu Gute kommen. Angelegt werden müsste dafür heutzutage ein Finanzierungspool, der den Flächenbesitzern einen Ausgleich schafft. Auch die Fischer würden für ihre neuen Gewässer zahlen müssen. In Direktvermarktung nach Berlin ließen sich ganz bestimmt Abnehmer dieser besonderen Fische finden.


Es wäre bestimmt eine große Hürde, die Selbstbestimmung über sein Land abzugeben an ein Tier, das sehe ich ein. Doch Orte zu finden, an denen Biber hier sein können, davon sind wir wahrscheinlich weniger weit entfernt, als wir uns eingestehen wollen. Aber natürlich nur dann, wenn wir uns klar machen, dass uns dieses Tier etwas wert ist und wie viel er uns wert ist. Mir ist er etwas wert, deshalb gefällt mir der Gedanke, dass er die Landschaft mit mir teilt besser, als ihn aufgetischt zu bekommen. Auch, wenn ich mal gerne kosten würde. Man fragt sich ja doch, wie er wohl schmeckt. Nach Fisch?