Crazy Horse

Haben Haustiere eine Schraube locker?

Kenneth Anders, 23.11.2011

Kolumne vom 23.11.2011

Ist da etwas Verrücktes im Blick? Crazy Horses findet man überall, die Frage ist nur, ob man sich die Zeit nimmt, es zu bemerken. Vor allem dann, wenn es sich bei diesem Crazy Horse nicht um ein Pferd, sondern um eine Kuh, ein Hähnchen oder ein Schwein handelt.

Als Kind habe ich mich oft gefragt, wie der berühmte Indianerhäuptling der Sioux, Crazy Horse, zu seinem Namen gekommen war. Gemessen an seinem Kollegen Sitting Bull wirkte seine Namenskreation bizarr, aber ich fand keine gute Erklärung. Erst als Erwachsener habe ich dann nachgelesen: Die korrekte Übersetzung des Titels müsste wohl lauten „sein Pferd ist verrückt“, die Spur führt also direkt zum Tier und das wahnsinnige Pferd ist nicht etwa als Gleichnis für das Verhalten des tapferen Kämpfers benannt worden. Welcher Art wird diese Verrücktheit wohl gewesen sein? Man weiß es nicht.

Aber im Sommer machte ich Bekanntschaft mit einem verrückten Pferd im Oderbruch. Das Tier steht meinem Haus gegenüber auf der Weide und wiehert so furchtbar, dass man meint, eine sehr beklagenswerte Kreatur erleide einen Nervenzusammenbruch. Es klingt nicht unbedingt nach Pferd, eher wie der erbärmliche Schrei eines Menschen. Der Nachbar klagt, er könne mit diesen Geräuschen abends nicht einschlafen. Wenn Gäste kommen und das Wiehern hören, sehen sie mich erschrocken an, als ob etwas Entsetzliches passiert sei, als ob es eine dunkle Wahrheit hinter der freundlichen Fassade des Kornfeldes lauere. Neulich kam eine Journalistin. Sie lief durch den Garten, genoss die Sonne und freute sich an allem. Doch dann brüllte das Pferd und es war, als breche Jack The Ripper in die Idylle ein. Ich musste alle mir zu gebotene Heiterkeit aufs Gesicht setzen, um sie zu beruhigen: Nichts Schlimmes, nur Crazy Horse!

So kann es einem gehen, mit Haustieren. Ich erinnere mich an einen blinden Barsch im Aquarium meines Vaters, der nicht zu fangen war, weil er so feine Sensoren für die Wasserbewegungen entwickelt hatte. Als wir ihn endlich im Kescher hatten, war das Aquarium verwüstet, nicht eine Pflanze steckte noch im Kies des Beckenbodens.

Aber Fische sind natürlich nichts gegen Hunde und Katzen. Die Problematik der Felltiere ist unlösbar, resümiert Holger seine Wilhemsauer Erfahrungen mit dem lieben Vieh. Sie haaren, sie brechen fragwürdige Fellmäuse aus und ärgern einen gezielt durch Stubenunreinheit, wenn sie ihren Willen nicht kriegen.

Unsere Kalli-Katze durfte allergiebedingt nicht ins Haus. Also entwickelte sie die Gewohnheit, an der zinkbeschlagenen Gartentür so schrille Kratzgeräusche zu verursachen, als verschaffe sich eine wütende Rattenhorde Zugang zur Wohnung. Besucher sahen uns erschrocken an – was war das? Unter Aufbietung aller Gelassenheit gelang uns immer nur mühsam die Beruhigung: Es ist nur Kalli, die kleine Katze!

Auch mit Hühnern ist es nicht immer einfach. Hahn Horst hatte Depressionen, er krähte nicht mehr, neulich ist er gestorben. Wir haben ihn beerdigt und dazu den Kanon gesungen: Der Hahn ist tot, der Hahn ist tot. Er war ein gutes Tier. Dafür ist das Elfi-Huhn, der Grünleger, derartig eigensinnig, dass es schon fast unsympathisch ist. Es fliegt mit gestutzten Flügeln aus dem Gehege, buddelt die Tomatenpflanzen aus und legt wochenlang nur Eier, wenn wir im Urlaub sind. Auf eine sonderbare Weise ist es ein richtig dummes Huhn, das schlau ist.

Tiere entwickeln in der Lebensgemeinschaft mit Menschen auffallend individuelle Züge. Es mag sein, dass sie auch in der freien Wildbahn so etwas wie einen persönlichen Charakter haben, aber dort kriegen wir wenig davon mit. Haben wir sie in unsere Abhängigkeit gebracht, zeigen sie dagegen lauter Eigenheiten. Es ist, als wollten sie mit uns darin wetteifern, unverwechselbar zu sein.

Aber die Eigenheiten der Tiere haben Licht- und Schattenseiten. Bei den Schoß- und Geselligkeitstieren, vor allem also bei Stadthund und Wohnungskatze, sind sie meistens erwünscht. Sie fördern die Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Je individueller die Tiere auftreten, umso besser ersetzen sie den menschlichen Freund oder Geliebten. Die Tiere in solchen Beziehungen zum Menschen tragen einen mit Bedacht ausgesuchten Namen und ihre Verhaltensauffälligkeiten werden gehegt wie eine wertvolle Pflanze. So entsteht eine ausdifferenzierte Partnerschaft. Das Einvernehmen zwischen Mensch und Tier kann geradezu unheimliche Züge annehmen. Von meinem Großvater und seinem Pferd wird solches erzählt, die beiden hätten sich besser verstanden als man es von menschlichen Freunden kannte. Berichte von besonders netten Tierleuten ziehen sich durch die Familiengeschichten. Manche sind lustig – gestikulierende Schweine, verblüffend gut sprechende Vögel, Mäuse, die sich an Spielregeln halten. Manche sind auch traurig, vor allem, wenn die Tiere zu leiden hatten, wie eben auch die beiden Pferde meiner Großeltern, denen auf der Flucht im Krieg ein schlimmes Schicksal beschieden war.

Anders sieht es aus, wenn die Tiere eher unter Gesichtspunkten ihres Stoffwechsels gehalten werden – wenn wir ihre Eier oder ihr Fleisch wollen, ihre Milch oder sonst eine Leistung wie etwa das Bewachen des Hofes oder das Ziehen von Lasten. In diesem Falle haben sie zu funktionieren und es liegt in der Großherzigkeit des Tierhalters, ob er Eigenheiten toleriert oder sie vielleicht sogar genießen kann. Ein Halter ist gut beraten, seine Tiere zu beobachten und aus ihrem Verhalten Schlüsse zu ziehen, wie er sie behandeln muss. Auch wenn er sie nur nutzen und nicht mit ihnen befreundet sein will, muss er ihre Persönlichkeit mehr oder weniger akzeptieren. Gelingt ihm das nicht, kann das Leben mit Tieren zu einer Plage werden. Denn sie sind hartnäckig und wenn sie sich einmal entschieden haben, renitent zu sein, sollte man seine menschliche Überlegenheitsgewissheit schon mal auf eine Demutserfahrung einstellen. Was sie nicht fressen wollen, fressen sie nicht und wo sie nicht hineinwollen, wollen sie nicht hinein.

Aus diesem Grund hat die Industrialisierung des Tieres in der modernen Landwirtschaft etwas Unverschämtes. Hier wird die individuelle Eigenart des Tieres in der menschlichen Obhut einfach ignoriert. Die Industrie ist nicht böse, sie will den Tieren nichts Schlechtes. Aber eine persönlich abgestimmte Handhabung der Tiere ist in industriellen Systemen betrieblich ausgeschlossen. Sie kostet zu viel Zeit, sie verursacht einen vergleichsweise riesigen Personalbedarf. Deshalb wird durch die Industrie zunächst eine beispiellose Distanz geschaffen, die weit über unsere Entfernung zu den Wildtieren hinausgeht. Das abgedroschene Bonmot, Stadtkinder seien der Meinung, Milchkühe seien so lila wie auf der Schokoladenverpackung hat insofern einen wahren Kern: Es ist heutzutage leichter, einem Wildschwein im Stadtpark zu begegnen als einem Mastschwein in einer modernen Tierfabrik.

Hinter dieser Distanz verbergen sich zwei Möglichkeiten: Zum einen ist es die gnadenlose Unempfindlichkeit gegenüber tierischem Leid, das sich in zahlreichen Verhaltensstörungen ausdrückt. Es gibt allerdings auch eine andere Möglichkeit: die Schaffung von möglichst reibungsarmen Haltungsformen, in der die natürlichen Verhaltensmuster der Tiere so geräuscharm wir möglich absorbiert werden.

Welche Möglichkeit in der Industrie vorgezogen wird, liegt vor allem am Aufwand, den das jeweilige Tier verursacht. Es ist eine nüchterne Kalkulation, die mal so, mal so ausschlägt. Besucht man zum Beispiel einen modernen Milchkuhstall, in dem sich die Tiere bei ausreichend Licht frei bewegen, schubbern, an den Melkstand oder die Futterrinne treten können, kommt man nicht umhin, eine Verbesserung gegenüber der Haltung an der Kette in einem finsteren Abteil zu konstatieren – ein Vergleich, der angesichts von Rindern auf der grünen Wiese allerdings wiederum etwas anders ausfällt. Wie dem auch sei, bei den Kühen verbietet sich ein schnelles Urteil, sieht man von der Verkürzung ihrer Lebensdauer um einer höheren Milchleistung willen einmal ab.

Beim Geflügel hat es dagegen genau den umgekehrten Anschein. Eine Haltung von Geflügel, die die Vorzüge der alten gemischten Haltung auf dem Bauernhof durch Freiräume in einer simulierten Hühnerlandschaft wettmacht, ist nicht in Sicht. Sie würde die Kosten für Hähnchenbrust und Weihnachtsgans geradezu explodieren lassen. Also packt man die Tiere dicht an dicht, sortiert die toten aus und wirft sie auf den Müll und beschleunigt zudem die Mast, damit man auch die bereits geschädigten Kreaturen schneller und ohne viele Geschnatter und Gegacker zu Geld machen kann.

Was aus den Nutztieren geworden ist, seit wir die Freundschaftstiere von ihnen getrennt und sie aus unseren Augen verbannt haben, ist nicht leicht zu sagen. Die Industrie hat kein Interesse daran, es uns genau zu erklären. Der eine oder andere Fernsehbericht zeigt selten etwas Gutes. Mit Freunden arbeite ich an einem Kinderbuch, das dieser Frage nachgehen soll. Es ist schwierig, denn zwischen Empörung und Totschweigen findet man nicht viele brauchbare Informationen. Wir stochern im Nebel und orientieren uns an Anhaltspunkten. Zudem gibt es nach wie vor eine große Vielfalt an Haltungsformen, jedenfalls im nichtindustriellen Bereich. Man darf es sich also auch nicht zu leicht machen.

So lange ich es nicht besser weiß, habe ich mich entschieden, gelassener mit den tierischen Schrulligkeiten in meiner Umgebung umzugehen. Ich betrachte das Elfi-Huhn mit Nachsicht und wenn Crazy Horse in die Nacht ruft, gönne ich mir eine Sekunde Zeit, an ihn zu denken. Wer weiß, was mit ihm ist. Vielleicht macht ihm das Bellen Spaß oder er ist eben ein bisschen verrückt. Gute Nacht, Crazy Horse!