Ick denke ma ni.

Über Schulkonkurrenz auf dem Land

Kenneth Anders, 07.12.2011

Kolumne vom 07.12.2011

Schul- und Bethaus Wuschewier im Oderbruch. Zugegeben, der damalige Unterricht war schlicht und entsprach nicht unseren heutigen Vorstellungen von Pädagogik. Aber die Bildungspolitik stand am Anfang und nicht wie heute, am Ende. .

Ick denke ma ni.

Das war ihr letzter Satz. Ich wartete noch auf weitere Erläuterungen, aber sie blieben aus.

Ick denke ma ni. Das war alles. Ich verabschiedete mich höflich und legte den Hörer auf.

Telefoniert hatte ich zum dritten Mal mit der Leiterin einer Schule im mittleren Oderbruch. Ich hatte sie gefragt, ob sie Interesse hätte, an der Entwicklung eines landschaftskundlichen Bildungsmoduls mitzuwirken. Ich hatte ihr erläutert, dass wir Sie und ihre Kollegen zeitlich dabei nur sehr behutsam in Anspruch nehmen wollten. Vielmehr sollten die Unterrichtsinhalte so in die Rahmenpläne eingepasst werden, dass kaum Zusatzbelastungen entstehen würden. In einer Anfangsphase wollten wir einzelne Gespräche mit Lehrern führen und außerdem in einer Klasse eine Einführungsstunde machen. So wollten wir erkunden, wie die Lehrer und ihre Schüler ihre Landschaft wahrnehmen und was sie bereits von ihr lehren und wissen.

Wie gesagt, drei mal hatte ich angerufen. Zwei mal hatte sie mich vertröstet und gemeint, sie müsse erst noch mit ihren Kolleginnen sprechen. Immer wieder hatte ich ihr angeboten, persönlich vorbeizukommen, um ihr das Ganze noch einmal persönlich zu erklären. Und nun die Antwort: Ick denke ma ni. Keine weiteren Erklärungen.
Es ist das gute Recht der Schulen und ihrer Schulleiter, Angebote anzunehmen oder auszuschlagen. Aber einem nicht einmal die Gelegenheit zu geben, sein Anliegen vorzutragen, ist – mit Verlaub – borniert. Und es ist eine durch das staatliche Schulsystem beförderte Borniertheit: Sie kann entstehen, wenn man fest im Sattel sitzt. Es spielt keine Rolle, wie man als Schule agiert, denn es ändert nichts.

Den Schulen werden heute von vielen Trägern Projekte angeboten, für die man weit weniger Engagement aufbringen muss als für die Entwicklung eines neuen Unterrichtsschwerpunkts. Diese Träger haben ihr Geld schon längst bekommen, nun brauchen sie nur noch Kinder, um es auch zu rechtfertigen. Und die Schulen müssen nur einen freien Tag organisieren, dann kommen alle auf ihre Kosten. Aber so entwickelt sich weder ein bestimmtes Profil noch eine Identität oder eine zivilgesellschaftlichen Rolle dieser Schulen – es sei denn, die Schulleiter sind Ausnahmefiguren und wissen genau, was sie wollen.

Seit Jahren wird in Deutschland über das Bildungssystem debattiert und am liebsten wird festgestellt, dass Geld fehlt. Die Schulen seien nicht gut genug ausgestattet und es gebe zu wenig Lehrer und so weiter. So etwas mag es geben, aber es trifft meiner Überzeugung nach nicht den Kern. Den Kern benennen Erziehungswissenschaftler, wenn sie immer wieder betonen, dass jede Region Schulkonkurrenz brauche, damit sich ihre Bildungslandschaft entwickelt. Diese Analyse ist richtig und sie wird beharrlich überhört. Durch die Konkurrenz verschiedener Schulen wird die elterliche Sorgfalt herausgefordert, für ihre Kinder die jeweils beste Schule zu suchen. Es ist erstaunlich, wie viele Eltern dieses Gespür entwickeln, wenn sie erst einmal die Wahl haben. Und dadurch beginnen die Schulen, ihre Attraktivität zu verbessern. Es geht nicht darum, dass Schulen in der Konkurrenz untergehen sollen, es geht darum, dass sie sich bewegen.

In unseren weiteren Bemühungen um landschaftskundliche Bildung machten wir verschiedene Erfahrungen mit den Schulen im Oderbruch. Einige verhielten sich abwartend und zogen sich schließlich zurück, andere verhielten sich abwartend und machten schließlich mit, zwei Schulen sagten sofort zu und blieben auch dabei. Und es wurde noch etwas anders deutlich: Das evangelische Johanniter-Gymnasium Wriezen (das wie die Insel-Grundschule Neuenhagen sofort mit von der Partie war) ist bei den meisten Leitern der staatlichen Schulen nicht gern gesehen. Es mag mit einer tief sitzenden Abneigung gegen die Religion zu tun haben, aber das reicht doch zur Erklärung nicht aus.

Ich erlaube mir eine Vermutung. Es geht von dieser Schule ein hoher Veränderungsdruck aus. Sie ist lästig, mit ihrer Frische des Beginnens, ihrer Spontaneität und ihren zum Teil größeren Gestaltungsspielräumen setzt sie die anderen Schulen unter Druck. Deshalb hätte man sie am liebsten wieder weg.

Man muss allerdings auch eine Lanze für die staatlichen Schulen brechen. Sie stehen nämlich – zumindest teilweise – mit dem Rücken an der Wand. Wenn sich am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Bad Freienwalde nicht ausreichend Schüler anmelden, darf die Schule keine siebente Klasse aufmachen. Passiert das mehrere Jahre hintereinander, kann die Schule schließen. Seit Jahren wird auch diese Diskussion geführt und seit Jahren gibt sich das Bildungsministerium hier stur und unbelehrbar: einer zu wenig ist einer zu wenig, es gibt keine Ausnahmen! Auch über die Mindestzahlen für Grundschulen wird nicht geredet, sie sind das Heiligste, was der Landesregierung geblieben ist, ein großes, geheimnisvolles Tabu! Das ist sonderbar, denn es bedeutet ja nun wiederum, dass der Staat seinen Anspruch aufgibt, in bestimmten Regionen gegenüber den freien Schulen eine wertneutrale Alternative zu bieten. Das widerspricht eindeutig dem Auftrag eines modernen demokratischen Staates.

Die Verweigerung eines Gesprächs über die Fortführung von Schulen mit weniger Schülern ist auch ein gutes Beispiel für einen immer opportunistischer werdenden Staat. Wagen wir mal einen Vergleich: Die alten Preußen haben bei der Etablierung ihres Staatswesens überall Schulen auf dem platten Land errichtet. Ihre Idee war einfach: Hier wollen wir Menschen haben, also unterhalten wir hier eine Schule. Erst kommt der Bahnhof, dann kommen die Leute, erst die Post, dann der Brief etc.. Heute agiert der Staat umgekehrt, er verhält sich wie die Wirtschaft. Na, wenn wir dort nicht genug Kunden haben, dann machen wir den Laden eben dicht, ganz gleich ob es eine Post oder eine Schule ist.

Das mag für die Wirtschaft verständlich sein, für ein Staatswesen ist es töricht. Die letzten verbliebenen Schulen in den ländlichen Räumen verdienen einen Vertrauensschutz für mindestens fünfzehn, besser zwanzig Jahre. Nur durch solche Verbindlichkeiten werden sich junge Familien auch in Zukunft entscheiden, Räume am Rand zu bevölkern. Und damit dieser Vertrauensschutz nicht die Bequemlichkeit fördert, ist er mit ganz bestimmten Konkurrenzmechanismen auszustatten, so dass zumindest die Schulleiter einen Anreiz haben, ihre Schule zu entwickeln.

Da kommt aber nun doch das liebe Geld ins Spiel, denn wir müssen ja sparen. Ja, das stimmt, aber dazu sind zwei Dinge zu sagen:

Erstens: Solange man in der Bildungspolitik verschiedene Ziele verfolgt, kann man sich auch nicht vernünftig über das Geld einigen. Man kann Mittel aus dem Konjunkturpaket verbauen und Sonderetats auflegen, Fördermittel umleiten und Whiteboards anschaffen. Eine vernünftige Schulpolitik wird nicht daraus. So brachten brandenburgische Bildungspolitiker in der Diskussion um die geplanten Einsparungen bei den nicht staatlichen Schulen tatsächlich unlängst das Argument, die Schulen da draußen sollten sich doch nun nicht noch gegenseitig Konkurrenz machen. Aber ja doch, das sollen sie! Und von echter Konkurrenz sind wir weit entfernt, denn für jede freie Schule zahlen die Eltern Schulgeld, nicht wenig übrigens und bald vielleicht noch mehr.

Zweitens: Angenommen wir hätten uns auf die positive Wirkung von Schulkonkurrenz geeinigt, sprächen wir dann nicht anders über Geld? Über zu teure Standards für das deutsche Kurssystem? Über die Schrecknisse Pisa-getriebener Bildungsreformen, in denen trotz massiver Ausgaben für unsere föderalen Bildungshierarchien eine große Unsicherheit offenbar wurde, was man eigenen Kindern eigentlich zutraut? Und nicht zuletzt darüber, was denn letztlich wichtiger ist: Schulbildung oder milliardenschwere universitäre Exzellenzinitiativen, in denen ein Wettbewerb der Eitelkeiten entfesselt wird wie ein Strohfeuer aus Euronoten?

Na, der Vergleich mit der Exzellenzinitiative (höre ich jetzt) vermengt ja Äpfel mit Birnen, denn die wurde ja vom Bund finanziert!

Das stimmt auch wieder. Aber können wir daran nichts ändern? Aber ja doch. Oder, was meinen sie, Frau Schulleiterin?

Ick denke ma ni!