Die Sünde und das Klima

Von der Angst vor dem Unwetter

Kenneth Anders, 19.10.2011

Kolumne vom 19.10.2011

Der Artikel aus der Oderbruch-Rundschau, Mai 2007. Seither hat sich in unserem Verhältnis zum Klimadiskurs nichts verändert.

„Wriezen. Lieselotte und Otto Drenske aus Wriezen kamen am vergangenen Freitag mit einem Schrecken davon, als in Bruchteil von Sekunden ihr Hausdach komplett zerstört wurde. Otto Drenske war gerade im Garten und wollte einige Pflanzen und Geräte vor dem Gewitter schützen, da gab es einen dumpfen Knall und ein gesunder Ahornbaum lag quer über das gepflegte und liebevoll hergerichtete Grundstück. Ein paar Häuser nebenan wurde ebenfalls ein Baum entwurzelt und zerstörte Zaun, Vorgarten und das komplette Dach. Das heftige Gewitter und Windböen mit einer Geschwindigkeit von 130 km/h knickten Bäume um als seien sie Streichhölzer und zahlreiche Schäden in und um Wriezen waren die Folge. Feuerwehr, Polizei und Dachdeckerfirmen aus unserer Region eilten von Einsatz zu Einsatz und leisteten ,Erste Hilfe‘. Die Folgen des Klimawandel gehen also auch nicht an Deutschland und natürlich auch nicht an das Oderbruch spurlos vorbei und Extreme wie lange und heiße Trockenperioden, heftige Gewitter, Hochwasser sowie Stürme werden unsere Zukunft prägen. Die durchschnittliche Jahrestemperatur könnte künftig in einigen Regionen um bis zu vier Grad Celsius höher liegen als im vergangenen Jahrhundert, zeigt eine Modellrechnung des Max-Planck-Institutes für Meteorologie.“

So war es zu lesen in der Oderbruch-Rundschau, im Mai 2007. Mit einfachen Mitteln hat unser freies Monatsblatt hier den Nagel unserer gegenwärtigen Energiedebatte auf den Kopf getroffen. Es ist vier Jahre her, aber es hat sich nichts geändert: Hier das Unwetter, dort der Klimawandel, da die Wissenschaft und wir schließlich, als Betroffene, gucken betroffen drein, ein bisschen dümmlich vielleicht sogar.

Vor einigen Wochen hatten wir ein dunkles und kaltes Wetter im Oderbruch, obwohl es mitten im Sommer war. Die jungen Bäume bogen sich im Sturm, man konnte daran zweifeln, dass sie es überstehen würden. Ich lag abends im Bett und hörte den Regen an die Dachschindeln peitschen. Der Wind rüttelte am Haus als gälte es, das Gebäude ein für alle mal abzutragen. Es war beunruhigend. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich dankbar, dass es sich ein bisschen gelegt hatte.

Ich bin überzeugt, dass das Wetter auch vor dreißig, zweihundert oder tausend Jahren für Menschen, die der Natur relativ ungeschützt ausgesetzt waren, beunruhigend sein konnte. Ein Gewitter ist nicht in jedem Falle ein ästhetischer Genuss, sei es in wohlgefälliger oder erhabener Weise. Es kann einem einfach Angst machen, man denke nur an Luthers Begegnung mit dem Blitz. Starke Stürme sind eigentlich nie etwas zum Lachen und wenn es am helllichten Tag so dunkel wird, dass man eine Lampe anzünden muss, um etwas zu sehen, dürfte das auch im Jahre 1850 die Heiterkeit eines Mittags irgendwie beeinträchtigt haben.

Aber es hat sich trotzdem etwas verändert. Wir nehmen Wetterereignisse heute mit einem achten Sinn wahr. Sie sind nicht normal. Sie wollen uns etwas sagen. Es genügt nicht mehr, sich nur vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Wir sollen uns schlecht fühlen. Ich stehe mit alten Menschen vor einer heftigen Regenwand, sie schütteln mit dem Kopf und flüstern: So etwas habe ich noch nicht erlebt! Ja, es hat früher auch gedonnert und geblitzt, aber es war nicht so aggressiv! Die Sonne knallt, der Wind verteilt Ohrfeigen. Man kann nicht mehr darüber lachen. Die Wetterereignisse sind die Botschafter des Klimawandels. Der Klimawandel ist der Sündenzusammenhang unserer Tage.

Warum kann man sich dem Sündenzusammenhang nicht entziehen? Warum blickt man nach den Tornados in Sachsen auf verheerte Dörfer und Städte und auf zerfetzte Wälder mit einem Gefühl der Schuld? Warum hört man die Hochwasserpegel der Flüsse wie jemand, dem eine Strafe zuteil wird? Warum staunt man aus dem trockenen Zimmer nicht einfach über den heftigen Regen sondern hat das Gefühl, man habe etwas ausgefressen?

Es gibt dafür eine landläufige Erklärung und die lautet: Weil es wissenschaftlich bewiesen ist, dass wir mit unseren Treibhausgasen die Erderwärmung auslösen. Es ist eben die Wahrheit. Die Wissenschaftler haben es nachgewiesen und jeder, der das mit dem CO2 in Zweifel zieht, ist ein Agent der Erdölindustrie oder etwas Ähnliches. Es ist das Kohlendioxid und seine hochwirksamen Kollegen, Methan, Lachgas und so weiter. Wir sind Schuld und also haben wir Schuldgefühle.

Da ist viel Wahres dran. Ich habe aber meine Zweifel daran, dass die Klimaforschung mit ihren Erklärungen wirklich die Gründe für diese Schuldgefühle liefert. Soweit ich es einschätzen kann, hat diese Forschung sehr viele Lücken. Ich bin kein Experte und kann es schlecht nachprüfen, aber ich bin immer noch zögerlich. Man denke nur an den deutschen Waldsterbensalarm in den achtziger Jahren. Die deutsche Wissenschaft hat damals eine so schlechte Figur gemacht, dass diesmal unbedingtes Misstrauen angeraten ist. Viele wollten einfach die Forschungsgelder und haben deshalb in die Waldsterbenslitanei eingestimmt, obwohl sie selbst nicht sicher waren, ob das alles so stimmte. Es gibt keinen Grund, warum sich die Wissenschaft diesmal anders verhalten sollte. Es gibt zu wenig konkurrierende Meinungen, es gibt zu viele Lippenbekenntnisse. Das Zwei-Grad-Ziel ist eine legitime Setzung, aber ist es wissenschaftlich begründet?

Der Klimawandel erinnert mich an einen Parteitag, alle stehen auf und klatschen. Es ist keine freie Forschung, sie ist zu sehr mit der Politik im Geschäft. Manche Klimaforscher neigen zu einer Weltrettungsrhetorik, die bei mir akute Alarmsignale auslöst. Sie werden wie Helden gefeiert und ich werde das Gefühl nicht los, dass etwas mit diesem Heldentum nicht stimmt.

Meiner bescheidenen Beobachtung nach hat nämlich die Industrie aus dem Klimawandeldiskurs ungeheuer viel Kapital geschlagen. Durch diesen Diskurs ist es gelungen, dem Staat noch mehr Alimentierungen des ökonomischen Handels abzuhandeln. So lange es Wissenschaft und Politik hinkriegen, das zwei-Grad-Ziel als „Win-Win-Prozess“ hinzustellen, also als eine Strategie, bei der niemand auf etwas verzichten muss und alle etwas dazu kriegen, muss man den Eindruck haben, dass einem Angst eingejagt werden soll. Durch die Angst wird man willfährig, man stimmt allem zu, Hauptsache, es ist gegen den Klimawandel. Wenn man sich die letzten Jahre noch einmal vor Augen führt, ist der Eindruck schwer zu vermeiden, dass die Leute vor dem Klimawandel Angst haben, während die Industrie in Anbetracht der sich ergebenden neuen Möglichkeiten in Bestlaune ist. Das ist absurd. Das Glühbirnenverbot war vielleicht eine Farce, aber eine sehr illustre Farce allemal, in der viel geschummelt und viel Geld verdient worden ist.

Also, wie dem auch sei, ich gestehe es der Wissenschaft nicht zu, dass ihre Erklärungen meine Schuldgefühle begründen. Das ist mir zu einfach und ich bin sicher, dass auch andere dieses Misstrauen hegen. Trotzdem haben wir Schuldgefühle beim Gewitter. Wie kommt das?

Das kommt daher, dass wir schon längst schlechtes Gewissen haben, weil wir wissen, dass wir nicht nachhaltig leben, auch ohne Wissenschaft. Schon als Kind habe ich auf die knatternden Auspüffe der Autos geblickt und mir vorgestellt, alle Autos der Welt würden zusammen einen einzigen Auspuff bilden. Was immer dort rauskommt, dachte ich, es kann nicht gesund sein. Gut, es waren damals Zweitakter, die bei gezogenem Schock mit blauem Dunst vor einem her geknattert sind, aber trotzdem. Ich bin sicher, jeder Mensch in der modernen Zivilisation kennt das Gefühl, Dinge zu tun, die eigentlich nicht richtig sind. Es wird einem alles Mögliche vorgerechnet: Wegwerfwindeln sind ökologischer als Waschwindeln, Fliegen ist die ökologischste Fortbewegungsart, Pfandflaschen sind Unsinn, das Recht, zu emittieren, lässt sich kaufen. Wie immer das gerechnet wird, es bleibt ein Empfinden, dass da etwas nicht gut sein kann. Wenn man es auch ignoriert, es sedimentiert in unseren Seelen, es bildet Schichten über Schichten und irgendwann ist man voll von Unbehagen.

Wenn dann Dinge passieren, die vielleicht wirklich das sprengen, was man bisher als normal kannte – das Wetter zum Beispiel, dann ist es nicht mehr weit bis zum Strafgericht. Die Erklärungen der Wissenschaftler werden sich, davon bin ich überzeugt, in den nächsten Jahren noch bis zur Unkenntlichkeit wandeln oder ausdifferenzieren. Das ist relativ gleichgültig, denn wir wissen längst, dass etwas nicht stimmt mit der Art und Weise, wie wir die Natur verbrauchen. Und wir wissen auch, dass eine Änderung dieses Umgangs kein Win-Win-Prozess ist – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass wir alle auf immer größerem Fuße leben können, als sei nichts gewesen. Wir können alle nur gewinnen? Das wollen uns inzwischen selbst die Grünen einreden. Es ist nicht wahr, aber keiner weiß, wie man den Zug anhalten soll. Deshalb kann man nicht mehr darüber lachen.

Nur einmal, da musste ich doch lachen. Ich sprach mit einem alten Uckermärker über das Wettergeschehen und der sagte: Früher, zu DDR-Zeiten, da kam eine Wolke und dann regnete die ab, das war eine klare Sache. Heute regnet es wochenlang gar nicht und dann steht alles unter Wasser.

Zu DDR-Zeiten. Vielleicht ist die Wende ist schuld! Da wurde mir zum ersten Mal ein bisschen leichter ums Herz. Es ist alles nur Politik. Was die da oben sich alles ausdenken, die gerissenen Halunken!