Biber mit Kartoffelmus

Warum der gegenwärtige Umgang den Nagern so gefährlich ist

Kenneth Anders und Lars Fischer, 27.01.2014

Blickt man am Neutornower Pfarrhaus vorn aus dem Fenster, zur Straße hin, sieht man direkt auf den Neuenhagener Sporn und auf die an seinem Hang gelegene helle Kirche. Hinter dem Haus erstreckt sich der Garten und dahinter liegt die Tornsche See, eine breite Öffnung der Stillen Oder, die über die Alte Oder entwässert wird. Mehrere Wasserarme ziehen sich an die Gärten der Anwohner heran, Boote liegen an den Stegen und oft sieht man Angler auf dem Wasser zwischen den Enten und Schwänen ihr Glück versuchen. Am besten lässt sich diese Szenerie von einer kleinen Halbinsel aus bewundern.  Sie ist gesäumt von Eschen und Weiden und an ihrem Ende haben die Neutornower eine hübsche Holzbank aufgestellt, so dass man das prächtige alte Schöpfwerk am gegenüberliegenden Ufer betrachten kann. Es ist ein herrlicher Ort und auch die Menschen, die hier wohnen, wissen ihn zu schätzen und behandeln ihn als Allmende für die Seele. Seit Jahren haben sie hier das Gras mit dem Mäher kurz gehalten. Die Halbinsel hat dadurch den Charakter eines kleinen Parks angenommen. „Das ist unser Naherholungsgebiet!“, sagt Herr Lietze.

War es jedenfalls. Im vergangenen Jahr haben sich Biber in die Halbinsel gewühlt. Wie es ihrer Art entspricht, haben sie Kessel angelegt, Bäume gefällt und so die Halbinsel nach ihren Anforderungen umgebaut. Tiefe Krater hindern Menschen, die schlecht zu Fuß sind, am Erreichen der Bank an der Spitze der Halbinsel. Das Gras kann auf dem brüchigen Gelände nicht gemäht werden, die Fläche verwildert.

So sieht es auch an der Stromoder und an vielen anderen Stellen im Oderbruch aus. Zwischen Güstebieser und Zäckericker Loose sind hunderte Bäume von Bibern gefällt worden, alte Bäume mit enormem Umfang und junge, neu gepflanzte; Eichen, Weiden, Eschen, Pappeln, Obstbäume, die Tiere sind vielseitig. Alleen, gerade erst für tausende von Euro unter Beachtung unserer hohen deutschen Standards bepflanzt, sehen aus wie Kunst – die angespitzten Stümpfe wirken, als hätte sich jemand einen Scherz erlaubt. Die Böschungsabbrüche an den Gräben bilden an vielen Stellen ein gleichmäßiges Muster. Straßen sind unterhöhlt, Wege unpassierbar geworden. Der Bruchsee in Schiffmühle, noch vor wenigen Jahren von Gehölzen gesäumt, ist inzwischen fast kahl. Die Orte, an denen die Biber aktiv sind, liegen weit verstreut. Wer sich die Spuren ihrer Tätigkeit im Oderbruch ansieht, muss verheerende Schäden konstatieren und vor allem lässt sich ein Eindruck nicht beiseite schieben: Wir haben es nicht im Griff. Der Titel einer Broschüre des Landes Brandenburg liest sich heute wie ein Hohn. Er lautet: Mit dem Biber leben.

Glaubt man Antje Reetz, unserer Bibermanagerin beim Gewässer- und Deichverband, dann hat das Oderbruch Spielräume zum Schutz seines Entwässerungssystems erhalten, die sämtliche hierzulande bekannten Standards übertreffen. Wir glauben ihr das, wir nehmen ihr ab, dass sie ernsthaft versucht, das Problem zu lösen. Sie weiß viel und sie kneift nicht. Sie hat sich nicht innerlich mit den Schäden abgefunden und sie ist auch nicht zynisch geworden. Das können nicht alle mit dem Thema befassten Personen von sich behaupten.

Dennoch haben wir den Eindruck, dass es nicht ein Problem zu lösen gibt, sondern viele, viele. Und mag auch die Vorflut im Oderbruch heimlich, still und leise Vorfahrt vor dem Biber bekommen haben, die Gehölze und Straßen haben keine Vorfahrt und die endlosen Flickarbeiten am Deich sprechen auch eine andere Sprache. Der Biber, oder genauer: die Biber (wie die Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde spitzfindig korrigieren, weil sie den Singular für einen rassistischen Sprachgebrauch halten) sind uns im gegenwärtigen Regime überlegen und immer einen Schritt voraus.

Gut so, werden sich manche sagen, die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Ich bin sicher, viele Menschen sympathisieren mit dem Tun der Biber, sie lieben die Wildnis, sie kennen das aus dem Fernsehen und sie weinen den ländlichen Gegenden Ostbrandenburgs, in denen ihrer Meinung nach ohnehin nur Neonazis und böse Landwirte wohnen, keine Träne nach. Aber spielt die fehlende Beziehung dieser Menschen zu den betroffenen Gegenden eine Rolle? Ist es nicht Sache der dort Wohnenden, damit fertig zu werden?

Nein, ist es nicht. Der Schutz dieser Tierart liegt nämlich nicht in den Händen der hier lebenden Menschen. Der Biber ist eine gesetzlich geschützte Tierart und dieser Schutzstatus obliegt nicht den Oderbrüchern und nicht einmal den Brandenburgern, so verlautbart jedenfalls jede bei uns aktive Behörde. Er ist eine europäische Angelegenheit. Hört man diesen Verlautbarungen eine Weile zu, dann klingt das, als sollte einem damit gesagt werden: Der Schutz des Bibers liegt überhaupt nicht in der Hand von Menschen. Er ist gottgegeben.

Werden wir jetzt nicht theologisch, sondern werfen wir noch einen zweiten Blick auf die Situation. Welche Logik steckt in ihr und welche Signale gehen vom Umgang mit der Biberaktivität aus?

Erstens: Wir messen mit zweierlei Maß. Menschen dürfen in der offenen Landschaft keine Bäume fällen, jede Baumfällung ab 60 cm Umfang, mitunter selbst im eigenen Garten, muss genehmigt werden – die Aktivität des Bibers dagegen ist geheiligt, Baumschutz hin, Baumschutz her. Das wird auf Dauer nicht gut gehen. Weder haben wir das Geld, jedes Jahr so viel nachzupflanzen, wie von den Tieren zu Fall gebracht wird, noch werden sich die Bewohner der betroffenen Gebiete auf Dauer moralisch an das Gebot des Baumschutzes gebunden sehen. Vielmehr wird die Doppelmoral in der Beurteilung tolerierter und zu ahndender Baumfällungen auf Dauer jeden landespflegerischen Respekt in unserer Region unterlaufen. Dann werden wir Menschen die Biber im Umgang mit den Gehölzen drastisch überbieten, sei es, um Brennholz zu machen, um störende Bäume zu beseitigen oder aus purem Vandalismus. Denn es wird den Leuten nicht mehr zu vermitteln sein, warum sie sich noch zurückhalten sollten.

Zweitens: Der Konflikt zwischen den Bewohnern der betroffenen Landschaften und ihrer Regierung verschärft sich. Die defensive, sich auf europäische und natürliche Zwänge zurückziehende Haltung, in der keine klaren Vorstellungen zu finden sind, wie die Biberpopulation gesteuert werden soll, ist öffentlich nicht vermittelbar. Sie erzeugt Misstrauen und soziales Gift, sie untergräbt die politische Vernunft und strapaziert die ökologische Gelassenheit der Landbewohner.

Drittens: Das gegenwärtige System stärkt die Legitimität rechtlosen, illegalen Handelns. Denn wenn eine Bevölkerung das Brechen des Rechts als legitim erachtet – und genau das ist gegenwärtig zunehmend der Fall – schafft sie sich ihre eigenen Regeln. Das kann kein Staat wollen.

Viertens: Wir schaffen uns eine Ebene geheimen Verwaltungshandelns. Sofern nämlich die Spielräume zur Steuerung der Biberpopulationen nun doch hier und da ausgedehnt werden, erfolgt dies im Verborgenen, um nicht offensichtlich mit dem rechtlichen Schutzstatus der Tiere zu kollidieren. Diese Strategie ist angesichts der überregionalen Standards im Naturschutz völlig verständlich aber auch sie schadet auf Dauer der Zivilgesellschaft. Denn diese ist darauf angewiesen, dass es zwischen öffentlicher Meinungsbildung, Gesetzgebung und Verwaltungshandeln eine sinnvolle Beziehung gibt. Diese Beziehung ist hier nicht mehr erkennbar.

Wie ist eine solche destruktive Entwicklung unserer Gesellschaft möglich geworden? Der Grund liegt in einem prinzipiellen Missverständnis der Aufgaben und Möglichkeiten von Naturschutz. Wer einen Garten hat und feststellt, dass dieser Garten nicht gedeiht, weil das Wild ihn beansprucht, der wird ihn einzäunen. Dieses Prinzip hat auch lange Zeit die menschlichen Gesellschaften bestimmt: Sie lebten in der Wildnis und zäunten den von ihnen genutzten Bereich ein. Ist dieses Prinzip auf unsere heutigen modernen Landschaften übertragbar? Nach gegenwärtigem Stand ist das nicht möglich, denn wir leben nicht mehr in der Wildnis. An diesem Umstand ändern auch die als Wildnis gefeierten Prozessschutzgebiete nichts, auch diese sind menschlich beherrschte, begrenzte und gesteuerte Naturräume – und obendrein sind es Inseln. Jeder Quadratmeter Deutschlands ist Landschaft, angeeignete und gestaltete Natur. Es ist irrational, in dieser Natur dynamische Kräfte durch die Tätigkeit einzelner Arten walten zu lassen, ohne sie klar steuern und kontrollieren zu wollen. Und eben diese Irrationalität prägt den gegenwärtigen, teuren und sisyphusmäßigen Umgang mit den Bibern. Hier liegt ein systematischer Fehler vor.

Mit der Auswilderung von Elbebibern in unserer Region sollte, so wird heute gern erklärt, auch der Ausbreitung von Bibern aus Osteuropa entgegengewirkt werden. Hinter dieser Konzeption (die nicht aufgegangen ist) stand eine verbreitete Vorstellung: die des natürlichen Gleichgewichts. Irgendwann, so scheinen nach wie vor viele Akteure zu glauben, würde sich die Dynamik der Populationen einpegeln, die Reviere verteilt sein, die Sache zur Ruhe kommen. Diese Idee kommt auch in vielen technischen Maßnahmen zum Ausdruck, die gegenwärtig vorgenommen werden, um die Bibertätigkeit zonenweise einzudämmen. Es werden Metallroste in die Deiche eingelassen, Uferbereiche mit großen Steinen verbaut, Bäume eingewickelt. An manchen Stellen nimmt das Oderbruch das Aussehen eines Zoogeheges an. Die Bemühungen laufen darauf hinaus, Spielregeln für die Biber in die Landschaft einzubauen, an die sich die Tiere letztlich halten.

Diese Erwartung scheint uns irrig. Biber sind anpassungsfähige Tiere, ihre Flexibilität und die Fähigkeit, die Landschaft nach ihren Anforderungen umzugestalten, haben sie mit uns gemein. Wir können Biberburgen mit Betonspundwänden errichten, es wird sie nicht interessieren. Sie bringen Dynamik in Landschaften, die von uns auf bestimmte Sollzustände hin entwickelt worden sind. Der daraus resultierende Widerspruch lässt sich, bei aller Anerkennung für den ökologischen Wert von Dynamik, nicht mit Baumaßnahmen aus der Welt schaffen. Die Biber sind an keinem Gleichgewicht nach unseren Bedürfnissen interessiert, weder an den mühsam hergestellten Wasserständen der Landwirtschaft, noch an den empfindlichen Anlagen des Hochwasserschutzes, nicht an den Gehölzstreifen der Landschaftspflege noch an den harmonischen Ideologien unseres vermeintlich grünen Zeitalters. Sie arbeiten – wie wir Menschen letztendlich auch - an der Herstellung von optimalen Habitaten und ihre Nachkommen dehnen diese Tätigkeit in die noch unerschlossenen Räume aus. Da pegelt sich überhaupt nichts ein.

Früher nannte man Tierarten, die in zu großer Zahl die eigene Landschaft heimsuchten, eine Plage. In diesem Begriff steckt schon die Antwort, sie ist kriegerisch und feindselig. Das wollen wir heute nicht mehr, es scheint uns „gegen die Natur“ zu sein. Wir verstehen das. Auch uns ist bei dem Wort „Plage“ nicht wohl, denn wir stellen uns damit vielleicht allzu offensiv in die Mitte des Geschehens. Dennoch steckt auch eine Wahrheit darin, denn letztlich ist der Umgang mit den Bisamratten genau deshalb erfolgreich gewesen, weil klare, nicht verhandelbare Interessen den Umgang mit der Art in der Landschaft bestimmten. Und diese Interessen waren Grundlage ihrer Bejagung.

Die Bisamratten waren keine heimische Art, für ihre Bejagung konnte man ihren invasiven Charakter ins Feld führen, wie auch bei den Waschbären und Marderhunden. Bei Bibern haben wir es nicht so leicht, die hatten wir früher schon einmal hier und in gewisser Hinsicht ist ihre Bejagung unfair, denn ursprünglich war das hier ihr Land, nicht unseres. Aber, bei allem Respekt, diese moralische Argumentation führt in eine Sackgasse. Es geht beim Umgang mit unseren Landschaften nicht um Gerechtigkeit gegenüber Arten, sondern um ökologische, ökonomische und soziale Funktionen, die wir in diesen Landschaften gewährleisten wollen und müssen. Von hier aus müssen die Spielräume der Arten bestimmt werden. Welche Funktion erfüllen die Biber im Oderbruch? Und in welchem Verhältnis steht diese Funktion, so es eine gibt, zu den Interessen, die wir in diesem Raum gelten machen?

Diese Fragen werden heute politisch nicht oder nur ausweichend beantwortet. Man redet sich mit dem Populationsdruck aus dem Osten heraus, man unterteilt die Tiere in gute und böse Exemplare – hier die polnischen, die jungen oder sonstwie gearteten Problembiber, dort die heimischen Exemplare, die sich an unsere Regeln halten. Über die systemische Dynamik des ganzen Besiedlungsprozesses spielt man hinweg. Wen wundert es, wenn die Menschen dem politischen System wie auch der Ökologie misstrauen? Wir sind keine Ökologen, keine Naturwissenschaftler. Aber nach allem, was wir sehen, brauchen wir eine kontinuierliche Bejagung ohne den Aufwand von Ausnahmegenehmigungen. Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind es, die die Entscheidungen in der Natur treffen, niemand sonst. Wir leben im Anthropozän, im Menschenzeitalter, mit allem Ärger, der damit verbunden ist.

Vor drei Jahren veröffentlichten wir ein Kinderbuch über das Oderbruch. Darin kommt auch ein Biber vor, denn er gehört nun wohl oder übel wieder zu dieser Landschaft. Da er an einer Stelle Schaden macht, wird er in der Geschichte an eine andere Stelle versetzt, an der seine Tätigkeit toleriert werden kann. Zugegeben, das ist zu naiv. Es schien uns aber damals die einzige Möglichkeit zu sein, ein offenes Problem kenntlich zu machen, ohne in einem Konflikt unsachgemäß Partei zu ergreifen, noch dazu in einem Bildungskontext. Seither sind alle unsere Bemühungen, etwas zur öffentlichen Klärung der damit verbundenen Fragen beizutragen, ins Leere gelaufen. In der brandenburgischen Politik hält man Öffentlichkeit für gleichbedeutend mit Stammtisch. Dass die Leute sich in Auseinandersetzung mit den Experten und ihrer Landschaft ein Urteil bilden, traut man ihnen nicht zu. Also schweigt man sich aus und verdreht die Augen.

Deshalb sagen wir‘s, da wir einmal beim Stammtisch sind, zum Abschluss mal so: Gäbe es im Kienitzer Gasthof am Hafen Biberbraten mit Kartoffelmus, wir würden ihn essen, so wie wir auch Rehrücken oder Wildschwein essen. Und sollten die Jäger keine Lust auf die Haftung für Biberschäden haben, dann wird den Tieren wohl oder übel ein angestellter Trapper nachstellen müssen.
Mahlzeit!

P.S. Wir lassen uns gern eines Besseren belehren. Aber bitte mit Sorgfalt und gern hier als Beitrag im Oderbruchpavillon!