Glückliche Grüße vom Land

24 Komplimente an das Oderbruch und die ostbrandenburgische Provinz.
Ein Adventskalender von Kenneth Anders

Kenneth Anders, 1.12.-24.12.2013


Konkurrenzlos glücklich

Neulich fuhr ich mit einer Schubkarre zwischen dem Nachbargrundstück und unserem Garten hin und her. Drüben war ein Tank eingegraben worden und nun lag der feine Sand aus einer tieferen Schicht offen zutage. Er eignet sich sehr gut für die Kinder als Buddelsand. Die Gelegenheit war günstig, denn durch die Aulenlehmschicht kommt man mit dem Spaten nur mühsam durch. Wir machten uns also ans Werk und holten uns zwanzig Karren jungfräulichen Sand, den einst die Oder hier abgelagert hatte.

Nun kamen mir zwei Spaziergänger entgegen. Die beiden waren ungefähr so alt wie ich und hatten sich eingehakt, Mann und Frau, ziemlich schick, sie mit Handtasche, er im grauen Mantel. Ich grüßte fröhlich (denn ich war fröhlich) und sah ihnen ins Gesicht. Die Aura, die mir entgegenschlug, unterschied sich so krass von den Menschen in meinem Alltag, dass ich wie vom Schlag gerührt stehenblieb: Ein Flirren im Blick, eine hochgezogene Oberlippe, die an das Flehmen bei Tieren erinnerte, ein Was will der, ein Was ist das für einer, ein Sprich mich nicht an, bevor wir unsere Positionen nicht geklärt haben. Es war wirklich - verblüffend unsympathisch. Ich sah den beiden noch lange nach.

Nun fragte ich mich, wann ich zuletzt solche Begegnungen hatte und richtig, ich hatte sie in der Zeit erlebt, als ich in Berlin studiert hatte. An der Universität zum Beispiel oder in bestimmten Kultureinrichtungen war das keine Seltenheit gewesen, so abschätzig angesehen zu werden. Es ist ein Blick, in dem versucht wird, den anderen als Konkurrenten einzuordnen: Gefährdet er mich? Ist er mir überlegen? Kann ich ihn irgendwie hier weg kriegen? Er stört mich!

In meinen Studienfächern ging das natürlich mit einem erheblichen Maß an Bluff einher. Es gab dort eine Menge junger Leute, die viel Energie in ihren intellektuellen und künstlerischen Habitus investierten. Ich weiß noch, einer war aus Wien und er hatte seinen österreichischen Namen französisiert, man denke sich so einen Blödsinn! (Heute ist er übrigens Professor.) Die Studenten (es waren meistens Männer) schmissen damals mit Namen von Autoren herum, deren Bücher sie selbst nicht verstanden hatten, sie setzten alles daran, die anderen zu verunsichern. Und sie guckten in etwa so wie die beiden, die nun gerade an mir mit meiner Schubkarre vorbeispaziert waren. Eine Mischung aus Hass und Angst.

Ich will das jetzt nicht weiter ausmalen. Georg Simmel hat es einmal als einen typischen Zug der Großstadt charakterisiert, dass sie eine soziale Blasiertheit hervorbringt und ich denke, da ist auch was dran. Aber ich möchte damit kein Urteil über die Menschen in den großen Städten fällen, denn es gibt überall nette und weniger nette Menschen, oder wie immer man das auch ausdrücken will. Ich will nur sagen, dass die Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Geltung und Anerkennung in meinem Lebensumfeld, hier auf dem Land, überhaupt keinen Sinn hat. Es gibt hier so gut wie nichts, worum man miteinander konkurrieren könnte, vor allem nicht durch Coolness oder Bluff. Es wird manchmal behauptet, auf dem Land grassiere der Neid zwischen Nachbarn. Nun, es gibt wohl Nachbarschaftstkonflikte, aber Neid habe ich persönlich noch nie erlebt. Vielleicht bin ich blind dafür. Aber nicht blind bin ich für den abschätzigen Blick der anderen. Denn ich habe mich unter diesem Blick sehr unwohl gefühlt. Er hat mich immer verunsichert und ich glaube, am Ende bin ich vor allem vor diesen Blicken aus der Stadt geflohen. Dieses Missliebige, das hat mich fertig gemacht.

Nun lebe ich seit fünfzehn Jahren auf dem Land und als die beiden Spaziergänger vorbeigegangen waren, wurde mir klar, wie glücklich ich hier bin. Ich bin im Oderbruch gut aufgenommen worden. Die Leute haben sich gefreut, dass ich nicht nur als Wochenendler gekommen war, sondern wirklich hier leben wollte. Sie haben mich unkompliziert angesprochen und auf alles, was ich von ihnen wollte, haben sie wiederum offen und unkompliziert reagiert. Es war einfach, seinen Platz unter diesen Menschen zu finden. Jeden Tag kommt mein Nachbar mit seinem Hund vorbei, wir reden übers Wetter und über Neuigkeiten aus dem Dorf. Wenn ich mit dem Auto vorbeifahre, hebt er seinen Stock und winkt. Er macht mich fröhlich, wie so viele andere auch.

Einmal stand unsere Küsterin in der Küche neben mir. Sie war eine stille, strenge, demütige Frau. Nun sagte sie: Jetzt, da der langjährige Pfarrer nach Berlin gegangen sei habe sie Angst, dass auch ich eines Tages noch gehen könnte. Dann weinte sie. Ich zog damals ins Nachbardorf und wäre damit in einem anderen Kirchsprengel gelandet. Aber ich blieb dann doch in der alten Gemeinde. Und diesen Satz von der Küsterin habe ich nie vergessen. Sie ist inzwischen gestorben.

Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich vielen hier alles zugemutet habe: Meine ellenlangen und manchmal schwer verständlichen Vorträge, diese ganzen eigenartigen Kleinkunstprogramme, die speziellen Aktionen mit dem Oderbruchpavillon – das war bestimmt nicht immer leicht zu verarbeiten, aber viele Menschen hier haben das dennoch mit Empathie begleitet und mir so die Chance gegeben, mich zu entwickeln. Manche wussten nicht, was sie mit mir anfangen sollten und hielten mich vielleicht für irgendwie verrückt, aber es gab nie diese erstickenden Affekte, dass einen jemand aus dem Weg haben will. Ich habe mich auf dem Land getraut, viele Dinge anzufangen, für die ich in der Stadt einfach nicht den Mut gehabt hätte. Ich bin den Menschen hier sehr dankbar dafür, dass sie mich so aufgenommen haben. Ich fühle ich mich wohl unter ihnen und kann produktiv und glücklich sein.

Und ich kann von meinen Freunden, die auch aufs Land gezogen sind, dasselbe sagen, sie haben dieselbe Erfahrung gemacht. Wer die Nase nicht hoch trägt, der kann den anderen in die Augen sehen. Und er wird viele unverstellte Blicke treffen, offen wie Fenster, durch die es eine Welt zu entdecken gibt.

Ein guter Ort für Kinder

Neulich war ich mit meinem fünfjährigen Sohn beim Arzt, es war die Zeit für die Voruntersuchung zum Schulbeginn gekommen. Rasmus freut sich sehr auf die Schule, aber ich gestehe, dass sich meine Vorfreude in Grenzen hält. Mit diesem Tag, das habe ich schon zweimal erlebt, zieht ein härterer Takt in das Leben der Kinder und ihrer Familie ein. Man muss früher aufstehen, oftmals, wegen dieser idiotischen Schulbuslinien, unangemessen früh. Die Beweglichkeit in der Gestaltung der Tage und Wochen nimmt ab. Die Konflikte der Kinder untereinander können in der Schule sehr hart werden, wenn sie nicht sorgfältig betreut werden. Und sofern ich die Grundschulen im Oderbruch noch als ziemlich intakte Einrichtungen erlebt habe, die die Kinder mit Engagement behüten und begleiten, so habe ich doch schon ganz deutlich die weiterführenden Schulen vor Augen, die einen unverschämt großen Zeitanteil an den Tagen der Kinder verschlingen.

Diese Entwicklung macht mich traurig und zornig. In wenigen Jahren ist in Deutschland das Ganztagsschulmodell durchgepeitscht worden, als sei es ohne wenn und aber eine großartige Sache. Hat irgendjemand die Kinder gefragt, wie es ihnen damit, geht, wenn sie morgens vor den Eltern aus dem Haus müssen und abends nach ihnen nach Hause kommen? Ich erkenne darin eine grausame Abrichtung auf den Arbeitsmarkt und den sozialdemokratischen Optimismus, den inzwischen alle Parteien zu teilen scheinen, dass der Staat sich besser um die Kinder kümmern kann als es die Eltern können, teile ich nur in Ausnahmefällen: dort, wo die Familien wirklich in Schieflage geraten sind. Tatsächlich aber wird die Schieflage mancher Menschen als Argument genutzt, um sich einen stärkeren Zugriff auf alle Kinder zu sichern. Ich überlege oft und fieberhaft, wie ich meinen vierzehnjährigen Sohn Levin aus diesem Korsett wieder befreien kann. Ich sehe, dass er, wenn er halb sechs nach Hause kommt, überhaupt nichts mehr planen kann, das außerhalb der Logik des Schulalltags liegt. Noch eine Runde Klavier üben, Abendbrotessen, das war es eigentlich. Dieses doofe Wort „Chillen“, das vor einigen Jahren in Mode war, drückt die ganze Ohnmacht von Jugendlichen aus, zu nichts mehr Lust zu haben, nur noch in Ruhe gelassen werden zu wollen. Und, je länger ich darüber nachdenke, umso besser verstehe ich das auch. Wenn ich einen weitgehend fremdbestimmten Tag erlebt habe, dann will ich mich eigentlich auch nur noch vor den Fernseher hauen und nicht noch Gedichte schreiben – wen wundert es?

Ich habe auf diese Probleme keine Antwort, die meinen Kindern etwas helfen würde. Bildungspolitische Debatten dauern lange und im Moment habe ich das Gefühl, dass die Politik im Bildungssektor verrückt spielt und gehetzt von Moden und Parolen ständig neue Dinge fordert. Ich kann nur hoffen, dass Gustav und Levin ihre Grundschule in guter Erinnerung behalten, die in dieser Hinsicht mild war. Es war eine DDR-Neubauschule, aber sie wird immer ansehnlicher und außerdem herrscht ein guter Ton dort. Beide Jungs haben ihre Klassenlehrerinnen sehr gemocht und sich von ihnen mit vielen Ideen und Projekten begeistern lassen. Und ihr Schulleiter war für sie immer eine wichtige Instanz. Sie verglichen ihn immer mit Harry Potters Schuldirektor der Hogwarts-Zauberschule, mit Albus Dumbledore. Wenn das kein Kompliment ist!

Aber ich wollte ja von Rasmus‘ ärztlicher Untersuchung erzählen. Er ist ein wacher, kluger Junge, der viel beobachtet und reflektiert. Es gibt Dinge, in denen ist er seinem Alter weit voraus und es gibt andere, da wirkt er, als sei er ein, zwei Jahre jünger. Zum Beispiel malte er bis vor kurzem seine Figuren und Männchen noch kopfherum. Wie soll ich es sagen? Ich mache mir überhaupt keine Sorgen um seinen Bildungsstand, er ist wunderbar entwickelt und er wird seinen Weg machen. Ich glaube sogar, dass in den Ungleichzeitigkeiten in jeder Entwicklung etwas Wertvolles und Produktives verborgen liegt. So entstehen Charaktere, über asymmetrisch ausgebildete Intelligenz. Etwas eilt voraus und wenn das andere dann nachkommt, dann ist dieses andere ganz eigen und wunderbar intuitiv entwickelt.

Einen solchen Glauben hat unsere pisageschockte Nation jedoch nicht. Jedenfalls gleicht die Vorschuluntersuchung einer mechanistischen Aufnahmeprüfung. Auf einem Bein stehen und dabei mit den Armen rudern, Figuren erkennen, Malen, Zusammenhänge herstellen, alles wird durchgecheckt. Dagegen ist eigentlich nichts zu sagen, es gibt ja wirklich Entwicklungsdefizite, bei denen man nachsehen muss, ob man dagegen was machen sollte. Aber als Rasmus nun ein unvollkommen ausgebildetes und deshalb zu lispeliges „SCH“, eine zu schlechte Balance, die Missinterpretation einer Figur (die übrigens so doof gezeichnet war, dass auch ich nicht sicher war) und vor allem ein unterentwickeltes Zeichenvermögen (nur vier Elemente statt zehn!) attestiert wurden, da war ich doch froh, dass er mein drittes Kind ist und ich schon Mitte vierzig, also etwas gelassener bin. Denn sonst hätte ich am nächsten Tag in seinem Kindergarten gestanden und hysterisch nach didaktisch schärferem Vorschulunterricht geschrien.

Um es noch einmal zu sagen, ich bin nicht der Meinung, dass hier kein sorgfältiger Blick nötig ist und ich mag übrigens die Ärztin gern, sie genießt mein volles Vertrauen, wenn ich mit kranken Kindern zu ihr komme. Aber was wir in Deutschland machen, mit Ganztagsschule und Vorschultest und dem ständig erhöhten Druck auf die Kinder, ist eine Synchronisation der individuellen Entwicklungen in einem gesellschaftlichen Anpassungsapparat. Und so sehen die Menschen heute in meinen Augen auch aus: alle irgendwie im Mittelfeld. Charaktere sind unerwünscht, wir bügeln alle schön zurecht, alle sollen zur gleichen Zeit Ja und Amen sagen. Ich bin sicher, im Ergebnis wird ein Drittel depressiv, eines karrieresüchtig und ein drittes wird sich durchmogeln. Wie will man mit solchen Menschen die Welt retten?

Und da bin ich bei diesem Kindergarten. Er wird von einem Elternverein getragen und liegt in Altranft. Es sind gute Erzieherinnen und Erzieher hier tätig. Sie unterstützen die Kinder darin, ihre eigenen Rhythmen zu finden. Natürlich basteln und malen sie auch und arbeiten Vorschulübungen durch und haben musikalische Früherziehung und, und, und. Aber im Mittelpunkt steht doch das Anliegen, die Kinder in ihren Vorhaben zu unterstützen. Dabei haben sie sich etwas gedacht. Sie helfen den Kleinen beim Spielen auf eine so geschickte Art, wie ich es nie gekonnt habe. Es werden Stöcke gesucht und Werkzeuge ausprobiert, es wird alles getan, damit die Kinder den Mut entwickeln, sich selbst etwas vorzunehmen. Ich habe das jetzt mehrere Jahre bei meinen Kindern beobachten können und ich muss sagen: Sie haben buchstäblich gelernt, sich interessant zu beschäftigen. Es ist großartig, ihnen beim Spielen zuzusehen.

Die einzige Sache, der alle Kinder gleichermaßen ausgesetzt werden, ist die Kraft der Sprache. Denn mit den Kindern wird geredet, tagein, tagaus, und die Kinder werden auch angehalten, ihre Belange untereinander zu besprechen und zu klären. Niemand von den Erziehern ist maulfaul, wie ich es so oft in Kindergärten erlebt habe, nein, alle sprechen miteinander. Ich finde das wunderschön.

Und in dieser wunderbaren Einrichtung stehen nun jedes Jahr panische Eltern im Flur, die nach Jahren völligen Einvernehmens mit dem Kindergarten plötzlich bei den Vorschuluntersuchungen einen warnenden Hinweis bekommen haben: na, da gibt es doch wohl kein Defizit? Ei, ei ei! Da würde ich aber an ihrer Stelle was unternehmen! Neulich nahmen Eltern ihre Tochter noch zwei Monate vor der Einschulung aus der Einrichtung, um sie fit für die Zukunft zu machen. Ich fand das schade für die Kleine.

Und deshalb möchte ich diesem Kindergarten auf dem Land hier ein großes Kompliment aussprechen. Ihr macht das richtig! Und jeder Tag, den ich für meine Kinder gewinne, an dem sie dieser ängstlichen Logik noch nicht ausgesetzt sind, ist ein Gewinn für uns alle. Denn ihr habt Vertrauen in die Kinder und ihr vermittelt dieses Vertrauen auch uns Eltern. Und wenn unserer Gesellschaft und ihrem Bildungssystem etwas fehlt, dann ist es genau das.

Ich würde Rasmus am liebsten noch ein Jahr zu Hause und im Kindergarten lassen, aus den eingangs genannten Gründen. Aber im Kindergarten haben sie mir gesagt, nee, der soll mal in die Schule gehen. Dann soll es also so sein.

Der Auenlehm

Eine der größten Herausforderungen im Oderbruch ist es, mit dem Boden fertig zu werden.
Ein Spaziergang über den Herbstacker nach ein paar feuchten Regentagen genügt, um das zu erfahren. Nach 100 Metern hat man Schuhe, so groß und schwer wie Elefantenfüße. Die Schritte werden größer und schwerer und der Versuch, die Hosenbeine unverschmutzt übers Feld zu bringen, ist vergeblich. Die Mühe bei der anschließenden Schuhreinigung lässt einen Sympathien mit der Wegwerfgesellschaft entwickeln: einfach in den Müll mit dem Mist!

Noch schlimmer ist es mit der Gartenarbeit. Bei Nässe schmiert man die immer schwerer werdenden Klumpen vom Spaten und gibt schließlich entnervt auf. Bei Trockenheit wird der Boden so fest, dass man keine Möhre aus der Erde bekommt, ohne sie abzubrechen. Dieses Jahr konnten wir mehrere Monate lang nichts ernten, nicht einmal das Wässern half. Die von uns versprengten Fluten  versanken in den trockenen Rissen auf Nimmerwiedersehen.

Es ist der so genannte Minutenboden. Sieht man den Landwirten mit ihren Schleppern auf den Feldern zu, erkennt man bald, wie hoch der Preis ist, den die Landnutzer hier für die hohe Bodenfruchtbarkeit zahlen. Wenn es günstig ist, muss man raus, ob es gerade passt oder nicht. Und günstig heißt hier nicht nur, dass das Wetter von oben mitspielt. Denn der Boden ist hier sozusagen das zweite Wetter - von unten. Natürlich hängt es vom ersten Wetter ab, aber es ist dennoch eigensinnig und störrisch.

Und schließlich ist da noch der ganze Modder, der sich ins Haus zieht. Die Kinder bringen ihn herein, man selbst macht Dreck mit seinen Botten, der Besuch trägt etwas bei, die Katzen, alle tragen Lehm ins Haus. Die Abkratzer an der Haustür sind ein Witz, man kann an ihnen herumschaben so viel man will. Es ist furchtbar. Ich wünsche mir einen Windfang, oder genauer: einen Lehmfang für die Schuhe. Allerdings kann ich ihn mir einstweilen nicht leisten.

Und dennoch ist dieser Boden etwas Herrliches. Er riecht so intensiv, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit anders, aber immer schwer und voll. Manchmal dünstet dieser Auenlehm eine kräftige  Melancholie aus, als wolle er mit allen Nebeln auch gleich die vielen Geschichten erzählen, die er erlebt hat: vom Oderwasser, das ihn angeschwemmt hat, vom Schweiß der Bauern, die ihn urbar gemacht haben, von den vielen Feldfrüchten die er getragen hat, von den Toten im zweiten Weltkrieg, von vergangenen Siedlungsstellen. Es sind viele traurige Geschichten dabei, aber auch frohe und stolze Geschichten und man kann sie riechen.

Ich liebe den Duft dieses Bodens, wenn es kalt ist und ich wittere ihn schon von weitem, wenn ich in einer lauen Sommernacht nach Hause komme. Wenn die Landwirte bei uns den Mist ausgebracht haben, riecht er würzig und ein bisschen süßlich, aber auch gut. Im Gegensatz zu den brandenburgischen Niedermoorböden sind die Auenlehmböden durchaus auf Dauer nutzbar, ohne sie zu dabei zu zerstören, sie erlauben also eine nachhaltige Bewirtschaftung. Deshalb ist ihr Geruch für mich zugleich eine Verheißung.

Versuchen Sie es, stellen Sie sich an ein abgeerntetes Feld im Sommer, schließen sie die Augen und ziehen sie die Luft ein. So riecht der Boden im Oderbruch. So ein Glück!

Leben am Fluss

Als im Winter 2011 das Wasser in der Oder immer höher stieg, weil sich nördlich von Hohensaaten das Eis staute, waren die meisten Leute im Oderbruch mit den Nerven beinahe am Ende. So auch ich. Vorangegangen war immerhin ein Sommerhochwasser, das auch nicht von Pappe gewesen war und nun sah es beinahe noch schlechter aus. Vielen fehlte die Kraft, ihre Habseligkeiten ein zweites Mal aus dem Polder zu schaffen. So ein Mist, dachte ich damals, nicht schon wieder! Unsere kleine Babytochter war wenige Tage alt, wir befanden uns wie in Agonie. Sollten wir Möbel und Bücher auf den Dachboden räumen? Sollten wir Vorkehrungen treffen? Welche? Das Wasser stieg und stieg, wir unternahmen nichts, wir waren überfordert. Als an einem Dienstag im Radio die Nachricht kam, die Eisbrecher hätten den Durchbruch geschafft und der Pegel sei in einer Stunde um zwei Meter gefallen, fing ich vor Erleichterung an zu heulen.

Man könnte viele solcher Geschichten zusammentragen, im Oderbruch sind sie spätestens seit 1997 wieder sehr im Schwange. Und jedes Jahr ist der Blick auf die Wasserstände der Oder von wacher Bangigkeit geprägt.

Jetzt kann man fragen, wie eine solche Gefährdungskulisse in eine Reihe von Lobliedern auf das Leben im Oderbruch passt. Das ist doch purer Stress und wer kann sich schon die dauernde Gefährdung von Leib und Habseligkeiten wünschen?

Nein, so weit will ich nicht gehen, dass man sich das wünschen soll. Und doch ist die Oder Teil eines sehr guten Lebensgefühls im Oderbruch. Dazu tragen verschiedene Dinge bei.

Da ist zum einen die Erfahrung, dass diese Gefährdung auch eine gute Seite hat. Mein Lebensgefühl ist von einer starken Relativität unserer Sicherheit geprägt und ich empfinde es so, dass dies mein Leben besser und wirklicher macht. Denn echte Sicherheit gibt es in dieser Welt nicht und irgendwie finde ich es gut, dass ich im Oderbruch daran täglich auf eine ganz klare Weise erinnert werde. Die Gefahr an der Oder ist konkret (im Gegensatz zu möglichen Wirbelstürmen oder sonstigen Unwettern), man muss sich nicht vor irgendetwas Diffusem fürchten, man fürchtet sich vor etwas Bestimmtem. Und man ist nicht versucht, sich trügerischen Vorstellungen hinzugeben, es könne einem nichts passieren. Das öffnet das Herz für die Schönheit des Augenblicks, für seine Vergänglichkeit, es macht mich dankbar für jeden Tag, den ich mit meiner Familie hier im Trockenen verbringen kann.

Zudem muss ich sagen, dass mir die Ingenieurleistung der Preußen Respekt abverlangt. Man jammert in Deutschland viel herum über diesen der Natur abgerungen Polder, welch ein Irrsinn es gewesen sei, den Fluss hier umzuleiten. Aber nimmt man die gesamte Geschichte der letzten 260 Jahre wird man zugeben müssen: Das haben die gar nicht schlecht gemacht, damals. Gemessen an vielen anderen Flussregionen ist es dem Oderbruch eher selten an den Kragen gegangen. Es ist riskant hier, das stimmt, und wenn die Oder unserer heutigen schlechten Baukultur einen Besuch abstattet, mit Dämmstoffen und Öltanks, na dann gut Nacht, Marie. Aber das unterscheidet uns nicht von anderen Orten und Landschaften, die am Fluss liegen – manche sind mit sehr bevölkerungsreichen Städten sogar noch stärker betroffen. Sollte es jedenfalls bis zum Jahre 2017 gut gehen (was ich mir sehr wünsche) dann könnten wir siebzig Jahre ohne Katastrophe feiern – das ist beinahe ein Menschenleben. Das wäre doch eine tolle Sache. Aber nun will ich nicht weiter davon reden, vielleicht bin ich doch auch ein bisschen abergläubisch.

Und dann ist die Oder einfach schön. Veit schreibt in seinem Malerlehrling: Die Oder riecht anders als andere Flüsse. Ich kann das riechen. Ich war an Rhein, Main, Tauber, Moldau, Weichsel, Elbe und so weiter. Alles kacke, alles keine Oder. Die Oder riecht sanfter, lieblicher, mit einem kleinen modrigen Abgang. Die Flüsse in Norwegen zum Beispiel konnte ich gar nicht riechen. Einfach zu sauber, kein Modder. Der „modrige Abgang“ hat mit dem geringen Gefälle zu tun, das die Oder hier im Tiefland hat. Dadurch fließt sie sehr langsam und nimmt immer wieder neue Schwebstoffe auf. Reiher, Kormorane, Enten und Schwäne streichen über sie hinweg und wenn man im Winter mal keine Angst vor Hochwasser hat, dann kann man sich an den treibenden Eisschollen nicht satt sehen. Manchmal hört man irrsinnige Froschkonzerte am Ufer, die erst verstummen, wenn man näher herantritt. Geht man auf der Deichkuppe spazieren, kann man nach beiden Seiten weit schauen – hier die Oder und die Höhenzüge auf der polnischen Seite, dort der schöne Polder, den die Oder sich einst ausgeformt hat. Und neulich brachten Martin und Tobias einen Hecht aus der Oder mit. Also einen so schmackhaften Fisch hatte ich, glaube ich, überhaupt noch nie gegessen!

Die Oder gefährdet uns, das ist schon richtig. Aber wir sind ja auch frech gewesen, sie so zu behandeln. Trotzdem bringen viele Menschen hier das Oderbruch immer noch mit der Nixe in Verbindung, die man einst auf einer alten Ofenklappe gefunden hat. Dass die Nixe als Symbol für das Oderbruch auf Akzeptanz stößt, ist für mich ein Hinweis darauf, dass es doch Frieden geben kann zwischen uns und der Oder, einen schönen Frieden sogar. Das ist das Gegenteil von der These des britischen Historikers David Blackbourn, der diese ganze Landschaft als ein Produkt des Krieges gegen die Natur interpretiert hat.

Ich sehe das nicht so. Ich sitze auf dem Deich und schaue auf die Oder. Ich mag sie. Und da sie mein Haus gefährdet und nicht das von diesen ganzen Klugscheißern, werde ich es ja wissen müssen. Denn die haben hier kein Haus.

Klein Leipzig

Wriezen, immer wieder mit Recht als Hauptstadt des Oderbruchs bezeichnet, ist eine gebeutelte Stadt. Meines Erachtens fing es mit der Trockenlegung schon an, kompliziert zu werden. Man lag direkt an der Oder, die „Faule See“  breitete sich von hier als großes Flachwasser aus, viele Bewohner waren Fischer, außerdem Handwerker und vor allem Händler: ein ganz besonderes kleines Städtchen in einer eindeutigen landschaftlichen Situation, die Lebensgrundlage lag auf der Hand. Und nun wurde die Oder in einen riesigen Kanal verlegt und Wriezen, das ja die logistische Zentrale dieser riesigen Maßnahme war, fand sich auf einmal an einem immer müder dahin schleichenden Restgewässer wieder, an der Alten Oder.

Der Sinn dieses Siedlungsplatzes musste seither immer wieder neu errungen werden. Die einstigen Bemühungen, Wriezen trotz seiner Entfernung zur Stromoder als Hafenstandort zu etablieren, zeugen davon. Sie hatten nur vorübergehenden Erfolg. Und während die Ökonomie der Stadt noch nach Halt suchte, ging im zwanzigsten Jahrhundert der zweite Weltkrieg über Wriezen hin und hinterließ empfindliche Zerstörungen. Es folgte der DDR-Städtebau, in dem zwar der Wohnungsbau florierte, aber wenig Sinn für den Charakter dieses besonderen Orts bewiesen wurde. Und dann kam die Wende und mit ihr brach die Logik der Konzentration des Geldes über alles herein. Wriezen kann hier nur schlecht mithalten. Das Ergebnis sieht man heute in der Innenstadt: eine große Menge an leeren Geschäften.

Die Bilanz könnte einen depressiv machen, aber bevor man sich die Sache richtig zu Herzen nimmt, sollte man in einen der wenigen Läden gehen oder ins Rathaus oder in eine Schule. Da schlägt einem meist eine schöne Freundlichkeit entgegen. Nicht übertrieben, nicht unangemessen beflissen, einfach so, höflich, mit Blickkontakt und gelassener Heiterkeit. Es ist verblüffend. Man soll keine Urteile über ganze Gruppen fällen, auch keine guten, das ist Vorurteilsproduktion. Aber heute muss ich mal eine Ausnahme machen, denn ich stelle seit Jahren immer wieder fest, dass die Wriezener trotz ihrer misslichen Ausgangslage eine bemerkenswerte Haltung an den Tag legen. Sie tun sich nicht leid, sie sind ansprechbar und meist offen und sie geben sich Mühe, ihre von der Geschichte in den letzten Jahrhunderten eher strapazierte Stadt zu pflegen und in Ehren zu halten.

Ich habe zum Beispiel im Standesamt Wriezen geheiratet, bei Frau Mix. Es war nur eine kleine Sache, denn ein Jahr später wollten wir kirchlich heiraten und richtig feiern und betrachteten es also nur als Formalie. Aber Frau Mix hat es sich nicht nehmen lassen, die Sache ernst und liebevoll und feierlich zu behandeln und ich bin ihr bis heute dankbar dafür. Es war dann doch ein besonderer Moment. 

Oder ich wollte etwas für den Bürgermeister abgeben, aber das Rathaus war geschlossen. Im Fenster neben dem Haupteingang sah ich Licht und  klopfte. Fenster auf, Frau guckt raus, ach hallo, ja geben sie her, kein Problem, schön Tag noch. Das geht nicht überall.

Oder vor einigen Wochen beim Bäcker, ich kauf mir eine Streuselschnecke und es kommen zwei Bauarbeiter herein und wollen frühstücken und es ist gleich so gemütlich, dass ich am liebsten geblieben wäre.

Oder die alte Grundschule, keine moderne coole Einrichtung, eher vom alten Schlag, aber dabei irgendwie geistig in Ordnung. Ich kann es nicht anders ausdrücken: Ich empfinde in Wriezen oft eine ausgeprägte geistige Gesundheit.

Jetzt ist mir schon klar, dass man auch tausend Gegenbeispiele finden kann, Muffel und Querulanten und überhaupt schreckliche Menschen, die wird man bestimmt auch hier finden. Aber ich glaube, viele Oderbrücher werden mir Recht geben: Gemessen an der Lage, in der sich Wriezen befindet, ist es eine ausnehmend tapfere und freundliche Stadt. Und das bringt mich auf eine andere Stadt, zu der ich ein gutes Verhältnis habe, das ist Leipzig.

Leipzig hatte es auch nicht leicht, der Krieg hat gewütet und dann kam der DDR-Städtebau und schließlich wurde die Kraft nach Berlin abgezogen, am Ende der 1980er Jahre sah es schlimm aus. Das Wasser lief an den Wänden herunter, schwarz und verraucht sahen die Straßen aus wie in einer Apokalypse. 1989 machte ein Film Furore: Ist Leipzig noch zu retten? Das wusste man damals wirklich nicht. Aber die Leipziger haben sich in ihrer Liebe zu dieser Stadt nie irritieren lassen. Sie haben nicht mit dem Schicksal gehadert, die in Dresden immer einmal anzutreffende beleidigte Leberwurst haben sie im Kühlschrank gelassen. Und am Ende war Leipzig dann doch zu retten. Und wenn Goethe sagt: Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein klein Paris (und bildet seine Leute) – so möchte ich sagen: Wriezen st ein klein Leipzig, es erhält seine Leute in einem guten Geist. Und alles wird schließlich gut. Das meine ich dann doch.

In der Lummerland-Galaxie

Das Oderbruch hat eine Eigenschaft die mir beinahe täglich Rätsel aufgibt und das ist seine Größe.

Zum einen ist es eine weite, offene Landschaft mit sehr viel Himmel. Natürlich hat sie so viel Himmel wie jede andere Landschaft auch, aber hier steht wenig in der Gegend herum, also nimmt man den Himmel mehr zur Kenntnis. Unter diesem Himmel steht man nun als winziger Mensch allein auf weiter Flur und spürt geradezu körperlich das Universum. Diese Augenblicke entsprechen dem, was man früher das Erhabene genannt hat. Man ist mit seinen Sinnen eigentlich überfordert und darin erfährt man Gott und hat an ihm teil, oder, da heute viele beim Wort Gott ein Unbehagen haben, man steht mitten in einem großen Ganzen, das schön und schrecklich zugleich ist. Wenn ich hier auf dem freien Feld stehe, fühle ich mich als Teil des Ganzen; winzig, aber dazugehörig und mit meinem Verstand voll bei der Sache. Es ist großartig, aber im Oderbruch ist es nur die halbe Wahrheit.

Die andere hat man bei der Hand, wenn man in Jürgen Hartungs „Oderbruch-ABC“ hineinschaut. Dieser definiert das Oderbruch nämlich als eine Kleinlandschaft. Mit diesem putzigen Begriff ist nun auch viel getroffen. Denn nicht nur ist die Ausdehnung dieser prägnanten Gegend mit 60 x 12-20 km recht übersichtlich, auch die Gestalt des Oderbruchs vermittelt einem die ganze Zeit das Gefühl völliger Übersichtlichkeit. Wenn ich, vor allem im nördlichen Oderbruch, durch die Gegend fahre, fühle ich mich manchmal so, als sei ich auf einer Modelleisenbahnplatte unterwegs. Überall Bäumchen, Häuschen, Kühe, Strohballen und Flüsschen, zwischen denen sich mit jedem zurückgelegten Meter die Perspektive verschiebt – und alles nett eingefasst von diesen Hügelketten, an denen der Blick haften bliebt.

Das führt zu sonderbaren visuellen Effekten. Es gibt hier Stellen, von denen aus kann man fast alle Kirchen im nördlichen Oderbruch sehen, obwohl man sich unten befindet, also nicht auf einem herausgehobenen Aussichtsplateau. Altreetz, Neuküstrinchen, Altmädewitz, Wriezen, Altranft, Neutornow, Altglietzen… es ist verrückt, wie weit man gucken kann! Die Dörfer zeichnen sich mit ihren roten Dächern ganz klar an den Horizontlinien ab, unterbrochen nur von den Pappelreihen. Und selbst mein eigenes Haus sieht man von ganz vielen Stellen aus in der Landschaft stehen, als sei es ein Spielzeug. Ich möchte, wenn ich weiß, dass jemand zu Hause ist, immer herüberwinken: Kuckuck, hier bin ich, seht ihr mich?

So habe ich ein Lebensgefühl, das ständig  zwischen Lummerland und Milchstraße hin- und herpendelt. Es spornt zu vielen Reflexionen über den Raum an. Die Landschaft ist mal heimelig und bietet Geborgenheit, dann wieder stößt sie einen beinahe zurück mit ihrer rohen Kraft. Natürlich hat das Wetter die Regie über diese Harmonien. Aber ich bin mitten darin eine Figur, die Leben hineinbringt.

Manchmal stelle ich mir vor, andere Wesen beobachten das Treiben in diesem Mikrokosmos von oben. Ich denke dann, dass sie sie nach kurzer Zeit alle Leute und ihre Autos kennen (wir sind ja nicht viele) und sich darüber kaputt lachen, welche Wege wir fahren. Hin und her, her und hin. Dann sehen sie, wie wir in den Gärten herumpusseln und abends Lagerfeuer machen oder Feste feiern. Oder wie wir in den Kirschbäumen sitzen und uns den Bauch prall futtern oder etwas bauen – um dann wieder in den verschieden Häusern zu verschwinden, sei es, um uns auszuruhen oder um etwas zu schreiben oder um uns dort zu treffen. Es muss ein sehr lebendiges und meist heiteres Bild sei, das wir da abgeben. Und man kann sagen: das Bild trügt nicht. Das Oderbruch ist eine Lummerland-Galaxie.

Politik in der Provinz

Nun, da ich nicht mehr als junger Mann durchgehe, ändert sich mein politisches Lebensgefühl. So etwas wird in der Regel als schleichender Übergang ins konservative Lager gedeutet, den in Deutschland fast alle außer Christian Ströbele durchmachen. Vielleicht ist da auch etwas dran, aber ich denke, es lohnt sich, diese Veränderung noch einmal genauer zu betrachten.

Es gibt zwei politische Grundhaltungen, die sind, zum Beispiel von dem Soziologen Max Weber, als Gesinnungsethik und Verantwortungsethik charakterisiert worden. Viele kluge Leute haben darüber nachgedacht und ich will versuchen, die Sache kurz zu umreißen:

Die Gesinnungsethiker sagen: Entscheidend ist, dass wir in dem, was wir politisch tun, für das einstehen, was wir als gut und richtig erkannt haben. Da müssen wir konsequent sein, sonst passen wir uns an die schlechte Realität an, das heißt, wir machen uns mit allem Schlechten in der Welt (Ungerechtigkeit, Naturverbrauch etc.) gemein. Gegen diese Welt müssen wir das Richtige und Gute politisch geltend machen. Diese Haltung hat einiges für sich, sie kann zum Beispiel Utopien und die Hoffnung auf eine Verbesserung unseres Lebens in politische Programmatik übersetzen. Und sie erlaubt es, immer zu fragen, auf welcher Seite man steht, also auch, Menschen politisch herauszufordern.

Die Verantwortungsethiker aber sagen: Entscheidend bei dem, was wir tun, ist, dass wir die Konsequenzen unseres Handelns im Blick haben. Jede politische Entscheidung ist ein Eingriff in das soziale Leben der Menschen. Wenn man diesen Eingriff vornimmt, sollte man vorsichtig sein und nur Dinge tun, die man später nicht bereut, etwa weil sie das Leid, das Menschen sich antun, unabsichtlich vergrößern. Die Verantwortungsethiker glauben nicht recht daran, dass sie die Welt wirklich besser machen können. Sie hoffen, dass eine Fehlentwicklungen verhindern oder einem schlimmen Übel abhelfen können. Aber sie gehen davon aus, dass wir in Widersprüchen leben und mit diesen Widersprüchen fertig werden müssen. Diese Haltung hat auch einiges für sich – ich meine vor allem, dass sie offener für Lernprozesse ist.

Das Motto Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat beschreibt nun, dass junge Menschen, wenn sie als leidenschaftliche Gesinnungsethiker loslegen und sich in die Politik einmischen, nach und nach zu Verantwortungsethikern werden. Das klappt natürlich nur, wenn sie auch wirklich aktiv werden. Wenn sie dagegen nur gute Menschen sein wollen, die sich in ihrer guten Gesinnung gefallen, dann werden sie auch als „gute Menschen“ sterben. Es gibt inzwischen ganze soziale Milieus, die politisch passiv und dabei total gesinnungsethisch sind, die also immer in Bestlaune sind, weil sie denken, auf jeden Topf einen passenden Deckel zu haben. In solcher Gesellschaft geht es mir schlecht.

Neulich hatten wir eine Sommerschule mit Studentinnen und Studenten, es ging um die Energiewende. Mit einer von ihnen sprach ich über die Konflikte in der Region um den Windenergieausbau. Es ging um das Lebensgefühl in den Dörfern, die nun vor 200 Meter großen Riesen stehen, um  die Gewinner und Verlierer dabei und um die Angst, dass mit der Energiewende die Entwertung ihres Lebensraumes beschleunigt werden könnte. Sie hörte sich das alles an. Aber nach unserer Präsentation gab sie mir zu verstehen: Das könne alles sein und man dürfe es schon auch äußern, aber dann es sei doch auch nötig, ein Statement zu ergänzen, in dem man die Windräder uneingeschränkt und bedingungslos bejaht! Denn sie seien besser als Atomstrom und deshalb seien sie letztlich auch gut. Und wenn man das nicht vor allem anderen sage, dann würde man letztlich für das Falsche streiten.

Ich verstehe, was die Studentin meinte: die Energiewende ist richtig, das muss doch in aller Klarheit gesagt werden! Dennoch steckt in ihrer einfachen Reaktion eine Opferlogik. Denn die Opfer, die Menschen abverlangt werden, müssen demnach an dem Richtigen gemessen werden, sie verdienen keine echte Würdigung. Sie haben weniger Geltung als das politisch Gute. Und diese gesinnungsethische Konsequenz (das hat die Studentin natürlich weder gewollt noch gewusst) hat im zwanzigsten Jahrhundert sehr viel Schaden angerichtet, um es vorsichtig zu sagen.

Die Gesinnungsethiker in unserem heutigen Deutschland haben einen anderen Stil als jene vor ein paar Jahrzehnten. Sie definieren gute Taten und schaffen es, sie als Produkte zu definieren, die im politischen Wettbewerb vermarktet werden. Am Schlimmsten ist damit das Bildungswesen verhunzt worden, denn man hat das Erfahrungswissen vieler Pädagogen über Bord geworfen und stattdessen von moralischen Standpunkten aus definiert, was gute Pädagogik ist. Aber auch in der erwähnten Energiewende, bei Naturschutzzielen oder in der Förderpolitik lässt man sich von entsprechenden Haltungen leiten: Nicht die Wirkung ist entscheidend, sondern die Absicht.

Ländliche Gesellschaften gelten als stur und konservativ. Legen wir diese Begriffe einmal kurz beiseite. Der wahre Kern dieses Vorurteils liegt darin, dass die Menschen in diesen Räumen die meisten Dinge von ihrer wahrscheinlichen Wirkung her betrachten. An den guten Absichten sind sie vielleicht nicht so sehr interessiert, wie sie sein sollten, sie haben zu wenig Lust an Erneuerung. Aber eins muss man ihnen lassen: Wenn jemand mit einer politischen Parole daherkommt, wenden sie sie sofort auf die Welt an, in der sie leben. Sie fragen: Und welche von unseren Lehrerinnen soll dann die politischen Vorgaben der Inklusion umsetzen? Was wird dann aus der Albert-Schweitzer-Schule, die sich gut in unserer Stadt integriert hat? Oder was folgt aus den europäischen Richtlinien für das Bewässerungsregime im Oderbruch? Oder wie soll bei der Ausweisung eines FFH-Gebietes gewährleistet werden, dass das ausgewiesene Schutzgut anschließend überhaupt erhalten bleibt?

Das sind alles berechtigte Fragen. Aber einen waschechten modernen Gesinnungspolitiker interessieren die nicht. Der sieht nur: So und so viele Hektar, Personen oder Mittel umgelenkt, umgesteuert, umgewidmet. Das Rauchen verboten,  eine Quote eingeführt, ein Gesetz erlassen. Da haben wir die Welt wieder ein bisschen besser gemacht.

Und da bin ich bei der Kommunalpolitik. Sie wirkt oft etwas visionslos, aber man wird hier niemanden von einer Idee begeistern können, die an der Komplexität des Lebens vorbei geht. In der Kommunalpolitik ist den meisten Menschen bewusst, dass sie sich in Widersprüchen bewegen, mit denen sie fertig werden müssen und die sie nicht aus der Welt schaffen können. Je länger ich mich damit beschäftige, umso mehr Respekt habe ich vor Gemeindevertretern, Bürgermeistern, Abgeordneten oder Landräten, sofern sie redlich agieren - dass sie diese Widersprüche aushalten und in ihnen trotzdem noch zu handeln versuchen.

Da aber immer mehr gesinnungsethische Regelungen auch das Leben der Provinz erschweren, entsteht ein neuer Politikansatz, der diesem kommunalpolitischen Selbstverständnis auf den Pelz rückt: Das sind rein juristische Interpretationen der Wirklichkeit. Wo die juristische Lesart gewonnen hat, kann man überhaupt nichts mehr machen, als sich auf seine Zuständigkeit und deren rechtmäßige Ausübung berufen. Man ist nur noch Werkzeug, nicht mehr Handwerker, geschweige denn Werkzeugmacher. Das ist eine bedauerliche Tendenz. Sie wird unerträglich, wenn die Gemeindevertreter unsicher sind und sich von den Zuständigkeitspredigten einlullen lassen.

Aber noch sind wir nicht so weit. Noch gibt es in der kommunalpolitischen Provinz einige, sozusagen verantwortungsethische Politiker. Die haben keine großen Botschaften in petto, die versuchen nur, das Beste aus einer Situation zu machen und dabei so wenig Schaden wie möglich anzurichten.

Das ist mir, im Moment, auch lieber so.

Vögel im Oderbruch

Fast überall auf der Welt gibt es Vögel und wer auf sie achtet, hat in ihnen gute Gesellen. Sie singen die unglaublichsten Lieder, bevölkern Himmel und Erde und beleben die Landschaft auch dann, wenn Bäume und Sträucher im Winter wie tot erscheinen. Es ist mir oft ein Rätsel, wie die Stand- und Strichvögel bei uns durch den Winter kommen und überhaupt, je mehr man den Vögeln zusieht und zuhört, umso mehr Grund hat man, sie zu bewundern. Ich finde, dass das Wort Schöpfung, das wir heute kaum noch gebrauchen, bei den Vögeln immer noch so klingt, wie es klingen sollte: nach einer herrlichen autopoietischen Energie, die vor allem zu hören ist.

Im Oderbruch sind die Kraniche zu bestimmten Jahreszeiten die absoluten Könige. Im Frühjahr tanzen sie ihre Tänze auf dem Acker und fliegen auf und nieder. Ich bin kein Ornithologe, aber mir kommt es so vor, als hielten sie sich länger hier auf als früher. Zum einen gibt es immer mehr Brutpaare, aber auch die Zeit des Sammelns scheint sich auszudehnen. Dann fliegen die Kraniche über mein Haus hinweg und trompeten so stolz und laut, dass es mir einen Riss gibt. Im September oder Oktober stehen hier meistens irgendwo Kraniche in der Nähe. An diesen Tagen zieht es mich heraus und ich möchte etwas im Garten tun, zum Beispiel den Hühnerstall streichen. Solange die Kraniche rufen ist es mir, als wachse meine Seele ins Unendliche.

Gefolgt werden die Kraniche von den Gänsen, die einen eher metallischen, harten Ruf haben. Auch über die Gänse freue ich mich sehr. Ich muss bei ihrem Erscheinen oft an die Geschichte von Nils Holgersson denken und frage mich dann, woher und wohin sie wohl gerade unterwegs sind. Ich weiß, dass den Landwirten diese großen Zugvogelschwärme zu schaffen machen und ich habe Respekt vor ihren Sorgen. Für mich ist es dennoch schön, sie hier zu sehen. Auch die Kiebitze rufen unglaublich schön, oft die ganze Nacht durch. Auf den Feldern sind sie perfekt getarnt, man muss genau hinsehen, wenn sie weiter weg sind. Aber ihr Flug ist nicht zu verwechseln. 

Die Habichte haben zwar schon mehrfach ein erfolgreiches Auge auf unsere Hühner geworfen, ich möchte sie dennoch nicht missen, genau so wenig wie die anderen Greifvögel, die Roten Milane, Falken und Mäusebussarde. Selten sieht man eine Weihe über das Feld streichen und manchmal stehen Seeadler auf dem Acker. Sie sind so groß, dass man, zumindest wenn man viel mit Bildbearbeitungsprogrammen am Computer arbeitet, denkt, da habe jemand falsch skaliert.

Graureiher sehe ich immer nur einzeln über das Bruch hinweg segeln, aber im Herbst sammeln sich manchmal viele schneeweiße Silberreiher an den Gräben. Sie sehen aus wie aus einer anderen Welt.

Große Vögel sind natürlich für Laien immer ein bisschen leichter zu identifizieren. Die Störche machen alle Leute im Oderbruch froh, einige sangen mal bei unserem Kienitzer Liederfest „Der Storch ist unser Wappentier“. Ich staune, wie lange die Störche in ihren Nestern mit dem Schnabel klappern, manchmal bis weit in die Nacht hinein. Einmal kam einer Ende Oktober hier vorbei, er war ganz sauber, wie aus dem Ei gepellt. Damals kam sogar das Fernsehen, um ihn aufzunehmen. Aber da war der Storch schon wieder weggeflogen. Der Journalist hat dann mit uns Dorfbewohnern als Zeugen vorlieb genommen, für das Abendjournal. Da haben mich meine Eltern im Fernsehen gesehen.
In den nächsten Tagen kommt der regionale Stromversorger vorbei, um auf unserer Wiese eine Nisthilfe aufzurichten. Mal sehen, ob sich ein Paar darauf einlässt.

Viele Vögel sind Kulturfolger, wie die Schleiereule, die manchmal in der Dämmerung ganz dicht und geräuschlos an mir vorbeifliegt. Der ziehende Ton beim Balzflug des Männchens ist wunderbar gruselig.

Im Frühling höre ich oft den Pirol von den Hängen pfeifen. Er liebt dort die lichten Robinienwälder. Der Pirol ist nur kurz da, weshalb ich immer die Vergänglichkeit aller Dinge in mir spüre, wenn er singt. Später dann ruft hier die Wachtel im Feld und ihr Ruf ist für mich untrennbar mit der Erzählung von Johannes Bobrowski verbunden, die wir mit Freunden oft vorgetragen haben: Stiller Sommer, zugleich etwas über Wachteln. Für die Wachtel ist es schwer bei der heutigen Landnutzung, erfolgreich zu brüten, wie für viele andere Vögel auch. Aber wir hören sie hier immer wieder. So ist es auch mit der Lerche, die mir mit ihrem Schmettergesang ein physikalisch immer noch ungelöstes Rätsel aufgibt, denn man kann eigentlich nicht glauben, wie sie so singen und zugleich so steil in die Höhe flattern kann. Wenn man im Bruch die Lerche hört, weiß man, dass es nun Frühling wird, auch wenn noch Schnee liegt und es bitter kalt ist.

Im Frühling geht mir das Treiben der Vögel oft zu schnell. Ich begreife nicht, wie man in so kurzer Zeit ein Nest bauen, Eier legen und ausbrüten und dann flugfähige Junge großfüttern kann. Die ganzen Rotschwänze, Schafstelzen und Gelbspötter haben es so eilig, dass ich selbst ganz unruhig werde. Zum Glück singen die Nachtigallen zwei mal – erst zur Balz und dann noch einmal, um ihren Kindern das Singen beizubringen. Das ist wichtig! Wir hatten mal eine Nachtigall im Gesträuch, da mussten die Eltern vorher von der Katze gerissen worden sein, die konnte jedenfalls nur ein halbes Lied und die Lücke hatte sie notdürftig versucht, mit Strophen von anderen Vögeln zu stopfen. Es klang jämmerlich und weil sie keinen Erfolg hatte, sang sie den ganzen Sommer durch. Man konnte kein Auge zumachen, einmal rannte ich nachts in den Garten und rüttelte am Pflaumenstrauch: Gib `s doch auf! Aber der Nachtigallenhahn wollte geliebt werden wie jeder andere.

Krähen und Raben sieht man im Oderbruch auf oft, aber ich höre sie hier selten. Nur das Schackern der Elstern, im Frühling. Oft sind es marodierende Banden aus Jungvögeln. Naja, man muss vielleicht nicht alles schön finden. Sehr lustig ist übrigens das Geschwätz der Stare, es wirkt so, als hätten die Tiere Humor. Wenn die Jungvögel über die Wiese staken, sieht es majestätisch und doch clownesk aus. Und wenn mal ein Grünspecht zu Besuch kommt und im Garten nach Ameisen sucht, ist es eine wahre Freude.

Auf der freien Flur im Oderbruch sind die Grauammern für mich beinahe die wichtigsten Vögel. Ihr Gesang ist ein seltsam klirrendes Stottern, beinahe, als rassele jemand mit dem Schlüsselbund, nur lieblicher. Ich habe die Grauammern sehr gern. Sie brauchen Singwarten: Zaunpfähle, Strommasten, Schilder. Dort sitzen sie und machen ihr eigenwilliges, unaufdringliches Geräusch.

Die Vögel machen unsere Welt lebendig, mein Oderbruch lebt durch die Vögel. Sie sind täglich um uns, morgens wenn wir aus dem Fenster in den Garten und auf das Feld sehen, sind dort die Vögel. Ein Glück!

Ich sehne mich oft danach, im Garten in einem Liegestuhl den Vögeln zu lauschen und dabei einzuschlafen. Das gelingt nicht oft, denn es gibt noch andere Geräusche, die auf Antwort oder auf Hilfe zielen, die meinen einen also, im Gegensatz zu den Vöglen, die nur für sich singen, persönlich. Sie kommen vor allem von Familienmitgliedern. Sie sind ganz anders. Aber auch schön.

Fleisch!

Es gibt eine deutsche Soziologin, über die ich vor Jahren schon einmal geschrieben habe, weil sie unsere Arbeit für ländliche Diskurse als „Sterbebegleitung“ abgetan hat. Ich habe ihr diese selbstgefällige Dummheit bis heute nicht verziehen und deshalb neulich wieder voller Neugier einen Artikel von ihr gelesen, in dem sie die Veränderungen der deutschen Ernährungsgewohnheiten beschreibt. Von der historischen Subsistenzwirtschaft, in der die Menschen sich selbst versorgt haben, verläuft ihrer Ansicht nach eine direkte Entwicklung zu den Convenience-Produkten aus den heutigen Supermarktregalen, also zu dem ganzen vorgekochten Zeug aus der Fabrik. Das ist in den Augen dieser Soziologin ein objektiver Prozess, gegen den man nichts machen kann. Wer heute noch selber kocht, so meint sie, ist entweder zurückgeblieben (wird also verschwinden) oder er macht das nur aus Gründen des Lebensstils, d.h. er kocht nur, um sich als Angehöriger einer höheren Schicht auszuweisen, in der man sich von anderen abhebt, indem man sich einen Rotwein aufmacht und teure Zutaten in die Pfanne haut. Kochen als Distinktion und Zeitvertreib.

Mich erinnert das an den Staatsbürgerkundeunterricht meiner Kindheit, wo es immer hieß, es gäbe zwar noch selbständige Handwerker, aber diese würden sich mit der Zeit von selbst abschaffen – weil sie objektiv nicht mehr nötig seien. Oder es gäbe zwar noch Menschen, die in die Kirche gingen, aber da auch das Opium für das Volk im Kommunismus überflüssig sei, würde es logischerweise verschwinden und man müsse sich mit solchen Dingen nicht weiter beschäftigen. Die Kirchgänger gingen also eigentlich nur noch zum Schein in den Gottesdienst, eine Art historischer Fliehkraft, sie haben noch nicht gemerkt, was gehauen und gestochen ist.

In meinen Augen ist so eine Argumentation nicht haltbar. Erstens hat es auch vor zweitausend Jahren keine reine Subsistenzwirtschaft gegeben, die Menschen haben schon immer geteilt, abgegeben, gehandelt oder mussten einfach für andere mitarbeiten. Und zweitens gibt es auch heute eine Vielfalt an Möglichkeiten, sich so oder anders zu ernähren. Mit Fortschritt hat das Ganze nichts zu tun, den Fortschritt gibt es überhaupt nicht, es gibt nur einzelne Fortschritte und was im Zweifelsfall einer ist, darüber kann man trefflich streiten. Es gibt keine Etikettiermaschine, mit deren Hilfe man das Verhalten von Menschen, etwa solchen, die ihr Essen in Teilen selbst produzieren, einfach wegstempeln kann. Diese Menschen sind da und sie stellen gerade wegen des Vorhandenseins von Fertigsuppen eine Herausforderung für unseren Intellekt dar. Warum tun sie das, was sie tun? Warum halten sie Tiere, schlachten sie, warum manschen sie in der Wurst herum? Warum ziehen sie Mohrrüben, wo doch allein die Samen so viel kosten wie eine Packung bei Aldi? Das ist doch eine spannende Frage!

Wie wenig das Fortschrittsmodell der eingebildeten Soziologin bei der Erklärung wirklicher Ernährungsgewohnheiten hilft, sieht man leicht an den Unterschieden zwischen Land und Stadt beim Fleischverzehr. In den großen Städten gibt es immer mehr Vegetarier und nun zunehmend auch Veganer. Das hat viele Gründe – sie haben wohl manchmal etwas mit Lifestyle zu tun, indem es im Augenblick schick ist und als aufgeklärt gilt, sich so zu ernähren. Zugleich spielen aber auch redliche moralische Bedenken hinein. Und dann gibt es da noch ein weiteres, in der ganzen Debatte vollkommen unterschätztes Moment: Für die meisten Großstadtbewohner ist es buchstäblich sinnlos, Fleisch zu essen. Es schmeckt zwar vielleicht und macht bestimmt satt, aber gemessen an dem Umstand, dass für diesen Genuss möglicherweise Tiere leiden müssen, ist das ein hoher Preis, der letztlich schwer wiegt. Und das ist ein wichtiger Unterschied zum Landleben.

Sofern wir nicht Schaffleisch aus eigener Haltung zum Verzehr im Hause haben, decken wir einen großen Teil unseres Fleisch- und Wurstbedarfs bei Peter und Annett aus dem südlichen Oderbruch. Sie lassen wiederum bei Andres in Neubarnim schlachten, der ein sehr freundlicher und unfassbar fleißiger Mann ist. Ich war schon dabei und habe zugesehen, wie er geschlachtet und das Fleisch verarbeitet hat. Es ist beeindruckend, wie schnell und sicher seine Handgriffe sind und wie er es hinbekommt, dass die Tiere so wenig Stress wie möglich erleiden.

Das macht die Sache allerdings im Detail nicht unbedingt einfach. Imma Harms hat ihre irrenden Gefühle bei der Schlachtung dreier Schweine in ihrem Buch „Dünne Haut und dickes Fell“ beschrieben – ich erkenne auch meine Empfindungen darin wieder. Man hat Respekt vor der Leistung, aber es handelt sich nun einmal um eine Tötung. Neulich brachte ich meine Schafe zur Schlachtung nach Neubarnim. Das große hatte immer laut geblökt und war sehr zurückhaltend gewesen, aber das kleinere hatte sich zutraulicher verhalten, wir hatten, unfreiwillig, doch eine gewisse Beziehung zu ihm aufgebaut. Nun kam also der Schlachter und sofort drehte sich das Kleine neugierig zu ihm um. Andreas sagte: „Ach du bist ja lieb!“ und damit hatte er es an der Kandare - und mich packte die Rührung.

Ist es ein Skandal, was wir da tun, eine Anmaßung? Hat es etwas mit unserem eigenen Tod zu tun?  Wie denken wir über die Tiere, wenn wir sie schließlich essen? Bewahren wir eine Erinnerung von ihnen? Hatten sie es gut bei uns? Und wenn diese Fragen so schwer zu beantworten sind: warum ziehen wir das dann trotzdem durch, ohne endgültige Klarheit zu haben?

Im letzten Sommer traf ich Peter auf der Rückfahrt von Andreas’ Schlachthof aus Neubarnim, er hatte Mutterschafe abgeliefert. Die Wahl, welche Tiere es treffen sollte, war ihm schwer gefallen. Obwohl er jeden Monat Tiere nach Neubarnim bringt, sah man, wie ihm die Sache aufs Gemüt schlug. Er hatte die Tiere gemocht und er hatte entschieden, sie schlachten zu lassen.

Auch die anderen Menschen im Oderbruch, die ihr Kleinvieh selbst schlachten oder die größeren Tiere gemeinsam mit einem Metzger töten und verarbeiten: Sie tun es, aber sie tun es nicht gern. Warum sollte es dann einen Wert haben?

Durch die Haltung von Tieren wird man zu jemandem, der Leben ermöglicht. Man übernimmt Verantwortung für dieses Leben und schließlich auch für dessen Ende. Das rührt in mir eine Saite an, die immer verschieden schwingt; traurig und vital, eine Liebe zum Leben, eine Anerkennung der Sterblichkeit. Ich höre diese Saite noch in mir, wenn ich das Fleisch verarbeite oder wenn ich es esse. Ich denke an die Tiere und an die Menschen, die sie mit ihrer Arbeit zu Nahrungsmitteln verarbeitet haben, ich denke an ihr Leben und unser Leben und mein Leben. Es ist nicht schön, die Tiere zu schlachten, aber es ist Teil eines Sinnzusammenhangs, zu dem das Essen dazugehört - der Sinn geht aber umgekehrt im Essen nicht auf. Er hat mit dem ganzen Leben zu tun. Das Fleisch ist hier mehr als ein Nahrungsmittel, in ihm treffen ganz viele Stränge aufeinander, es schafft eine Nähe zu den anderen Kreaturen, enthält Spuren des Kampfes von Leben und Tod, von Arbeit und Genuss.

Und es gibt noch einen anderen Grund, der das Fleisch auf dem Land so wertvoll macht: Mit Fleisch und Wurst kennt man sich in vielen ländlichen Räumen Deutschlands gut aus, es ist einfach vor Ort zu verarbeiten und zu veredeln. Das ist mit vielen edlen Milchfeinkostprodukten anders – ein guter Bergkäse kommt jedenfalls nicht aus dem Oderbruch. Der Genuss von Fleisch erlaubt den Menschen hier eine höhere Eigenständigkeit in ihrer Ernährung. Sie sind weniger abhängig, sie wissen selbst, was sie da auf dem Teller haben – und es ist köstlich. Die Wurst aus Neubarnim schmeckt großartig und das Fleisch aus Basta ist so lecker, dass wir es von Mal zu Mal weniger würzen, wenn wir es zubereiten. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen ist es für mich hier draußen in gewisser Hinsicht „sinnlos“, vegetarisch oder gar vegan zu leben. Andere können das gern machen, ich bin froh, dass ich es hier nicht muss.

Deshalb musste ich sehr lachen, als ich im dritten Teil von Veits „Malerlehrling“ las, wie er bei der Armee einen schrecklichen Heißhunger auf frisches Fleisch bekam und was er unternahm, um ihn zu stellen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Provinziale

Seit einigen Jahren mache ich beim Filmfest Eberswalde mit und davon will ich heute erzählen. In Eberswalde sagt man eigentlich „Fülmföst“, wie man auch „Mülsch“ sagt, das ist hier so der Dialekt.

Die Geschichte begann für mich zweimal. Im allerersten Jahr des Filmfestes hatte ich die Veranstaltungen moderiert und dafür ein Honorar bekommen. Aber ich wollte es lieber nicht weiter machen, moderieren strengt mich zu sehr an, wenn ich nicht selbst in dem Stoff stehe, den es vorzustellen gilt. Einige Jahre später luden mich die Filmfestmacher aber erneut ein, diesmal programmatisch mitzuarbeiten. Darauf ging ich gern ein und es machte mir sofort großen Spaß.

Was ist das Besondere an diesem Filmfest? Wir haben es vor ein paar Jahren „Provinziale“ getauft, womit wir meinen, dass es sich, zumindest im Dokumentarfilmbereich, mit den Lebensperspektiven in der Provinz befasst, ganz gleich ob in Mexiko oder in Sachsen. Da bin ich in meinem Metier, ich  fühle mich wie ein Fisch im Wasser, wenn es um solche Fragen geht. Wenn die Filme zur Auswahl für den internationalen Wettbeerb eingesandt werden, gibt es viel zu gucken und man lernt unendlich dabei, auch von den Filmen, die am Ende nicht bei uns gezeigt werden. Am besten ist es, die Filme mit Udo und Sven zu diskutieren. Es entdeckt doch jeder noch etwas, was man übersehen hatte. Oder bringt es besser auf dem Punkt. Die Qualität unseres Programms hängt eindeutig von der Kommunikation ab, die wir untereinander pflegen. Es ist schön, sein Urteilsvermögen miteinander zu schulen. Es ist wunderbar, wenn die Regisseure kommen und sich freuen, wie intensiv wir uns mit ihren Filmen auseinandergesetzt haben, so dass ein echtes Filmgespräch möglich ist. Diese Programmarbeit ist aufwändig, aber ich würde sie nicht abgeben wollen. Auf keinen Fall!

Gleichwohl sind all die inhaltlichen Anregungen doch für mich nicht das Wichtigste. Das Entscheidende ist die Art der Zusammenarbeit, wie ich sie hier erleben kann. So etwas habe ich bisher an keinem anderen Ort und in keiner anderen Institution erfahren. Zwölf Leute arbeiten in dem Programmbeirat zusammen, in der Filmfestwoche kommen mindestens noch einmal so viele für die unmittelbaren Arbeiten dazu. Es ist ein sehr gutes Team. Die Leute achten aufeinander und ohne große Gemeinschaftsduselei bilden sie zusammen eine sehr leistungsfähige Gruppe. Oft loben Gäste die professionellen Standards des Festes und die angenehme Aufnahme, die sie hier erleben. Ich habe mich gefragt, wie das kommt. Es muss mit den Initiatoren zusammen hängen, mit der Art, in der sie die Leute einbinden, immer in dem Wissen, dass es eine Unternehmung ist, die auf viele Jahre hin gedacht werden muss. Wachstum ist nur dann nachhaltig, wenn es langsam ist. Das wissen sie und so haben sie Geduld.

Im Programmbeirat zum Beispiel ringen wir jedes Jahr um wichtige Entscheidungen. Wie sollen sich die Wettbewerbe entwickeln? Was wollen wir mit ihnen erreichen, wie können wir sie verbessern? Wie agieren wir zwischen Filmwirtschaft und Stadtpublikum? Viele von uns machen sich im Verlaufe der Woche im Herbst Notizen, damit sie wichtige Dinge nicht vergessen: später müssen wir sie unbedingt besprechen! So werden die offenen Fragen über lange Zeit in der Diskussion gehalten, sie können reifen. Und wir haben jedes Jahr das Gefühl, ein Stück weiter zu kommen. Neue Ideen werden aufgegriffen und integriert, Erfahrungen ausgewertet und immer wieder wird nachgesteuert.

Vor einigen Jahren gingen wir dazu über, uns vom Prinzip der externen Moderation in den Veranstaltungen vollkommen zu lösen. Seitdem gehen alle Mitglieder des Programmbeirates auf die Bühne. Sie kündigen die Vorstellungen an, machen Filmgespräche und moderieren Preisverleihungen. Das tut uns sehr gut. Schon bei der Filmauswahl machen sich alle klar, dass sie die betreffenden Filme möglicherweise selbst vor dem Publikum vertreten müssen, das schärft unser Verantwortungsbewusstsein. Außerdem überwindet jedes Mitglied seine Scheu, die Provinziale vor den Gästen persönlich zu vertreten. Wir kommen zur Sprache. Wir werden sicherer und in Auseinandersetzung mit den Filmen und mit uns selbst Schritt für Schritt klarer in Bezug auf unser eigenes Tun. Und unser Publikum?

Dieses Jahr zeigten wir eine kurze Dokumentation über ein vergehendes Dorf in Weißrussland. Es war ein sehr anrührender Film und ich wusste zunächst gar nicht, was ich auf diesen starken Eindruck hin sagen sollte. Da meldete sich eine Frau aus dem Publikum und sagte: Wir haben im letzten Jahr hier einen Film gesehen, der hieß DARWIN, da wird gezeigt, wie Menschen in den USA in so einer zivilisatorischen Abgeschiedenheit ihr Dasein gestalten. Sie müssen improvisieren, aber man versteht doch, warum es für sie gegenwärtig der bessere Ort zum Leben ist. Wäre so etwas in Weißrussland auch möglich? Die Frau im Publikum hatte einen Film vom letzten Jahr genommen und ihn mit einem Film aus diesem Jahr in Beziehung gesetzt, um eine Frage an den Regisseur über sein Land zu stellen. Das meine ich! Das ist es, was wir wollen!

Aus all diesen Gründen gehört das Filmfest zu den großen Trümpfen meiner provinziellen Existenz. Und weil das so ist, brauche ich immer mindestens zwei von den jährlich herausgegebenen T-Shirts. Da steht drauf „PROVINZIALIST“ – in allen denkbaren Sprachen dieser Erde.

Wind, Wind, fröhlicher Gesell!

Unser Haus wurde vor ungefähr 120 Jahren gebaut. Es steht ziemlich allein auf einem Ackerschlag, ein bisschen erhöht. Die Bewohner meines Dorfes nennen den Ort: den Mühlenberg. Also von einem Berg kann man eigentlich nicht reden, aber wenn man zum nächsten Graben Richtung Herrenwiese läuft (und nur von dort), dann sieht man, dass es schon ein bisschen höher da ist als im breiten alten Mäanderbett, so zwei, drei Meter vielleicht. Ob das im Hochwasserfall etwas nutzt, kann ich (zum Glück) nicht sagen.

Mit Sicherheit aber kann ich sagen, dass dieser Standort dem Wind viele Angriffsmöglichkeiten bietet. Das müssen auch die Erbauer des Hauses gemerkt haben, denn sie errichteten genau hier eine Bockwindmühle. Ihre ökonomische Zukunft sollte durch das Müllerhandwerk gesichert sein! Dazu gab es vier Morgen Land, gerade genug für etwas Vieh und ein paar Feldfrüchte, später auch Tabak. Die neoklassizistische Schaufassade richteten sie nach Neutornow aus, obwohl das vier Kilometer weg ist, aber der angehende junge Müller kam aus Neutornow und er wollte seinen gedeihenden kleinen Wohlstand offensichtlich in die Richtung seines Heimatdorfes demonstrieren.

Jedenfalls ist die Bockwindmühle irgendwann abgebrannt, sodass es mit der stolzen Müllerexistenz ein Ende hatte, obwohl immerhin in der Scheune noch eine kleine Schrotmühle eingebaut wurde, die steht da heute noch. Aber an der Identität des Müllerberufs schien die Familie trotzdem festzuhalten, denn als später in Sonnenburg ein altes Eisenwindrad ausrangiert wurde, holte man sich das hierher auf den Acker und baute es wieder auf. Ein riesiges Ding mit 32 Flügeln, das den Dachfirst des Wohnhauses weit überragte und einen Höllenlärm machte. Genutzt wurde es wohl ebenfalls zum Mahlen, aber auch zum Pumpen von Wasser, vielleicht auch, um ein bisschen Strom zu machen. Die alten Bewohner von Neutornow erzählen, dass sie es sich damals dreimal überlegten, ob sie da vorbei laufen wollten, so garstig soll das Quietschen und Klappern dieses Ungetüms gewesen sein. Und überhaupt war es viel zu windig da draußen.

Ja, es weht forsch auf dem „Mühlenberg“. Herr R., von dem wir das Haus kauften und der ein direkter Nachfahr dieses Müllers ist, sagte neulich zu mir: „Es ist ja ganz schön da draußen, aber wenn der Wind von Osten bläst, dann sitzen sie ja in der ersten Reihe!“

In der Tat ist der Wind meist ungemütlich. Schon im Sommer reduziert er die Abende, an denen man frei im Garten sitzen kann, ohne zu frösteln. Er treibt auch die Heizkosten im Winter nach oben und manchmal gehen wir mit den Kindern nach wenigen Minuten wieder ins Haus, weil es einfach nicht auszuhalten ist. Der Wind ist oft lästig, er bremst das Wachstum der Pflanzen, trocknet den Boden aus, fährt mir durch die Kleider, pfeift im Ofen, rüttelt an den Dachsteinen. Er macht einem das Leben im Oderbruch nicht leicht und außerdem lockt er Investoren für die Windenergienutzung an. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Windräder im Oderbruch, aber eine kleine Flaute böte eine Verschnaufpause bei dieser rasenden Energiewende.

Und! Doch! Mag! Ich! Den! Wind! Er fordert meinen Widerstand heraus. Ich sehe den zähen Tieren zu, wie sie hier auf dem Feld gegen den Wind fliegen oder laufen, ich stemme mich beim Spazierengehen dagegen, ich bewundere mein Haus und die alte, eben windschiefe Scheune, dass sie dem Wind so lange widerstanden haben. Ich staune über die Hühner, wie ihr Gefieder vom Wind durchlöchert wird und ich freue mich über die Bäume, die sich in ihm wiegen und biegen. Durch den Wind ist am Himmel im Oderbruch immer etwas los und man lernt den Wert von Schutz und Geborgenheit jeden Tag neu schätzen. Überhaupt ist es vor allem der Wind, der mir das Wunder dieses Siedlungsraumes immer wieder neu vor Augen führt. Im Oderbruch wohnt man nicht einfach so vor sich hin. Man widersteht.

Wenn es einmal windstill ist, dann steht man draußen und staunt. Es ist dann, als läge die Luft wie Seide auf der Haut, zart und unbewegt – aber doch leicht, so das man spürt: Sie könnte sich jederzeit wieder in Bewegung setzen. In solchen Momenten überkommt mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit. Ich könnte das nicht empfinden, wenn es hier nicht beinahe täglich wie verrückt pusten würde. Ein paar Hecken müssen schon sein, aber der Wind ist der Wind, er gehört dazu. Manchmal ist er übrigens auch lau und freundlich. Einen Windfang an der Nordfront des Hauses wünsche ich mir trotzdem. Wenn ich einmal groß und reich bin, kommt der da dran.

Die Vorbesitzer unseres Hauses, die ja als Müller angefangen hatten, haben das mit dem Wind übrigens scheinbar noch konsequenter gesehen als ich. Als wir das Grundstück vor sechs Jahren kauften, gab es keine Hecke, keinen Strauch, kaum Schutz gegen den Wind. Die Windmühle war zwar verschwunden, aber auf einen Mühlenberg gehört ein ordentlicher Wind!

Älterwerden und Altwerden

Mein Leben fühlt sich manchmal an wie eine rasende Zugfahrt. An vielen Haltestellen fährt der Zug durch oder er hält zu kurz. An ein Umsteigen ist schon längst nicht mehr zu denken. Weil die Fahrt immer schneller wird, scheint die die Landschaft an mir vorbeizuziehen, es bleibt zu wenig Zeit, sich an ihr zu erfreuen. Ich kann in dieser Beschleunigung keinen Sinn erkennen, ich weiß nur, dass der Zug irgendwann zum Stehen kommen wird, aber dass es für mich wie alle Menschen unserer Kultur heute schwer ist, diese Ankunft als ein Ziel zu begreifen. Wir halten die Menschen früherer Zeit, die den Tod noch als Erlösung empfunden haben, für naiv, ohne uns klar zu machen, dass wir es vielleicht sind, bei deren Umgang mit Leben und Tod etwas grundsätzlich verkehrt läuft. Das allgemeine Beklagen „wie die Zeit vergeht“ wird immer von Momenten der Unruhe unterbrochen. So drückt mir das schwindelerregende Großwerden der Kinder beharrlich die Frage ins Herz, ob ich die gemeinsame Zeit auch genügend genossen habe und genieße. Und das Älterwerden der Eltern wirft zehrende Fragen auf, ob man gemeinsame Gelegenheiten, sich zu begegnen, versäumt hat und immer noch versäumt. Die Veränderungen, die man an sich selbst bemerkt, haben auch ihre Botschaft; man erkennt beizeiten, dass der eigene Körper nur auf eine bestimmte Frist hin seinen Dienst tun wird.

Die meisten Menschen, die ich kenne, schlagen sich mit diesen Erfahrungen herum. Sie laufen dann durch einen Dunst aus Unbehagen und Sprachlosigkeit. Und es wäre auch albern, so zu tun, als könne man dieses Problem der Vergänglichkeit aus der Welt reden. Ich weiß zwar, dass die Schönheit einer Blume durch ihre Vergänglichkeit bestimmt ist – sobald sie aus unverwüstlichem Kunststoff ist, ist es vorbei mit ihrer betörenden Kraft. Trotzdem tut es ja weh. Und es geht einfach alles zu schnell, weil wir zu viel in unser Leben hineinpacken.

Verstärkt wird dieses Gefühl dadurch, dass wir heute mit Menschen vernetzt sind, die wir nicht täglich sehen. Damit wird jedes Wiedersehen zu einem kleinen Schockereignis. Ich muss nur drei, vier Tage von meinen Kindern getrennt sein, schon bin ich beim Wiedersehen irritiert von den Sprüngen in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung. Natürlich gibt es das Internet und diese ganzen schnellen Bildmedien. Trotzdem zerfällt die Wahrnehmung vieler Bekannter in Augenblicksaufnahmen aus einem Zeitrafferfilm. Zu den schlimmsten Sätzen, die ich kenne, gehört: „Die ist aber alt geworden“. Vorzugsweise wird dieser Satz nach Klassentreffen, Familienfeiern und zufälligen Begegnungen gesagt. Er hat oft etwas Gehässiges, als wolle man das eigene Alter von sich abstreifen und es den anderen umso gnadenloser anhaften.

Nun ist diese Erfahrung aber unvollständig. Es gibt noch eine zweite, völlig entgegengesetzte Erfahrung, nämlich dass das Älterwerden ein Gewinn ist, ein Wachstum an Reife und Gelassenheit. Dass es schön ist, die Unsicherheiten der Jugend hinter sich zu lassen. Dass die Dinge sich entfalten, eine Richtung erhalten, die man selbst beeinflusst hat. Dass man sich immer weniger an Dinge klammert, die einen unfrei machen, dass man vielmehr fähig wird zur Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Diese Erfahrung ist mindestens genau so stark und ich hoffe immer, dass sie letztlich die Oberhand behalten wird, so dass ich zufrieden abtreten kann, „wenn mein Stündlein vorhanden ist“.

Und bei all dem tut es mir nun gut, dass ich in einem provinziellen Raum lebe. Ich teile diesen Raum mit anderen, mit alten und jungen Menschen. Sie alle bevölkern meine Welt und viele kenne ich persönlich und sehe sie täglich. Ihr Älterwerden geht für mich recht langsam, es ist ein kontinuierlicher Prozess. Er ist nichts Besonderes, wir unterliegen ihm alle und bei denen, die man täglich sieht, teilt man in gewisser Weise auch das Tempo der Zugfahrt, man synchronisiert sich und steht mit der Erfahrung der Vergänglichkeit nicht allein. Ich denke mir, so geht es vielen Menschen, auch denen, die in einem Mietshaus leben und die Nachbarn kennen.

Es gibt nun aber immer mehr Räume, die so gebaut werden, dass die Begegnung mit anderen Menschen nur flüchtig sein kann. Die anderen teilen dann mit einem nur den Augenblick, ansonsten ist man für sich. Das mag in einer Samstagnacht ganz nett sein, im Leben finde ich es furchtbar. Da ziehe ich es vor, dass mein Nachbar jeden Tag mit seinem Hund bei mir vorbeikommt und wir über das Wetter reden (wir erwähnten ihn bereits). Wohlgemerkt, es immer der gleiche Nachbar und gerade das ist doch das Schöne daran. Die Vorstellung, dass da jeden Tag jemand anders entlangläuft, finde ich sehr unattraktiv.

Im täglichen Leben mit den anderen fällt mir auf, dass die besten Jahre der Menschen nicht automatisch ihre jüngsten sind, das sieht im Leben jedes Einzelnen ganz verschieden aus. Manche werden grau und fahl, andere werden grau und schön. Es kommt auch darauf an, wie man lebt und es liegt natürlich auch am Glück – an dem, das man hat und an dem, das man empfindet. Ich sehe Jugendliche in der größten Not ihres Lebens und ich sehe vergnügte Alte. Die Panik des rasenden Zuges legt sich so. Wo jemand stirbt, ist man traurig. Aber jedes Mal, wenn ich am Haus von Frau Haack vorbeifahre, denke ich an sie. Die einst hier waren, bevölkern meine tägliche Welt auf gewisse Weise immer noch. Es ist nicht flüchtig. Es ist, als könne man die Beschleunigung der Zeit damit auflösen. Und wenn Otto in mein Büro kommt und etwas wegen des Friedhofs will, dann nehme ich mir mehr Zeit als früher. Nicht so sehr wegen des Friedhofs, mehr wegen Otto. Der Moment kommt nicht wieder, man sollte ihn wahrnehmen und die Ohren aufsperren.

Ich stelle mir vor, dass ich alt bin und einige meiner Freunde sind noch da und sie sind auch alt. Und dass wir es irgendwie schaffen, uns gegenseitig zu helfen, bei den immer größeren Erschwernissen des Alltags. Das wäre schön. Denn ich will doch hier nicht weg und aus Not in die Stadt ziehen müssen. Ich will doch hier bleiben, bei den anderen.

Den Schnabel selbst wachsen lassen

In den letzten Jahren hat sich der Sprachgebrauch in Deutschland in rasendem Tempo verändert. Das Tempo, in dem die Leute ihre Sprache umbauen, beunruhigt mich. Dabei sind es verschiedene Veränderungen:

Zuerst haben wir die Anglizismen, in deren Folge ein Jugendkonto heute First Cash und ein gutes Beispiel Best Practise heißt. Dieser Umbau der Sprache ist ausgerechnet in den Wissenschaften am radikalsten vollzogen worden, mit dem Argument, dass man sonst im Weltmaßstab zurückbleiben würde. Die Deutsche Gesellschaft für Ökologie etwa hält ihre Tagungen nur noch auf Englisch ab, sogar Sessions ohne einen einzigen ausländischen Teilnehmer werden auf Englisch durchgeführt. Englischlernen ist eine gute Sache, aber dass die eigene Sprache unterdessen dermaßen vernachlässigt wird, dass das normale Denkvermögen darunter leidet, ist schade. Ganze Bücher sind darüber geschrieben worden und man dachte immer, es ginge nur um gekränkten Nationalstolz, aber gerade an der Entwicklung der deutschen Wissenschaften lässt sich erkennen, dass es um ganz was anderes ging, nämlich um eine kollektive Schwächung des Geistes durch die Aufgabe reflektierter Sprache.

Ganz anders, viel bewusster und politischer tritt dagegen das massive Gendering der Sprache auf. Auch hier ist das Tempo des Sprachumbaus bemerkenswert, und dieses sowie der starke moralische Grundton bei der Reformierung führen zu großen Unsicherheiten bei den Sprechenden. Kann man noch sagen: die Deutschen? Da es statt „die Polen“ nun die Polen und Polinnen oder die Pol_innen bzw. PolInnen heißen muss, wird es bei den Deutschen doch wahrscheinlich auch schon eine weibliche Form geben? Ich habe das vielleicht verpasst. Sicher ist: Man kann es sich nicht vorstellen ist schon tabu, oder, um es im Sinne des zuvor benannten Wandels zu sagen, es ist NoGo.

Und schließlich gibt es überhaupt ein großes Reservoir diskriminierenden Sprechens im Deutschen, das nun rasant trockengelegt wird. Das sind vor allem rassistische Muster, die sich überall finden lassen. So musste in den letzten Jahren „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler umgeschrieben werden und auch bei Pipi Langstrumpf sind die Verlage auf Mahnungen hin tätig geworden. Ich bin sicher, bald wird man auch bei Kleist oder Schiller fündig werden und sukzessive die ganze Weltliteratur für Erwachsene umschreiben oder sie verbieten. Denn wenn man Kinder für zu dumm hält, sich selbst in Auseinandersetzung mit Literatur ein Urteil in ihrer Welt zu bilden, wird man dies bei Erwachsenen auf Dauer nicht anders sehen. Auch diese Veränderungen sind gut gemeint, aber die Vehemenz, mit der sie durchgesetzt werden, macht mich wiederum misstrauisch.

Um es klar zu sagen: Ich sehe durchaus die Spuren der Borniertheit, der Abwertung anderer und der Ungerechtigkeit in unserer Sprache. Ich glaube nur nicht daran, dass man durch einen hygienischen Akt in der Sprache einen echten Bewusstseinswandel vollziehen kann. Ich habe in der DDR erlebt, wohin es führt, wenn Worte politisch geächtet werden. Im besten Fall führt es zu einer Unsicherheit, wie man sich ausdrücken soll. Durfte man überhaupt Jude sagen? War das nicht selbst schon rassistisch? Wir haben als Jugendliche am Ende das ganze Thema gemieden, weil wir uns nicht mehr sicher waren, wie wir uns überhaupt richtig ausdrücken sollten. Im schlimmsten Fall führt die Sprachhygiene zu einer verlogenen Haltung.

Die Idee, man könne die Welt dadurch verbessern, indem man die Sprache einer moralischen Säuberung unterzieht, zeugt von einer sterilen und lieblosen Beziehung zur Sprache. Alles raus, was uns nicht gefällt, dann ist das Denken bereinigt und dann ist keiner mehr böse. Ich glaube nicht daran, dass das aufgeht. Es ist richtig, dass diskriminierendes und menschenverachtendes Sprechen zu tadeln ist, aber die Meinung, man könne durch allgemeine Regeln, etwa durch Ächtung und Neuerfindung von Worten, dafür sorgen, dass die ihnen zugrunde liegenden Muster verschwinden, ist absurd. Manche Worte haben einen diskriminierenden Ursprung, sind es aber heute nicht mehr. Andere Worte sind völlig harmlos, können aber im Sinnzusammenhang ganz furchtbar sein. Und außerdem kann man auch lügen, d.h. sich vollkommen korrekt ausdrücken und trotzdem den anderen gegenüber die bösartigsten Ressentiments hegen. In den USA ist jetzt der Protest gegen das Wort actress (Schauspielerin) laut geworden, es bringe eine geringschätzige Haltung zu weiblichen Schauspielerinnerinnen zum Ausdruck. Das mag sein, ich habe kein so feines englisches Sprachgefühl. Interessant ist nur, dass die Forderung, weibliche Schauspielerinnen zukünftig actor zu nennen, in die genau entgegengesetzte Richtung unserer Sprachentwicklung zeigt. Und was ich damit sagen will: Ob etwas diskriminierend ist, lässt sich nicht auf dem Reißbrett entscheiden.

Manchmal habe ich auch den Verdacht, dass gar nicht die Diskriminierung der einen Menschen durch die anderen, sondern die Ungleichheit zwischen den Menschen überhaupt abgeschafft werden soll. Statt sich also an den tausenderlei verschiedenen Möglichkeiten, Mensch zu sein, zu erfreuen, wird allein die Tatsache, dass wir verschieden sind, zu einem Skandal erklärt. Das führt dazu, dass uns die Worte abhanden kommen, diese Verschiedenheit zu beschreiben und sie voller Lust zu erkunden.

Der moralische Druck, der auf die Sprechenden ausgeübt wird, führt nun dazu, dass sich die Sprache stärker als je zuvor aufspaltet. All jene, die auf gesellschaftlichen Aufstieg und Erfolg hoffen können, die also eine Kariere vor sich haben und über genügend kulturelles oder materielles Kapital verfügen, krempeln ihre Sprache um und reden korrekt. Sie passen ihre Wortwahl den Hierarchien an, in denen sie aufsteigen wollen, sie vermeiden alles, was auffallen könnte, die sagen „ein Stück weit“ und „ich glaube“, um Zeit für die Kontrolle ihrer Wortwahl zu finden. Jeder Politiker und jede Politikerin weiß, dass ein falsches Wort heute das Aus bedeuten kann.

Und all jene, die sich mit ihrem Leben als Unterprivilegierte abgefunden haben, denen ist das scheißegal. Die verschärfen womöglich sogar ihren Tonfall. Und da sind wir auf dem Land, zum Beispiel im Oderbruch.

Ich male das jetzt nicht weiter aus, das hab ich an anderer Stelle getan. Ich will nur sagen: Hier wohnen überwiegend Menschen, denen aus einer angepassten Sprache keine Vorteile entstehen. Sie reden nicht diskriminierender als anderswo, überhaupt nicht, aber sie reden zwanglos, in ihrer Sprache ist Platz für Witz, Spott, unerwartete Perspektivwechsel, Bosheit, Wärme und kollektive Erfahrung. So ist es ja mit allen echten Dialekten, die dort gedeihen, wo Menschen miteinander auf Augenhöhe leben. Da nutzt es nichts, wenn man sich besonders gescheit ausdrückt, da ist es besser, zu sagen, was man meint. Im Übrigen hat dies nichts mit einer Abneigung gegen einen großen Wortschatz oder gegen eine differenzierte Ausdrucksweise zu tun, die habe ich hier nie erlebt. Es ist ein kollektives Sprachgefühl, das darauf ausgeht, was jemand meint, wenn er den Mund aufmacht – und nicht, ob er sich an ein politisches Normenraster hält.

In diesem Sprachfeld, obwohl es manchmal voller grober Brocken und spritzender Pfützen ist, fühle ich mich sicher. Ich rede mit den Leuten hier, ich höre ihnen zu und ich habe auch das Gefühl, dass mir zugehört wird. Es ist eine Form von Freiheit und für mich ist es eine der wichtigsten Freiheiten überhaupt.

Ich wünsche mir, dass die Menschen in den Provinzen ihre eigene Sprache pflegen. Das heißt nicht, dass sie achtlos diskriminierend reden sollen. Aber dass sie bei sich bleiben sollen und sich den Schnabel, der ihnen gewachsen ist, nicht von außen zukleben lassen sollen, das meine ich. Und ob am Ende die Worte dämlich und herrlich noch nutzbar sind, ohne damit ein diskriminierendes Frauenbild zu pflegen, das entscheiden sie selbst.

Wir gehen ein Bier trinken

Neulich hatten wir eine Bürgerversammlung in Neureetz. Wir wollten das Ganze lieber öffentliches Arbeitstreffen nennen, aber die Leute saßen dann doch wieder so da wie vor einem halben Jahr: Hier die Gemeindevertreter, dort die Bürger und vorne die Aktivisten. Man muss dazu wissen, dass wir uns damals sehr in der Gemeinde gestritten hatten, es ging um den Ausbau der Windenergie. Das ist kein schönes Thema, hier auf dem Land. Das bestimmende Gefühl bei allen ist Ohnmacht, aber zum Zanken reicht es trotzdem noch. Die einen wollen was vom Kuchen abhaben und die anderen sagen, bevor ihr zum Zuckerbrot greift (das man euch wegziehen wird) fragt nach der Peitsche! Man redet über Atomstrom und Gewinnsucht, über Solidarität und Ökologie aber alle haben das Gefühl, dass ihnen der Überblick fehlt und das ist auch der Fall. Es ist ein Irrgarten.

Jedenfalls hatten wir uns bemüht, aus der Konfrontation zwischen zornigen Bürgern und Gemeindevertretern heraus eine neue Arbeitsebene zu schaffen und die jüngste Bürgerversammlung sollte so einen Zwischenstand abbilden. Es verlief trotz der ollen Sitzordnung sehr konstruktiv, fast ein bisschen unheimlich konfliktarm. Aber letztlich war es doch schön. Denn es gab Momente, da begannen die Leute doch tatsächlich, miteinander zu reden. Sie hörten sich zu, machten Vorschläge und warfen Bedenken ein, es war so, wie es eigentlich sein sollte. Hatte ich beim ersten Mal sozusagen mit den Richterhammer moderiert, war eine Moderation diesmal fast überflüssig.

Jedenfalls hatten einige von uns hinterher so gute Laune, dass Jenny vorschlug, man könne doch noch ein Bier trinken gehen. Ein Bier? Hier? Ja, richtig, Anika Grüneberg und Mirko Zimmermann haben ja in der „alten Bäckerei“ eine Wirtschaft aufgemacht. Hat die noch auf? Ja, sie hat. Und man kann dort auch Essen. Und es schmeckt.

Das ist in manchen Teilen der Welt etwas ganz selbstverständliches. Hier ist es nicht mehr selbstverständlich. Soll man darüber traurig sein? Nein, man soll sich freuen, dass es jemand wagt, den anderen etwas zu Essen und zu trinken anzubieten. So etwas ist im Oderbruch keine Geschäftsidee wie jede andere, es ist ein Wagnis und es hat eine direkte Verbesserung der Lebensqualität der Bewohner zur Folge.

Wir also hin, das heißt: Ich erst fast bis nach Hause (weil müde), dann aber umgedreht und doch ihn, weil: zu reizvoll, das Ganze. Nun saßen wir da wie die sieben Zwerge am Tisch: Udo, Beate, Jenny und Ulrich, Anne und Tobi und ich, im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte siebzig, und freuten uns unseres Abends.

Denn erstens ist es klasse, wenn so verschiedenen Generationen zusammen ein Interesse an der Gemeinde entwickeln und sich dabei gut verstehen. Zweitens ist es überhaupt schön, dass wieder jüngere Leute hier herausziehen, das war lange Zeit nicht so und nun kommen die ersten und sie beeindrucken durch die Tapferkeit, mit der sie hier loslegen, in den alten Häusern herumwerkeln, Kontakte zu den Dorfbewohnern aufnehmen und sich durch keinerlei Widrigkeiten verunsichern lassen, ganz so, wie Veit es im „Malerlehrling“ für seine Siedlungsgeschichte im Bruch beschrieben hat. Und drittens stand ja nun ein frisch gezapftes Bier vor uns.

Dass Mangel glücklich machen kann, habe ich in diesem Moment sehr deutlich empfunden: in dem Moment jedenfalls, in dem ihm abgeholfen wird.

Dunkelheit

1994 muss es gewesen sein. Unser Haus war im Rohbau, aber die Fenster waren schon geliefert worden. Um Geld zu sparen, hatten wir entschieden, sie selbst zu streichen. Das war ein bisschen eine Fehlentscheidung gewesen, denn diese neuen Verbundfenster mit ihren ganzen Beschlägen kann man nicht gut selbst streichen. Aber egal. Um unsere Fenster vor Dieben zu schützen, schafften wir sie rüber zu Stefan, unserem Nachbarn. Später sollten welche so frech sein und drei der bereits eingebauten Fenster doch noch klauen. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls ging ich nun einige Male zu Stefan hinüber, um bei ihm die Fenster zu streichen.

Stefan war damals schon etwas weiter als wir, er hatte einen Baustrahler und überhaupt alles so eingerichtet, dass man auch in der kalten Jahreszeit was im Haus schaffen konnte. Und es war die kalte Jahreszeit, November, lausig draußen. Ich strich nun bei ihm Fenster, bis ich mal pieseln musste, ging also raus und sah – nichts! Vollkommene Dunkelheit, vielleicht ein bisschen Streulicht darin, durch den Nebel, der sich gleichmäßig im Bruch ausgebreitet hatte, aber sonst nichts.

Es war einer der intensivsten Momente in meinem ersten Oderbruchjahr. Diese neblige Dunkelheit war sensationell. Ich weiß noch, wie ein regelrechter Jubel in mir aufstieg darüber, dermaßen am Arsch der Welt zu sein, wo man nichts, aber auch gar nichts mehr sehen konnte.

Das klingt ein bisschen bizarr. Aber ich kann es nicht anders erklären als damit, dass wir heute überall Licht haben. Reklamelicht und Straßenlicht und Licht aus purer Langeweile, überall ist Licht installiert, selbst dort, wo man es gar nicht braucht – und noch dazu immer hässlicheres Licht aus Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen. Das ist mir zu viel. Morgens, wenn ich aufstehe, versuche ich auch im Herbst oder im Winter so lange wie möglich ohne künstliches Licht auszukommen. Ich empfinde mich nicht als sehr lichtempfindlich aber vielleicht doch als kunstlichtempfindlich.

Auch das November-Oderbruch ist nicht mehr so stockduster wie einst, aber immerhin, es gibt schon noch Stellen, die sind schwarz wie die Nacht. Es liegt auch daran, dass nicht überall eine Straßenbeleuchtung installiert ist bzw. sie zu teuer kommt und nur noch zeitweise eingeschaltet wird. Wenn man noch einen kräftigen Nebel zur Dunkelheit dazu hat, dann ist man wirklich in einer anderen Atmosphäre.

Licht ist eine tolle Sache, das Augenlicht allemal, und dennoch ist mir die Fähigkeit dieser Landschaft, dunkel zu sein, sehr angenehm. Man wird auf sich zurückgeworfen, auf seine Situation. Man schafft sich Momente großer Geborgenheit. Gern gehe ich im Herbst und im Winter bei Dunkelheit aus dem Haus und sehe von außen durch die beleuchteten Fenster hinein. Es ist wunderbar, vor allem, wenn Leben darin ist, wenn die Kinder spielen oder beim Kochen helfen. Oder wenn Freunde drinnen sitzen und trinken und lachen. Und wenn einmal kein Nebel ist, dann sehe ich die Sterne, so viele Sterne! Vielleicht liegt dann schon Raureif auf dem Gras. Er macht ein leises, knirschendes Geräusch, wenn man darüber läuft. Die Dunkelheit ist auch eine Kultivierung des Hörens.

Vor einiger Zeit war ich in einem hell beleuchteten Land zu Besuch gewesen. Als ich zurückkam, setzte ich mich draußen vor die Küche und sah in die Runde. Die Luft wurde langsam dunkel. Hinten an der Straße wechselten ein paar Autolichter. Die Glut meiner Zigarette leuchtete. Am anderen Ende des Ortes hatte der Nachbar, wie jeden Abend, sein Lagerfeuer angemacht. Das war’s.

Angekommen.

Die Landwirte in meinem Horizont

Erste Szene: Es sind Freunde aus der Stadt da, mit Kindern. Nach kurzer Zeit haben die Gören den Garten verlassen und springen hinten auf dem Feld herum. Dort steht Winterweizen, schon ganz schön hoch. Noch bevor ich eingreifen kann, steht der Leiter des örtlichen Landwirtschaftsbetriebes an der Straße und ruft „Raus aus ‘t Jetreide!“ Ärgerlich schlägt er die Autotür zu und fährt weg.

Zweite Szene: Es ist nachts. Von monströsem Poltern geweckt, sitze ich aufrecht im Bett. Im Zimmer ist es hell, scheinwerferhell. Ich denke, es ist etwas Schlimmes passiert, mindestens eine Invasion aus dem Weltall! Ich sehe aus dem Fenster: In einer Reihe stehen dort vier riesige LKW, die der Reihe nach mit Zuckerrüben befüllt werden. Das Poltern der Rüben ist enorm und es dauert die ganze Nacht. Die Sattelschlepper fahren ohne Unterbrechung.

Dritte Szene: Ich hänge Wäsche auf, Windeln, Kindersachen, eigene Sachen. Es ist Mai. Über den Acker weht ein sanfter Wind. Er bringt einen sonderbaren Geruch mit sich. Es ist ein Herbizid, das gerade auf der Kultur gegenüber ausgebracht wird. Der Tank ist gelb. Die Sache ist ein bisschen unangenehm. Das Gelb des Tanks sieht dazu unangemessen lustig aus. Eine fröhliche Giftspritze.

Vierte Szene: Ich schreibe dem Betriebsleiter einen Brief. Er hatte sich irgendwo über uns beklagt: Junge Leute aus der Stadt, die hier rausziehen und rummeckern. Ich schreibe ihm, er könne doch mit uns reden. Trotzdem bin ich mit dem Tonfall meines eigenen Briefes unzufrieden. Es steckt bissl was Selbstgerechtes drin. Ich kriege es nicht aus dem Brief heraus. Ich schicke den Brief trotzdem ab.

Fünfte Szene: Mein Telefon klingelt. Ein Mann ist dran, er sagt, er hätte von mir einen Brief bekommen, er wüsste überhaupt nicht, was ich von ihm wolle. Nach einer Weile stellt sich heraus, dass der Mann denselben Vor- und Nachnamen hat wie der Betriebsleiter – und im selben Ort wohnt. Ich entschuldige mich, wir lachen. Den Brief schicke ich, obwohl ich die richtige Adresse nun weiß, nicht mehr ab. Aber ich mache einen Termin mit dem Betriebsleiter.

So könnte man endlos weitererzählen. Geschichte reiht sich an Geschichte. Die kleine Agrogenossenschaft, die die meisten Felder hier bewirtschaftet, habe ich in all den Jahren immer besser kennen gelernt. Heute ergibt sich folgendes Bild: Es sind bescheidene, klug agierende Landwirte. Ihr oberstes Prinzip lautet: den Betrieb als Betrieb im Dorf erhalten. Sie zahlen sich nur geringe Löhne aus, um so viel wie möglich Beschäftigung im Ort zu ermöglichen. Deshalb haben sie auch in den schwersten Zeiten ihr Milchvieh behalten. Diese Veredelung der landwirtschaftlichen Produktion bringt ein paar Arbeitsplätze mehr als der Marktfruchtbau, auch wenn es manchmal sehr knapp ist. In den letzten Jahren wurden die Haltungsbedingungen für die Milchkühe fortlaufend verbessert. Es ist still bei den Kühen geworden, denn es geht den Tieren gut, sie haben keinen Stress. Die Landwirte düngen ihre Felder mit Mist, weil der aus ihrer Sicht für die Bodenfruchtbarkeit besser ist, als die Güllewirtschaft. Auch das verursacht höhere Kosten, es ist ihnen die Sache aber wert. In ihren Schlägen gehen sie recht differenziert vor. Entlang der Entwässerungsgräben haben sie an vielen Stellen auf Ackergras umgestellt, um die Erosion zu verringern und dem Gewässer- und Deichverband die Arbeit zu erleichtern – die Zeitfenster, in denen man auf Grasland zur Krautung der Gräben an die Flächen kommt, sind größer. Die Agrogenossenschaft ist für alle Belange des Dorfes ansprechbar. Man kann hingehen, wenn man bei etwas Hilfe braucht, etwa sich von dem Schlosser etwas schweißen lassen will oder mal eine schwere Maschine auf dem Friedhof braucht. Oder man kann sich Hühnerfutter für einen fairen Preis kaufen. Als ich fürchtete, meine Hochzeit im Garten könnte ins kalte Regenwasser fallen, schloss man mir bereitwillig ihre Maschinenhalle auf. Und als ich ein Pleinair mit Künstlern und Wissenschaftlern über den Wert von Grund und Boden veranstalten wollte, stellten uns die Landwirte einen Ackerschlag von fünf Hektar zur Verfügung, auf dem wir machen konnten, was wir wollten. Nicht alles, was wir da veranstaltet haben, hat ihnen sicher eingeleuchtet. Aber sie haben es gelten lassen und sie hatten auch keine Angst, dass ihnen die Kollegen vielleicht einen Vogel zeigen würden.

Was die Belastungen des Wohnens auf dem freien Feld anbetrifft, kann ich heute sagen: Sofern man einsieht, dass die jeweilige Bewirtschaftung sinnvoll ist, lässt sich vieles gut aushalten. Gespritzt wird selten und so wenig wie möglich. Bei den fetten Böden im Oderbruch ist es im Feldbau sehr schwer, anders zu wirtschaften. Ich habe Stellen gesehen, die einmal durch eine Ungenauigkeit ausgelassen worden waren. Was hier wächst, ist unglaublich. Disteln und Melde, dicht und satt, lauter stickstoffliebende Kräuter. Die Rübenernte nervt durchaus (abgesehen davon, dass der Rübenanbau im Oderbruch wegen veränderter Beihilfen sehr zurückgegangen ist) – aber wenn der Abtransport nicht  auf einmal erfolgt, fallen enorme Mietpreise für die Maschine an, die die Rüben in die Sattelschlepper bugsiert. Und auf einem bestellten Acker trampelt man wirklich nicht herum, es gibt genügend Zeiten im Winter, im Herbst oder nach den Sommerernten, in denen man querfeldein laufen kann.

So kommt eins zum anderen. Inzwischen habe ich erkannt, wie verwundbar die Landwirte in ihrer täglichen Praxis sind. Wenn sich Anwohner über Belastungen beschweren, geht ihnen das nahe. Sie leiden darunter, wenn einige die Landwirtschaft im Dorf nicht mehr akzeptieren und den Weg nicht zum Gespräch suchen, sondern stattdessen bei einem Amt anrufen und sich beschweren. Es kann nun mal ein bisschen stinken oder die Straße wird mal dreckig, das bleibt nicht aus. Sie geben sich ja Mühe, den Siedlungsraum so wenig wie möglich zu stören. In meinen Augen machen die Leute, die die Landwirte dauernd wegen solcher Belastungen anzeigen, die Dörfer kaputt. Sie wollen Wohnsiedlungen, keine Dörfer. Zum Glück sind sie bei uns in der Unterzahl. Von den medialen Feindseligkeiten, denen konventionelle Landwirte heute oft ausgesetzt sind, ganz zu schweigen – hier sind die Landwirte schon lange verstummt. Sie fühlen sich nicht richtig verstanden. Ihr persönliches Risiko, ihr Fleiß, ihr tägliches Ringen, ihr Bemühen um nachhaltige Lösungen, all das interessiert kaum jemanden. Die Landwirte fürchten auch um das angepachtete Land, denn durch die steigende Pachtpreise oder durch puren Unverstand könnte es an andere Pächter gehen, die viel mehr zahlen – und hinterher schlechtere Arbeit machen. Da die Betriebe sehr knapp kalkulieren und auf ganz bestimmte Stoffkreisläufe angewiesen sind, ist manchmal schon der Verlust weniger Hektar schmerzhaft.

Solche Betriebe wie diese Genossenschaft im nördlichen Oderbruch gibt es immer noch eine ganze Menge im Oderbruch. Sie werden von gut ausgebildeten und besonnenen Landwirten getragen, die versuchen, ihre betriebliche Vielfalt so groß wie möglich zu halten und dem Spezialisierungsdruck des Marktes nur vorsichtig nachzugeben. Die meisten von ihnen haben sehr zurückhaltend oder gar nicht auf die Anreize der Energiewende reagiert. Sie wollen nicht möglichst viel Geld mitnehmen, sie wollen eine gute Landwirtschaft machen. An die Chancen der Direktvermarktung glauben sie nicht so recht – aber das ist ein anderes Thema.

Ich meine schon, dass es eine Menge Probleme mit der heutigen Landnutzung gibt. Aber ich denke nicht, dass man diese Landwirte dafür verantwortlich machen kann. Sie versuchen, innerhalb der gesellschaftlichen Bedingungen vernünftig zu handeln. Anders kann ich es nicht sagen.

Wenn man all das begreift, beginnt man, sich auf seinem Wohnplatz inmitten der Felder zu Hause zu fühlen. Man nimmt gern die eine oder andere Einschränkung in Kauf, denn man weiß, dass die, die hier arbeiten, es schwer genug haben. Überhaupt helfen sie einem öfter, als man ihnen helfen kann. Die Vorstellung, dass ihre Flächen einst von Filialbetrieben bewirtschaftet werden könnten, die Kapitalgesellschaften ohne lokalen Bezug gehören, ist mir dagegen ein Graus. Wenn man dann ein Anliegen hat, eine Frage, eine Kritik vielleicht  - wohin geht man dann? Zum Filialleiter. Und der wird sagen: das entscheide ich nicht. Es ist dann wie bei den großen Discountern: durch Kennziffern gesteuert, fertig. Und im nächsten Jahr wird vielleicht an den nächsten Investor verkauft und alles geht von vorne los.

In diesem Jahr nahmen wir unseren dreiviertel Hektar Ackerland aus der Pacht, um eine Streuobstwiese anzulegen, auf der wir auch Schafe halten wollen. Ich gehe aus den oben genannten Gründen nicht davon aus, dass die Umwandlung von Ackerland per se eine gute Tat ist, aber wir wollten das eben so mit unserem Land machen. Trotzdem war ich ein bisschen angespannt, wie die Sache mit dem Betrieb ablaufen würde, der die Fläche bis dahin von uns gepachtet hatte. Da stand eines Tages der Feldbauleiter in guter Laune bei mir vor der Haustür. Wann es denn losgehen sollte? Ich erwiderte, naja, die Pacht geht bis zum 30. September, also danach. Ach, meinte er, wenn unsere Verpächter ihr Land wieder selbst nutzen wollen, da sind wir nicht so. Da hätten sie das auch schon viel eher zurück haben können!

Unterdessen ernteten andere Landwirte gegenüber einen Schlag ab. In der Erntezeit müssen sich alle Feldbauern beeilen, also fuhren sie bis in die Nacht hinein und mähten und droschen. Wir saßen draußen, tranken ein Glas Wein und sahen zu, wie sie mit ihren Scheinwerfern über den Acker führen. Es sah toll aus.

Das Leben im Oderbruch ist das Leben in einer Agrarlandschaft. Wer Landwirte um sich herum hat, mit denen er sich versteht, der hat Glück.

 

Sich selbst helfen können

Klar Kennie! Mach ick dir! Ich stehe mit zerbrochenem Gartengestühl auf dem Hof meines Nachbarn. Die Eisenkonstruktion ist gebrochen. Franz kann mit Metall umgehen. In seiner Familie hat man es nicht so mit dem Holz, aber beim Metall gibt es keine Berührungsängste. Es wird geschweißt und geflext, was das Zeug hält und übrigens ist Franz nun auch Schlosser geworden. Er kann mir alte, verrostete Felgen von Anhängern wieder herrichten und neue Mäntel aufziehen. Er fertigt mir Weihnachtskerzenhalter, die nach dem alten Prinzip direkt in die Stämme gesteckt werden. Ein schönes Hoftor hat er mir mal gebaut. Alles, was aus Eisen ist, fügt sich in seinen Händen wie Butter.

Der Hintergrund für seine Affinität zum Metall sind die Mopeds und Autos. Jahrelang haben die Leute zusammen an ihren Kraftfahrzeugen herumgeschraubt. Viel ist von der damals erworbenen Kompetenz noch übrig: ein Grundverständnis der Maschinen, eine Grundausstattung mit Werkzeugen und eine Grundeinstellung, sich nicht von der Technik abschrecken zu lassen.

Vom Mauern und Putzen lassen sich die meisten Oderbrücher auch nicht abhalten. Die ollen Schuppen auf dem Hof sind selten eine Zierde, das Gefrickel an den DDR-Schwarzbauten ist nicht mutig genug, die Gebäude stehen unbeholfen aneinander gelehnt auf dem Hof. Aber sie sind selbst gemacht und ich finde es bemerkenswert, wie wenig Menschen hier Angst vor der Maurerkelle haben. So habe ich mit den Jahren einen gewissen Frieden mit der Schuppen-Baukultur in unseren Dörfern gemacht. Sie ist nicht schön, aber sie ist besser als das Fertigteilzeug in den Wohnsiedlungen.

Dann haben wir die Gärten. Es ist doch erstaunlich, was in da alles angebaut wird! Man kann mit den Leuten fachsimpeln und tauschen – Erfahrungen und Früchte. Bei einer Sommerschule zur Subsistenzwirtschaft erzählten uns viele Oderbrücher, was sie alles im Garten anbauen und wie viel Spaß ihnen das macht. Sie haben immer etwas zu tun und sie haben immer eine Portion Glück im Kochtopf, bestehend aus eigenen Kartoffeln, Möhren oder Blattgemüse.

Erstaunlich auch, wie viele Menschen hier Vieh halten. Hühner gehören immer noch zu einem normalen Hof dazu. Überall scharrt das Federvieh und man spricht kaum darüber, so selbstverständlich ist es. Gänse und Enten schnattern ebenfalls munter herum. Auch Schafe, Ziegen, Schweine werden gehalten, manche haben sogar ein, zwei Kühe. Die Oderbrücher haben immer noch viel Erfahrung und Sicherheit im Umgang mit dem Vieh. Das beeindruckt mich.

Brennholz machen auch fast alle selbst. Gefällte Alleebäume sind natürlich im Nu fortgeschafft, andere fahren in die umliegenden Höhen und holen nach Absprache mit den Förstern ihr Holz direkt aus dem Wald. Wer einmal anfängt, mit Holz zu heizen, bekommt einen speziellen Blick: er sieht, ja er riecht geradezu das Brennholz. Für seine Bergung braucht man eine Mindestausstattung: eine Motorsäge und einen Autoanhänger, zu Hause Beil und Hauklotz.

Die Gebäude und Anlagen unserer Kirchgemeinde sehen nur im Ausnahmefall eine Firma, das meiste wird von den Leuten selbst erledigt. Das oberste Gebot hier ist, kein Geld auszugeben, wenn man es auch selbst machen kann. Das ist für die Handwerker nicht immer erfreulich, zumal sicher einige fachliche Standards von den Laien ignoriert werden. Aber für die Dörfer ist es essentiell.

Wenn in Schiffmühle oder Neutornow ein starker Regen niedergeht, schwemmt es den Sand von den Höhen hinter auf die Straße. Manchmal ist sie so zugeschwemmt, dass sie gar nicht mehr passierbar ist. Früher, hat mir Herr W. erzählt, dauerte es eine halbe Stunde, dann waren alle draußen: mit Schippe, Pferd und Fuhrwerk war nach kurzer Zeit alles fortgeschafft. Heute ruft man doch eher nach der Feuerwehr. Das ist schade, aber es ist immer noch viel von dieser Fähigkeit da, so viel, dass ich denke: Wenn es nicht anders ginge, dann stünden sie alle im Nu wieder auf der Straße.

Ich hoffe, dass die Oderbrücher sich ihrer eigenen Kraft jeden Tag bewusst sind. Sie gilt heute gesellschaftlich kaum noch etwas, da man alle Dienstleistungen kaufen soll und es als schrullig betrachtet wird, sich selbst um etwas zu kümmern. Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Dingen selbst eine Geltung zuschreiben. Wir wissen nicht, was kommt. Ich neige mitunter zu düsteren Zukunftsahnungen, in denen Menschen, die sich selbst helfen können, eine Schlüsselrolle spielen. Die Orte im Oderbruch könnten, im Gegensatz zu vielen Retortensiedlungen, ihr Überleben durchaus stärker aus sich heraus ermöglichen. In der Wissenschaft nennt man diese Eigenschaft Resilienz, sie bezeichnet die Fähigkeit, auf Veränderungen und Störungen zu reagieren und sich dabei selbst zu erhalten. Aber ganz gleich, wie die Zukunft aussieht, in der Fähigkeit, sich selbst zu helfen, liegt die Stärke des Landlebens. Und gemessen an dem, was die Leute hier alles können und machen, ist das Oderbruch recht gut bei der Sache!

 

Meine Kirche

Oft zeige ich unseren Besuchern die Kirche in Neutornow. Sie steht auf dem Berg an der Neuenhagener Insel, so dass ich sie fünf Kilometer entfernt von meinem Haus aus sehen kann. Es ist eine helle, sehr freundliche Kirche. Sie wurde einst auf friderizianischem, also königlichem Land für die Kolonisten von Neutornow gebaut. Man hat sie damals als einfachen Kasten auf eine Terrasse am Hang gestellt. Das Gebäude muss den Gemeindesälen der Herrnhuter geähnelt haben, viereckig, schlicht und schmucklos. Erst einhundert Jahre später kam der Turm mit dem Geläut dazu, das in den Jahren darauf immer wieder konfisziert wurde, um die Glocken in Kanonen umzugießen. Wie dem auch sei, der Turm brannte noch im selben Jahr ab. Beim Wiederaufbau entschloss man sich, eine Empore zu ergänzen. Heute steht da eine vollständige, proportional sehr ausgeglichene kleine Kirche am Hang. Man glaubt, ein Architekt habe sie in einem Strich geplant, aber so war es nicht.

Was die Gemeinde anbetrifft, die sich hier getroffen hat und immer noch trifft, ist es wohl immer ein Balanceakt gewesen, denn es waren nie besonders viele Gemeindeglieder. 24 Kolonistenfamilien waren es am Anfang, also wurden die Gabower von Altglietzen nach Neutornow umgemeindet. Die Gabower nahmen das krumm, als alte stolze Fischerbauern, die in Altglietzen zur Kirche gegangen waren, sahen sie keinen Anlass, sich zu den Neuankömmlingen in die Kirchbank zu drücken. Noch heute sitzen die verbliebenen Gabower auf der linken Seite des kleinen Kirchenschiffes, Richtung Heimathof. Sie gehören dazu, aber unter Vorbehalt. Für einen eigenen Pfarrer hat es in Neutornow nur zeitweise gereicht, meist teilte man sich das Amt mit Altglietzen, heute noch mit Neuenhagen und Hohensaaten und bald, ja bald vielleicht mit Werneuchen oder mit Doberlug-Kirchhain.

Wie dem auch sei, für die Neutornower Kirche gab es bessere und schlechtere Zeiten. Wer heute in einer leeren Kirchbank sitzt und das für eine neue Entwicklung hält, muss nur mal in die alten Kirchenbücher gucken um zu sehen, dass auch schon vor achtzig Jahren Gottesdienste mangels Beteiligung ausgefallen sind. Die Märker waren in ihrer Glaubensausübung nie besonders beflissen. Das hat sympathische und problematische Seiten. Sympathisch ist, dass in dieser Kirchgemeinde keine Kontrolle der Gemeindeglieder erfolgt, jeder kann kommen und gehen wie er will, und er muss nicht mal mit dem Zucken einer Augenbraue rechnen, wenn er wegbleibt. Problematisch wird es, wenn es an Menschen grundsätzlich dünn wird – und das ist gegenwärtig der Fall.

Das Dorf ist nicht leer, in Schiffmühle, Neutornow und Gabow sind die Häuser bewohnt. Aber die Menschen wenden sich ab von solchen Einrichtungen. Zum einen ist es der ganz normale Aderlass des Engagements, das auch viele Vereine und Ehrenämter betrifft. Zum anderen ist es ein Verstummen des Religiösen überhaupt. Darüber mag jeder denken, was er will. Ich meine, dass das Verlassen der Kirche und die Tatsache, dass die Menschen aufhören, zu singen, sehr verwandte Phänomene sind, Phänomene des Verstummens.

Aber ich verstehe auch, dass viele Menschen sich unwohl im kirchlichen Kontext fühlen. Sie haben das Gefühl, dass von ihnen eine Preisgabe ihrer Freiheit und ihres Verstandes verlangt werden, dass sie einem zwielichtigen Club beitreten sollen. Ich kann das verstehen, die Kirchen haben zu dieser Wahrnehmung beigetragen. Und nun ist es vielleicht zu spät. Wir haben eine Pfarrerin, von der ich sagen würde: Wer immer ihr zuhört, wird verstehen, dass wir unseren Verstand nicht einschläfern müssen, wenn wir uns mit Gott beschäftigen, im Gegenteil, wir verstehen viel besser, wer und was wir sind und werden viel mutiger, uns kritischen Fragen zu stellen, die uns selbst betreffen. Aber das bekommt kaum jemand mit, weil die Bänke fast leer sind.

Mir selbst sind diese Kirche und das mit ihr verbundene Leben jedenfalls wichtig. Ich gehe gern hinein. Über dem Eingang steht: Tut mir auf die schöne Pforte. Es ist in der Tat ein wunderschöner Ort, der eine Verheißung in sich trägt, ohne die irdische Welt ringsherum zu verachten. Denn nach allen vier Himmelsrichtungen kann man durch klares Fensterglas hinausschauen, in diese herrliche Landschaft, die hier bei jedem Wetter großartig aussieht. Die Innengestaltung ist klar und schlicht. In den Bänken sieht man Granatsplittereinschläge, die an den Krieg erinnern. Wenn ich diese Bänke ansehe, dann stelle ich mit vor, wie viele Menschen hier schon gesessen haben, Gottesdienste gefeiert und wichtige Höhepunkte in ihrem Leben begangen haben. Ich selbst habe in dieser Kirche geheiratet und alle meine Kinder sind hier getauft worden. Ich habe hier mit der alten Frau Wiemer gestanden und das Abendmahl empfangen, dabei zum Segen ihre Hand haltend. Es war ein wichtiger Moment in meinem Leben. Wir haben hier Erntedank gefeiert und aus den Erntedankgaben mit den Kindern für alle eine Suppe gekocht. Schön ist auch, dass die Kirche recht klein ist, so dass man auch mit wenigen Besuchern erfolgreiche Veranstaltungen machen kann. Wenn 25 Leute da sind, dann sieht es schon ganz passabel aus. Und jedes Jahr proben wir in dieser Kirche mit dem Herrenwieser Vokalensemble und zum Konzert ist die Kirche voller als am Heiligen Abend. Das ist immer ein großartiger Moment für alle.

Die Kirche in Neutornow ist für mich ein Ort des Glücks. Ich bin hier immer wieder zur Besinnung gekommen und habe viele gute Momente hier erlebt, geweint und gelacht. Ich bin hier den Menschen aus anderen Generationen näher als an jedem anderen Ort. Wir teilen etwas miteinander, das wir schwer ausdrücken können. Vielleicht ist es so, dass wir uns als Gleiche begegnen, sofern wir vor einer Instanz gleich sind, auf die wir uns gemeinsam beziehen. Die Kirche verbindet mich mit den letzten zehn Generationen, die diesen Platz und diese Landschaft gestaltet haben, die gehofft und gebangt und versucht haben, ein gelingendes Leben zu leben und dafür um einen Segen gebeten haben. Ich weiß nicht, ob sie mich auch mit den nächsten Generationen verbinden wird. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.

 

Heim(at)arbeit

Vor einigen Jahren schrieb ich eine Kolumne, die mit dem Titel „Was ist dein Tagwerk?“ überschrieben ist. Ich behauptete darin, dass man hier auf dem Land gut mit den Menschen über ihre Arbeit sprechen kann. Dass sie in der Lage sind, einem zu erklären, was sie tun und welchen Sinn dieses Tun hat. Dass sie einem bereitwillig Einblick in die Schwierigkeiten ihrer Arbeit gewähren aber auch in die Momente des Gelingens.

Diese Erfahrung hat sich in den letzten Jahren vertieft. Vor allem liegt das an dem Projekt Heim(at)arbeit , das Anne mit uns an zwei Schulen in Wriezen zusammen mit Lehrern und Schülern und vielen Leuten in der Region durchführt. Ziel dieses Projektes ist es, die persönliche Frage nach der späteren Arbeit der Schüler (was soll ich einmal tun) mit der Frage nach dem Sinn von Arbeit und Arbeitseilung überhaupt zu verknüpfen und dies im Gespräch mit den arbeitenden Menschen im Oderbruch, so dass alle Beteiligten ein Verständnis von dem erlangen können, was wir Regionalwirtschaft nennen: Was tun wir hier, wovon leben wir? Worin kooperieren wir, welche Ressourcen nutzen wir? Geht die Bindung an die Heimat für uns mit Einschränkungen einher und was gewinnen wir umgekehrt dafür, dass wir hier arbeiten statt, meinetwegen, in Stuttgart?

Wir leben in einer arbeitsplatzfixierten Gesellschaft, in der die vielen Formen des Arbeitens, die nicht auf den Erwerb von Geld gerichtet sind, immer mehr unter Druck geraten. Weil dies so ist, haben die Politiker ein Loblied auf die Ehrenamtler angestimmt, die sie im Moment gerade mit dem schrecklichen Titel „Kümmerer“ bezeichnen. Die Subsistenzwirtschaft und die Familienarbeit genießen nicht so ein Prestige, aber sie sind vom selben Schicksal betroffen. Alles, was kein Geld bringt, verliert die Anerkennung als Arbeit. Somit stehen alle, die für irgendwas Verantwortung übernehmen, irgendwie als ehrenwerte Dummköpfe da, denen man ständig danke sagen, für die man Empfänge organisieren und die man mit etwas auszeichnen muss. Ich glaube, ein solcher Versuch der Beweihräucherung nicht erwerbsmäßiger Arbeit wird nichts bringen. Überhaupt nichts. Man muss diese Arbeit anerkennen und die Erfahrungen ernst nehmen, die dabei gemacht werden. Statt den Menschen zuzuhören, die etwas tun, heftet man ihnen einen Orden an.

Sehr viel bringt es dagegen, die Menschen im Oderbruch nach ihrer Arbeit zu fragen. Dann erkennt man, dass jedes Leben sich zwischen den Polen der Arbeitsteilung und der Subsistenzwirtschaft bewegt und dass jeder Mensch in diesem Spannungsfeld für sich eine Lösung finden muss. Was mache ich selbst, wo lasse ich mir von anderen helfen, welche Leistungen muss ich kaufen, welche kann ich anders erlangen, auf welche sollte ich verzichten? Und wenn diese Lösung glücklich ist, dann bildet sie eigentlich immer ein Dreieck aus Erwerbsarbeit, Selbstversorgung und gesellschaftlicher Verantwortung.

Menschen, die in dieser Hinsicht glücklich sind, findet man im Oderbruch zu Hauf. Sie sind Autoschlosser oder Ärztin, Pfarrer oder Lehrerin, Schäfer oder Tierarzt, Gärtner oder Meierin. Sie gehen einer Arbeit nach, über deren Sinn sie ebenso viel nachdenken wie über das, was diese Arbeit wiederum von ihnen abverlangt. Sie tun viele Dinge selbst und reflektieren, dass sie dennoch von anderen abhängig sind.  Sie engagieren sich in sehr vielfältiger Weise für ihre Region, für die Rahmenbedingungen ihres eigenen Lebens. Und so wird deutlich, dass sie weder einen Job haben, noch ein von ihrem Leben losgelöstes Ehrenamt noch eigentlich ein Hobby. Denn alle diese Sphären sind so miteinander verknüpft, dass sie sich gegenseitig befruchten und stützen.

Aber in vielen Teilen unserer Gesellschaft ist dieser Zusammenhang nicht mehr gegeben. Da haben die Leute hier eine Karriere, dort eine Familie, und da eine Freizeit. Und ihre Eltern hatten einmal ein Ehrenamt und ihre Großeltern hatten Hühner!

Im Oderbruch dagegen, da hat man noch alles auf einmal. Ist das nicht herrlich?

 

Das beste Publikum in meiner Welt

Zu den wichtigsten Vorzügen meines provinziellen Lebens gehört die Nähe zu Eberswalde. Das muss ich erklären.
Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen. Als zehnjähriger Junge war ich mit meinen Eltern aus Sachsen gekommen und hatte einen schweren Start gehabt. Zum Glück sächselte ich nicht, aber der Kontrast zwischen einem sächsischen Dorf und einer brandenburgischen Industriestadt war dennoch groß. Schon ein offener Blick in fremde Gesichter war, wie ich bald festellen musste, riskant. Man fing sich nicht nur leicht ein aggressives WAT KIEKSTN SO? ein, sondern hatte ebenso schnell ein paar aufs Maul gekriegt. Außerdem: Russischklasse, große Schule und jahrelange Suche nach einem Sportverein, in dem ich mich nicht allzu unsportlich fühlte. Später wurde es besser, aber eine besonders liebevolle Beziehung hatten wir nicht, Eberswalde und ich.  Dass ich später im Oderbruch nur eine halbe Autostunde entfernt siedeln sollte, war reiner Zufall.

Nun hatte ich aber durch meinen Wohnort im Oderbruch Gelegenheit, mir diese Stadt noch ein zweites Mal anzueignen. Es gibt einige nette und praktische Dinge, die da vom Land aus ins Gewicht fallen: ein Bioladen, ein guter Bäcker, ein kleines Kaufhaus, in dem es nicht zu viele, dafür aber gut ausgewählte Dinge gibt. Eberswalde erlaubt ein pragmatisches Konsumieren, die benötigten Sachen wie gutes Brot oder eine passende Hose sind schnell zur Hand. Aber das ist nur ein Aspekt. Wichtiger ist, dass einige Freunde aus der alten Zeit in der Stadt geblieben waren, andere nun dazukamen und nach und nach Zutrauen in ihre Umgebung ausgebildeten, so dass man heute sagen kann: Sie wohnen gern in Eberswalde und ich verstehe das sogar. Und das hat zu einem großen Teil mit den kulturellen Prozessen zu tun, die in den letzten zwanzig Jahren hier abgelaufen sind und immer noch ablaufen.

Ich will aber heute nicht die schönen Konzerte, Theatervorstellungen und Kleinkunstprogramme loben sondern einmal das Publikum beschreiben, das diese Angebote wahrnimmt. Denn dieses stellt für mich, gemessen an meiner alten Eberswalder Mentalitätserfahrung, die eigentliche Überraschung dar. Das Eberswalder Publikum ist inzwischen meine bevorzugte Gesellschaft zur Wahrnehmung künstlerischer Ereignisse geworden. Einfachster Indikator: es nervt nicht. Keine Kameras, kaum mal ein Schwatzen, wenig Selbstdarsteller. Das Publikum ist aufmerksam, wach, in der Lage, sich zu konzentrieren, begeisterungsfähig, gern zu inspirieren, tolerant und nicht blasiert. Ich profitiere  selbst oft von dieser Eigenschaft als Kleinkunstmacher. Die Menschen kommen in meine Vorstellungen und hören sich zwei Stunden lange Erzählungen an, die nicht immer leicht zu verarbeiten sind. Sie lassen es an sich heran. Es ist wunderbar, ihnen etwas vorzuspielen. Auch viele andere Künstler bemerken diese besondere Qualität, wenn sie nach Eberswalde kommen. Dazu gehört auch der Umstand, dass Menschen aus sehr verschiedenen sozialen Hintergründen dieses Publikum bilden: Ärzte sind darunter und Handwerker und Leute, die die Kippen aus dem Aschenbecher sammeln. Und alle hören oder schauen zu.

Ich habe an anderen Orten Konzerte von Musikern erlebt, die ich sehr verehre; dennoch konnte ich die Musik kaum genießen, weil mich die Leute in ihrer Unaufmerksamkeit, Zerstreutheit und Überheblichkeit so ärgerten. Dagegen sitze ich gern in Eberswalde unter den Leuten und lausche mit ihnen, folge dem Geschehen, lache und erschrecke. Wenn ich den Kindern bei den Theatervorstellungen in Eberswalde am Sonnabendvormittag in die Gesichter schaue, wie sie sich völlig auf das Geschehen einlassen, kann ich mich kaum satt sehen: Diese Fähigkeit, zuzuschauen und zuzuhören, die offenen Münder, die Teilnahme! Und auch bei den Erwachsenen sehe ich diese Offenheit, selbst am Sonnabendvormittag sitzen sie da und sind bei der Sache.

Dass so viele Menschen in Eberswalde für das aufgeschlossen sind, was da geboten wird, bedeutet nicht, dass sie unkritisch alles hinnehmen. Der Punkt, ist: Sie fühlen sich angesprochen und ernst genommen. Sie vergleichen die Dinge miteinander, sie kommen auch wieder, wenn ihnen einmal etwas nicht gefallen hat. Sie lernen urteilen und sich auszudrücken, sie werden gescheiter, von Mal zu Mal. Sie sagen nicht: ach, das ist nichts für mich, das ist nur was für Studierte – sie sind gemeint.

Wie ist es zu dieser Qualität gekommen? Nun, durch beharrliche Pflege, durch wohl überlegte Zumutungen, durch eine kulturelle Gestaltung, die nie dem angenommenen Geschmack der Leute vorauseilte, sondern mutig etwas in die Stadt holte und ihnen zeigte. Während andere kleine Städte versuchen, mit Prominenten auf sich aufmerksam zu machen und immer wieder in einem Wettbewerb verlieren, der der Logik des Kapitals folgt (viel Geld hilft viel), entsteht hier etwas Neues und Aufregendes.

In unserer Gesellschaft gilt Kultur als schmückendes Beiwerk, eben Unterhaltung, maximal als weicher Standortfaktor, mit dem man Investoren anlocken kann, die ihren Frauen was bieten wollen. Das Eberswalder Publikum, zu dem ich so gern gehöre, zeigt aber etwas anderes. Die Menschen erleben sich in den Veranstaltungen als Bürgerschaft. Sie bilden sich, so wie das einst Schiller gemeint hatte, als er die Schaubühne als moralische Anstalt proklamiert hatte. Deshalb weist das Erlebnis von Kultur in Eberswalde weit über den Genuss von interessanten Angeboten hinaus. Es ist im Kern die Neuerfindung einer Stadtgesellschaft; ein offener Prozess, in dem sich die Menschen kennenlernen und reflektieren, ihre Handlungen miteinander verknüpfen und beginnen, diese Stadt an der Peripherie zu einem echten Lebensmittelpunkt zu machen.

Und um uns das ein bisschen genauer anzusehen und den Wert guter Kultur genauer zu fassen, machen wir im nächsten Jahr ein Buch darüber. Schöne Vorhaben sind auch ein Glück!

 

Weiden sind schön!

Das Oderbruch ist eine Auenlandschaft, ihr typisches Gehölz ist die Weide. Sie wächst als Busch, Strauch oder Baum, kann längere Überschwemmungen ertragen und hat biegsame Triebe. Die Weide gehört zu den Bäumen, die wieder ausschlagen können, wenn man sie kappt oder köpft. Deshalb haben wir hier viele Kopfweiden. Die können recht alt werden, wenn man sie gut pflegt, es ist wunderbar, wenn die mit Mulm gefüllten bizarren Körper im Frühjahr wieder frische Triebe schieben.

Lange Zeit war die Weide ein wichtiger Baum für die Menschen im Oderbruch. Sie kauten auf der Rinde herum, wenn sie Zahnschmerzen hatten und nutzten die leichten, langen jungen Äste als Stiel für Heugabeln. Sie schnitten die frischen Triebe als Viehfutter und pflanzten die Weiden auf allzu feuchten Wiesen, um diese zu entwässern. Sie flochten die Ruten zu Körben und Möbeln und nicht zuletzt nutzen sie die Weiden auch als Brennholz, da es schnell wieder nachwuchs, leicht kleinzukriegen war und für das Backen von Brot eine hervorragende Asche lieferte, in der sich die Glut lange hielt. Die Hirten schnitzten sich aus den Weidenruten kleine Flöten und Pfeifen, sie hatten ja Zeit. Und wenn ein Fischer seine Bootskette an einer Weide festmachte, war die vielleicht beim nächsten Besuch schon eingewachsen, so etwas ging schnell.

Im Oderbruch gibt es eine herrliche Anekdote von einer Weide. Da sollen Leute aus Ortwig aufs Amt nach Groß Neuendorf fahren, um dort ein neues Kind eintragen zu lassen, denn die Mutter liegt noch im Kindbett. Und unterwegs sehen sie eine ganz krumme Weide am Weg. Da bleiben sie also stehen und gucken und staunen: Nein, also eine solche krumme Weide hatte man ja noch nie gesehen! Und wie sie nun weitergehen und auf dem Amt ankommen, da stellen sie fest, dass sie vor lauter Verblüffung über diese krumme Weide doch glatt den Namen des Kindes vergessen haben, das sie eintragen lassen wollten. Na sowas! Also zurück und nochmal das Ganze. So eine verrückte Weide!

Ich finde die Geschichte toll, weil die Leute sich von der Weide so haben in Bann ziehen lassen. Das gehörte zu den Vorteilen des Laufens, mit dem Auto ist man viel zu schnell an solchen Wundern vorbei gefahren. Und außerdem finde ich es klasse, dass die Menschen hier diese einfache Geschichte aufbewahrt haben.

Ich setze immer wieder Weiden in meinem Garten. Es beglückt mich zu sehen, wie diese Stöcke im Handumdrehen zu Bäumen werden, in dem sie nach unten Wurzeln schlagen und nach oben Zweige austreiben. Im Sommer liege ich gern unter großen Weidenbäumen, sie spenden einen lichten Schatten. Manchmal tropft es von ihren Blättern, man spricht deshalb von den weinenden Weiden. Viele flechten sich auch Zäune aus den Weiden. Eigentlich kann man sie für fast alles verwenden.

Die Biber haben in den letzten Jahren viele Weiden im Oderbruch gefällt. Ich hoffe, dass genügend neue Bäume nachwachsen, denn bei einigen von ihnen schmerzt mich der Verlust sehr. Da wir sonst nicht viele Gehölze haben fürchte ich, junge Triebe könnten schnell wieder verbissen sein.

Heute sind viele der alten Nutzungen sehr an den Rand gedrängt worden, weil wir so eine reiche Gesellschaft geworden sind. Aber ich glaube nicht, dass das so bleiben wird. Die Weide kommt wieder in unser Bewusstsein, da bin ich sicher. Und bis dahin kann man sich auch so an den Weiden erfreuen. Vor einigen Jahren schrieb ich einen Liedtext über die Weiden im Oderbruch, der geht so:

 

Beim Sommerschlaf unter dem Weidendach
Träum ich vom Leben mit dir.
Die Weide weint dazu, wenn ich auch lach,
sie weiß viel mehr als wir.

Wie alt sie ist, weißt du kaum,
sie wächst so schnell, sie treibt heraus.
Ist ein Wassererdenbaum,
ihr Grün ist hell, sie ist ein Haus.

Weiden sind schön.
Du kannst sie hier sehn.

Wir haben sie hundertmal gefällt,
und uns jedes Mal gefreut,
dass sie sogar geköpft ihre Nerven behält,
keine Lebensmühe scheut.

Sie wiegt in den Schlaf dich ein,
das ist ihr Brauch, im Oderbruch.
Peitscht den Wind und säuselt fein
wo ich sie auch im Garten such.

Weiden sind schön.
Du kannst sie hier sehn.

(Baue Zäune aus ihr. Flechte Körbe mir.
Was kann man alles Schönes machen!)

Weiden sind schön!

Beim Schattenschlaf unter dem Weidenlaub
weint die Weide über mir,
ob ich ihre wilden Berichte glaub?
sie weiß ja mehr als wir.

Ich nehm alle Tannen, Fichten,
Kiefern und Zypressen fort.
Höre lieber die Geschichten
aus dem Mund der Weiden dort!

Weiden sind schön.
Du kannst sie hier sehn.
Im Oderbruch stehn
Weiden so schön.

 

Tanztee

Neulich veranstaltete das Theater am Rand in Zollbrücke einen Tanztee. Tanztee bedeutet: es ist nachmittags und es ist zum Tanzen. Man darf auch etwas anderes trinken als Tee, aber der Tanztee  ist eben kein abendlicher Schwoof sondern etwas, das an einem Sonntag stattfindet (Betonung liegt auf TAG). Das ist für den Charakter der Sache sehr wichtig.

Ich habe leider das richtige Tanzen, also das Paartanzen mit angepassten Schritten, verlernt, die Tanzschule meiner Schülerzeit hat nicht vorgehalten. Aber neugierig war ich doch. Levin passte auf die Kleinen auf, also sind wir schnell dorthin geschnipst.

Man muss sich das vorstellen: Da kommen wir aus dem neblig-dunklen und kalten Novemberdunst in den Theaterraum und alles ist eine Überraschung. Ein helles Bühnenbild begrüßt einen mit frischem Grün in einem ländlichen Ballhaus. Davor spielt das Tanzorchester; drei Streicher, zwei Bläser und ein Mann am Klavier. Sie spielen fein, so fein! Und dort, wo sonst die Stühle für die Theaterbesucher stehen, ist nun die Tanzfläche. Ringsum sind kleine Tische aufgestellt, mit Kerzen, hier sitzen die Besucher, wenn sie nicht gerade tanzen. Frau Scholz ist gekommen und Herr Neumann schiebt mit seiner Frau über die Dielen, es ist herrlich, wer alles da ist. Ich bewundere die ältere Generation, dass sie das Tanzen noch einfach so abrufen kann. Wir werden es auch wieder lernen!

Am besten laufen die Walzer, die scheinen viele zu beherrschen, da ist die Tanzfläche sofort gerammelt voll. Es gefällt mir, dass junge und alte da sind und überhaupt sehr verschiedene Menschen zusammenkommen. Das Orchester ist auch so herrlich gemischt und die hier versammelten Musiker haben sichtlich Spaß bei der Sache. Als sie sich einmal verspielen, lachen sie herzlich und fangen von vorn an.

Wie ich so dastehe, zuschaue und mitwippe, wird mir klar, wie groß unser Defizit an diesen einfachen netten Formen ist, sich zu treffen, zu genießen, zu tanzen und bescheiden zu feiern. Die Musik muss bei solchen Tänzen gar nicht so laut sein und überhaupt ist der Gestus, von dem alles beschwingt ist, sehr einladend. Einer führt und los geht’s. Das Sektchen dazu entfaltet erst dadurch seine prickelnde Kraft! Alle sind fröhlich, alle teilen diese zarten Augenblicke. Ich muss an die Vertonung des Theodor-Kramer-Gedichts von Hans-Eckardt Wenzel denken, es heißt: Ich möchte eine kleine Wirtschaft führen. Da gibt es eine Zeile: Die Leutchen würden auf die Tischtuchfalten von selbst schon achten. Daran muss ich immer denken, an diese Behutsamkeit, die doch möglich ist, obwohl alle tanzen und trinken.

Ich bin dem Theater ohnehin dankbar, es hat meinem Leben hier im Oderbruch viele Impulse gegeben und mich oft bei den Kommunikationsprojekten unterstützt. Aber dieses Mal kann ich nur den Hut ziehen und mich verbeugen. Dieser Tanztee ist eine echte Bereicherung, ein kleines Wunder. Und ich weiß nicht, worüber ich mehr staunen soll, darüber, dass Tobias und Almut ihn inmitten der ganzen Pflichten und Arbeiten dennoch veranstalten oder darüber, dass die Leute ihn sofort angenommen haben. Immer am ersten Sonntag im Monat soll es das nun geben. Hoffentlich bleiben alle bei der Stange!

 

Eine kleine Bilanz

Jetzt, da ich mit den Komplimenten an meine Landschaft fast am Ende bin, werde ich beinahe ein wenig melancholisch. Ich habe nach Dingen gesucht, die mich hier glücklich machen und ich bin beinahe im Überfluss fündig geworden:

Die Landschaft fordert einen heraus, sodass sich auch ihre schwierigen und spröden Seiten wie der Wind und der Lehmboden als Schönheiten erfahren lassen. Man muss sich anstrengen, aber dann wird es eine innige Beziehung. Die Menschen sind trotz vieler Rückschläge gelassen und ich finde leicht einen Platz unter ihnen. Dadurch finde ich die Kraft, mich verschiedenen Herausforderungen zu stellen: dem Älterwerden, einer für mich sinnvollen Arbeit und vielen schönen Vorhaben, deren Erfolg nicht immer garantiert ist. Es gibt hier wunderbare Musiker und Künstler und interessante kulturelle Prozesse. Mit den Jahren versteht man sich mit den Leuten hier immer besser, so dass man es gar nicht schafft, mit allen so viel Zeit zu verbringen, wie man möchte. Es gibt eine Reihe von Landwirten, denen ich vertraue, was in einer Agrarlandschaft keine Kleinigkeit ist. Die Landschaft liegt an einem tollen Fluss, der uns in den letzten Jahren mit Überschwemmungen verschont hat. Sie ist von herrlichen Vögeln bevölkert und sie ist nicht so schreiend ausgeleuchtet wie viele andere Winkel der Welt. Man kann reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist und sich direkt mit Leuten auseinandersetzen, die in diesem Raum Verantwortung tragen. Immer wieder wagen Menschen schöne Anfänge im Oderbruch, indem sie Gaststätten aufmachen, hier siedeln oder sich in die Gemeindepolitik einbringen. Das Land ist frei und es ist friedlich und es ist fruchtbar.
Das ist eine ganze Menge.

Auch wenn ich weiß, dass es nicht alle Menschen hier so gut haben wie ich, meine ich doch, dass das Oderbruch derzeit vielleicht gar nicht seine schlechtesten Zeiten erlebt. Der letzte Krieg ist schon lange vorbei und die politische Gängelei der Leute hat aufgehört. Es gibt vieles aus den alten Zeiten, das ich vermisse, vor allem die große Kraft und Vielfalt an Menschen in den Dörfern, wie sie Veit in seinem Buch beschrieben hat. Aber es ist immer noch vieles da und es entsteht auch Neues. Wer hier geblieben ist, hat meistens ein Weg gefunden, einem Tagwerk nachzugehen – auch als Erwerbsloser muss man hier nicht völlig aus dem Rennen sein. Es gibt zudem die Möglichkeit, an den Geschehnissen in der großen Welt teilzuhaben, vor allem durch das Internet. Ist es nicht eine enorme Sache, dass wir hier auf dem Acker sitzen und dennoch mit allen anderen kommunizieren können? Kurz: das Oderbruch fristet vielleicht ein Schattendasein, aber dieses Dasein könnte, verglichen mit vielen anderen Zeiten, eine seiner besten Zeiten gewesen sein, zumindest wenn man die immer noch vorhandenen Sicherheiten in medizinischer Versorgung und all die Bequemlichkeiten des modernen Lebens, von denen wir auch einige abbekommen, hinzunimmt.

In der öffentlichen Wahrnehmung sieht das anders aus. Da wird man gern mitleidig angesehen, ach, da kommst du her, wo die Dörfer sterben und wo nix los ist, aus so einer strukturschwachen Region, du Armer! Durch die Bilanz der letzten Tage ist mir klarer als je geworden, dass die Maßstäbe, nach denen heute Regionen und das Leben der Menschen in ihnen öffentlich beurteilt werden, ziemlich verkorkst sind. Man unterstellt, eine Region müsste ein Autowerk mit tausenden von Arbeitsplätzen haben oder „arm aber sexy“ sein, sonst könne man da nicht leben. Und deshalb gibt es heute, so kurz vor Schluss, kein Spezialkompliment, sondern nur eine kleine Bilanz:

Wer unter den Vorzügen eines Raumes nicht seine Versorgungs- und Konsumangebote versteht, sondern die Möglichkeit, sich eine Welt anzueignen, mit ihrer Natur, ihren Menschen, ihren Geräuschen, ihrem Wind und ihren Schwierigkeiten, so dass man an den Widersprüchen wächst, Widerstände überwindet und Freunde gewinnt, so dass man sich an einen Raum bindet und dieser Raum durch all das, was man in ihm erlebt, nicht kleiner und öder, sondern immer größer und reicher erscheint, der muss das Oderbruch eigentlich ziemlich gerne haben. Und bestimmt geht es den Menschen in vielen anderen vergessenen Winkeln der Welt, in denen Frieden herrscht und man nicht hungern muss, ähnlich.

Ich denke, es ist Zeit, dass diese Menschen eine Sprache für diese Erfahrung finden. Was eine gute Gegend ist, sollte nicht mehr den Rankings von Zeitschriften und Soziologen vorbehalten sein, sondern die Leute sollten das, was sie an ihrer Heimat haben, beschreiben und besingen, statt sich nur immer vorgaukeln zu lassen, dass es woanders besser ist. Da, wo man ist, da ist die Welt. Wo denn sonst?

 

Forever Young und erwachsen. Ein Geburtstagsgruß

Einer der wichtigsten Musiker in meinem Leben ist Bob Dylan. Oft höre ich seine Musik und ich nutze gern die Versmaße seiner Songs, wenn ich deutsche Texte schreiben will. Mein ganzes Leben wird von seiner Musik begleitet und bereichert. Zu meiner Hochzeit tanzten wir einen Walzer vom alten Bob Dylan: When The Deal Goes Down.  Manchmal berührt es mich, dass Dylan noch am Leben ist und ich somit sein Zeitgenosse bin.

Diese Anhänglichkeit leuchtet übrigens nicht jedem ein. Viele meiner Freunde können mit Bob Dylan nichts anfangen. Sie verstehen nicht, was man an diesem manchmal näselnden, manchmal krächzenden Gesang, an dem allzu simplen Mundharmonikaspiel und an den einfachen Songs so besonders finden kann. Es hat keinen Sinn, ihren Behauptungen zu widersprechen, etwa indem man darauf verweist, dass die Songs gar nicht so simpel sind, wie sie scheinen und dass sie sehr gut interpretiert sind. Es erschließt sich ihnen einfach nicht.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir allerdings auf, dass ich als junger Mann für Bob Dylan auch kein offenes Ohr hatte. Diese Beziehung hat sich erst nach und nach herausgebildet und zwar sehr langsam. Irgendwann schlug es eine Saite an, dann eine zweite, dann eine dritte. Heute dröhnt ein ganzes Orchester in mir, wenn ich Bob Dylan höre. Es spricht eine große Freiheit aus ihm, die sich zum Beispiel in einem gänzlich freien Umgang mit dem eigenen Material ausdrückt. Wer heute zu einem Dylan-Konzert geht, wird viele alte Songs nur am Text wiedererkennen. Es ist kaum zu glauben, wie wenig sich jemand von den Strukturen bestimmen lässt, die er selbst einst geschaffen hat.
Zu dieser Freiheit gesellen sich seine Liebe zum Leben und eine immer wieder aufblühende Sehnsucht nach Leben. Daher rührt der große Reichtum an menschlichen Erfahrungen, von denen Dylan singt. Das wiederum hat ihn immer wieder empfänglich für religiöse Themen gemacht. Er ist in tausend und abertausend Geschichten von Menschen unterwegs, über die es wert ist, zu singen. Dylan greift diese Schicksale auf, er erfasst ihren Glücksanspruch und ihr Leid. Das Leben ist schön und es ist schrecklich, wir stehen mitten darin. Wir sind nicht programmiert auf Lachen oder Weinen, auf Begehren oder Abwehr, aber wir haben all das in uns.

Für mich sind Bob Dylans Lieder eine sehr erwachsene Musik, wobei ich mit erwachsen meine, dass jemand sich die geistige Offenheit seiner Jugend bewahrt hat, es aber auch aushält, dass sich das Leben nicht festlegen lässt. Das können viele Jugendliche eben gerade nicht aushalten. Ich konnte es jedenfalls damals nicht.

Als ich noch in Eberswalde zur Schule ging, lernte ich einen in meinem Alter kennen, der damals schon Bob Dylan liebte. Er machte selbst Musik, er sang und spielte wunderbar Gitarre. (Ein paarmal hat er auch mich geduldig als grausam dilettierenden Trommler ausgehalten.) Wir waren alle der Meinung, er müsse mal eine große Karriere als Popmusiker machen, er würde unsere Gegend verlassen und in der weiten Welt Erfolg haben (was immer das ist). Aber aus heutiger Sicht war das eine irrige Erwartung. Jemand, der mit 16 Jahren One More Cup Of Coffee liebt, der soll sich aufmachen und in der deutschen Musikindustrie sein Glück machen, in dieser sonderbaren Szene irgendwo zwischen Rammstein und Rosenstolz seinen Ort finden? Was für eine absurde Idee! Die verbreitete Meinung, man müsse, wenn man eine schöne Begabung hat, die Provinz verlassen, um sich entfalten zu können, mag hier und da stimmen, sie ist oft aber auch ein dummes Vorurteil.

Aber unser einst junger Gitarrist und Sänger hat die Gitarre nicht weggelegt und das Singen hat er zum Glück auch nicht gelassen, und das ist das eigentlich Wichtige an der Geschichte. Er ist auf den Bühnen in unserer Region unterwegs, er erweist der Rockmusik, die er liebt, schöne und respektvolle Referenzen, und er komponiert selbst sehr gute Songs. Er hat verschiedene Bandprojekte, unterhält eine kleine private Musikschule und das alles scheint ihm Spaß zu machen. In den Bands musiziert er mit Kollegen, Mitstreitern, wie soll man es nennen? Nun, vielleicht sind es doch sogar Freunde, die da mit ihm auf der Bühne stehen. So sieht es jedenfalls aus und so klingt es auch.
Ist es zu bedauern, dass er mit seiner Musik kein größeres Publikum erreicht, dass er nicht mehr CDs verkauft, dass er nicht bekannter geworden ist? Ich würde sagen: Ob das zu bedauern ist, das hat allein er selbst zu entscheiden. Ich jedenfalls bin eigentlich ganz dankbar dafür, dass er hier geblieben ist.

Im Frühjahr hatte ich Geburtstag. Am Tag baute ich einen Zaun im Garten mit neuwertigen, aber fünfzig Jahre alten Zaunlatten, die ich noch im Schuppen gefunden hatte. Es war handgeschältes Schwachholz, keine Stakete wie die andere, wunderschön – und heute unbezahlbar. Einen ganzen Tag lang beschäftigte ich mich mit diesem Holz, das wie aus einer anderen Zeit in mein Leben getrieben war, älter als ich selbst, geschichtliches Treibholz, Driftwood eben. Und abends ging ich mit meinen Freunden zu Driftwood ins Konzert. Es war so ein guter Abend mit Musikern, die nicht in meiner Gegend zu Gast waren, sondern zu meiner Gegend gehören, so wie ich es an der ländlichen Musikszene in Irland immer geschätzt habe. Ich dachte immer: so etwas hast du hier – so ein Glück!

Und Thomas Sternberg wiederum hat heute Geburtstag. Alles Gute, Thomas! Und allen Lesern: fröhliche Weihnachten!